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Der Vorsitzende der Deutschen Zentrumsfraktion, Prof. Dr. K a a s, hat an Reichsmini- fter Dr. Wirth ein Schreiben gerichtet, in dem er seine Besorgnisse mitteilt über die neuerdings in einem Teil der französischen Preffe aufgetauchten Bestrebungen, den Gedanken der sogen. Feststellungs- und Vergleichs kommiffion ungeachtet der deutscherseits mit Einmütigkeit erfolgten Ablehnung als eine französische Forderung auf der kommenden politischen Konferenz noch weiter zu vertreten.
Die Deutsche Zentrumspartei werde zu jeder Reichsregierung, di« auf den Ge- bonhot einet permanenten Ksntrvüksm- eingehen würbe, in schärfste Opposition treten.
Dr. Kaas setze in die politische Einsicht der Reichsregierung und in ihre Energie das Vertrauen, daß jedem Versuch entgegengetreten wird, die Souveränität des Reiches in der entmilitarisierten Zone noch weiter zu schmälern und bittet Dr. Mrch — zusammen mit den übrigen Mitgliedern der deutschen Delegation der bevorstehenden Konferenz — nichts unversucht zu lassen, um alle, die guten Willens sind, von dem aussichtslosen Versuch abzuhalten, da» beabsichtigte Werk der Befriedung mit einer
vertraglich unberechtigten tmb sachlich fhmlofen Demütigung
des deutschen, insbesondere des rheinischen Volkes, zu belasten.
Reichsminister Dr. Wirth bestätigt m sei- Bem Antwortschreiben, daß in der Tat die französische Presse die Forderung einer dauernden Feststellungs- und Vergleichskom- «nflion für die entmilitarisierte Zone am Rhein propagiere. Frankreich sei aber schon jetzt nach dem in Kraft befindlichen Vertragsrechte, mit einem doppelten Ringwall von Sicherungen umgeben.
Die erste vertragsrechtliche Sicherung ge- meßt Frankreich, so führt Dr. Wirch aus, auf Grund des Artikels 213 des Ver fallier Vertrages über die Abrüstungskontrolle, die her Völkerbund über Deutschland ousübt. Diese Kontrolle bezieht sich auch auf die entmilitarisierte Zone als Teil des deutschen Gesamtgebietes. Andererseits hat der Locarnopakt von 1925 die Bestimmungen des Versailler Vertrags über die entmilitarisierte Zone einem eingehend organisierten Schlich- tungs- und Garantiesystem unterstellt, das soweit geht, daß
unter gewifleu Voraussetzungen die Waffen Großbritanniens und Italiens Frankreich zur Verfügung stehen.
Tkrrch sorgfältigste Ausbildung von Organismen fInoestitatwnskommifliou, Vergleichskommissionen) und Berfahrensregelungen unter der Obhut des Völkerbundes ist jede denkbare Gewähr dafür gegeben, daß diese Sicherheiten im Ernstfälle auch wirklich ftrnk- tionieren. Allerdings haben diese Regelungen auch für Deutschland den Vorteil gewisser Rechtsgarantien.
Ich woge zu sagen, daß jeder neue Organismus, der auf eine Dauerkontrolle der ent« militarisierten Zone gerichtet ist, Frankreich keine höheren Sicherheiten geben kann als die bisherige Regelung.
Der Unterschied könnte deshalb nur der fein, daß unsere Rechtsgorantien »er- mfabert würben.
Da Frankreich auch bei Geltendmachung seiner Sicherheit von uns doch nicht verlangen kann, was nicht recht und billig ist, so kann es auch nicht eine Verminderung unserer Rechtsgarantien anstreben, die doch künftigen Schikanen, Mißbräuchen und Bedrückungen gegen uns Tür und Tor öffnen würde, ohne die Sicherheit Frankreichs im geringsten zu verbessern. Wir halten fest an der Bindung de» Völkerbundes mit den Ausgaben der
Friedenssicherung im allgemeinen und denen in Bezug auf die entmilitarisierte Zone am Rhein im besonderen. Die bestehenden Dauerregelungen in Bezug auf die entmilitarisierte Zone weisen eine Verbindung mit dem Völkerbünde auf, die wir nicht lockern können.
Die dauernde Neuschaffung von Sonder- orgauismen ist eine BerwSsserung und Schwächung des vSlkerbundlichen Grundgedankens.
Die Feststellungs- und Dergleichskommifsion, die die französische Presse propagiert, wäre als ständige Einrichtung ein stärkster Einbruch in die moralische Autorität des Völkerbundes in der Aufgabe der Friedensficherung. Ja, die Erfüllung dieser Aufgabe könnte dadurch gefährdet werben. Das abgerüstete Deutschland kann unmöglich diesen Sprung von dem sicheren Boden der Rechtsordnung des Völ
kerbundes in den unsicheren Strudel von Regelungen machen, die in schwierigen Zeiten, da der innere Ausgleich fehlt, die Belastungsproben nicht bestehen würden.
