Nr. 89
Oderhesfische Zeitung. Marburg tu L, Dienstag, den 15. April 1930
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Begegnung mit Gandhi / Von T. Z. Klötzel
Mahatma Gandhi, diese überragende Führerpersönlichkeit der indischen Freiheitsbewegung, steht heute im Mittelpunkt des Interesses. Mer ist dieser Mann, den auch die Engländer nicht anzulasten wagen und was hat ihm seine unerschütterliche Position verschafft? Eine Antwort auf diese Fragen erhält man in dem Reifebuch »3ni>ien im Schmelztiegel" (Verlag F. X Drockhaus) des deutschen Journalisten C. 3- Klötzel. Im nachfolgenden Kapitel schildert der Autor seine Begegnung mit Gandhi.
Bombay. Sitzung des Zentralkomitees des Allindisch«! Dationalkongresses. Die Jinnah- Hall — sie trägt den Aamen eines der bedeutendsten mohammedanischen Führer — zeigt über ihrem Portal, aus Blumen zusammengefügt. das arische Hakenkreuz und den islmnitischen Halbmond. Symbol der Einigkeit der beiden großen Religionsgemeinschaften, wie sie der Kongreß verkörpern — soll Auf dem Dach flattert die weiß-grün-rote Fahne des zu befreienden Indiens.
Die Debatte ist in vollem Gang. Plötzlich e Unruhe am Saaleingang, wo die „t>o» eers", uniformierte Pfadfinder der Jugendbewegung, die die Eintrittskontrolle ausüben. Die Versammlung verliert die Aufmerksamkeit. Man steht auf, reckt die Hälse zur Tür. And dann braust wildes Händeklatschen durch den Raum und der Ruf:
»Mahatma Gandhi ki jai!" (»Es lebe Mahatma Gandhi!")
Durch den Mittelgang kam ein Mann mit völlig nacktem Oberkörper und ohne Kopfbedeckung. Von weitem sah er aus wie einer jener Sadhus — frommer Asketen —, denen man selbst in großen Städten hier nicht allzu selten begegnet. Er ging rasch auf das Podium
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Pandit Nehru, der Präsident des indischen Nationalkon- gresies, neben Gandhi der radikalere Führer der indischen Revolutionäre, wurde in Allahabad verhaftet und zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Dieser Schritt der englischen Regierung scheint eine entschiedenere Bekämpfung der revolutionären Zndier anzudeuten.
zu, von dem aus Pandit Mvtilal Rehru inmitten der andern Führer des Kongresses die Versammlung leitete, wurde herzlich und respektvoll willkommen geheißen und zu einem Sessel geleitet, der für ihn schon bereit stand. Dann nahmen die Verhandlungen ihren Fortgang.
Die erste, nicht zurückzudämmende Empfindung: »Wie häßlich ist dieser Mensch!" Man darf das Indern nicht sagen; erstens haben sie wenig Verständnis für den Wert körperlicher Schönheit, und dann steht ihnen die Erscheinung des Mahatmas hoch über jeder Kritik. Aber dem Europäer, der gewohnt ist In den Zügen eines menschlichen Gesichtes zu lesen, gibt der Kopf Gandhis einen Stoß. »Dieser Mann" — sagt man sich — »Ist ohne Frage ein moralisches Genie, einer der großen Menschen unserer Zeit, Die Ratur aber hat ihm eine Maske geschaffen, die seinen Genius verbirgt. Tausende könnten an diesem Menschen vorübergehen, und nicht einer würde in ihm den Messias erkennen."
