Keims, ten 11. Avril 1930
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Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen fSr Stadt und Kreis Marburg.
Brüning (ordert heute Entscheidung
Sie B.B.P. und S.B.S. beantragen erneut das Sotoeier — Agrar- und ScttungMrlage eng verbunden
In der Donnerstagsitzung des Reichstages erfolgte die zweite Beratung der Deckungsvorlagen der Regierung. (Mineralölzölle, Biersteuer usw.) Reichsfinanzminister Dr. Moldenhaner:
Schon bei der ersten Lesung habe ich darauf hingewiesen, daß die vorliegenden Entwürfe nur ein Teil des großen Finanzprogramms sind, mit dem die direkten Steuern umgelagert werden sollen mit dem Ziel, die Wirtschaft zu entlasten. Vordringlich find diese Deckungsvorlagen, mit denen das Defizit des Etats 1930 ausgeglichen und die Durchführung des Schuldentilgungsgesetzes gesichert werden soll. Es ist nicht Schuld der Reichsregierung, wenn der Etat 1930 dem Reichstag noch nicht zugeleitet werden konnte. Er beschäftigt gegenwärtig noch den Reichsrat. Der Etat ist aber so sparsam aufgestellt worden, daß
ans Einsparungen dnrch Streichungen nicht gerechnet werde« kann.
Die Deckungsvorlagen haben im Ausschuß ein für die Regierung nicht gerade günstiges Geschick gehabt. Die hinter der Regierung stehenden Parteien haben stch inzwischen auf ein Kompromiß geeinigt, durch das die nach den Ausschußbeschlüfien entstehenden Lücken wieder ausgefüllt werden sollen. Die Bier st euer soll danach um 50 Prozent erhöht werden die Umsatzsteuer allgemein um 0,10 Prozent, bei Umsätzen über eine Million um weitere 0,50 Prozent. Die Regierung hat stch dieses Kompromiß zu eigen gemacht, obgleich fie starke Bedenken gegen die Erhöhung der Umsatzsteuer hegt. Sie glaubte aber, dem Kompromiß zustimmen zu müssen, um die Durchführung der ihr übertragenen Aufgabe nicht zu gefährden. Andere Möglichkeiten zur Deckung des Defizits stnd nicht vorhanden, denn der
«orschlag ehte» Rotopsers als Zuschläge $«t Einkommensteuer würde hn Widerspruch stehen zur Tende«, des Finanzprogramms, die direkte«
Steuern abzubauen.
Die Regierung hält fest an dem Willen, die Aufgabe der Kastensanierung und der steuerlichen Entlastung der Wirtschaft m i t allen verfassungsmäßigen Mitteln durchzuführen.
" Abg. Dr. Hertz (Soz.) beantragt, die Verhandlungen solange auszusetzen, bis der Kompromißantrag der Regierungsparteien gedruckt vorliegt. Die erst vor zwei Tagen abgegebene Erklärung der Reichsregierung, daß ste mit der 75%igen Erhöhung der Biersteuer stehe und falle, scheine ja nicht mehr zu gelten.
Gegen 3.30 Uhr wird die Vertagung der Weiterberatung auf 5 Uhr beschlossen.
Ausgleich die Einführung eines Notopfers in Gestalt eines Zuschlages z«r Einkommensteuer für alle Einkommen von 8000 a«
zu beantragen. Den gleichen Antrag haben auch die Sozialdemokraten wiederholt angekündigt.
Die Absichten der Regierungsparteien werden weiter durchkreuzt durch die Form, die die Deutschnationale Volkspartei für ihre Anträge gewählt hat. Die Regierung wollte stch eine Mehrheit für ihre finanziellen Deckungsvorlagen dadurch sichern, daß sie die Erledigung der Agrarvorlagen hinter die Deckungsvorlage zurücksteUte. Nun haben aber die Deutschnationalen
ihre agrarpolitischen Forderungen in die Form von Aenderungsanträgen zu der Vorlage über Zolländerungen bei Benzin und B e n z o l gekleidet, um damit die gleichzeitige Erledigung der Agrarund Deckungsvorlagen zu erreichen.
Fortsetzung der Sitzung.
Um 5.30 Uhr wird die Sitzung wieder eröffnet. Inzwischen sind die Aenderungs- anträge eingegangen. Die agrarpolitischen Forderungen der Deutschnatro- n a l e n find in die Form von Aenderungsanträgen zum „Gesetz über Zolländerungen", das die Benzin- und Venzolzölle behandelt, gebracht worden
Abg. Keil (Soz.): Wenn jetzt in der zweiten Woche seines Bestehens das Ka-
Die AgMvorlage unterzeichnet
Bedingung tit Ne BernWieduM bet MungStorineen
3« Anschluß an die Vollsitzung des Reichstages fand am Donnerstag eine Parteiführerbcsprechung beim Reichsernährungsminister Schiele statt, in der die von der Regierung und den Regierungsparteien vorbereiteten Anträge über die Agrarreform unterzeichnet wurden. Auch die Bayerische Bolkspartei hat diese Anträge unterschrieben. Sie werden am Freitag hn Reichstag eingebracht werten und wie die deutschnationalen Anträge mit dem Gesetz über den Benzin- und Benzolzoll verbunden. Sämtliche Agraranträge sollen dann der Ausschußberatung überwiesen werden. Das Finanzprogramm soll sofort erledigt werten. Am Montag würde dann die zweite Beratung der Agrarvorlagen erfolgen.
