MonW, ttn 13. Mai 1929
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Marburger
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Anzeiger für (das frühere knrhefsifche) Oberheffen
An.^eiaer der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
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Diese Woche wird eine außerordentlich lebhafte Parlamentstätigkeit aufzuweifen haben, da am Montag sowohl der Reichstag als auch der preußische Landtag wieder zusammen treten. Der Reichstag wird nun unterbrochene Etatsberatung zu beenden haben. Außerdem wird er sich mit her neuen Reichsanleihe befassen müssen, gegen die sich von manchen Wirt- fchaftskreisen erhebliche Bedenken erhoben haben. Eingeleitet werden diese Reichstagssitzungen wohl durch eine politische Aussprache über das Verbot des roten Frontkämpferbundes. Rach der bisherigen : Erfahrung wird es dabei voraussichtlich recht laut zugehen, da den Kommunisten an der sachlichen Parlamentsarbeit selbst i bekanntlich so gut wie nichts liegt, wogegen es vollkommen ihren Wünschen ent- I spricht, wenn das Ansehen des „bürger- [ lichen" Parlamentes möglichst durch öftere
Radauscenen herabgesetzt wird. Als Be- l aleitmusik zu diesem wenig erbaulichen
Reichstagskonzert haben die Kommunisten im preußischen Landtag einen Mißtrauens- Antrag geaen den Ministerpräsiden en Otto Braun und den Innenminister Drzinski eingebracht, der ebenfalls auf die blutigen Maivorkommnisse Bezug nimmt. Bei dieser Gelegenheit wird es sich natürlich nicht vermeiden lassen, daß auch die rechtsstehenden Gruppen an der Innenpolitik der Reichsregierung, sowie der preußischen Regierung im notwendigen Maße Kritik üben. Es wird ihnen darum zu tun sein, vor dem L Forum der Öffentlichkeit darauf hmzu- I weisen, daß nicht zuletzt die übertriebene
Nachsichtigkeit gegenüber den Mach.natio- nen der Linksextremen das Auftreten der bolschewistischen Opposition begünstigt hat. U Man wird sich von rechtsstehender Seite aus auch mit der Frage beschäftigen müssen, ob es in Berlin überhaupt zu den Zusammenstößen gekommen wäre, wenn das Demonstrationsverbot von vornherem mit der nötigen Strenge durchgeführt wor- '[ den wäre.
1 I Die scharfe Spannung auf dem Geld- J I. markt hält weiter an. Charakteristifch ist insbesondere, daß die deflationistischen Erscheinungen immer stärker hervortreten, die sich dadurch ausprägen, daß eine erhebliche Einschränkung des Rotenumlaufs und dadurch eine starke Geldverknappung sich bemerkbar macht. Diese Erscheinung ; V ist durch die Aotwendigkeit begründet, die
Deviscneinkäufe zu bezahlen. Die Deckung -! 1 her umlaufenden Reichsbanknoten ist jetzt unmittelbar an der gesetzlichen Grenze an- \ gelangt. Nimmt man zu der umlaufenoen
Rotenmenge auch noch die Rentenbank- scheine, so bewegt sich die Deckung bereits unter 40 Prozent.
Die Reichsbank wird bezüglich neuer Maßnahmen zur Regulierung des Marktes nicht mehr lange warten können. Die bisherigen Restriktionen haben sich in bescheidenem Umfange bewegt und sich wohl i L auch nur auf Einzelfälle erstreckt. Wenn hie Rückflüße in den nächsten Tagen nicht s im wünschenswertem Maße vor sich gehen, muh die Reichsbank entweder ihre Restrik- j \ tionSmahnahmen erweitern, oder aber erneut den Diskontsatz heraufsehen. Ja, ’ : es kann sich sogar die Notwendigkeit er- 1 t geben, beide Maßnahmen miteinander zu verbinden. Jedenfalls stehen wir in einer Epoche schärfster Anspannung auf dem Geldmärkte und es scheint fast so, als I wenn der immer noch anhaltenden und in j | den tatsächlichen Verhältnissen absolut ungerechtfertigten Devisennachfrage nur noch durch drastische Mittel begegnet werden könnte.
