T
Rr 83 65. Mrs. Marburg o. Sonn
ZMSlMZkigtt
Das durch den bevorstehenden Rücktritt des deutschen Botschafters in London C t h a m e r notwendig gewordene diplo- mattsche Revirement, dessen Durchführung wegen der Reparationsregelung bisher zurückgestellt worden war, ist für die nächste Zeit zu erwarten. Im Auswärtigen Amt ist man zurzeit eifrig mit der Frage der Umbesetzung einer ganzen Reihe von deutschen Auslandsvertretungen beschäftigt. Die Posten in Rom, Konstantinopel und Warschau werden neben der Besetzung der Londoner Botschaft von dem Revirement erfaßt werden. Wie die Besetzung dieser Posten ausfallen wird, ist zurzeit noch nicht entschieden. Es ist daran zu erinnern, daß die Personalpolittk des verstorbenen Reichsaußenministers Dr. Strefemann vom Zentrum vielfach angegriffen worden ist. Da jetzt das Zentrum im Kabinett die führende Rolle spielt, fragt es sich, ob von dieser Seite nicht manches nachgeholt wer-
toteWimg
SieiMg,
ttn 8. Avril 1930
Der Anzeigenpreis beträgt für bett 11 gefpalt. Ieilenmillnneter 0.08 GM., sog. kleine Anzeigen imd Familienanzeigen bei Barzahlung 0.07 ®9R„ amtlich« und auswärtige Anzeigen 0.10 SM. Bei schwierigem Sa» sowie bei Platzdorschrist 50°l. Aufschlag. — Eammeianzeigen 100 ’l« Aufschlag. Reklam.-Millim. 0,40 GM. Jeder Rabatt gilt al« Barrabatt.
Ziel 5 Tage.
offerteu-Sebühr: 25 Pfg. Belege werden berechnet. Erfüüryigsort Marburg.
den wird, was damals nicht zu verwirklichen war. Auch die im Kabinett vertretene volkskonservattve Gruppe macht ihre Wünsche geltend und präsenttert die Kandidatur des Abgeordneten von Lin d- einer-Wildau für einen diplomatischen Posten. Für London dürfte jedoch Herr von Lindeiner-Wildau nicht in Frage kommen, da es für unmöglich gehalten wird, das Agrement der englischen Regierung' für ihn, der gegen die Younggesetze gestimmt hat, zu erhalten. Wie es in einem Berliner Abendblatt heißt, soll Prag gleichfalls abgewinkt haben und auch aus W a r f ch a u soll eine Absage angedeutet worden sein. Wenn man also Herrn von Lindeiner-Wildau auf einem diplomatischen Auslandsposten unterbringen will, muß man schon zu einer recht umfangreichen Umbesetzung der diplomatt- schen Vertretungen Deutschlands seine Zuflucht nehmen.
DU »Oberhessische Zeitung" erscheint sechsmal wöchentlich. Bezugspreis monatlich 2.20 GM.au«- schiießl. Zustellungsgebühr, durch bk Pop 2.45 GM. Für etwa durch Streik, Maschinendesiest »der elementar« Greignlsi« aussallrnd« Sstnnmern wird kein Ersatz g«», ktfl* H-rlag Dr. §. Litzeroth.
Druck der Unib.-Buchdruckrrek' 5* Aug. Koch, Markt 21/28 Ferusprrcher: Rr. 54. tu Rr. 55. Postscheckkonto: Amt Frankfurt
M. Rr. 5015. — Sprechzeit >et Redaktion von 10—11 mtb
SbertMsche Zeitung
Revirement im diplomatischen Dienst MM M SM v. Lindklmr-Mbmi?
Anzeiger für (das frühere kurhesfische) Oberhessen
Anzeiger der amtliche« Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg
Das SM zum Mutze der Landwirtschaft
SrunMUche einteilig bei ReichAnbineM — Man rechnei jedoch mit großen
daß das Ausland, um sich den deutschen Markt zu sichern, einen Teil des Zolls übernimmt, wird es sich empfehlen, der Reichsregierung nicht nur eine Ermächtigung auf Herabsetzung, sondern gegebenenfalls auch auf Erhöhung des Steuersatzes zu erteilen.