Deutschland kann nicht zu seiner Wehrlosigkeit noch seine Rvchtslofigkeit fügen. Zum Schluß heißt es in dem Schreiben: Eine Dauerkommission über die Rheinlande wäre ein Schlag gegen Deutschlands Recht, der mit dem Ruhreinbruch verglichen werden könnte, und ein Rückschritt in der ganzen friedlichen Entioicklung. Daß überdies eine solche französische Forderung zu den von Frankreich zu bietenden Gegenleistungen im grotesken Mißverhältnis stehen würde, springt in die Augen. Um des Rechtes und des Friedens willen mutz und wird eine For- derung, die eine DauerkoMission für die Rheinlande verlangen würde, unsere aller- schärfste Ablehnung finde«.
Kriegsschulden und Remrattonen
SefotortS Erklärungen in ter Kammer
Paris, 12. Juli. In der Vormrt- tagssitzung der Kammer setzte Ministerpräsident Poinearä das Expose über die Schuldenfrage fort. Er erwähnte die vergeblichen Bemühungen um EÄangung einer Schutzklausel gegenüber Amerika und erklärte, Frankreich hätte seine Schuld logal bezahlt, solange es Zahlungen Deutschlands erhalten hätte. Aber diese Lösung habe sich als unmöglich erwiesen. Vergeblich habe man in Washington Verhandlungen aufzunehmen versucht. Die Regierung habe sich dann mit den anderen Staaten dahin verständigt, daß das Sachverständigenkomitee einen Plan ausarbeiten solle, der eine tatsächliche Verbindung zwischen den Zahlungen der Schuldner und der Gläubiger herstellt.
Frankreich habe kein Interesse daran, ein Verfahren vor einem Schiedsgericht einzvleite«, da dieses Gericht die Menschenopfer und alle anderen Kriegsverluste nicht in Betracht ziehen würde.
Auch würde das Gericht die von Frankreich durchgeführte Finanzierung gegen Frankreich auslegen.
Auf einen Zwischenruf des sozialistischen Abg. Vincent A u r i o l über die Entwertung des Franken erwiderte Poincarä: Sie haben bei der Aufstellung der Bilanz der politischen Verantwortlichkeiten das lange Versagen Deutschlands vergessen. Der
Poungplan so fuhr Poincarö fort, wird in Amerika als Erfolg für Frankreich betrachtet. Die Amerikaner sagen, daß wir ohne Eingreifen in die Verhandlungen niemals von unserem Schuldner die festen und durchaus geschäftlichen Verpflichtungen erlangt hätten, die der Youngplan auferlegt. Nach einer kurzen Unterbrechung der Sitzung wandte sich Poincars der Schuldenregelung mit England zu. Das britische Schatzamt habe erklärt, daß Frankreich, wenn es die 10 Milliarden an Amerika zahle, die gleiche Summe an Großbritannien zahlen mutzte. Pioncarä bezeichnet es als sicher, daß England und die Vereinigten Staaten, falls die Kammer in den Text des Ratifizierungsgesetzes irgend einen Vorbehalt aufnehmen sollte, sich für berechtigt halten würden, die Abkommen als nichtratifiziert anzusehen und die in ihrem Besitz befindlichen französischen Schatzscheine im Betrage von 653 Millionen Pfund im Umlauf zu setzen, anstatt diese Schuld aus 62 Jahre zu verteilen.
Am Schluß der Kammerfitzung gab Ministerpräsident Poincarä eine Darstellung der Vorgeschichte des Poungplanes, wobei er insbesondere die Rolle, die Parker Gilbert dabei spielte, erwähnte. Als er dazu übergehen wollte, die Tragweite des Poungplanes zu behandeln, und mitteilte, daß er noch etwa ly? Stunden zu sprechen gedenke, regte der Kammerpräsident an, die Fortsetzung auf Dienstag zu vertagen, was dann beschlossen wurde.
Der britische Botschafter in Paris, Lord T y r e l l, hat auf telegraphische Anweisung seiner Regierung in Paris erneut Schritte unternommen und auf den dringenden Wunsch der britischen Regierung hingewiesen, die kommende internationale Konferenz in London abzuhalten. Der diplomatische Mitarbeiter des „Dailly Telegraph" hört, daß die britische Abordnung auf der bevorstehenden Konferenz
ht jedem Falle bereits wahrend der ersten Tage die Frage der sofortigen und vollständigen Räumung des Rheinlandes durch alle alliierten
Truppen anschneiden werde.
Das britische Ziel gehe dahin, während des ersten Teil der Konferenz eine feierliche Erklärung der Besatzungsmächte für die baldige und vollständige Räumung zu erwirken. Die britische Abordnung werde
nichts unversucht lassen, in dieser Hinsicht zu einer Heberein ft immung mit französischen und belgischen Abordnung auf der Konferenz zu gelangen. In amtlichen Kreisen werde aber die Tatsache immer wieder in den Vordergrung gestellt, daß, wenn Frankreich und Belgien der Beweisführung Großbritanniens nrcht beitreten könnten und auf der Fortdauer der Besatzung beständen, Großbritannien nicht gebunden sei, seine eigenen Truppen im Rheinland zu lassen.