Der Ernst der Lage der Reichssinanzen hatte die Befürchtung auftauchen lassen, daß die Beamtengehäller am 1. Juni nur zur Hälfte ausgezahtt werden könnten und die Gehaltszahlungen von da ab auf zwei Termine monatlich vetteilt werden müßten. Die Meldung, daß durch die vom Reichsrat genehmigte Reichsanleihe die Gefahr der geteilten Gehaltszahlung .einstweilen" be-
Smmer noch nicht genug?
WM» SmwsMns der AniwM int Erfüllung der belgischen und brWchen Forderungen
Die englische Presse hebt in Pariser Telegrammen die Kritik der französischen Blätter an dem Entwurf des Berichtes von Schacht und Stamp über die Beratungen der Reparationssachverständigen hervor. Der Pariser Korrespondent der „Times" führt das Stillschweigen über die Tättgkeit der Reparationskonferenz in den letzten Tagen auf sehr heftige englische Kritik an dem Versuch der Aende- rung des Spaa-Schlüssels für die Verteilung der Reparationsabgaben zurück und bemerkt, es seien zwar besondere Schritte unternommen worden, um zu verhindern, daß Informationen, die von Interesse für die Oeffentlichkeit sein können, an die Vresse gegeben werden: trotzdem sei bekannt geworden, daß die Bemühungen, die Untersuchung zu einem einigermaßen erfolgreichen Abschluß, zu bringen, fortgesetzt werden. Der neu unterworfene Bericht sei, wie angenommen werde, eine geschickte Verbindung der alliierten und der deutschen Wünsche, in der die alliierten Forderungen und die deutschen Vorbehalte so vermengt sind, daß sie als ganzes genommen werden müssen.
Es werde schwer für eine der beiden Seiten sein, einen besonderen Punkt abzulehnen, ohne den gesamten Regelungsplan umzustoßen. Zn offiziellen Kreisen verlautet, daß Owen P o u n g seine« Verteilungsplan so abzuändern versucht, daß die britischen und die belgischen Ansprüche befriedigt werden. Da jedoch jede Partei auf einer Mindestsumme bestehe, sei es wahrscheinlich, daß nur eine Erhöhung der Durch-
schnittsanauität eine Vereinbarung möglich machen kann.
Dr. Schacht und Dr. Bögler in Essen.
Die „Rheinisch-Westfälische Zeitung" meldet:
Der Führer der deutschen Abordnung, Reichsbankpräsident Dr. Schacht, hat über Wochenende eine Dienstreise in das Industriegebiet angetreten und weilte am Sonnabend vormittag in Essen In seiner Begleitung befindet sich Generialdirektor Dr Vögler. Die beiden Delegierten hatten mit dem ersten Direktor der Reichsbankstelle Esten, Karl Rambeau, eine Zusammenkunst. Die Besprechungen gelten offenbar die Frage, wie weit im Rahmen der bekannten Krediteinschrän- kungspolittk die besonderen empfindlichen Interessen unseres rheinisch-westfälischen Industriegebiets gewahrt werden können. Die genannten Maßnahmen, die dem unmittelbaren Schutz unserer Währung dienen, sind bekanntlich nach Verfügung des Reichsbankdirektoriums individuell zu führen. Dementsprechend verdient das w.ttschaftliche Herz Deutschlands ganz besondere Berücksichtigungen und pflegliche Behandlung bei Abbau der gewährten Kredite. Stillegungen wegen Kreditbeschneidung müsten allein schon aus sozialpolitischen Rücksichten vermieden bleiben.
Dr. Schacht und Dr. Vögler haben Esten am Nachmittag wieder verkästen.
