Einzelbild herunterladen
 

SHonfoe, tet 12. August ISN

Die ^Vberhesfifche 3etta< n- schetnt sechsmal wöchentlich. Be- pia#f ctK monatlich 2.10 CSR.oe* schließ!. Zustellungsgebühr, durch diePostLLS GM.s^ür etwa iufvig« Streik«. Mai ch inen defekt« »der elementarer Lreignistr ausfallend« Kummern wird kein Ersatz ge­leistet. Verlag d. Dr. §. Hitzervch. Druck der Unib.-Duehdruckerei b. Job. «nq. Koch. Mark, 21/23 Fernsprecher: Nr. 54. tu Nr. 66. Postscheckkonto: Amt Frankfurt a. M Nr. 5016. — Sprechet bet Redaktton von 10—11 web 1,1-1 Uhr.

ÄberlsMsche - Zeitung SeiTü*

Rk.187 M.Hatefl. Marburg a. Mn

-Der Anzeigenpret« beträgt für den 10 gespult. ZeilenmMimeter 0.08 GM, fietne Baranreigcn 0.06 GM. amtlich« und aus­wärtig« Anzeigen 0.10 GM Bei schwierigem Satz sowie bei Platz­dorschrift 50% Aufschlag. — Sammeianzeige« 100 % Auf­schlag. Reklamen der Millim. 0,40 GM Zeder Rabatt gilt al« Barrabatt. Ziel 5 Tage.

Dfferteu^Sebühr: 25 Pfg. Belege werden berechnet. Erfüllungsort Marburg.

1 Goidmark — Im Dollar.,

Anzeiger für (das frühere kurheMche) Oberhessen

Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.

Die Krise -er Haager Konferenz

Revision beS WmgvlnmS ober nicht? - Rmbma» Reift sich Mw Snewben

Auf französischer Seite vereinigt sich das Interesse nach wie vor ausschließlich auf den englisch-französischen Gegensatz in der Frage der Tributvereinbarungen. Un­verhohlen wird scharfe Kritik an der Hal­tung Snowdens geübt, den man auf fran­zösischer Seite für einen etwaigen Zusam­menbruch der Verhandlungen verantwort­lich machen will. Es besieht einstimmig der Eindruck, daß die Presieerklärung Brimrds am Freitag zu einer Verschär­fst«; der Lage beigetragen hat, da sie sich fast ausschließlich gegen die Haltung der «Mlischen Regierung in der Tributfrage richtete. Auf englischer Seite hat es be­sonders verärgert, daß Briand in seiner Erklärung mitten in den Verhandlungen bereits festzustellen suchte, daß Frankreich die Verantwortung an einem etwaigen Zusammenbruch der Konferenz nicht trage. Im Hinblick auf diese Lage war es erklär­lich, daß Snowden in der Sonnabend- Sitzung des Finanzausschusies den Stand­punkt der englischen Regierung uneinge­schränkt aufrecht erhielt und in sehr nüch­ternem Ton feststellte, daß England im Falle einer Nichtberücksichtigung seiner Wünsche weitere Verhandlungen für wenig zweckmäßig halte.

Pertinax meldet dem „Daily Telegraph" aus dem Haag, die gestri­gen langen Unterredungen zwischen den Führern der verschiedenen Delegationen ändern in Wirklichkeit nichts an der Kon­ferenzlage. Obgleich sich die Atmosphäre gebessert hat, scheint eine Lösung der Krise nicht näher als gestern. Pertinax bemerkt, wenn es zum Schlimmsten kommen sollte, so wird Briand zu einem direkten Ein­vernehmen mit Stresemann zu gelangen suchen, um den Zeitraum zu überbrücken, der bis zur Annahme und ' Durchführung des Yonngplanes vergeht. Was indeß der Inhalt eines derartigen Einvernehmens sein wird, kann augen­blicklich nicht leicht vorausgesagt werden.

Macdonald über seine Botschaft an Snowden.