Gandhi saß regungslos in seinem Sessel und folgte mit jener Konzcntriertheit, die einer der stärksten Züge feines Wesens ist, den Verhandlungen. Es schien mir, als sei er der einzige alte Mann in der Versammlung. Gandhi ist erst ein Sechziger, aber neben dem siebzigjährigen Motulal sieht er aus wie ein Greis. Das Haar auf dem runden Schädel ist grau. Kinn und Mundpartie zerfurcht von liefen Falten. Der Körper, unter einer zarten Kaut von ziemlich Hellem Braun, ist ausgemergelt. Vielleicht liegt ein Teil der geheimnisvollen Macht, die er auf die indischen Massen ausübt. gerade in dieser Gestalt. Wenn auf dem flachen Land 1000 Inder beieinander sind, kann man bei 950 bestimmt jede Rippe zählen und jeden Wirbelknochen. Indien ist eine Ration von Hungerkünstlern. Zur Seele solcher Menschen kann man nicht sprechen mit einer Stimme, die aus einem gemästeten Bauch tönt oder aus einem athlettschcn Brustkasten.
Ich habe Gandhis Stimme zweimal gehört; einmal in jener Versammlung, das zweite Mal te dem Zehnminutengespräch. das er mir ge
währte. Es ist eine ganz merkwürdige Stimme, sehr sanft und doch sehr energisch Es kommt hinzu, daß jedes Wort Gandhis sozusagen frisch aus der Münze kommt; es sieht genau an feinen Platz und kann durch kein anderes ersetzt werben. Alles, was von ihm ausgeht, hat seine endgültige Form. Eine Form, die durchaus persönlich ist. wie ihr Inhalt stets aufs Allgemeingültige zielt. Mit einiger Aeberireibung kann man sagen. Gandhi spreche Bibelverse Lutherischer Prägung.
Auf jener Sitzung gab man ihm das Wort, sobald der Redner geendet hatte, der bei seinem Eintreten sprach Er redete im Sitzen. Hatten die andern in der temperamentvollen indischen Weise geredet wie Propheten, so sprach dieser Prophet wie ein Rechtsanwalt vor dem Kammergericht. Gandhi kann heute noch nicht das britische Rechtsstudium verleugnen, weder in dem gewählten Englisch, das er schreibt, noch in der knappen und präzisen Form, in der er sich ausdrückt. Die Debatte dreht sich um die Frage, was zu tun sei, wenn England bis Ende 1929 keinen Dc>--
mrnionstatus gewährt habe, und wie man sich zu dem unvermeidlichen Kampf für »in» dependance" rüsten könne. Es war, von den kleineren Geistern des Kongresses, viel deklamiert worden. Sie reden so gut, diese Inder und sie hören sich selbst so gern. Gandhi, der Mahatma, der Seelenhcld. der Heilige, brachte sie aus der Höhe zu nichts verpflichtenden Gedankenslugs zurück auf den indischen Erdboden. Er stellte einen Anttag. Jede Provinz, organisation des Kongresses solle bis zum Oktober ein viertel Prozent der erwachsenen Bevöllerung zu ihren Mitgliedern machen. Weiter nichts.
Er erläutert feinen Antrag mit beinahe leifer, leidenschaftsloser Stimme, aber feine Sprache ist fast Überarjikuliett. Es gibt keine Debatte, der Antrag wird sofort zur Abstimmung gebracht und angenommen. Einstimmig.
Danach erhebt sich Gandhi, geht , schnell und bescheiden durch den Saal und ist verschwunden. Das erneut aufbrausend«: »Mahatma Gandhi ki jai!" hört er schon nicht mehr.
Von der Mittelmeerfahrt der Reichsmarine
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Das deutsche Geschwader im Safen von Vigo, an der spanischen Westküste, von wo aus die einzelnen Verbände getrennt die Writerfahrt ins Mittelmeer antreten.
Die Abenteuerfahrt der „Falke"
Vernehmung der Ingenieure und Offiziere
Hamburg, 14. April. Im »Falle" - Prozeß sagte am Montag der 2. Ingenieur Paß aus, auch er sei Überrascht gewesen, als sich die »Falke" statt nach Danzig nach Gdingen wandte und dort auffallend viel Kohle und Munition an Bord nahm. Er wäre am liebsten wieder an Land gegangen. Überlegte sich die Sache aber noch, da er vorher längere Zeit hindurch keine Stellung gehabt Hatte. Allmählich erschienen dem Zeugen Paß die Zustände an Bord des »Falke" doch unheimlich Seiner Meinung nach hatte nur Prenzlau über den »Falke" zu bestimmen und der Mannschaft gegenüber alle Derpflich- ttmgen der Reederei zu tragen.
