FMag, fort 24. W1929
Ae ^vberhessische Zeitung" et- scheint sechsmal wöchentlich. De zngSPreiS monatlich 2.10 GM. aus- schließ!. ZnstellungSgebühr, durch di«Post2^5 EM.Für etwa infolge Streiks, MaschinendefekK oder elementarer Ereignisse ausfallende Nummern wird kein Ersah geleistet. Verlag b. Dr. §. Hltzeroth. Druck der Univ.-Buchdruckerei b. Ioh. Aug. Koch, Markt 21/23, Fernsprecher: Rr. 54. tu Rr. 55. Postscheckkonto: Amt Frankfurt a. M. Rr. 5015. — Sprechzeit Mc Redaktion von 10—11 und
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Anzeiger für (dns frühere kurheffifchej Oberheffe«
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Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
Ei« Dolchstoß »er „BoWche» Jestms"
Wwahrr StWwn übet die «tfinte zum RSMM Dr. Wglrtt - Mlmmduiig bet Milmnduslrie - Re öeuWe eWtöfront Mitt
Der Rücktritt Dr. VöglerS wird von der gesamten Berliner Presse eingehend behandelt.
> Zn der „Vossischen Zeitung" behauptet Georg Bernhard, daß entscheidend auf den endgültigen Entschluß Böglers zur Demission der Druck ein- gewirkt habe, der von der Schwerindustrie »nter Führung Friß Thyssens ausgeübt worden sei.
Die Hilgenberg nahestehende Gruppe der Schwerindusttiellen habe „verantwortungslos und jeder Konttolle entzogen ihre Macht gellend gemacht", um den deutschen Sachverständigen in ihrem Sinne bestimmend zu beeinflussen. Zn einer Konferenz der Schwerindufttiellen aus Villa Hügel bei Essen sei Dr. Vogler zu seinem Schritt dem Druck dieser Leute gewichen.
' Gegen diese Verleumdungen Böglers und der deutschen Schwerindustrielle« wendet sich außer der sozialdemokratischen und demokratischen fast die gesamte Berliner Presse.
Die „Berliner Börsenzeitung"er- klärt, Georg Bernhard habe s. Z. verlangt, daß deutscherseits die Verhandlungen oen starren Wirtschaftlern genommen und in die weiteren Hände der Politiker gelegt würden. Aus Wut darüber, daß dieser politische Plan mißlungen sei, drehttn diese Kreise den Spieß um und beschuldigten Dr. Vogler und die Schwerindustrie politischer Machenschaften. Die „Deutsche Tageszeitung" meint, daß man für die Haltung Dr. Voglers nur volles Verständnis ausbringen könne. Es sei eine üble Diskreditierung seiner Persönlichkeit, wenn man in den Linksblättern den Versuch mache, Dr. Vögler als ein willenloses Werkzeug gewisser schwerindusttieller Kreise hinzustellen. Sie schamlose Hetze, die aus diesem Anlaß von der Linkspresse entfessell werde, stelle einen Höhepunkt nationaler Würdelosigkeit dar.
Besonders scharf wendet sich unter der Aeberschrift
„Die Legende vo« Essen"
Dr. Fritz Klein, der Chefredakteur der Dr. Vögler nahestehenden „Deutschen Allgemeinen Zeitung", gegen Georg Bernhard. Er schreibt: „3u diesen Vorgängen, über die in unterrichteten Kreisen schon seit krnger Zeit Vermutungen mrd Kombinationen angestellt werden, ist zu sagen, oaß leider wieder einmal in eisen äußerst kritischen Moment außenpolitischer Verhandlungen bis ganze Erbärmlichkeit inneren deutschen Parteihaders sich offenbart.
Wenn man einen Weg gesucht hätte, trat die Stellung der deutschen Gesamtdelega- üon in Paris zu untergraben und gleichzeitig im Innern Deutschlands, sozusagen it der Etappe, einen unheilvollen und tragischen Zwist zu entfesseln, so hätte man dabei nicht besser verfahren können, als bas heute morgen in der „Vofsischen Zeitung" geschehen ist. Die „D.A.Z." hot über den bekamtten Besuch .Dr. VöglerS im Ruhrgebiet vor 14 Tagen s. Z. berichtet. Es handelte sich um eine Aufsichtsratssitzung des Rheinisch- Westfälischen Elektrizitätswerkes, an der Dr. Vögler tellnehmen muhte. Im Anschluß daran hat inderTataufVilla Hügel eine Besprechung führender Industrieller stattgefunden, ober das Wesentliche daran war, dah
' Reichsbankpräsident Dr. Schacht zusammen mit Dr. Vögler vo« Anfang bis $a Ende cm dieser Besprechung peil genommen
hat. Bedeutsam ist zweitens, daß während dieser ganzen Unterhaltung nicht die geringste Meinungsverschieden- heit zwischen ihren Teilnehmern und den beiden Delegierten festzustellen war. und drittens ist die Liste der Anwesenden in der „Vossischen Zeitung" mit klar erkennbarer Tendenz falsch wiedergegeben. Kirdorf, der Ausführungen „brutalster Att" gemacht haben soll, war überhaupt nicht anwesend, dagegen nahmen Industtielle, wie Peter Klöckner und H a n i e l teil. Dah „die Ruhrindusttie aufgeftanden" sei, ist glatter Schwindel.