Abg. Dr. Rademacher (DntL): Das Gesetz bedeutet eine Verteuerung des Auto- mobiloerkehrs, aber andererseits auch einen Schutz der inländischen Produktion. Als Ausgleich für die weitere Schädigung der deutschen Automobilindustrie durch die Verteuerung des Betriebsstoffes sollte schleunigst ein Automobilschutzzoll durchgeführt werden.
Abg. Frhr. o. Richthofen (Dntl.) tritt ein für eine stärkere Beimischung von deutschem Spiritus zu Benzin und Benzol.
Reichsfinanzminister Dr. M o l d e n h a u e r erklärt sich einverstanden mit einem Antrag
Schwierigkeiten in Einzelsragen BenzinzollerWnng
Berlin, 7. April. Der Steuerausschuh des Reichstages fetzte heute seine Beratungen über die Deckungsvorlagen fort und zwar zunächst mit dem Gesetzentwurf über Zolländerungen, bet- im wesentlichen die
Zollerhöhungen für Benzin und Benzol betrifft.
Ministerialdirektor Dr. Ernst erklärte, man hoffe, dah die Zollerhöhung einen Mehr- ertrag von 65 Millionen Mark bringe, davon sind 40 Millionen für lleberweisungen an die Länder bestimmt, die diese Bettäge für die Wegeunterhaltung zu verwenden haben. Der Anttag der Regierungsparteien, den Ausgleichs st euers atz von 4,80 Mark auf 3,80 Mark herabzusehen, entbehre nicht einer gewissen Berechtigung. Da aber mit der Möglichkeit gerechnet werden muh.
der Regierungsparteien, der die Regierung zu der Anordnung ermächtigt, dah diejenigen, die Treibstoffe aus dem Auslande einführen oder im Auslande Herstellen, einen entsprechen- Anteit Spiritus zur Verwendung als Treibstoff beziehen müssen.
Abg. v. Sybel (Christl.-Rat.) befürchtet von den Mineralzöllen eine Schädigung der Landwirtschaft. Zu begrühen sei dagegen der Anttag auf Beimischung von Spiritus.
Abg. Hünlich (Soz.) fordert einen vollständigen Umbau der Automobilbesteuerung.
Abg. Dr. Köhler (Ztt.) erklärt, die Ausgleichsabgabe müsse unter dem Motto stehen: Schutz der inneren Produktton.
Vor der Abstimmung ertlärt Abg. Dr. Rademacher (Dntl.), seine Freunde würden über die einzelnen Bestimmungen und Anträge nach sachlichen Eeslchtspuntten entscheiden. Ihre Äbsttmmung bedeute aber keine Vorwegnahme der politischen Eejamt- entscheidung der deutschnattonalen Fraktton.
Sn der
Abstimmung
wurde ein sozialdemokratischer Anttag angenommen, wonach Petroleum von der Zollerhöhung freigelassen wird, ferner wurde ein Anttag des Abg. von , Sybel angenommen .worin die Reichsregierung ermachligt wird, anzuordnen, dah diejenigen, die Treib- stofte aus dem Auslande emführen oder im Inlande Herstellen, einen entsprechenden Anteil Spiritus zur Verwendung als Treibstoff beziehen.
Marieluise Fleißers Schauspiel »Div „Pioniere von Ingolstadt wird am Sonnabend Gegenstand einer Verhandlung vor dem Cinzelrichter beim Amtsgericht Berlin-Mitte fein. Der Schutzverband der deutschen Schriftsteller hat für die Ver- fasferin Beleidigungsklage gegen den Dur- germeister von Ingolstadt Dr. Gruber angestrengt, der im vergangenen Jahre beim Deutschen Städtetag, beim preußischen Innenministerium und beim Berliner Polizeipräsidium Protest gegen die Aufführung der »Pioniere von Ingolstadt mit der Begründung eingelegt hat, daß es sich um ein gemeines Machwerk, e in Schmäh- und Schandstück handelt, das sowohl die Stadt Ingolstadt als auch seine Einwohner und die ehemalige Pioniergarnison aufs schwerste beleidige. In der Klage des Schutzverbandes wird auTge- führt, daß Dr. Gruber, bevor er diese Ausdrücke gebraucht hatte, das Stück weder gelesen noch gesehen hatte. Dr. Gruber bezweifelt die Zuständigkeit des "Berliner Gerichts, da er im Aufttage des Stadtrates von Ingolstadt Krittk geübt habe.
