Montag, den 1. Sui! ISN
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Heber die Antwort der amerikanischen Regierung auf das Gesuch der französischen Negierung um Hinausschiebung des Verfalltages vom 1. August besagt die amtliche französische Verlautbarung folgendes:
Der Botschafter Frankreichs in den Vereinigten Staaten hat sich gestern zum amerikanischen Staatssekretär begeben in Erledigung des Auftrages, mit dem ihn die französische Regierung betraut hatte. Nachdem Paul C l a u d e l die in dem Vertrag der französischen Regierung dargelegten Gründen unterstrichen und entwickelt hatte ersuchte er darum, daß das Datum des Verfalltages der Warenschuld vom 1. August auf einen späteren Zeitpunkt vertagt werde. Der amerikanische Staatssekretär erinnerte mit merklicher Bewegung an die alte Freundschaft für Frankreich. Er selbst habe französisches Blut in den Adern und habe drei Jahre lang gearbeitet, um sein Land zur Teilnahme an dem Kriege zu bewegen. Er selbst habe sich mit 50 Jahren zum Heer gemeldet und den ganzen Feldzug mitgemacht. Er fügte hinzu:
Die von der ftanzösischen Regierung aufgeworfene Frage sei vom amerikanischen Kabinett im Anschluß an die Presse- berichte über die Sitzung der französischen Kammer erörtert worden. Zu dem Kern der Frage erklärte er,
die Verfassung gäbe dem Präsidenten nicht die Macht, den Verfalltag einer
Schuld hinauszuschieben, zudem habe die Entschließung vom letzten 19. Juni ihn dieser Macht beraubt. Was die Einberufung des Parlaments anbelange, so hob Stimson hervor, daß alle Senatoren 'und Mitglieder des Repräsentantenhauses gegenwärtig zerstreut und viele sogar, besonders der Präsident des Repräsentantenhauses, außerhalb Amerikas weilten.
Die anfgetretenen Schwierigkeiten gestatteten nicht, auf einen Beschlug zu hoffen, der dem Wunsche Frankreichs entspräche.
Stimson bemerkte traurig, daß er sich bewußt sei, daß die französische öffentliche Meinung verwirrt sein dürfte, was bei der amerikanischen öffentlichen Meinung nicht weniger der Fall sei.
Gedrückte Stimmung
Ministerpräsident Poincare und Außenminister Briand begaben sich am Sonnabend nachmittag in die Kammer, wo sie nacheinander von dem Finanzausschuß und dem Auswärtigen Ausschuß angehört wurden. Poincarö brachte den Kammerausschüssen die Depesche des französischen Botschafters in Washington, Claudel, mit der Antwort der amerikanischen Regierung auf das französische Ersuchen um Verschiebung des Verfallstermins vom 1. August zur Kenntnis. Die beiden Ausschüsse werden am Dienstag zu einer gemeinsamen Sitzung zusammentreten, um die amerikanische Antwortnote zu prüfen. 3n den Wandelgängen der Kammer macht sich eine stark gedrückte Stimmung bemerkbar. Dies ist weniger auf die nunmehr vorliegende Antwort Washingtons zurückzuführen, über deren Ausfall man sich kaum irgendwelchen Hoffnungen hingab, als vielmehr auf den Umstand, daß sich die überwältigende Mehrheit durch die sentimentalen Ausführungen von Franklin Bouillon in Bann schlagen ließ und insbesondere die Regierung nicht den leisesten Versuch machte, Vernunft zu predigen. Selbst in den Rechtsparteien spricht man nun von „verlegenen Siegern“ und gibt zu erkennen, wenn je Po- mcarö die Vertrauensfrage hätte stellen können, dann wäre sie am Freitag am Platze gewesen. Anscheinend ist auch der Ministerpräsident zu dieser Auffassung gekommen. In der Tat rechnet man in Kammerkreisen mit
einem neuen Antrag von Franllin Bouillon, der die bestimmte Formulierung einer Sicherheitsklausel für die Ratifizierung der Schuldenabkommen verlangte und einen neuen Angriff gegen das Ministerium unternehmen möchte. Poincare besprach sich mit anderen Kabinettsmitgliedern und ließ wissen, daß er jeder Entschließung zur Schuldenfrage mit der Vertrauensfrage begegnen werde, solange die Parlamentskommissionen ihre Berichte nod) nicht nieder gelegt haben.
Der Auswärtige Kammerausschuß hat am Sonnabend beschlossen, zu Beginn der kom
menden Woche den Berichterstatter für die Ratifizierungsgesetze zu benennen. Allgemein ausgefallen ist, daß Außenminister Briand es ablehnte, die Mitteilung an die amerikanische Regierung selbst abzufassen, sondern die Abfassung des Begleitschreibens zu dem Parlamentsbeschluß vom Freitag Poincarä überließ und sich mit dessen Weiterleitung an den Washingtoner Botschafter begnügte. Wie die Dinge nun stehen, glaubt man, Pomcars werde die Schuldenabkommen von Washington und London auf dem Derard- nungswege ratifizieren.
