Nr. 193
CbetWnWt Zeit-ms, Marburs e. L, Montag, den IS. Atzgust 1929
Seite 5
Aus der MgegM
Krets Marburg
Schröck, 17. Aug. Am Sonntag findet tn Schröck das diesjährige Jugendtreffen der oberhesiifchen Stammvereine statt. Am Sonntag morgen findet nach Eintreffen der einzelnen Vereine Irr- gendgottesdienst mit Hochamt und Predigt statt, nachmittags 1.30 Uhr ist der Festzug und anschließend Festrede des Diözesanseniors. Von einer Spielgruppe des Brudervereins Hünfeld wird auf einer Freilichtbühne das Theaterspiel: „Abrahams Opfer" von dem bekannten Rhöndichter Pfarrer Rüdling aufgeführt. Den Ab- schlnß des Treffens bildet ein Fußballwett- spiel einer aus den besten Spielern der Vereine der M.-W.-B.-Linie bestehenden Mannschaft gegen eine solche jeseits dieser, und anderer Sport.
s. Kirchhain, 19. Aug. Der g e-fl rirgre Sonntag brachte größeren Fremdenverkehr nach hier, da auf dem Festplatz ein Wanderzirkus seine Zelte aufgeschlagen hatte, dessen Leistungen jedoch im Durchschnitt lagen. Die hiesigen Geschäfte waren aus diesem Grunde einige Stunden am Nachmittag geöffnet.
s. Kirchhain, 19. Aug. Heute begeht der Begründer und langjährige Leiter unserer Mittelschule, Herr Rektor und Pfarrer Schmidt, seinen 65. Geburt sTag. Herr Schmidt, der sich um das Verkehrs- und Schulwesen unserer Stadt große Verdienste erworben hat, gedenkt noch in diesem Jahre in den Ruhestand zu treten.
s. Albshauseu, 19. Aug. Für den hiesigen Landwirt Nau, dem am 3. ds. Mts. infolge Brand durch Kurzschluß Scheune und Stallungen nebst Inventar und Heuernte ein Raub des Feuers wurden, hat die Ortsbauernschaft und der Kreisbauernverein eine Sammlung eingeleitet. Der Aufruf schließt mit den Worten: Was dem Einen heute passiert, kann morgen auch dem Andern zustoßen. Gewiß ein schönes Zeichen für den Geist in der Organisation und Kreisbauernschaft. Alle für Einen und Einer für Alle.
s. Niederwald, 19. Aug. Die Störche haben feit einigen Tagen ihre Brutstätten verlassen und find anscheinend schon fortgezogen, woraus man auf einen baldigen Herbst und zeitigen Winter schließt. — Das Getreide ist zum größten Teil geschnitten und auch mit dem Einfahren des Hafers wird bereits begonnen. Sollte das günstige Erntewetter noch einige Tage anhalten, so wird im Laufe der Woche die gesamte Getreideernte unter Dach und Fach gebracht werden.
«reis Frankenvers
Frankenberg, 19. Aug. Mit dem Autoverunglückt ist Sonnabend nachmittag auf der Ederstraße der Autohändler
Lan-fteaßenhilfe für verunglückte Autos
Ä
FERNSmCHER i AUTp 'iÄjL
w
U)
Ti
.j8;
L*- *
A:
? HS
U. AW
■
Di« Autohilfe-Eesellschaft hat jetzt auf der Streike Berlin-Leipzig einen vorbildlichen Hilfsdienst für verunglückte Autos organisiert. Auf der Strecke stnd im Abstand von je 4 km Telefone angebracht, zu denen den Autobesttzern Schlüssel vermietet werden. Mit Hilfe dieser Apparate kann Hilf« bei Pannen oder Unglücks fällen binnen kürzester Zeit herdeigerusea «erden. Di« Eesells chast gedenkt dies« Einrichtung auf aü« großen Autostraßen Deuschlands auszudehnen.
Pfafftath von Per. Er erlitt einen Beinbruch und mutzte sich in ärztliche Behandlung begeben.
s. Ernsthausen, 19. Stoß. Die hiesige Gemeinde läßt auf dem Wege zur Haltestelle eine neue Brücke über die Wohra bauen als Ersatz für die alte, hölzerne Brücke, welche fast kaum noch passierbar war und eine Gefährdung des Verkehrs, besonders bei Nacht, darstellte. Die Konstruktion der neuen Brücke besteht aus Beton und schweren eisernen Schienen. Der Kostenanschlag ist mit etwa 4900 jH angesetzt.