Alsdann wurde ein neuer Artikel 4 beschlossen, demzufolge der Zuschlag zur Kraftfahrzeugsteuer für das Rechnungsiahr 1930 auf 10 v. H. herabgesetzt werden soll. Für Kraftdroschken wird überhaupt fern Zuschlag erhoben.
Artikel 3 über die Mineralölsteuer soll, am 1. Mai 1930 in Kraft treten. Sm, übrigen tritt das Gesetz am 15. April 1930 in Kraft. Der Reichsminister der Finanzen ist ermächtigt, für die im Gesetz genannten Waren eine Nachverzollung vorzunehmen. Mit diesen Zusätzen nahm der Ausschuh ine Vorlage über Benzin- und Benzolzoll an.
Es folgte die Beratung des Gesetzes zur Aenderung des
Tabak- und Zuckersteuergesetzes.
Nach der Vorlage sollen die , Steuerläger aufgehoben und die Zahlungsfristen verkürzt werden, bet Tabak von 3Vs auf 2 Monate, beim Zucker von 70 auf 40 -tage.
Ministerialdirektor Ernst teilte mit, die Regierung habe sich damit einverstanden erklärt, dah die Zahlungsfrist bei Zigarren nur auf drei Monate, bei Zucker bis auf den letzten Werktag im zweiten Monat verkürzt wird. Die Regierung will auch auf me Aufhebung der Tabaksteuerläger verzichten, muh aber'dann eine Verwaltungsgebühr von 1 Prozent erheben. Der Ertrag aus der Aenderung der Tabaksteuer vermindert sich danach um etwa zwei Millionen JiJ/i.
Die Weiterberatung wurde auf Dienstag vertagt.
Sagritecoel
lieber das parlamentarische Schicksal der Steuergesetze wird in dieser Woche im Reichstag entscheiden werden. Die Aussichten für die Annahme der Gesetzentwürfe sind nach unseren Informationen nicht schlecht. Es sind eifrige Bemühungen im Gange, schon jetzt die Mehrheiten für die einzelnen Abstimmungen zu sichern. Es wird damit gerechnet, daß die Entwürfe mit wechselnden Mehrheiten verabschiedet werden. Was die Biersteuererhöhung anbetrifft, so heißt es, dah man sich der Zustimmung der Sozialdemokraten versichert hat, sodaß die Ablehnung dieser Steuererhöhung durch die Bayerische Bolkspartei ohne Folgen bleibt. Bei anderen Steuererhöhungen ist mit der Zustimmung der Deuftchnattonalen zu rechnen. Im Gegensatz zu den Finanzfragen werden die Agrarfragen ihre parlamentarische Erledigung erst nach den Osterferien des Reichstages erfahren. Wie in parlamentarischen Kreisen verlautet, sind für das Agrarpro- gramm der Reichsregierung größere Schwierigkeiten als für die Steuervorlagen zu erwarten.
Der neue Reichsinnenminister Dr. • Wirth, der sich zurzeit mit dem Studium der Akten über den Fall Frick beschäf-
ttgt, wird,' wie wir von bestunterrichtete! Seite hören, in diesen Lagen dem Reichs- kabinett ausführlich Bericht über die ganze Angelegenheit erstatten. Dieser Bericht soll in schriftlicher Form erfolgen. Die Entscheidung über die weitere Behandlung der Angelegenheit Frick wird im Reichskabinett fallen. Während sich Reichsinnenminister Dr. Wirth für die Aufrechterhaltung der Maßnahmen seines Amtsvorgängers einsetzt, hat sich der Reichsminister für die besetzten Gebiete Trevi- ranus dagegen ausgesprochen. Des weiteren wird in der betreffenden Kabinettssitzung,'die sich mit den Vorgängen m Zchüringen beschäftigen wird, das kürzlich mit einfacher Stimmenmehrheit vom thüringischen Landtag angenommene Ermächtigungsgesetz Äne Rolle spielen. Me Reichsregierung fühlt sich veranlaßt, sich mit diesem Gesetz zu befassen, da scharte Proteste der Beamtenverbände aller Richtungen in Berlin eingelaufen sind. Wenn wir gut unterrichtet sind, so herrscht in den Kreisen der Reichsregierung die Ansicht vor, daß es sich um ein Gesetz handelt, das verfassungsändernden Charakter trägt, da in ihm die den Beamten von der Reichsverfassung garantierten Grundrechte außer Kraft gesetzt werden. Es ist daher bestimmt damit zu rechnen, dah die Reichs- regierung in dieser Angelegenheit Einspruch bei der thüringischen Regierung erheben wird. Die Frage der Verfassungsmäßigkeit des Gesetzes müßte dann der Staatsgerichtshof entscheiden.
