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Die Pariser Verhandlungen zur Lösung der Reparationssrage sind abermals in ein entscheidendes, wenn nicht sogar kritisches Stadium getreten. Der Vorschlag des Präsidenten der Reparationskonferrnz. Owen Young, ist von der deutschen Sach- verständigen-Delegation grundsätzlich angenommen worden, unter Sicherstellung bestimmter Voraussetzungen. Damit hat die deutsche Delegation ihr eigenes Memorandum aufgegeben. Sie hat es getan, nachdem sich aus den sehr eingehenden Besprechungen der deutschen Sachverständigen mit Owen Young und den englischen Delegierten ergeben hat, daß eine Regelung nach rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten nicht in Frage kommt. Die anderen Delegationen haben es für aussichtslos erklärt, den Gesichtspunkt der deut- 1 chen Leistungsfähigkeit ausschließlich zur Grundlage einer Endregelung des Reparationsproblems zu machen. Wer schon tauchen wieder neue Schwierigkeiten auf. Frankreich und Belgien zeigen wenig Neigung, dem Youngschen Zahlungsplan zuzustimmen. Aus rein taktischen Gründen richten sie ihre Kritik aber nicht gegen diesen Plan Owen Youngs, sondern gegen die von Deutschland angemeldeten Vorbehalte, durch die u; a. bei unzureichender Leistungsfähigkeit Deutschlands eine Re- bisionSmöglichkeit dieses Zahlungsplanes von vornherein sichergestellt werden soll. Deutschland muh sich aber ein derartiges Sicherheitsventil verschaffen, insbesondere jetzt, wo man allgemein in Deutschland der Aeberzeugung ist, daß der Owen Youngsche Zahlungsplan tatsächlich die deutsche Leistungsfähigkeit überschätzt. Nur unter Anerkennung dieser Voraussetzungen könnte man bei einem positiven Ergebnis der neuen Beratungen noch von einer wirtschaftlichen Regelung sprechen.
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Mit einem heiteren und mit einem nassen Auge verfolgt die Börse und die an ihr tätige Spekulation die Pläne des Reiches zur Konsolidierung des Kassenbedarfs. Sehr kritisch sieht man die Dinge hinsichtlich der Rückwirkungen auf dem Anleihemarkt an. Man befürchtet eine empfindliche Erschütterung dieses Marktes, der ja ohnehin in letzter Zeit unter starkem Kursdruck stand, und man meint, daß das Reich durch eine noch schärfere Handhabung der Sparpolittk für sich eine finanzielle Entlastung schaffen möge. Zn wirtschaftlichen Kreisen weist man in diesem Zusammenhang insbesondere darauf hin, daß es doch ein Anding ist, daß das Reich in zahlreichen Subventionen und Beteiligungen an Zndustrieunternehmungen Millionen nutzlos vertan hat, und daß es zweckmäßiger wäre, diese ganze Subven- tionspolitik des Reiches aufzugeben und dafür die Inanspruchnahme des öffentlichen Geld- und Kapitalmarktes durch Anleihen einzufchränken. Es ist klar, daß die Börsenkreise in diesem Zusammenhang auch darauf Hinweisen, welcher Widerspruch in der Haltung des Reichsfinanzministeriums dadurch begründet ist, daß der in Börsen- und Finanzkreisen wiederholt ausgesprochene Wunsch auf Ab- schaffung oder doch erhebliche Ermäßigung der Kapitalertragssteuer immer wieder vom Reichsfinanzministerium abgelehnt worden ist, wahrend diese selbe Instanz nun eine Maßnahme trifft, für die gleich auf einmal eine vierfache volle Steuerfreiheit eintritt. Man nimmt also an, daß nach dieser Attion des Reiches eine Rückwirkung auf die Handhabung der Kapttal- erttagssteuer nicht ausbleiben könne. DaS wäre alles sehr schön und gut. Aber es geht doch wirllich nicht an, daß diejenigen, die über das entsprechende Kapital verfügen, noch dafür ausdrücklich prämiert werden, während der Gelobedarf von den großen Waffen mit kleinem und mittlerem Einkommen gedeckt werden muh. Die notwendige Folge mühte dann eben sein, dah auch für diese Kreise eine steuerliche Entlastung geschaffen wird.
