«r. 99
OberheWche Rettung. Marburg a. L. Dienstag, den 29. April 1930
Sette 8
Franzerl, wie lieb' ich dich...
Ein offener Brief an Franz Lehsr zu seinem 60. Geburtstage am 30. April 1930.
Lieber Lehär, Sie muffen schon entschuldigen, daß ich Sie so familiär anrede. Ich weiß aber, daß Sie, ungekrönter König der Operette, Titel wie „Maestro" und dergleichen verschmähen. Und mit Recht. Sie haben's nicht nötig, sich Meister oder Generalmusikdirektor nennen zu lassen. Auch im
Wiener Telephonbuch steht heute noch sachlich und bescheiden: „Franz Lehär .Komponist und Kapellmeister". Dennoch weih nicht nur die Donaustadt, sondern dre ganze grobe Welt, wer Sie sind. Ihr Name ist ja längst zum Segriff geworden.
Sie feiern also im Vollbesitz Ihrer geistigen und körperlichen Kräfte Ihren sechzrgsten Geburtstag. Eine ganz schöne Leistung. Sie haben aber in den letzten dreieinhalb Jahrzehnten ganz andere Leistungen vollbracht. Sich zunächst als kleiner k. u. k. Militärkapellmeister schnell zum „Primus inter pa- res" emporgearbeitet. Wenn Sie Ihren Di- rmentenzauberstab in Pola an der Spitze des Marineorchesters schwangen, da horchten gekrönte Häupter auf. Wenn Sie als Musikmeister des Infanterieregiments in der ungä- rifchen Provinzgarnison Losoncz ein ©eigen» solo vortragen, verdrehten Sie für sonstige Sterbliche unnahbaren Frauen den schönen Kopf.
Und dann schrieben Sie zwischen Proben im Kasernenhof und Promenadenkonzerten für die Zivilbevölkerung em Musikdrama. Es war wohl anno 1896. Um einige Zeit später (die Leipziger Uraufführung brachte nur einen Achtungserfolg ein) als Theatermusiker das tägliche Brot zu verdienen. Der bunte Rock muhte ausgezogen werden: Eine dumme, kleine Affäre mit einem alten, musik- unverständigen General. Und doch gebührt diesem längst vergessenen Krieger der Dank der musikalischen Welt; wäre es nicht so gekommen, dürften Sie heute MMärkapell- meister a. D. sein.
Es kam aber so. Nach dem Opernhalb- erfola versuchten Sie bei der Operette Ihr Glück. Zunächst ohne Erfolg. „Arabella" (erinnern Sie sich noch an dieses Jugendwerk) siel mit Knall und Fall durch. „Wiener
Frauen" brachten aber schon den ersten breiten, singenden, klingenden Lehär-Walzer. Im „Rastelbinder" kehrt er noch breiter, noch schwungvoller, noch volltönender wieder: „Wenn zwei sich lieben ..." Weitere Versuche. Dann ein urplötzliches Sichfinden. Das denkwürdige Jahr 1905. Eine Operette, die lediglich als Lückenbüßer aufgeführt wird, erringt Welterfolg und rettet die Kunstgattung als solche vor dem mit Bestimmtheit prophezeiten Untergang. Die „Lustige Witwe!" „Lippen schweigen..." Nicht doch: die Lippen aller Welt singen heute noch begeistert mit, wenn dieses seidenweiche, mitreihende Walzermotiv irgendwo, irgendwann ertönt. Geschrieben vor genau fünfunddreihig Jahren (was in dieser Zeit nicht alles geschrieben und längst begraben wurde!).--
Jahre der schier märchenhaften Fruchtbarkeit folgten. „Göttergatte", zwei Einatter, ein Kinderstück und 1909 drei Kunstwerke von größtem Format. „Der Graf von Lurem- burg" mit seinen wundervollen Weisen, das „Fürstenkind", eine opernhafte .bald wuchttge, bald zuckersüße romantische Angelegenheit, und „Zigeunerliebe" mit bretten Walzern und rassigen magyattschen Rhythmen, welche die ungarische Heimat nicht verleugnen. Dann „Eva" mit unverfälschtem Pariser Esprit und natürlich wieder mit einem ganz großen Wab zer „Wär es auch nichts als ein Traum vom Glück..."
Wieder ein Tasten. Der Retter der Operette nach dem Tode von Offenbach, Suppe, Millöcker, Johann Sttauß Vater sucht neue Wege, neue Ausdrucksformen. Nach „Wo die Lerche singt", abermals mit magyarischer Volksmusik, „Der Sterngucker". Neuattiges
musikalisches Lustspiel. Physische und psychische Vorgänge werden musikalisch illustriert, musikdramatisch untermalt. Man bedenke: In der Operette!