Das Reichskabinett befaßte sich in feiner gestrigen unter dem Borsitz des Reichskanzlers Dr. Brüning stattgehabten Sitzung, auf Grund einer Vorlage des Reichsministers für Ernährung und Landwirtschaft über ein „Gesetz zum Schutze der Landwirtschaft" mit den Agrarfragen. Die mehrstündige Aussprache führte zu einer grundsätzlichen Einigung. Eine abschließende Kabinettsitzung wird heute nachmittag stattfinden.
Das Agrarprogramm des Reichsernährungsministers Dr. Schiele, mit dem sich das Kabinett beschäftigte, sieht zunächst, wie wir erfahren, die Beibehaltung der Zahresdurchschnittspreise für Weizen und Roggen von 260 bezw. 230 vor mit der Maßgabe daß der Reichs- ernährungsminifter für Weizen Roggen Gerste, Hafer und Erbfen die Vollmacht erhalten soll, die Zölle herauf- ober heruntersetzen zu können, wenn sich dies bei der Entwicklung der Wirtschaftslage als notwendig erweist. Der neue Zollvorschlag ist zunächst für drei Monate befristet und soll dann erneut geprüft werden. Dagegen ist die Veränderlichkeit für Gerste, Hafer und Erbsen nach den Vorschlägen des Reichsernährungsministers vollkommen ihm überlassen.
Was die Wiedereinführung der Ein- fuhrscheine betrifft, fo sollen sie nach dem Schiele'schen Vorschlag auch für Rindvieh und Rindfleisch, Schafe und Schas- fleisch sowie Erzeugnisie aus der Kartoffel jn Frage kommen. Eine Wertfetzung für Einfuhrscheine ist dem Vernehmen nach im Gesetz nicht vorgesehen Des werteren enthält der Schiele'sche Vorschlag
Die Einführung des Beimahlungs- zwauges. Wobei anscheinend keine Fixierung eines feste« Beimahlnngs- - Verhältnisses vorgesehen ist.
Für Speck, Malz, Palmin, Eier, Milch, Graupen. Grieß, Stärke und Sago sind weiterhin Zollerhöhungen vorgesehen worden die allerdings insofern auf gewisse Schwierigkeiten stoßen dürfen als die bisherigen Zollsätze in den Handelsverträgen gebunden find.
Der Reichsernährungminister fordert schließlich in seinem Agrarprogramm die Einstellung der zollfreien Einfuhr von Gefrierfleisch vom 1. Juli 1930 ab doch dürftt er hierbei auf heftigen Widerspruch bei einigen Parteien stoßen.
Neufassung des Agrarprogramms?
Das Kabinett hat .wie die „D o s s i s ch e Zeitung" berichtet, an dem Schiele, scheu Gesetz zum Schutze der Landwirtschaft eine ganze Reihe von Aenderungen vorgenommen, da die in der Denkschrift des Reichsernährungsministers enthaltenen Forderungen des Landbundes nicht in allen Punkten die Billigung der übrigen Kabinettsmitglieder finden. Wegen der zahlreichen Aenderungen ist, wie das amtliche Communigu4 feststellt, gestern »war eine „grundsätzliche Einigung", nicht aber eine Festlegung aller Einzelheiten ereicht worden. Deshalb wurden die Kabinettsberatungen auf heute vertagt, wo Schiele eine den Aende- tungen Rechnung tragende Neufassung des Programms vorlegen wird.
Da hierdurch für die parlamentarischen Beratungen ein Tag verloren geht, rechnet man damit, daß das Agrargesetz nicht als Gesetzentwurf der Regierung, sondern als Initiativantrag der Regierungsparteien eingebracht werden wird. Zn diesem Falle würde zunächst eine Beratung im Reichsrat wegfallen, und erst nach der Beschlußiasiung des Reichstages würde der Reichsrat Stellung zu nehmen haben.