Wie die T. H. erfährt, hat am Freitag vormittag im Auswärtigen Amt eine Aussprache zwischen dem Reichsminister für die besetzten Gebiete, Dr. Wirth und Staatssekretär von Schubert stattgefunden. Wie weiter verlautet, wird sich die deutsche Abordnung über die Konferenz der Regierungen über den Poung- Plan aus den Ministern Dr. Stress- mann, Dr. Wirth, Dr. Curtius und Dr. Hilferding zufammenfetzen.
Brmnös Pamuttpa
Ziemlich unerwartet aber immerhin noch zu einem Zeitpuntt wo die Ratifikationsdebatte in der französischen Kammer noch nicht begonnen hatte, veröffentlichte die Pariser Zeitung ,,L' Oeuvre" einen sehr bemerkenswerten Artikel, der sich mit angeblichen Plänen Briands über die Schaffung der Vereinigten Staaten von Europa befaßt. Daß der Gedanke eines Paneuropas nichts neues ist, wissen mir, und daß sich Herr Briand mit diesem Problem auch beschäftigt, das ist uns gleichfalls nicht neu, denn der Name der französischen Autzenministers ist ja im Ehrenpräsidium der paneuropäischen Bewegung Coudenhoves-Kalerghi zu finden. Aristide Briand hat auch wiederholt zu erkennen gegeben, daß er persönlich an die Verwirklichung dieser großen Idee glaubt und daß von ihm aus alles getan würde, was den großen Plan zur Reife bringen könnte.
Damit hat der französische Außenminister eine Ansicht kundgegeben, die im Großen und Ganzen von fast allen maßgebenden Politikern Europas vertreten wird. Nur über das Gesicht dieses neuen Paneuropas und über die Voraussetzungen, unter denen es geschaffen werden könnte, ist man sich nicht einig. Der Artikel ues „Oeuvre" ist also insofern höchst bemerkenswert, als er behaupten will, daß Bri- and jetzt den Augenblick des Handels für gekommen ansehe und er deshalb auch entschlossen sei, in allernächster Zeit einen feierlichen Appell zur Gründung der Vereinigten Staaten von Europa an die europäischen Völker zu erlaßen. Man könnte nun diese Absicht Briands, wenn sie wirklich einer festen Entschlußfreude entspringen sollte, äußerst begrüßen, wenn er, der doch gleichzeitig auch der Lenker der französischen Außenpolitik ist, uns auch nocy weiterhin mitteilen würde, auf welcher Grundlage sich sein kommendes Paneuropa aufbauen soll. Auf der Grundlage der heutigen politischen geographischen Landkarte Europas oder auf einer neuen noch zu schaffenden Grundlage?
Europa und mit ihm die ganze Welt steht heute unmittelbar vor dem Beginn einer großen politischen Konferenz, auf der sich entscheiden soll, ob die Deutschland aut Grund der Friedensverträge auferlegren Tributleistungen nunmehr einen endgültigen festen Rahmen gefunden haben, und ob eine solche endgültige Regelung die politische Selbstverständlichkeit einer umgehenden Räumung der besetzten deutschen Gebiete nach sich ziehen wird. Man kann also wirklich im Augenblick noch nicht sagen, daß die Gestaltung der europäischen Lage heute besonders günstig für die Verwirklichung eines Planes ist, der die Schaffung eines Paneuropas vorsieht. Aber nehmen wir einmal an, die kommende politische Konferenz würde sich zu Beschlüssen • finden, die die der Tagesordnung unterliegenden Punkte in einem für Deutschland günstigen Sinne erledigen, würde dann, also nach einer Räumung der Rheinlandes und des Saargebietes, das politische Gesicht Europas so aussehen, wie man sich ein Paneuropa denkt? Diese Frage könnte vielleicht Herr Briand mtt einem Ja beantworten, aber werden Deutschland, Oesterreich, Bulgarien, Ungarn, Litauen sich diesem Ja anschließen können? Der paneuropäische Gedanke sieht eine Zusammenfassung aller europäischen Staaten vor, also auch des Staates Deutschland, oder des deutschen Staates, wie er sich im Augenblick der Gründung Paneuropas präsentiert. Diese Erkermr- nis dürfte ausschlaggebend sein für die Bewertung, die das deutsche Volk dem paneuropäischen Gedanken gegenüber entnimmt.
Hnsers Erachtens wäre der Sinn eines vereinigten europäischen Staatenbunbes erst dann erfüllt, wenn dieser neue Bund des wesentlichste Recht der sich in ihm zu- sammenfindenden Völker gewährleisten