Die „Blaue Mazur" mit groß angelegten dramatischen Ansätzen, polnischen Tanzweisen und einem schlechthin formvollendeten, symphonischen Zwischenspiel. Sie „reformieren schon wieder, geben der Operette Form, Gehalt, Charakter. Sie, Sie altem, nicht mehr „Primus inter pares", sondern überlegenster Könner unter Epigonen, können sichs leisten. Es bauert aber auch so ein schönes Weilchen, bis die große Masse mitgeht. Sie arbeiten rastlos weiter an Ihrer musikalischen Vervollkommnung. Immer reifer und reifer wird die Musik; das musikalische Ich, die ureigenste eigene Note eines Tonschöpfers gelangt zur Vollblüte. Und hier unerschöpflich der Farbenteller. „Frasgutta" hält Spaniens Glut in Musik fest, „Zarewitsch" atmet russische Atmosphäre, j,Paganini" erweckt attllalienische Art mrt meisterhaften Geigensolis zum neuen, pulsierenden Leben. Dann die große Ueberraschung: Der acht- undfünfzigjährige wagt sich an den deutschen Dichterfürsten heran. Das (Experiment muß gelingen, denn der nach' Wien verpflanzte Magyare erfindet und empfindet deutsche Musik, deutsche Herzenstöne. Das Goethe- Singspiel wird zum Welterfolg... Und ein knappes Jahr später setzt der Schöpfer deutscher Volksweisen das Reich der Mitte in Musik. Auch dieses große Wagnis gelingt: Sie können alles, sind eben ein musikalisches Universalgenie, das sich in das musikalische Innenleben aller Völker einzuleben vermag. Das ist schon eine „Leistung", lieber Lehär^
8bc Eröffnung ter Oberammergauer WffionWele
Das Theater «ad die Darsteller erhalten oma Kardinal Faulhaber (rechts mit Weihmedel) de» kirchlichen Segen.
Die weltberühmten Passtonsspiele von Oberammergau, die seit 1634 alle zehn Jahre statt- stnden, werden dieses Jahr den Hauptanziehungspunkt für viele Tausende von Fremden aus der ganzen Welt bilden, die stch für einen Tag der naiven Darstellung des Leidens Christi durch die oberbayrischen Bauern überlassen wollen.
die nicht so bald ein zweiter „Komponist und Kapellmeister" fertig bringt? Dazu brauchte man Sie noch nicht zu beglückwünschen. Sie sind em „zeitlos" ewigjunger. gottbegnadeter Künstler, dem man nur eines wünschen kann: Der Simmet möge Ihnen Ihre jugendfrische schöpferische Kraft noch mindestens weitere sechzig Jahre für die ganze musikalische Wett, für jedes musikalisch fühlende Menschenherz erhalten!
Mit diesem frommen Wunsche verbleibe ich in seit dreißig Jahren unneränberter Be- rounberung Ihr stets objektiver Krittker
Andr 6 von Kun.
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Kunst und WKrMnft
— Tas Deutsche Kulturarchiv nicht in Oranienstein! Wie verlautet, wird die Verlegung des Deutschen Kulturarchivs von Berlin nach Schloß Oranienstein nicht erfolgen. Die Leiter des Archivs stellten an die Stadt Antrüge auf geldliche Unter st ützung, denen nicht entsprochen werden konnte. Ebenso wird die schon getaufte „K u r k a p e I l e", die vom Rhein nach hier übersiedeln wollte, nicht kommen. Auch sie hatte mit Zuschüssen irgend welcher Art gerechnet.
= Ein Tressen rheinischer Dichter. Die rheinischen Dichter veranstalten am 10. Mai m Bad Kreuznach ein Treffen. Es werden hierzu ermattet: Rudolf Binding, Otto Bües, Herbert Eulenberg, Anton Fendrich, Paul Edmund Hahn, Ad. v. Hatzfeld, Laurenz Kiesgen, Jakob Kneip, Heinrich Lersch, Wilhelm Michel, Alfons Paquet, Martin Rocken- hach, Detmar Heim. Sarnetzki, Rens Schik- fele, Nikolaus Schwarzkopf, Heinz Stegu- roeit, Leo Sternberg u. a.
Srr Ursprung der Wpagelenkrankhrtt
Der letzte Seuchen-Bericht des Völkerbundes vom April 1930 befaßt sich eingehend mit der Papageienkrankheit. Der Bericht stellt fest, daß die Krankheit auf die Ausfuhr von Papageien aus dem Amazonengebiet Brasiliens im Sommer v. I. zurückzuführen fei. Es stehe fest, daß die Papageien dieses Gebietes die Haupt- träger der Krankheit feien. Die Papageienkrankheit habe sich im Herbst v. I. zuerst in verschiedenen Städten Argentiniens ausgWreitet, um dann über Hamburg auf Deutschland überzugreifen. In Europa sei diese Krankheit bisher in Deutschland, der Tschechoslowakei, Dänemark, Polen, Oesterreich, der Schweiz, Frankreich und England in Er- scheinnug getreten.