Zn der Besprechung wurde weiter vereinbart, daß
die Unterschrift der Regierungsparteien unter die Agrargesetze nur Eül- tigkeit hat, wenn die Deckungsvorlagen vorher verabschiedet werten.
Lediglich die Benzin- und Venzolzölle sollen aus der Deckungsvorlage herausgenommen werden und mit dem Agrarprogramm zusammen erledigt werden.
Zn einer Sitzung der Zentrumsfraktion teilt der Abgeordnete Ester u. a. mit, daß
die Reichskanzler nicht beabsichtige, sich auf weitere Verhandlungen mit den Parteien einzulasten. Auf Wunsch der Reichsregierung sei die Reichstagsfitzung bereits auf Freitag vormittag angesetzt worden, damit die Entscheidung über die Deckungsvorlagen am frühen Nachmittag fallen könne. Das Kabinett, will die Möglichkeit haben, unmittelbar nach der Entscheidung des Reichstages in einer Kabinettssitzung Stellung zu nehmen.
Srr Äonflirt Seto-ZbOrhigtn bdgelrgt
Berlin, 10. April. Der Beauftragte des thüringischen Staatsministeriums, Staats- Minister Daum, der gestern abend in Berlin eingetroffen ist, um mit dem Aeichsinnenminister Dr. Wirth über den Konflikt Thüringen- Reich zu verhandeln, hat heute vormittag im Reichsinnemninisterium seine ersten Besprechungen mit Dr. Wirth gefühtt. Die Verhandlungen, an denen auch der thüringische Bevollmächtigte im Reichsrat, Staatsminifter Dr. M ü n z e l, teilnahm, haben, wie wir Höven, zu einer Annäherung drs beiderseiftgen Standpunktes geführt, so daß der Konflikt als beigelegt gelten kann.
3m Laufe des heutigen Tages werden zwischen dem Beauftragten der thüringischen Staatsregierung und dem Innenministerium noch eine Reihe weiterer Verhandlungen ge- pflogen werden, in denen über dir Aufhebung der Zuschuhsperre gesprochen werden durfte.
Die Bayer« verlange« ei« Notopfer.
Die auf 5 Uhr anberaumte Wiedereröffnung der Reichstagssitzung verzögerte sich, weil der Druck der zahlreichen Anträge zu den Deckungsvorlagen noch nicht fertiggestellt war. Die Vertagung ist aber auch aus politischen Gründen notwendig geworden, weil sich inzwischen die Lage vollkommen umgestaltet hat und neue ernste Schwierigkeiten aufgetaucht find. Die Bayerische Volkspurtei bewahrte zunächst Sttllschweigen über das Ergebnis ihrer Frakttonsfitzung, aber bald sickerte durch, daß die vorher beobachtete Bereitwilligkeit, vielleicht eine Bier- fteuerhöhung bis zu 40 Prozent mit« zumachen, nicht mehr bei den Bayern vorhanden fei. Die Fraktton beabsichtigte jetzt vielmehr,
«nr einer SSprozenttgen Biersteuer- erhohnng znznstimmen, «tfi- ytw
binett den Anspruch erheben wollte, als starke Regierung zu gelten, so würde ein Hohnlachen im ganzen Reiche antworten. (Lebh. Zustimmung bei den Soz.) Schwächer und bemitleidenswerter war nie eine Regierung. Rach der Verfastung bestimmt der Reichskanzler die Richtlinien der Regierungspolitik. Nach den Verhandlungen über das Deckungsprogramm hat man den Eindruck, daß die Richtlinien von Herrn Drewitz bestimmt werden. (Sehr gut.)
Wenn schon der bedenkliche Weg beschritten wird, daß eine Regierung ihre Politik durch Mahnungen des Reichspräsidenten besttmmen läßt, dann sollte die Regierung doch auch die vom Reichspräsidenten warm befürwottete Forderung eines
Notopfers
erfüllen. Die sozialdemokrattsche Fraktton beantragt heute die Erhebung eine» Not
opfers in Form eines Zuschlages von 10% zur Einkommensteuer bei allen Einkommen über 8000 M. Das Deckungskompromiß der Regierungsparteien 6ringt zwar noch keine wirkliche Sanierung, aber es bringt der Wirtschaftspartei den Erfolg der Warenhaus st euer die eine Verletzung aller wirtschaftlichen Vernunft darstellt, da fie die Waren verteuert, ohne dem Kleinhandel zu nützen.