Premierminister Macdonald er­klärte in einer Unterredung dem Vertre­ter des „Daily Expreß" bezüglich der Botschaft, die er an Snowden im Haag gerichtet hat: „Angesichts der auf dem Kontinent weit verbreiteten Ansicht, daß Snowden blufft, wollte ich es voll­kommen klar machen, daß der von ihm eingenommene Standpunkt, daß Großbri­tannien jetzt die Grenze des Ertragens ungerechter Lasten erreicht hat, die Ü n - terstützung von uns allen erhält. Ich erkläre, daß dies ohne Rücksicht auf die Partei ist.

Lloyd George hat gestern in einer Mitteilung an den „Daily Expreß" gleichfalls seine feste Unter st ützung des Schatzkanzlers zum Ausdruck gebracht.

Die „Times- zur Lage im Haag.

Die „Times" hält die weiteren Aus­sichten der Haager Konferenz noch keines­wegs für so ungünstig, daß bereits heute von einem Abbruch der Verhandlungen gesprochen werden könne. Es wäre aber ein außerordentlicher Irrtum, wenn man auf nichtenglischer Seite annehmen wolle (wie das in gewisien Teilen der auslän­dischen Presie bereits geschehen ist), daß Snowden versuche, den Poungplan zu zer­stören. Derartige Behauptungen seien geeignet, den Gang der Verhandlungen ernstlich zu beeinträchtigen. Snowden habe keine grundlegende Aenderung des Planes verlangt, sondern er habe in der

Hauptsache die britischen Interesien im Rahmen des gegenwärtigen Planes ver­treten.

Die Aufgabe, zu deren Behandlung die Konferenz zusammen berufen sei, sei un­gleich grHer als die der Regelung der deutschen Reparationsfrage. Es handelt sich darum, die Politik des Ausgleiches und der Beftiedigung, wie sie m Locarno angenommen worden sei, zu einem guten Ende zu führen. Das sei auch der Grund, warum man es nicht zu einer plötzlichen Krise oder einem Fehlschlag der Verhand­lungen treiben lassen wollte.

Der Poungplan.

In der gegenwärtigen gespannten politi­schen Lage, in der es sich um die folgen­schwere Entscheidung über Annahme oder Nichtannahme des «neuen Reparations­planes handelt, ist es vor allen Dingen nötig, sich eine gründliche Kenntnis des Poungplanes vom 7. Juni 1929 zu ver­schaffen. Die Zeitschrift des Arbeitsaus­schusses Deutscher Verbände „Der Weg zur

Freiheit" kommt in ihrer Doppelmrmmer vom 1. August ds. Js. diesem Bedürfnis entgegen durch eine Zusammenstellung des ganzen einschlägigen Materials. Sie bringt den Wortlaut des Berichtes des Sachverständigenausschusies und läßt dann kritische Betrachtungen folgen, in denen vor allem hervorgehoben wird, daß es sich keinesfalls um eine endgültige Lösung der Reparationsfrage handeln kann. Nicht wirtschaftliche Vernunft, sondern politische Rücksichten haben die Fassung des Berich­tes entscheidend beeinflußt, und nament­lich bedeutet die Einbeziehung der inter­alliierten Kriegsschulden eine Unterhöh­lung und Umgehung der vertraglichen Be­stimmungen. In Sonderabschnitten wird ferner in dem Heft über den Verlauf der Pariser Konferenz berichtet, weiterhin die Entstehung der belgischen Markforderun- gen und die Reparationsverpflichtungen der sogenannten bisherigen Leistungen I Deutschlands, auf deren Anrechung Deutschland nach dem neuen Plan verzich­ten soll.

im ßssg

Eine Ansvrrchr Sr. Sirrsemmms

fk. Haag, 12. Aug. Am Sonnabend abend fand in der deutschen Gesandtschaft im Haag eine Verfasiungsfeier statt, an der die gesamte Delegation und die deutsche Kolonie teilnahmen. Reichs­minister Dr. Stresemann hielt eine Ansprache, in der er sagte:

Die Verfassung von Weimar ist aus Not geboren worden. In trübster Zeit der deutschen Geschichte war sie der Grundstein für eine neue Entwicklung. Wenn wir uns vergangener Zeiten erin­nern so war

der Friede nach dem zweiten Pnni- schen Kriege maßvoll im Vergleich zmn Diktat von Versailles.