Niemals während der ganzen Dauer der Pariser Verhandlungen und am wenigsten anf Villa Hügel ist seitens irgend einer Zndustriegruppe der Ver- stch gemacht' worden, die deutsche Del^ation nach irgend einer Richtung hin zu beeinflusse«.
Es ist geradezu lächerlich, von Differenzen zu sprechen, die in dieser Konferenz oder früher zwischen Dr. Schacht und Dr. Bögler hervorgetreten waren. Die Darstellung der „Vossischen Zeitung" ist inzwischen na- türlich von der ausländischen Presse mit
großem Behagen aufgegriffen worden und gefährdet die deutsche Gesamtposition aufs Schwerste."
Aeber die wahren Gründe des Rücktritts Dr. V ö g le rs schreibt Dr. Klein in seinem Blatt: „Es handelt sich bei den RückttittSabfichten Dr. VöglerS um einen Entschluß, der im Grunde schon 5—6 Wochen zurückliegt.
Herr Dr. Vögler hat damals bei der Ueberreichung des Youngschen Memorandums keine Zweifel darüber gelassen, daß er dieses Memorandum i« der Form, die es bei der lleberreich- «ng hatte, für unangenehm hielt.
Diese Mitteilung hat er auch der Regierung gemacht. Seit gestern abend ist er — nun zum dritten Male — in Berlin, um seinen Standpuntt zur Geüung zu bringen. Dr. Vögler ist der Poungplan von Anfang an als unannehmbar erschienen. Er hat aus dieser Auffassung kein Hehl gemacht und schließlich, um einen Beweis des guten Willens zu geben, sich damit einverstanden erklärt, über de« Boungplan zu verhandeln, wenn eine Anzahl Vorbehalte vo« der
Gegenseite akzeptiert würde. Bekanntlich hat sich die deutsche Gesamtdelegation diesen Standpuntt zu eigen ge- madä. Sie hat den Poungplan unter der Voraussetzung angenommen, dah die Gegenseite ihn gleichfalls annimmt, und zweitens, dah die deutschen Vorbehalte Berücksichtigung finden. Diese Vorbehalte stellen nicht etwa eine Privatarbeit Dr. VöglerS dar, sondern sind in der deutschen Delegation einftinunig beschlossen worden. Dr. Vögler hat bei seiner Stellungnahme auf folgende Punkte das Hauptgewicht gelegt: Einmal müsse er
eine Ausdehnung der Tributpflicht
auf 58 Zahre an sich für unerträglich
halten. Es liegt die ile&erlegung nahe, daß man einem arbeitsamen und sparsamen Volk und insbesondere dessen junger Heranwachsender Generation wohl sagen kann, daß es notwendig ist, infolge des verlorenen Krieges auf 3—4 Jahrzehnte eine schwere Last auf sich zu nehmen. Aber 6 Jahrzehnte mit diesen drückenden Abzah- hingen zu belasten, ist wohl schon Psychologisch unmöglich. Dazu kommt nicht nur
(Fortsetzung siehe Seite 2J
Minen der Wer Presse
Wssmsmas fa Mn M London - Irr $aW»nlertthf btt Alliierten
Besprechungen in Berlin
Die Denkschrift der Gläubigerstaaten ist gestern abend durch Kurier in Berlin eingetroffen. Es handelt sich um ein Schriftstück von 65 Seiten Umfang. Eine Stellungnahme der Regierung dazu kommt nach der „Deutschen Allg. Ztg." zunächst nicht in Frage, da die Sachverständigen in Paris selbst zuerst Stellung nehmen müssen. Gestern haben Besprechungen der an der Reparationsfrage interessierten Fachminister des Auswärtigen «nd der Finanzen und der Wirtschaft stattgefunden.
Die Diskussion wird fortgesetzt
Die deutschen Delegierte« Dr. Schacht «nd K a st l haben mit den vier Vertretern der Eläubigernattone«, Addis, Quesnay, Pirelli und G»tt gestern nachmittag in Anwesenheit der amerikanischen Delegationsmitglieder eine eingehende, nahezu dreistündige Aussprache über die Antwort der Gläubigernationen gehabt, ohne daß Beschlüsie gefaßt worde« find. Die GlSubigervertreter werden nunmehr ihre Delegattonen über den deutschen Standpuntt unterrichten, erst dan« werden die Besprechungen hierüber weitergehe«. Znzwischeu werden voraussichtlich zwischen Dr. Schacht und y o « «g und Sir Zosiah Stamp Besprechungen über andsre Punkte geführt werden.