Der 3. Ingenieur Koch schöpfte in Gdingen wegen der Munittonskistenladungen Verdacht und hielt die Gesamtlage für so bedenklich, daß er den »Falke" verließ.
Kapitän Zipplitt hat daraufhin gegen Koch wegen Desertion und versuchter Aufwiegelung der Heizer Strafantrag gestellt.
Der nächste Zeuge. der 2. Offizier Schneider, der an Bord des »Falke" auch die Funkstatton zu bedienen hatte, erklärte u. a., er habe das Reifeziel erst hinter den Westindischen Inseln erfahren. Schneider bestritt auf Vorbehalt nochmals ausdrücklich, von einer Revolution etwas gewußt zu haben. Er habe sich auf keinen Fall an Kampfhandlungen beteiligen wollen. Rur von Delgado gezwungen, fei er an Land gegangen.
Der dritte Offizier, E f s e r bekundete gleichfalls, daß er von einer geplanten Revolution nichts gewußt habe.
Nach dem 24. Juki habe di« ganze Besatzung unter strenger Bewachung gestanden.
Ein Auslehnen dagegen sei aussichtslos gewesen. Belga dos Truppen hätten nach der Landung zwei Stunden lang wie toll geschossen, ohne zu wissen, auf wen. Erst nachdem ein Parlamentär der Regierung schwer verwundet Wochen sei, habe die Garnison das Gegenfeuer eröffnet.
Ms Belgado fiel, sei alles geflüchtet.
Der Angriff habe wie ein Faschingsscherz an» gemutet, weil kein Führer da gewesen sei. Die Deutschen in Venezuela hätten durch das Falle-Unternehmen die größten Unannehmlichkeiten gehabt. Der Zeuge gab die Mög>>. zkeit zu, daß sich auch der Kapitän Zipplitt gewissermaßen in der Gewalt Belgadvs befmrden habe.
Rechtsanwalt Dr. Alsberg: »Hatten Sie den Eindruck, daß Delgado, wenn die Versprechungen nicht gehalten worden wären, Gewalt angewendet hätte?" Zeuge: »Er hat uns mit Geld geködert, aber wir hatten den Eindruck, daß es nicht ratsam war. sich ihm zu widersetzen." — Die Sitzung wurde dqnn auf Dienstag vertagt.
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Das Ende einer Herzogin
Zn einem ärmlichen Zimmer einer der trostlosen Vorstädte Londons, fand man eine schlecht gekleidete Frau mit einer schweren Gasvergiftung auf, die sich als Mrs. Williams gemeldet hatte. Polizeiliche Nachforschungen ergaben, daß die Unglückliche einst eine der gefeiertsten Frauen Englands gewesen ist, daß sie, die einst als Miß May Etheridge der bildschöne gefeierte Star des Shaftesbury- Theater gewesen ist, später eine Herzogskrone tragen durfte, da sie der Herzog von Leinster als seine Gattin heimführte.
Aber Schönheit und Liebe verrauschten, der Herzog trennte sich von ihr, sie geriet in Armut und Not. In der Verzweiflung machte sie nun einen Selbstmordversuch, wurde jedoch noch rechtzeitig ins Leben zurückgerufen.
Nun steht sie vor den Richtern, denn das brittsche Gesetz bestraft jeden mißglückten Selstmord sehr streng, und so wird die ehemalige Herzogin, die einst in prunkvollen Gemächern hauste, mit den kahlen Mauern des Kerkers Bekanntschaft machen müssen.
Mordversuch mit Hflfe des Radio.
Verbrecher gehen gern mit der Zeit mit. So auch ein Einwohner aus dem tschechischen Orte Warnsdorf der sich mit seinem Schwager gezankt hatte und diesem eins auswischen wollte. Er befestigte an der Radiozuleitung des Opfers einen elektri- schen Draht und warf diesen über eine Hochspannungsleitung. Glücklicherweise entstand aber Kurzschluß, sodaß der Anschlag fehlging. Der Täter wurde sofort in Hast genommen.