Der Seuchenbericht weist eingehend nach, daß die Papageienkrankheit fast ausschließlich auf unmittelbare Berührung mit kranken Papageien zurückzuführen sei, eine Uebertragung von Mensch zu Mensch dagegen niemals habe fest gestellt werden können. Insgesamt seien im Jahre 1929 350 bis 400 Krankheitsfälle festgestellt werden, von denen 35—40 Prozent tödlichen Ausgang genommen hätten.
Weiter hebt der Bericht hervor, daß die medizinische Mffenschaft bisher die Art der llebertragung der Krankheit und auch den Bazillus nicht habe feststellen können, man sei jedoch zu der lleberzeu- gung gelangt, daß die Sterblichkeitsziffern der Papageienkrankheit weit die Ziffern von Cholera, Scharlach und Typhus überstiegen.
Ein» enge Saffr tote» eeriloeft
Von Hans Auer-Graz.
Die amerikanische.
In jeder Stadt der Welt gibt es enge Gassen, in denen Fahrzeuge nicht aneinander vorbei können. Diese Gassen sind meistens kurz, so daß eine llebersicht möglich ist und einer dem andern den Borttitt lassen kann.
Ost aber treffen zwei Fahrzeuge aus irgend einem Grunde in der Mitte dieser engen Gasse zusammen. Dann muß eines — ganz natürlich — zurück fahren, um das andere durchzulassen.
Nun geschah es in einer amerikanischen Stadt, daß m einer engen Gasse das Pferdefuhrwerk des Gärtners Billy Juvan mit dem Auto des Mister Durttn zusammentraf.
„He — du mußt zurück sichren!" fdjreit Billy Juvan.
„No, Sir!"
„Yes, Sir!" — „No!"
Eine Weile starren sie sich an. Dann Muckt Billy Juvan aus. „Du bist rascher mit dem Auto, folglich mußt du zurückfah- ten."
„Du hättest mit deinem Pferdchen warten können, bis ich durch die Gasse gefahren war. Fällt mir nicht ein, zurück zu fahren!"
„Mir auch nicht!"
Entschlossen schweigend bleiben die beiden Fahrzeuge Stirn an Stirn stehen. Ausweichen unmöglich. Einige Leute auf dem Gehsteig sehen zu, keiner ist für oder wider.
Nach einer stummen Welle knurrt der Autobesitzer zwischen Pfeife und Zähnen: „Du glaubst also, daß ich umkehren werde?" ”Du' willst auf keinen Fall umkehren?" „No, Sir!" — „Ich auch nicht!" Schweigen. Da wendet sich der Autofahrer zu seinem Begleiter: „Wie lange fahren wir den Wagen, Ted?"
„Drei Jahre, Opa."
«Welk, er war.gut ausgenützt. Steig aus, men Junge!"
Worauf beide den Wagen stehen lassen und sich trollen.
Billy Juvan denkt eine Weile nach, spuckt einmal kräftig, macht „hüh" zu seinem Pferdchen ,fähtt zurück, spannt das Auto hinter sein Fuhrwerk und rasselt davon.
Sell diesem Tage fährt er im Auto, wenn er Gemüse liefert, und sein Pferdchen hat nn Stall ein friedliches Leben.
Die französische.
Dieselbe Gasse in einer Vorstadt in Paris. Jean Montpellier ist eben im Begriff, mit seiner Taxe in die enge Gasse einzubiegen, als er am andern Ende Vater Vernieur mit seinem Milchwagen erblickt, vor den ein Eselchen gespannt ist. Vater Vemieur will ebenfalls in die Gasse einbiegen.
Jean Montpellier stoppt. Vater' Vernieur ebenso. Es ist klar, da tarnt nur einer durch, der andere muß warten.
Der Kraftwagenführer steigt ab .grüßt Vater Vernieur am anderen Ende der Gpsse und gibt ihm höflich das Zeichen, zuerst durchzu- fahrem
Vater Vernieur hält sein Eselchen am »eufter, verneint noch höflicher und gibt ihm seinerseits das Zeichen .zuerst zu fahren.
Jean Montpellier zuckt liebenswürdig mit den Schultern: Auf keinen Fall vor Ihnen, Monsieur. Bitte, fahren Sie mit Ihrem Eselchen, ich warte."
Vater Vernieur lächelt und fuchtelt verneinend zurück: „Nach Ihnen!"
„Aber nicht doch — nach Ihnen!" mimt Montpellier wieder zurück.