Unzweifelhaft stehen wir in den Verhand­lungen im Haag vor großen Entscheidun­gen. Man bedenke, daß eine friedliche Zu­sammenarbeit der Nationen -nut möglich ist, wenn eine die andere nicht nur mit Worten, sondern in Wirklichkeit als gleichberechtigt anerkannt und ihr diejenige freie Souveränität zusteht, die die Grundlage ist für jede Entwickelung. Bei dem, was wir finanziell zu leisten haben, sind wir bis an die Grenze dessen gegangen, was einem Volke überhaupt zu­gemutet werden kann, nicht weil wir uns

schuldig an der Entstehung fikhken, sondern weil wir den Krieg verloren haben. In dem letzten Jahrzehnt seit der Entwicklung neuer Beziehungen zwischen den Völkern, die die Verständigung an die Stelle des Krieges setzen, ist Deutschland vielfach führend gewesen, darum hoffe ich,

daß das Jahr, in dem wir leben, auch das letzte sein muß, iu dem noch fremde Truppen auf deutschen Boden stehen dürfen.

Ich bin fest davon überzeugt, daß die Ge­schichtsschreibung einmal den Wiederauf­stieg unseres Landes nach einem Sturze ohnegleichen in die Geschichte der Völker einreihen wird als eine der größten Taten aller Zeiten. Das Deutschland, das im Jahre 1919 keine Schiffe über 1200 Ton­nen mehr hatte, hat nach dem kurzen Zeitraum von 10 Jahren einen deutschen Dampfer das „Blaue Band des Ozeans" gewinnen sehen. Lassen Sie uns, wie wrr zu den Ereignissen auch stehen, die wir miterlebt haben, das, was groß in dem Alten war, ehren und achten, und mit allen Kräften leben für die Gegenwart und mit dem Glauben an die deutsche Zu­kunft. Das in der Republik geeinte deutsche Vaterland lebe hoch!

Sem CoresMuMag

Breslau, 11. Aug. Dis Spitzengrupve der Europaflieger ist auf dem Breslauer Flughafen in der Zeft von 8 Uhr 35 bis 9 llhr 24 gelandet. Zuerst traf der Eng­länder B r o a d ein, dann in kurzen Ab­ständen der deutsche Kirsch, die Englän­derin Miß S p o c n e r, der deutsche Seniorflisger O f f e r m a n n, der Tscheche Kleps und der Kanadier Earberry. Die meisten hielten sich nur wenige Minu­ten in Breslau auf. Die deutschen Flie­ger erklärten, unter allen Umständen ver- suchen zu wollen, noch am Verfassungotage in Berlin einzutreffen.

ArlnsmnWMM fm Miet der MM

fk. London, 12. Aug. Entlang der chinesischen Ostbahn ist im Zusammenhang mit verschiedenen Sabatageakten nach einer „Time s"-Meldung aus Schanghai der Belagerungszustand ver­hängt worden. Westlich von E h a r b i n wurde durch einen neuen Sabatageatt ein Güterzug zum Entgleisen gebracht. Eine Person wurde hierbei getötet, verschiedene andere verletzt und zahlreiche Güterwagen zerstört. Etwa 200 russische Eisen­bahnarbeiter sind unter dem Ver­dacht verhaftet worden, den Ausbruch eines Generalstreiks zu begünstigen.

SerMimMirr in Berlin

Berlin, 11. Aug. Lange bevor die Feier im Reichstage ibren Anfang nahm strömten bereits viele Tausende zum Platz der Repu­blik, so datz gegen Mittag eine unübersebbare Menschenmenge den Matz füllte. Pünktlich um 12 Uhr fuhr Reichspräsident von Hin­denburg vor dem Reichstage vor. Für sel­ben Minute marschierte die 9. Kompagnie des Infanterieregiment 7 aus Breslau im Pa­radeschritt unter klingendem Spiel an und nahm vor dem Reichstage Aufstellung. In­zwischen batte sich der grobe Sitzungssaal des Reichstages bis auf den letzten Platz gefüllt. Die große Wandelhalle war mit den Salmen der Länder und des Reiches und den Büsten der Reichspräsidenten Ebert mrd von Hinden« bürg geschmückt. In der Vorhalle des Saupt- vortals war die Büste des Schöpfers der Wei» mauer Verfassung Dr. Hugo Prentz oufoe* stellt.