Nie ÄwdsT geborgen
Ar jpMWn szemMger leW misorsimdm
Die spanischen Ozeanflieger Major Franco und seine Begleiter find lebend aufge- fnnden worden. Bei der britischen Admiralität ist am Sonnabend vormittag von dem Flugzeugmutterschiff „E a g! e“, das sich seit mehreren Tagen an der Suche nach den Set'uiifiicd ‘Sätoilieie, folgender Furch,ccuch eingegangen:
„Dav Dornier-Wal-Flugzeug der spanischen Flieger ist in einer Lage 36,28 Cvad nördlicher Breits und 28,14 Erad westlicher Länge von der „Eagle" gesichtet worden. Das Flugzeug ist nur sehr wenig beschädigt. Die Bemannung befindet sich wohl."
Major Franco war mit seinen Begleiiern am vorigen Freitag nachmittag von Cartagena aus zum Fluge nach Newoork über die Azoren aufgestiegen.
Major Franco über den Unfall der „Numancia".
Bei der britischen Admiralität ist ein Funkspruch des Flugzeugmuiteffchlffes „Eagle" eingetroffen, demzufolge Major Franco über den verunglückten Flug der „Otumancia“ folgende Mitteilungen gemacht hcrt: Ich verlieh Los Alcacares am 21. Juni um 17 Uhr und passierte Eap Vincent um 21 Uhr. Infolge sehr starker Luftwirbel waren wir gezwungen, von da ab höher zu fliegen. Von Cap St. Vincent bis zu den Azoren spannte sich eine ununterbrochene Wolkendecke, die wir überfliegen muhten. Später bildete sich eine zweite Wolkendecke über uns. Wir glaubten, am 22. Juni mn 9 Uhr Greenwicher Zeit die Azoren zu erreichen, aber ein starker Nordostwind brachte es mit sich, daß wir die Azoren während der Nacht überflogen. Nach Tagesanbruch stellten wir nach dem Stande der
Sonne fest, dah wir uns südwestlich der Azoren befanden. Deshalb gingen wir durch die Wolkendecke nieder, um Brennstoff zu sparen und unsere genaue Position festzustellen. Nachdem dies geschehen, nahmen wir Kurs in Richtung Fahal, aher infolge des starken Gegenwindes war uiis er Benzinvorrat ungefähr 60 Kilometer vor Fahal zu Ende, und wir muhten ans das Wasser niedergehen. Starke nordöstliche Winde trieben uns nun nach Süden, und am folgenden Tage, dem 23. Juni, waren wir ungefähr 460 Kilometer von Fahal entfernt. Der Wind drehte sich sodann nach Südweften, erreichte Sturmstärke und trieb uns aus die Insel St. Maria zu. Vom 24. bis 27. Juni warf uns Der Wind, dessen Stärke und Richttmg ständig wechselten, umher. Am Morgen des 27. Juni war die Lage infolge des starken Windes und des hohen Seeganges äuherst ernst geworden. Am 29. morgens fand uns das Flugzeugmutterschiff „Eagle" und nahm uns an Bord. Die Haltung der Besatzung und die Leistung der Motoren waren grohartig.
Englands Anerkennung.
Die englische Presse veröffentlicht sthr ausführliche Schilderungen über das Schicksal der geretteten spanischen Flieger, zollt aber auch der Leistungsfähigkeit des deutschen Flugzeuges starken Tribut. Der »Star" weist darauf hin, dah bisher noch niemals ein Flugzeug in der Lage war, sich mehr als eine Woche auf dem Meere zu hallen. Da die Maschine nur geringe Beschädigungen aufweise, seien die Flieger anscheinend zu einer Notlandung wegen Motorschadens gezwungen gewesen. Die Flieger sowohl als -auch die erstaunliche Seetüchtigkeit des benutzten Flugzeuges verdienten volle Anerkennung.
Sieben Sete&irta'te di Esw-tlrMlmb
Moskau, 29. Juni. Das Kriegsgericht in Mogilen> (Weißrußland verurteilte wegen Niederbrennung des Fleckens Schurawiffchi und landwirtschaftlicher Genossenschaftsbetriebe, wegen eines Anschlages auf Vertreter der Ortsbehörde und einer Reihe anderer gegenrevolutionärer Delikte sieben Angeklagte, darunter einen früheren Geheimpolizisten und Spekulanten zum Tode, 19 weitere Angeklagte zu Gesängnis- strafen von verschiedener Dauer.
Die Kabinettskrise ht Japan.