Das alles wird durch eine Flut liebenswürdiger Gesten ausgedrückt, die kein Ende nehmen wollen.
Endlich große Ratlosigkeit bei beiden. Einer muß doch zuerst fahren. Aber weder Jean Montpellier no chVater Vernieur wollen dies, denn keiner will seiner Höflichkeit Abbruch tun.
Endlich kommt beiden zugleich eine Erleuchtung. Sie grüßen einander noch einmal sehr höflich. Dann fährt Vater Vemieur rechts weiter. Montvellier links, die enge Gasse
bleibt unbefahren. Beide aber müssen durch diese Lösung einen riesigen Umweg machen... Wenn nicht Montpellier ein paar Schrllte weiter gehalten hätte und nach dem Verschwinden Vater Vemieurs flott die enge Gasse durchfahren hätte!
Di« deutsche.
„Mensch, drehen Sie doch Ihren Karren um, Sie sehn doch, daß ich hier nicht vorbei kann!"
„Fällt mir nid) ein, ich will ebenso hier durch wie Sie."
„Sie sahen doch, daß ich hier rein fuhr.
Sie hätten watten tonn'."
«Nee, Sie hätten watten könn'! Sie versäumen nicht soviel. Ihr Kraftwagen ist rascher als mein Pferd."
Ein Herr mischt sich ein: „Das ist doch eine Einbahngasse!"
„Nee, is eben nid)! Sind ja keine Zeichen anjebradjt!“
„Nette Schlamperei, diese enge Gasse nicht als Einbahngasse zy bezeichnen!"
. „Also, Mensch, fahr zurück, wir tonn’ doch nid) watten, bis der Völkerbund die Jasse als einbahnig bestimmt hat!"
„Nee — ich kehr nicht um."
„Ich ooch nid).“
Ein Schupo. Intervention. Keiner will nachgeben. Da richtet sich der Schupo stramm auf und schnarrt: „Wenn keener von Euch hier mal umdrehen will, so wird das Pferd eben hier an Ott und Stelle notjeschlachtet."
Die österreichische.
Wien.
In einer engen Gasse ein Knäuel von drängenden, schiebenden Menschen, um irgend etwas geballt. Immer neue Menschen kommen, arbeiten sich mit den Ellbogen vor: „Is was g'schehn? Was is denn g'schehn? Gehn's Frau —, was is denn g'schehn?"
, Ein Auto und ein Pferdewagen hatten einander gegenüber. Die enge Gasse verstopft. Fenster fliegen auf. Köpfe er» scheinen.
Großer Wirbel.
Aus der Mitte des Wllbels tönt nun die Stimme des Krastwagenführers: „Droh' um, lag i dar, droh' um, bledar Bua mit deiner Habergas!"
„Weg'n dir not lang net, g'scherter Sen» zinschurk. I bin z'erscht einag'fahr'n."
„Droh’ um, sag t, drah’ um mit dein Würschtl!"
„3 net i, varstehft? 3 net i. Und wann i an Batt Iriag dabei wia da Harnisch!"
Da brüllt der Chauffeur: „Hött's, hött's — halt’s nn z’ruck! Hatt's mir z’mck Jag i, sonst bau i eahn ane aufs Hirn, daß er glaubt, er fahrt zwaspännig."
Asngstliche Stimmen aus der Menge, die bedrohlich angewachsen ist. ,»3effas, jessas — kumm Mitzerl — es wird gier’ g'schoss’n wer'n."
„Wachmann! Wachmann!"
Er erscheinen gleich drei. Die Menge bröselt ab. Das Nationale wird den beiden abgenommem
„Ferdinand 3anuschek, gebum aachtzehn- bunbartfünfaneunj’g —Tippt sich sein Widersacher auf die Stirn: „Januschek, 3a- nuschek — i hab mir glei denkt, daß i 3hna kenn. Hab’n Sö net bei die Vieradachtz'ger dient, in der Stemeckkasem?"
„3effas — der Pokdl!"
„Sowas .Ferdl!"
Die Wachleute lächeln leise bei dieser Erkennungsszene. Die Amtshandlung unterbleibt.
„3s scho in llrdnung, brauchens 3hna net bemühn, Herr Wachmann! War haft a klone Maanungsvarschiedenhell! Kumm Poidl, drah'ma st auf Viettl Wein!"
Und sie verschwinden einttächtig in einem kleinen Easthanse.
■Spät abends, als der Mond über den Dächern aufsteigt, ist die enge Gaffe noch immer verstopft. Wagen und Auto ftchen sich traulich gegenüber, und das Pferd senkt wehmüttg den Kopf vor dem Kühler.
Aus dem Gasthaus aber Hingt ein beschwipstes Duett: „Es wird a Wein sein, und mir wer'n neama sein..."