Sus dem StiltteS
40 Bereise mit 1500 Säuger«.
Dillenburg, 19. Aug. Zn einer kürzlich in Dillenburg stattgefundenen Eauvorstandssitzung wurde über die Tätigkeit des Gaues XI im Nassauischen Sängerbund, insbesondere der bestehenden vier Gruppen, beraten. Die Führer der Erup-. pen Haiger und Sinn hatten bereits für
den Monat September ein Gruppenkonzert geplant und als Ort der Abhaltung Haiger bezw. Sinn festgelegt. An den Aufführungen werden sich die zu den Gruppen gehöttgen Vereine — zirka je 10 — beteiligen. Im Frühjahr 1930 werden dann voraussichtlich die beiden anderen Gruppen, Dillenburg und Herborn, ebenfalls mit einem Konzert an die Öffentlichkeit treten. Der Gau, der Anfang des Jahres nach der Verschmelzung mit dem Dill-San- gerbund 32 Vereine stark war, zählt heute bereits 40 Vereine mit einer Sängerzahl von beinahe 1500 Personen. Der Zusammenschluß der Vereine hat das Chorgesangswesen in unserem Heimatgebiet mächttg gefördert.
lleberfallen und beraubt.
Herborn, 18. 2klg. In der Macht zum Freitag wurde auf der Burger Landstraße der in Herborn beschäfftigte Monteur Georg Biensack aus Fulda
von zwei jungen Leuten überfallen und feiner Barschaft in Höhe von 400 Mark beraubt. Die beiden Täter sind unerkannt enttotroen.
p rrmtiimr
■ v*1 SAetSte Düe»rs. Mettn-e Leb-sns- SSt >6 Einschaltbildern 112 Setten.
- ÄUxmgoetoe, SSeißn SW. 68. Geb. 2,25 <M- — £#et erzählt die Dichterin einmal von sich sWst und stcher fit bas ihren vielen Freunden und Lesern gleich willkommen, wie ein neuer Roman. Wie tiiee Romangestalten oft etwas Mwüchstges baden und wie sie wissen, mit dem Leben ftrfis zu werden, so anch Marie : Dters selbst, denn sie bat ein Herz voll Liebe und okachtooven Humor. Beides strahlt bell ass btefem kleinen Sonnenbuch heraus. Svmre las schon über ihrer Kindheit tm Mecklenburger Pastorat, den Neustrelitzer Schul- iWen, wke über jener ganzen Zeit deutscher Grütze, als man am histottschen Eckfenster auf den alten Koffer wartete. Das alles gewinnt Üfer Leben und Farbe, und immer blitzt da- zwSchm der goldene Humor der Dichterin auf And Sonne lag auch über dem ferneren Lebenstag, wenn sie zuweilen auch durch Wolken Kiene Wer früher Witwenschaft, erster Schriftstellerei und dem stolzen Andenken an den einzigen geliebten Sohn — gefallen als Fliegerleutnant, aber «tu Held und keine Remarquejche Gestalt.
< * .4 > ,i ■—in -■
*• Somur-e rftrltschen wnd Stand-- auartiere in Oberbayern und Tirol, nebst Winterfrischen zur Winter-Erholung und Sport. Aus- sewächlt und beschrieben von Prof.- Dr. Karl Kinzel 6. vermehrte Auflage. Mit 4 Stadt- vläwen' 6 Bildern und einer llebersichtskarte. Verlag' Friedrich Bahn in Schwerin i. Mecklb. Katt 3,00 RM. Dieser „Kinzel" gibt mit seinen Ortschaften rum Ausvuhen in bekannter Zuverlässigkeit seinen guten Rat und dazu allerlei praktische Vorschläge, wie seine Freunde sie an ihm schon lange schätzen. Wer sein Buch benutzt, spart oft schon in einem Tage seinen Preis von 3 RM. heraus. Mit diesem 23anb zusammen seien die bewährten Reise- unb Wanderbücher Prof. Kinzels: Oberbayern und Tirol (16. Aufl„ 7.—), Schweiz (9. Ausl., 5,80) und Italien (7. Ausl., 7—y in ihren Neubearbeitungen empfohlen, ebenso fein Buch für Norwegen, Schweden und Finnland (7.—). ।
Sommerkur für
Nervenkranke and Nervös-Erschöpfte. SpezUlkuran- stalt Hofhelm Im Taunus bei Frankfurt a. Main. — Prospekte durch
(Nachdruck verboten)
Jas «Ma Mit Liebe
Von Agnes Harder.
Copyright bei Greiner & Co., Berlin NW. 6.