Reichsbankpräsident Schacht, der am Sonnabend in Begleitung des Eeneral- diretors Vögler im Ruhrgebiet weilte, ist am Sonntag nachmittag nach Paris z u r L ck g e k e h r t. Die Verhandlungen über die Formulierung des Abschlußberichtes der Sachverständigenkonferenz wurden bald danach wieder aufgenommen.
feittgt sei, hat in Beamtenkreisen eher beunruhigt, als beruhigt. Es wird nämlich daraus gefolgert, vaß die Reichsanleihe nach der Ansicht maßgebender Kreise vielleicht doch nicht das gewünschte Ergebnis haben und der Kapitalmarkt ttotz des hohen Anreizes durch die Steuerfreiheit darauf nicht in dem wünschenswerten Maße reagieren werde. Man geht oabei von der Annahme aus, daß in letzter Zeit etwa 2 Milliarden deutsches Kapital zwecks Steuerumgehung ins Ausland geflossen ist. Es kommt nun darauf an, ob diese Kapitalbesitzer ihre Gelder lieber im Auslanoe lassen, als sie der Reichsregierung in dieser schweren Zeit für die Sanierung Der Reichskasse zur Verfügung zu stellen. Die Gefahr der geteilten Auszahlung der Beamtengehälter ist also noch nicht restlos behoben. Es darf dabei nicht verkannt werden, daß von einer solchen, unter Am- ständen nötig werdenden Maßnahme nicht nur die Beamtenschaft selbst, sondern in gleichem Maße auch die Wirtschaft getroffen würde, da die Folge mindestens ein vorübergehendes Sinken der Kaufkraft großer Teile des deutschen Volles bedeuten würde.
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Die deutsche Not
Eine Kundgebung
der Wirtschaftsverbände Niedersachsens.
Bad Pyrmont, 12. Mai. Der Wirtjchaftsausbunb Niedersachsen - Kastel, in dem alle Wirtschaftsstände des großen niedersächsischen Gebietes, durch 464 Körperschaften und Verbände vertreten, zu- sammengeschlosten sind, beschäftigte sich auf seiner diesjährigen Pyrmonter Tagung am Sonntag vor allem mit dem Abwehrkampf
gegen die deutsche Not. Von Oberpräsideni a. D. Dr. von Batocki-Bledau und Prof. Dr. von Beckerath-Bonn wurden in eingehenden Darlegungen das Hebe r m a tz der Kriegstribute und der öffentlichen Lasten als verhängnisvoll für Wirt-' schäft, Staat und Volk, die Wiederherstellung der Rentabilität der Wirtschaft, in erster Linie der landwirtschaftlichen Betriebe, als nationales Gebot bezeichnet. Die Rettung wurde allein erblickt in freier Wirtschaftsführung und in der Eefchlosten- heit der Wirtschaftsstände. Nach den Ausführungen der Redner mürbe, einmütig eine Kundgebung beschloßen, in der es u. a. heißt: Die niedersächsischen Wirt- schastsftände halten beschleunigte und wirksame Durchführung folgender wirtschaftspolitischer Maßnahmen für das Gebot der Stunde: Wiederherstellung der Rentabilität der Landwirtschaft, durchgreifender Abbau der Steuern und Abgaben, Rückbildung der Uebersteigerung in der Sozialpolitik, wirtschaftsfördernde Verkehrspolitik und Abkehr der öffentlichen Hand von der Betätigung auf privatwirtschaftlichem Gebiet.
König Fuads Besuch.
Der Berliner Besuch König Fuads von Aegypten ist nun offiziell aus den 10. Juni angesagt. Für die Zeit der osfiziellen Anwesenheit des Königs Fuad in der deutschen Reichshauptstadt sind laut „Voss. Ztg." mehrere Festlichkeiten und Empfänge vorgesehen. Reichsautzen- minister Dr. Stresemann wird m den ersten Iunitagen zur Ratstagung nach Madrid abreifen müssen. Um das Auswärtige Amt während des Kömgs- besuches zu vertreten, bleibt Staatssekretär Dr. v. Schubert in Berlin.