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Sigurd Ibsen, der einstige norwegische Ministerpräsident, ein Sohn des Dichters Ibsen, starb in Freiburg im Alter von 71 Jahren. Mit ihm, der auch als Dichter und Uebersetzer hervortrat, ging ein großer Deutschenfreund dahin. Besonders bekannt ist sein Drama „RobertFran k", das auch Deutsche übersetzt wurde.
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Kunst und AMnjchaft
— Cosima Wagner auf der Bühne. Der Dichter B r a b e n e tz hat eine dramatische Arbeit in drei Akten „Richard Wagners Liebe und Flucht" beendet. Das Werk spielt im Jahre 1858 in Zürich und ist als Erinnerung an die kürzlich verstorbene Cosima Wagner gedacht.
= Der Fortbestand des Frankfurter China-Znstituts gesichert. Der Vorstand des Frankfurter China-Instituts hat anstelle des verstorbenen bisherigen Leiters Prof. Wilhelm den Berliner Sinologen Prof. Wilhlm Schüler zum Leiter des Instituts berufen. Das preußische Ministerium für Wiffenschaft, Kunst und Volksbildung hat, ebenso wie die chinesische Regierung, der Arbeit des Instituts auch fernerhin weitgehende Unterstützung zugesagt. Die chinesische Regierung hat dar- ber hinaus die Stiftung einer Richard- Wilhelm - Professur für Sinologie am China-Institut angekündigt, die sie aus eigenen Mitteln dotieren will.
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Niddy Impekoven im Frankfurter Schauspielhaus.
Nach mehrjähriger Abwesenheit kehrte Niddy Impekoven wieder einmal im dichtbesetzten Schauspielhaus ein und eroberte sich im Sturm die Herzen, die ihr seit zwölf Jahren zugetan sind. Nach einigen ernsten Darbietungen löste sie mit heiteren Tänzen einen Orkan des Beifalls aus, wie er seit langem im Schauspielhaus nicht mehr tobte.
WdmlnaWten
X Am 11. April verschied in MünsteI an den Folgen eines Schlaganfalles der bekannte Vertreter der Hygiene und Nahrungsmittelchemie an der dortigen Universität Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. phil., Dr.- Jng. h. c., Dr. rer. nat. h. c., Dr. agron. h. c., Dr. med. h. c. Josef König im 87. Lebensjahr. Der um die Nahrungsmittelchemie und um das Nahrungsmittelgewerbe hochverdiente Gelehrte stammt aus Lavesum bei Haltern i. W.
== Wie wir hören, ist der Privatdozent für Mathemattk in der Philosophischen Fakultät der Universität Köln, Dr. Karl D ö r g e, beauftragt worden, in der genannten Fakultät die reellen Funktionen, die Wahrscheinlichkeitsrechnung und die analystische Zahlentheorie in Vorlesungen und Uebungen zu vertteten.
= Der Historiker Pros. Dr. Robert Holtzmann in Halle (Saale) hat den an ihn ergangenen Ruf an die Universität Berlin angenommen.
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Durch Operation sehend geworden
Die moderne Chirugie vollbringt wirkliche Wunder. Einer Klinik in Iägern- dorf (Tschechoslowakei) wurde ein Blinder überführt, der sich nach 45 Jahren dazu entschlossen hatte, den ihm angeborenen Star auf operativem Wege entfernen zu lassen. Tatsächlich zeitigte die Operation das erhoffte Resultat, der Blindgeborene kann seine Augen wieder gebrauchen. Interessant ist das Verhalten des sehend Gewordenen. Er betastete alle Gegenstände wie vordem als Blinder und wußte zunächst mit keinem etwas anzufangen. Es dürfte geraume Zeit vergehen, ehe er sich völlig in der ihm nach fast einem Menschenalter erst erschlossenen Welt zurecht- findet.
PIX AVON ,