Ermuter Streit um die Aibutmteite
Re Engländer lewen den NertellungsschMel Swen Aoungs ab - Re Ettuatten ist wieder kritisch
Owen Young hat am Dienstag die Besprechungen mit den Eläubigerfachver- ständigen einerseits und Dr. Schacht andererseits fortgesetzt, die eine Einigung über den sogenannten Young-Plan herbeiführen sollen. Dem Vernehmen nach haben die Alliierten in diesen Besprechungen von den Zahlen nunmehr amtlich Kenntnis genommen, aber vor einer Stellungnahme zu dem amerikanischen Kompromiß- vorschlag Owen Youngs ersucht, ihnen mit diesem einen Vorschlag über die Verteilung der deutschen Zahlungen auf die einzelnen Länder sowie die deutschen Vorbehalte zu übermitteln. Es scheint, daß ein erster Entwurf eines neuen Verteilungsschlüssels von den Alliierten abgelehnt worden ist und dah diese nunmehr erwarten, daß Owen Young einen neuen Vorschlag für die Verteilung der Zahlungen ausarbeitet. Die Besprechungen drehen sich somit anscheinend zurzeit in der Hauptsache um diese Frage, während die Zahlenfrage und die deutschen Vorbehalte erst später behandelt werden dürften.
England ist empört
Die Pariser Meldungen über die Einzelheiten des Planes Owen Youngs haben rn London allgemeine lleberraschung hervorgerufen und wurden heftig kritisiert. Reuter meldet aus Paris, über den „Pariser Theatercoup", der die ganze Lage in den letzten 24 Stunden völlig verändert habe, u. a.: Nachdem Owen Young seine Denkschrift mit den Beträgen, die jedes Land erhalten sollte, in Umlauf gesetzt hatte,
entdeckte« die britischen Delegierte« z« ihrem Erstaunen, daß ihr Anteil eine unannehmbare Verminderung erfahren hatte.
Sir Josiah Stamp begab sich sofort zu Owen Young und fragte ihn, ob die Herabsetzung "des brittschen Anteils absichtlich vorgenommen worden sei. Owen Young bejahte dies. Sir Josiah Stamp teilte daraufhin Owen Young mit, daß
eine solche Verminderung von England nicht angenommen werde« würde.
Amerikaner, die die Konferenz zu sprengen drohte, ist
die Frage der deutschen Vorbehalte in den Hintergrund getreten.
Am Dienstag abend herrschte der Eindruck, daß die Vorbehalte schwerlich ein Hindernis bilden würden.
Der Pariser Korrespondent der „Daily Mail" behauptet, der ganze Youngplan sei breits aufgegeben worden. — Der diplomatische Korrespondent der „Morning Post" schreibt: Wenn nicht über die friedliche Gesinnung des Präsidenten Hoover und seiner Regierung zu reichliches Beweismaterial vorläge, dann
würde es entschuldbar sein, wenn „Owen Youngs Kompromiß" als vorsätzliche feindliche Haltung aufgefatzt werden würde.
Französische Blätterstimmen zur Reparationsfrage.
Owen Young hat den Delegationen der reparationsberechtigten Länder einen neuen Verteilungsschlüssel vor- geschlagen, um Frankreichs Wünsche, aus den vorgesehenen Zahlungen so viel zu erlangen, daß es für seine Reparationsaus- gaben eine Vergütung von etwa 50 Milliarden P a p i e r f r a n ken erhält, erfüllen zu können.
(Fortsetzung siehe Lette 2.)
Das Attentat aut Woldemaras
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Der Schauplatz des Atte ea te: Das städtische Theater in Kowno Links: Ministerpräsident Woldemaras
Der Reuterbericht erwähnt ferner, daß anscheinend keine Rede von unannehmbaren deutschen Vorbehalten sei, aber die Hauptschwierigkeit läge jetzt darin, daß der Bericht, wenn er die Frage der Verteilung nicht erwähnt, für die Engländer, aber wahrscheinlich nicht für die Franzosen und die Belgier annehmbar sei. Wenn er aber die Verteilung erwähnt, dann werde vermutlich das umgekehrte der Fall sein.