Das WMrgebais in Sachsen fk. Dresden, 13. Mai. Die gestrige» Landtagswahlen hatten folgendes Er«
gebnis:
Sozialdemokratie 922117
Kommunisten 345 817
Kommunistische Opposition 22 594
Deutschnationale 218 263
Deutsche Volkspartei 363 417
Wirtschaftspariei 304 353
Demokraten H5 097
A. S. P. 39 625
Nationalsozialisten 133 787
Zentrum 25 440
Sächsisches Landvolk 140 522
Nach den vorläufigen Berechnungen werden sich die Mandate im neuen sächsischen Landtag wie folgt verteilen:
Sozialdemokraten 33 (bisher 31), Deutschnationale 8 (14), Deutsche Volkspartei 13 (12), Wirtschaftspartei 11 (10), Kommunisten 12 (14), A. S. P. 2 (4),
Nationalsozialist«, 5 (2), Sächsisches Landvolk 5 (0).
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M in England gewählt wir»
England steht vor den Wahlen. Der Wahlkampf, der dort ein ganz anderes Gesicht hat wie etwa in Deutschland oder Frankreich, wird dieses Mal unter dem Eindruck der großen außenpolitischen Ereignisse und der damit verbundenen innerpolitischen Strömungen, besonders lebhafte Formen annehmen. Die Spannung zwischen Amerika und England, die zu tief begründet ist, um rhetorisch beseitigt werden zu können und nicht zuletzt die Politik gegenüber Frankreich» die Stellung zum Abrüstungsproblem und anderen wichtigen Angelegenheiten des Völkerbundes sind Faktoren, die in England die allgemeine Wahlatmosphäre entscheidend beeinflußt haben. Die Liberale Parte: mit Lloyd George an der Spitze, hat wieder viel von sich reden gemacht und scheint eine neue Blütezeit erleben zu wollen. Der große englische Wahlapparat, der wie anderswo Unsummen kostet, ist schon ein Jahr vor dem Wahltermine in vollem Gang. Da es m vielen englischen Wahlkreisen auf wenige Stimmen ankommt, ist die Wahlpropaganda viel intensiver als ht Deutschland mit bet Proportionalwahl und in Frankreich nut den wiederholten Stichwahlen. Das Bild bet englischen Wahlen widerspricht der üblichen Vorstellung von der „steifen Verschlos en- beit" des Engländers. Man wundert sich» wenn man hört, daß in vielen Fällen der Kandidat mit Frau und Töchtern, beglei- tet von seinen angesehensten Anhängern und Anhängerinnen, während der letzten drei Wochen, vor der Wahl einzelne Wähler m der Wohnung besucht, um von ihm das Versprechen zu erlangen, bei der Wahl zu erscheinen. Das ist eine Intimität tue be« englischen Wahlstil von dem bes Kontinents deutlich unterscheidet. Die persönliche Be- rührung mit den Wählern, die systematische, ununterbrochene, rhetorische Einwirkung auf kleine und kleinste Wählergruppen, die viel- fach den Charakter des Intimen, der mdi- viduellen Fühlungnahme besitzt, ist für das Wahlbild bezeichnend. Der Kandidat mutz im Laufe des Wahlfeldzuges überall sprechen, wo sich eine Möglichkeit bietet, die Wähler unmittelbar zu beeinflussen, in jeder East- wirtschaft, in jeder Fabrik und größere« Werkskätte, in jeder geselligen Seremtgung, Sportklub oder Muttergewerkschaft. Der Kandidat wird vom lokalen Wahlkreisverein jeder Partei möglichst unter den eigenen Notabeln ausgesucht und als „Propagandaredner" ausprobiert. Ist der Eindruck gün- stig, so wird er offizieller Kandidat und erhält für seinen Wahlfeldzug einen Zuschutz aus der Parteikasse, wie denn auch überhaupt in-England bei den Waküen das Geld dr« größte Rolle spielt. Der Rundfunk ist felbftj verständlich zu einem wichtigen Instrument der Wahlpropaganda geworden, obwohl bte Rundfunkübertragung jede Möglichkeit ein« Diskuffion mit politischen Gegnern ausschlietzt.