London, 29. Juni. Reuter meldet aus Tokio: Wie hier verlautet, liegt der wirkliche Grund für die Kabinettskrise darin, daß maßgebende Kreise mit dem Kellogg- pakt nicht einverstanden find. Aach
soll Unzufriedenheit wegen der Behandlung des Goldembargos und aus sonstigen innerpolitischen Gründen bestehen. Dem Vertreter des Reuterbüros zufolge ist der geheime Staatsrat durchaus nicht überzeugt davon, daß der Wortlaut des Kelloggpaktes mit dem Geiste der japanischen Verfassung vereinbar ist. Wenn der Staatsrat schließlich doch beschlossen hat, den Pakt zu ratifizieren, so geschah es, um den schlechten Eindruck zu vermeiden, der im Fake der Nichtratifizierung entstanden wäre.
Die Reichsrichtzahl für die Lebenshaltungskosten hu Juni 1929.
Die Reichsrichtzahl für die Lebenshaltungskosten ist nach den Feststellungen des Statistischen Reichsamtes für den Durchschnitt des Monats Juni mit 153,4 gegenüber 153,5 im Vormonat nahezu uwjeeänöert geblieben.
MM! 6C6MI Stifte
Breslau. 29.Juni. Rektor und Senat der Breslauer Universität hoben gegen das Verfammkmgsoerdot am 28. Juni an den Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung folgendes Protestschreiben gesandt:
„Sektor und Senat der schlesiischen Fried. rrch-Wilhelm-Untoersttät haben von dem an die Behörden gerichteten Verbot des Reiches und der preußischen Stoatsregievimg Kenntnis genommen. Sie haben daraufhin die wohlvorbereitete Versammlung des Lehrkörpers und der Studenten :md die den 28, Juni geschichtlich deutende Rede heute abgesagt. Denn der Sinn dieses Tages vertrug keinerlei Gegensatz zwischen Staat und Bold. Sie sind aber der Meinung, daß ihnen das Recht zu ehret Versammlung zu- stand und zusteht, aber auch die Pflicht. Es Hegt im Interesse des Staates, daß Ne Uni- oerfitäten nicht auf Weisung ihre Stimme erheben oder schweigen, weil dadurch das Gewicht ihres Urteils und die Kraft iHv« Erziehungsarbeit aufgehoben werden.
gez. Professor Ehrenberg."
Wettere Schritte sollen durch den von da Universität einberufenen Verband der deutschen Hochschulen erfolgen.
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Zu dem Verbot der Hochschullmrd- gedungen durch den preußischen Kullw»- minister Becker schreibt die National- liberale Korrespondenz u. a.:
Die Reichsregierung hat in einer Kundgebung den 28. Juni zu einem nationalen Trauertag erklärt, und sie hat eindrucksvoll betont, daß das ganze deutsche Volk mit der Regierung einig inderAbleh- n u n g der KriegHchuldlüge sei. Der preu>- ßische Kullusminister Decker aber hat unter fälschlicher Berufung auf einen früheren Erlaß des Reichskabinetts ganz unerklärlicherweise die Berliner Ä>ch- schulen veranlaßt, eine für den Tag des Versailler Friedensdiktats angesetzte Kundgebung abzusagen. Da der Schritt Deckers erst unmittelbar vor dem Tag der Veranstaltung erfolgte, war es nicht möglich, vorher noch etwas dagegen zu unternehmen. Die Feier hat nicht stattgefunden, aber ganz ohne Stellungnahme wird man diese neue Heldentat der kulturellen Spitze Preußens nicht hinnehmen dürfen.
Die Kundgebung der Berliner Hochschulen war keine Veranstaltung der beim Kullusminister wenig beliebten Studentenschaft, sondern sie ging von den Rektoren und Senatoren aus. Die Berliner Hochschulprofessoren stehen im allgemeinen wicht in dem Rufe, sich als Akteure und Statisten radikalpolitischer Skandalvvrfüh- nmgen herzugeben. Sie hätten es wohl ebenso gut wie Herr Minister Decker verstanden, der Feier einen ernsten und würdigen Rahmen zu schaffen. Zudem war als Festredner Prof. D e l b r ü ck bestimmt, ein Mann, der gewiß zu den völlischen Propagandisten gerechnet werden kann. Wenn das Verbot also von der Befürchtung ausging, die Kundgebung könne zu einer Demonstration gegen Staat und Regierung ausarten, so fehlten dafür alte Voraussetzungen .
Zur Sache selbst ist kaum etwas zu fragen. Wenn heute in der Wett die KriegSschuD- lüge allmählich von der Wahrheit verdrängt wird, so ist das mit 0er unermüdlichen Aufklärungsarbeit der deutschen Verbände aller Richtungen zu verdanken. Die Widerlegung der Kriegsschuld bleibt nicht nur Aufgabe der wissenschaftlichen Forschung, sondern auch Herzenssache des deutschen Volkes und der oeutsck^n Oef- fenüichkeit, die sich gegen die moralische Aechtung des deutschen Namens mll Leidenschaft wehrt," da jeder Deutsche unter dem Schimpfwort des Friedensbrechers zu leiden hat. Es hei^ in der Tat die Seele