Der Präfident erteilt dem Zentrumsabgeordneten Dr. Föhr das Wott. Dieser lehnt aber ab. Präsident Löbe erklärt, ihm sei erst jetzt mitgeteilt worden, daß von mehreren Seiten der Abbruch der Verhandlungen gewünscht werde. Abg. Torg-
, fÄomm.) ruft: „Die Erklärung ist noch . fertig!"
Gegen 7% Uhr wird die Weiterberatung auf Freitag 11 Uhr vertagt.
TagMiml
Ste gestrigen parlamentarischen! Verhandlungen drehten sich um zwei Probleme: einmal um den Versuch, ein Kompromiß in der Biersteuerftage zu finden, das auch der Bayerischen Volkspartei Ene Zustimmung möglich machte. Die Bayerische Volkspartei war aber schließlich nur bereit, eine Erhöhung von 40 Prozent zuzugestehen. Dafür verlangte sie eine UeberWeisung an Bayern, die einer Erhöhung von 75 Proz. entsprochen hätte. Diese Konzession haben die übrigen Regierungsparteien abgelehnt, und so ist die Frage, welche Haltung die Bayerische Volkspartei bei der heutigen Abstimmung zur zweiten Lesung der Deckungsvorlagen einnehmen wird, noch vollkommen offen. Zum zweiten ging es-bei den Besprechungen darum, das sogenannte „Junktim" abzubiegen, das die Deutschnattonalen zwischen Agrar- und Finanzfragen durch ihren Antrag schaffen wollen, der die Erhöhung der Agrarzölle an die Benzolzollvorlage anfügt. Der faktische Gegenzug der Regierungsparteien ist ein Znitiattvgesetz, das gestern von ihnen unterschrieben wurde — auch von der Bayerischen Volkspartei — und das am heutigen Freitag im Reichstag eingebracht werden wird. Das Zni- tiativgesetz ist an die Regelung der Finanz- fragen gebunden. Es enthält das Agrar- prdgramm, wie es die Regierungsparteien am Dienstagabend vereinbart haben. Die Benzol- und Benzinvvrlage wird nun von neuem an den Ausschuß verwiesen, obgleich sie noch als erster Punkt auf der heutigen Tagesordnung steht. Man will auf diese Weise den Vorrang beseitigen, den die oeutschnationale Taktik den Agrarfragen geben würde. Man befürchtete, daß die Deuttchnationalen bei den Finanzfragen leichter Schwierigkeiten machen könnten, wenn die Agrarfragen vorweggenommen wären. Diese Befürchtung wird aber nicht auf allen Seiten geteilt, weil die zweite und dritte Lesung der Agrar- fragen doch erst hinter der Erledigung der Deckungsvorlage rangieren wird. Der Kanzler hat die Verhandlungen mit den Parteiführern gestern abend unterbrochen, um der Bayerischen Volkspartei noch einmal (Gelegenheit zu geben, die Situation unter sich zu besprechen. Es kam hinzu, daß er sich nicht wohl fühlte. Aach dieser Sitzung der Bayerischen Volkspartei waren in der Wandelhalle alle möglichen Gerüchte verbreitet. Richtig ist daran, daß der Kanzler am heutigen Freitag unter allen Umständen eine Entscheidung herbei- sühren will. Staatssekretär Meißner war gestern abend längere Zeit im Reichstag, und man schließt daraus, daß die Forderung des Kanzlers nach Klarheit auch den Wünschen des Reichspräsidenten entspricht. Sollten sich in den heutigen Reichstagsverhandlungen wesentliche Schwierigkeiten ergeben, so würde die Regierung die Vollsitzung unterbrechen lassen, um in einer Kabinettssitzung ihre Entscheidung zu treffen. Rach Lage der Dinge könnte sie nur die Auflösung bedeuten. Zn Kreisen, die dem Kabinett nahestehen, beurteilt man die Lage aber durchaus ruhig und glaubt, daß es soweit nicht kommen werde. Dieser Optimismus hat offenbar seinen Grund in Besprechungen, die gestern nachmittag mit führenden Mitgliedern der deutschnatio- nalen Fraktion stattgefunden Haben.
Zur praktischen Durchführung des Agrarprogramms der Regierung Brüning mit seinen Zollerhöhungen für eine ganze Reihe von Agrarprodukten sind z ollpv litt sche Verhandlungen der ReichS- regierung mit mehreren anderen Staaten notwendig. 'Diese Verhandlungen sollen, wie wir hören, ^'chon in allernächster Zeit ausgenommen werden. Die in die Öffentlichkeit gelangten Meldungen, die von oer Kündigung bestehender Handelsverträge im Zusammenhang mit der Durchführung des Agrarprogramms sprechen/ sind dagegen unrkbtig. Derartig weitgehende und ge-