Loudon
lleber den Stand der Pariser Verhandlungen äußert sich der diplomattsche Korrespondent des a l i y H e r a l d" wie folgt:
Die Lage ist derartig ernst geworden, daß sogar der Rücktritt Dr. Böglers zu einem unwesentlichen
Zwischenfall geworden ist.
Der wichtigste Faktor ist, daß die deutsche Delegation den wesentlichen Teil
der Alliierten-Denkfchttft als völlig unannehmbar betrachtet. Nach vier Monaten scheinen die Sachverständige«, wenn nicht ganz so weit wie ursprünglich, so doch noch in bedenklichem Abstand vom Ziele zu sein. Die Aussichten auf eine baldige Vereinbarung, die vor einigen Tagen gut schienen, sind völlig geschwunden.
Der Pariser Korrespondent der Firnes" meldet: Zweifellos ist in deutschen Kreisen durch die neuen Vorschläge viel Erbitterung entstanden und deutsche Beobachter, die bisher für Versöhnung eintraten, sprechen heute in einem anderen Ton.
Die Annahme, daß Dr. Bögler von einer Gruppe deutscher Industrieller zum Rücktritt gezwungen wurde, er- scheiue ganz ungerechtfertigt.
Dem Pariser Korrespondent der „Financial Times" zufolge ist von offizieller Seite gestern abend dem britischen Vertreter angedeutet worden, daß die Konferenz vor Ende der Woche schließen werde. Es sei sogar möglich, daß im Falle des Nichtzustandekommens einer Vereinbarung die britische Delegation eine besondere Denkschrift verfassen werde, in der die Gründe des Fehlschlagens erläutert werden sollen. Die Stimmung sei gestern nachmittag pessimistisch gewesen, obwohl es schwer falle, zu glauben, daß die deutsche Delegatton, nachdem sie einmal so weit gegangen ist, zulassen werde, daß die Konferenz ergebnislos ende. Es werde berichtet, daß Dr. Schachts letzte Zuflucht darin bestehen werde, eine Vertagung bis zum Ok- tober dieses Jahres zu beantragen.
Paris
Der Rücktritt Generaldirektor Böglers bat in Paris lebhaftes Aussehen erregt, jedoch ist der Eindruck sehr verschieden. Man begegnet einerseits der Auffassung. daß hierdurch die Stellung der deutschen Abordnung gestärkt sei, da diese sich nicht hätte nachsagen lassen wollen, dah sie nachgiebiger sei als Vögler. Andererseits wird die Meinung vertteten, dah mit Dr. Vögler der hartnäckigste deutsche
Sachverstäudi« ausgeschieden sei.
Die gesamte französische Presse äußert unverhüllt ihren Unmut über die ablehnende Haltung, die die deutschen Sachverständigen gegenüber den Forderungen der Alliierten einnehmen. Sie versuchten die Deutschen durch Drohungen einzuschüchtern, dah sie allein die Verantwortung für einen etwaigen Mißerfolg der Konferenz auf sich nehmen mühten. Der halbamtliche „E x c e l s i o r" spricht von einer kritischen Phase der Sachverständigen-Derhand- lungen, versichett aber, dah die Ausfichten für eine Einigung fortbeständen. Wenn Dr. Schacht seiner Regierung zum Widerstand raten würde, so könne man annehmen, dah er dasselbe gefährliche Spiel wie Dr. Vögler gespielt habe. Was die Haltung der Gläubiger gegenüber dem Schuldner angebe, so sei mit keinem Wort ein Ultimatum gestellt. Dr. Schacht dürfe nicht hoffen, dah die anderen Delegationen in der Frage der Ak ar Forderungen nachgeben würden. Was das Jnkrasttreteu des Boung-Planes anlangt, so müsse man sich an die von de« Alliierten vorgeschlagene Regelung halten.
Der „Petit Parisien" führt ans, Dr. Schacht, der die Angelegenheit des belgischen Besatzungsgeldes kenne, könne sich besser als jemand anderes für die Erfüllung des belgischen Wunsches einsetzen, da er sich wäh- rend des Krieges in Brüssel beftm- den habe.
Bei einer Abänderung würden die deutschen Sachverständigen die Einheitsfront ihrer Gläubiger gegen fich sehe«. Deutschland und seine Sachverständigen würden für einen Fehlschlag die Verantwortung rü tragen haben, und zwar nicht nur gegenüber Europa allein, sondern auch gegenüber Amettka. ;
Das „Echo de Paris" hält es für unwahrscheinlich, dah irgend eine Lösung vor der kommenden Woche erfolgen werde. Wenn nach den englischen Wahlen am 30. Mai Mac Donald ans Ruder tarne, würden die deutsche Diplomaten schnell ihre Stimme erheben, und schönste Aussichten würden fich für sie eröffnen. Bezüglich des Mellon-Verenger-Abkommens ist Pertinax bet Meinung, dah das Abkommen ratifiziett werden mühte.
Die m Paris erscheinende „Chicago "Tribüne glaubt berichten zu können, dah am Donnerstag abend im deutschen Hauptquartier in Patts großer Pessimismus zum Ausdruck gekommen sei.