In der Divlomatenloge halbe sich unter Führung des Nuntius Pace IN das diplo­matische Korps eingefunden. Auf der Re­gierungsestrade sah man die m Berlin an­wesenden Reichsminister und prentzischen Mi- minister, ferner Staatssekretäre des Reichs und Preutzens, eine grobe Anzahl hoher Reichsbeamter, den Chef der Marinelestuns Admiral Dr. Roeder und Vertreter der Heeresleitung Wenige Minuten nach 12 Uhr betrat Reichspräsident von Hindenburg, begleitet von dem Vertreter des erkrankten Reichskanzlers, Reichswehrminister Groener und dem Reichstagspräfidenten L ö b e die Ehrenloge, in der au her den schon genanten Herren auch der preußische Minister Sirt- s i e f e r Platz nahm. Bei seinem Eintritt be» grühten die Anwesenden den Reichspräsiden­ten ehrfurchtsvoll, indem sie sich von den Sitzen erhoben.

Nachdem bas Berliner Sinfonieorchester das Concerto grosso in D-Moll von Händel zum Vortrag gebracht hatte, betrat Reichsminister des Innern

Severin« die Tribüne und hielt eine Rede, in der er n. a. ausführte:

Herr Reichspräfwent, Hebe Volksgenossen! Es ist nicht das erste Mal, daß die Ver- fassungsfeier der deutschen Republik in eine Zeit fällt, rn der Schicksalsfragen der deut­schen Nation, Schicksalsfragen der gansen Welt zur Entscheidung stehen. Und deshalb richten sich heute auch frei dieser Feier unsere Blicke nach dem Haag wo bte Vertreter der deut­schen Regierung mit den Vertretern der Re­gierungen Europas und der Welt sich mühen, aus den Friedensanfängen des Jahres 1919 nun den wirklichen Frieden herzustellen, den Krieg endgültig zu liquidieren. Und ich glaube, wir können diesen Tag nicht besser ein­leiten als dadurch, datz wir der Hoffnung Aus­druck geben, datz es den Bemühungen der Staatsmänner der ganzen Welt gelingen möge, dieses Programm der Völkerverständi­gung auch - durchzuführen, damit die Völker Ruhe und Frieden, die Wirtschaft der Welt Stetigkeit bekommt, baß Wohlstand und Glück allen Völkern erblühen mögen. Dieser Tag ist eht Tag der 'Freude, die notwendig ist, wenn wir den schweren Weg mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft zurücklegen wollen; denn die Freude ist es, die die Seelen adelt.

Cs ist auch an sich unrichtig, bah das neue Deutschland etwa die Verbindung mit der Vergai«enheit ablehnen könne.

Auch in der Vergangenheit, auch unter der alten Staatsform haben wir Gröhes erlebt, und die Demokratie von Weimar ist nicht erst in Weimar entsprungen, sondern langsam her­angereist, schon in der Vergangenheit unter der alten Staatsform. Das Werk des Frei- berin vom Stein, die Kämpfe der 48er, die Geschichte der Paulskirche, das allgemeine, ge­heime und direkte Wahlrecht, die Selbst- erzrehung der Arbeiterschatt in den sozial­politischen Körperschaften, alles das sind Mei­lensteine auf dem Wege zur Demokratie. Man konzediert der Republik und dem neuen Deutschland höchstens, datz die Demokratie von Weimar das Land vor den Bolewisten be­wahrt habe. Wäre das auch nur das einzige Verdienst, es wöge schwer genug. Aber die Republik, die Verfassung von Weimar hat Grötzers geleistet: Sie hat die Reichseinheit, erhalten, und was mir als Vertreter der deut­schen Arbesterschast zu betonen besonders am Herzen liegt, die Demokratie von Weimar hat die Arbeiterschaft 3um Staat geführt, hat der Arbeiterschaft bas Gefühl beigcbracht, datz die­ser neue Staat ihr Staat sei. Die Freud am.