33. Fortsetzung.
Clemens saß auf dem zweiten Stuhl des Zimmers. Nicht einmal Zorn kam hier herein. Da hatte der Freund nun immer wieder von Hatwig gesprochen, die er nur zu ihm „sie" nannte, gegen alle anderen sprach er von ihr als von Fräulein von Brockhöfen. Hing die Lebensprobe, die er machen wollte, mit ihr zusammen? Er hatte ihm vorhin nicht geantwortet. Gerade er, der Bruder, konnte nicht noch einmal fragen. Und doch wußte er, daß Hatwig, die gesagt hatte, daß sie keiner selbstlosen Menschenliebe fähig sei, sich hier verströmte. Sich verbluten würde bis zum letzten Tropfen. Er, der einzige Brockhö- fen, der nicht mit sich selbst beschäftigt war, der mehr mit dem Freund lebte als mit der Schwester, hatte von Anfang an wache Augen gehabt.
Der Gedanke an Besitz lag ihm fern. Garzin war so garnicht begehrenswert, Eberkopf selbst das Gegenteil von ihm, was man einen wünschenswerten Lebensgefährten nennt. Er sah Hatwig vor sich, wie damals unter den Eichen in Wietzen. Sie fragte nach Baron von Eberkopf, ihrem Jugendideal, und er sagte ihr, daß dieses leuchtende Idol erloschen sei. Niemals hatte er den Freund in Gedanken mit Frauenliebe verbunden.
Ihm selbst lag sie so fern. Mutter würde wieder fragen, ob er sich nicht eine Frau mitnehmen wolle. Er konnte es nicht. Sein Blut sprach nicht mehr. Aber der Freund war gesund geblieben, nur daß sein Lebensbild blasser und blasier wurde. Er erlosch wie eine Photographie, die man lange Jahre der Sonne aussetzt. Warum sollte er nicht Hatwig heiraten, wenn er es sich ersehnte? Warum aber war er so unruhig, wenn er einen Entschluß gefaßt hatte? Kinder? Ob er an dieses letzte Glück dachte? Clemens lächelte. Dieses alte Europa hatte ihm einen so erlöschenden Eindruck gemacht, daß ihm Kinder etwas Nebensächliches schienen.
Nun, er würde fortgehen, ohne das Rätsel zu lösen. Nichts hn Leben geht rein auf.
Viren war aufgestanden und ans Fenster getreten. Die Sonne ging unte?. Der westliche Himmel stand in Flammen. Aber wenn er sich umwandte und nach dem gegenüberliegenden Fenster sah, lag auch im Osten ein rosiger Abglanz. Er zeigt ihn dem Freund, der neben ihn getreten war.
„Dort ist dein Weg, im Land der ausgehenden Sonne. Bei jedem Abendrot werde ich dich grüßen."
Sie sagten nichts mehr. Sie standen sttll und sahen in den Himmel. Da trat in die blasier werdende Röte die Venus. Sie war so stark um diese Jahreszeit, daß sie die rosigen Wolken nicht fürchtete, sondern sie mit einer siegenden Helle durchbrach. Alle neue Kraft der Erde, der ganze sprossende Frühling schien ihr Werk.
Die beiden Freunde sahen zu ihr hin. Den einen hatte sie für immer aus ihren Reihen verbannt. Würde sie dem andern gnädig sein?
Die Frühjahrsbestellung war beendet und Hilde dachte nun ernsthaft an Wiesbaden. Die nächste Zeit einer gewissen landwirtschaftlichen Ruhe konnte dem „jungen Mann", der Thilo in seinen Augen war und blieb, überlasten, ohne zu große Befürchtungen mit in die Tur zu nehmen. Tante Berta hatte beschlossen, daß Biene den Vater begleite. Einmal fürchtete sie, der störrische Mann hielte es in der Fremde ohne eine sichtbare Verbindung mit der Heimat nicht aus. Dann aber fand sie, daß Biene ungleich und wenig liebenswürdig geworden war. Der gute Einfluß Hatwigs, dem sich das Naturkind einmal so willig gefügt, schien dahin. Biene war so trotzig wie ihr Murx, der den ganzen Tag um sie herumbellte. Nur daß sie manchmal vergaß, lieb zu sein und Pfötchen zu geben. Vielleicht steckte ihr der Frühling im Blut. Als Tante Berta mit Hatwig darüber sprach, riet die selbst, sie einmal eine Weile fort zu tun. Die Reise mit dem Vater sei gerade das Rechte.
„Also ich werde fortgeschickt" sagte Biene bitter. „Meinetwegen, mir wird niemand nachweinen."
Die Tante schüttelte den Kopf.
„Äinb, törichtes. Es liegt doch nur an dir, dich vermissen sie nicht.
Biene flog ihr an den Hals und weinte. Die Tante begriff sie nicht.
„Und Murx? Was wird mit Murx?"
.Herr von Brockhöfen wird auf ihn auf- pasien. Der Hund hängt an ihm."