Indessen schließt die Reutermeldung in hoffnungsvollem Ton: Es ist denkbar, daß der neue Verteilungsvorschlag dem Bericht in seinem Anhang beigefügt werden wird. In diesem Falle könnte der Bericht einstimmig unterzeichnet werden und der Anhang würde, mit den brittschen Vorbehalten versehen, dann zwischen den alliierten Regierungen zu erörtern sein. In dieser Beziehung scheint kein Grund zum Pessimismus zu bestehen. Man darf erwarten, daß die alliierten Staatsmänner zu einer friedlichen Vereinbarung gelangen werden.
Aehnlich wie Reuter berichtet der Pariser Korrespondent des „Daily Telegraph", der u. a. ausführt: Owen Youngs Schritt kam wie ein Blitz aus heiterem Himmel für die britische Delegation, alle anderen aber, Frankreich und Belgien eingeschlosien, scheinen ganz zufrieden mit den Summen zu sein, die ihnen jetzt zufallen würden. Im Lichte der ungewöhnlichen ■ Handlungsweise der
Wie bekannt wird, ist Ministerpräsident Woldemaras wiedurcheinWun- der dem Tode entronnen. Sein persönlicher Adjutant, der durch Schüsse in den Kops getötet wurde, hatte sich mit ausgebreiteten Armen vor den Ministerpräsidenten gestellt, als die ersten Schüsse ielen. Die Kleider der Frau des Mini- terpräsidenten wurden durch zwei Kugeln durchbohrt. Der Adjutant des Kriegsministers, Hauptmann Verbickas, ist so schwer verletzt worden, daß an seinem Aufkommen gezweifelt wird. Er hat bis jetzt noch nicht das Bewichtsein wieder erlangt. Als er von den Schüssen getroffen zusammenbrach, rief er aus: „S i e haben polnisch gesprochen". Der kleine Neffe des Ministerpräsidenten, der drei Bauchschüsse und einen Beinschuß erhielt, wurde in der Nacht einer Operation unterzogen, die erfolgreich verlaufen ist. Man hofft, ihn am Leben zu erhalten..
Die Täter — es soll sich um 8—4 Personen handeln — sind in der allgemeinen Panik, die in dem stark belebten Park vor dem Staatstheater ausbrach, entkommen.
Man nimmt an, daß es sich um Anhänger des Führers der litauischen Emigranten im Wilnagebiet, Plefchkaitis, gehandelt hat. Auf dem Platz vor dem Theater fand man nachher zwei scharfe Handgranaten und Munition. In der Nacht sind etwa 15
Personen verhaftet worden, doch haben sie mit dem Anschlag direkt wahrscheinlich nichts zu tun.
Gesandtschaftsrat Sayur, der in Vertretung des zurzeit in Berlin weilenden deutschen Gesandten Moraht die Geschäfte der deutschen Gesandtschaft in Kowno führt, hat sich noch in der Nacht zum Ministerpräsidenten Woldemaras begeben, der sich im städtischen Krankenhaus bei seinem schwerverwundeten Neffen befand, und ihm die Teilnahme der deutschen Regierung ausgespro- chen. Woldemaras hat, wie verlautet, die Vermutung ausgesprochen, daß bei dem Attentat Litauer, wie auch Wilnaer Terroristen die Hand im Spiele hätten. Da mit der Möglichkeit gerechnet wird,
daß die Attentäter über die deutsche Grenze zu entkommen suchen, ist noch in der Nacht die deutsche Grenzpolizei verständigt worden, die alle Vorkehrungen zur scharfen Ueberwachung der Grenze getroffen hat. Bei dem Attentat ist auch die Tochter des Universitätsprofessors Iodakys durch einen Beinschuß leicht verletzt worden. Wie Augenzeugen berichten, handelt es sich um drei Attentäter, die sich in einem wenig beleuchteten Teil des Par- Kes hinter Bäumen versteckt hatten. Von dort aus gaben sie die Schüsse ab. Die beiden ausgefundenen Handgranaten sind zwar geworfen worden, aber nicht explo, diert.