So wurden die Koffer gepackt, ein noch nie dagewesenes Ereignis. Tante Betta bestand darauf, daß eine Schweineschulter mitgenommen wurde und versprach die regelmäßige Zusendung von frischen Eiern. Milde wurde verpflichtet, Biene in Wiesbaden ein neues Kleid zu kaufen, was sehr nötig war, aber nur mit halbem Ohr auf- genommen und mit halbem Herzen versprochen wurde: denn wenn er im Hause war, saß der Vater mit dem „jungen Mann" beständig über den Büchern und Karten. Das schlimmste war, daß für diese Zeit ein Ausfall vom Oberförster erwartet wurde, dem hier niemand gewachsen war. Als Thilo später durch die Küche kam, fragte er die Tante, warum sie denn aus Fräulein Biene einen ebensolchen Affen machen wolle, wie die andern Frauen es feien. Uebetijaupt war er gegen ein Modebad.
„Fräulein Biene bliebe auch bester zu Hause, wo Sie doch bald ihren Hausschnupfen bekommen, Frau Linsing."
„Unken Sie doch nicht so, Herr von Brockhöfen. Wo wir noch im Mai sind. In vier Wochen find fie ja wieder hier. Dann ist das Kind hoffentlich etwas ab- gefchliffen."
Thilo antwortete etwas Unverständliches und ging auf den Hof. Da fuhr gerade unter einem Strauchhaufen Marx mit einem Gekläff auf, das ihn nervös machte. Er war jetzt oft so gereizt. Und als der Hund, dem Biene ein unaufhörliches „Hetz! hetz!" zuschrie, blind in seinem Eifer gegen ihn anfuhr, ohne ihn zu sehen, nahm er ihn und schleuderte ihn beiseite.
Aber er hatte feinen Unglückstag. Murx fiel gegen eine Egge, die auf dem Hof stand, riß sich sein Fell ein und kroch jämmerlich heulend auf feine Herrin zu.
Blut! Biene schrie auf, nahm den Hund auf den Arm und fuhr gegen Thilo an.
„Ihnen vertraue ich meinen Murx nicht an. Er ist der einzige Mensch, der mich hier lieb hat. Ja, Mensch, ich sage xs noch einmal. Tiere find oft mehr als Menschen. Aber Sie verderben einem ja jeden Spaß. Sie, Sie —“
Sie fand offenbar keinen Ausdruck für ihre Entrüstung. Thilo war sehr blaß geworden und ging vom Hof. Hatwig, die gerade heraustrat, nahm sie in die Halle.
„Laß gut fein, Kind, vertraue mir Murx an, ich werde auf ihn aufpasten. Thilo hat es nicht bös gemeint."
Aber da half kein Trösten.
„Es ist gut, daß ich fortgehe. Am heb« sten käme ich garnicht wieder. Hier tn Garzin ist mir doch alles zerstört."
Hatwig streichelte fie nur. Dann wuschen fie Murx die Wunde aus.
„Er paßt aber gar nicht ins Schloß. sagte Biene. „Er hat Angst vor Terro. Der ist verrückt, das weiß ich ganz bestimmt. Ich fürchte ihn auch. Und der kleine Fu ist so vornehm."
„Murx ist doch auch echt. Frau Schrmd- dern gab doch fernen Stammbaum." Biene wurde nachdenklich.
„Er ist so echt wie ich felbft. Aber doch nur ein Dackel, trotz seiner Drathhaare. Wir paßten so gut zueinander. Das ist vorbei."
.Kind," dachte Hatwig, „wenn die Liebe noch so jung fft wie deine, dann lacht nach einem Maigewitter die Welt doppelt so hell." Am nächsten Morgen lag auf der Bank vor der Tür nebeneinander der alte Iltis und fünf Junge. Das Nest im Strauchwerk war ausgenommen. Als der Wagen vorfuhr und die Koffer aufgeladen wurden, stand Biene in ihrem einfachen Reisekleidchen vor ihnen.
„Habe ich es recht gemacht, Fräulein Biene? Ich möchte doch, daß Sie ein gutes Andenken an mich behalten."
„Sie mußten ja fort. Aber eins hätten Sie doch leben lasten können. Murx hätte fich mit dreien begnügt.
Er lachte.
„Mit Murx kann ich nicht konkurrieren. Aber darf ich nun auf ihn aufpaffen? Ich berichte Ihnen dann regelmäßig, wie es ihm gebt."
In ihren Hastelnußaugen, die nach heimlichen Tränen aussahen, leuchtete es auf.
„Das ist bester für ihn als das Schloß. Er hatte die Hunde dort nie leiden können." Sie nahm Murx, der fich dicht neben ihr hielt, auf den Arm. „Da haben Sie ihn. Artig sein, Murx, bis Frauchen wie« verkommt.
Als der Wagen abfuhr, sah fie zurück und lächelte. Thilo, der den Dackel im Arm hielt, sah ihr nach und drückte bett Hund so fest, daß er winselte.
ßoMetetua MäL
X