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Anzeiger siir (bas frühere kurhessische) Oberhesfen
Nr. INI 64.3nhrg. Marburg a.Labn
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Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg. 4swO
TaseWosel
In diesen Tagen waren vier Jahre verflossen, da das deutsche Volk zum Nachfolger des verstorbenen ersten deutschen Reichspräsidenten Friedrich Ebert den militärischen Führer während des Weltkrieges von Hindenburg wählte. Was in diesen vier Jahren beständig war, das war doch wohl nur eines: Der Ernst, die Zielsicherheit, die Selbstlosigkeit und der unbegrenzte Opferwille, mit dem Hindenburg sich daran machte, seinem Volke, das ihn zum Träger deutschen Geistes erhob, diesen Geist vorzuleben. Ganz schlicht und ganz einfach, ganz ohne Pathos, ganz frei von jedem geringsten Unterton, sich in den Vordergrund schieben zu wollen. Immer aber mahnend, immer das Gewissen des Einzelnen und der Gesamtheit ergreifend mit dem stillen Werben um Einigkeit, Vaterlandsliebe und selbstlosen Dienst am Staate.
Vergessen wir nie das Ungeheure dieses Opfers eines Mannes, der damit seinem Volke das Letzte gab und noch heute gibt, mehr, als all die Anderen, die Nutznietzer seines Opferwillens werden.
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Das Umschwenken der Vereinigten Staaten von Amerika in der Rüstungsfrage fügt der Kette schwerwiegender Enttäuschungen, wie sie den Vertretern einer europäischen Verständigungs- und Entspannungpolitik die Ereignisse der letzten Zeit auf den verschiedenen politischen Kampsfeldern gebracht haben, ein neues, möglicherweise entscheidend bedeutsames Glied ein. Wenn die Haltung der maßgebenden Mächte im Abrüstungsausschub eine endgültige Bestätigung findet, woran bei der Lage der Dinge wohl kaum zu zweifeln ist, so würde das bedeuten, daß Amerika zur Erreichung einer ihm genehmen Regelung der Flottenrüstungssrage Frankreichs militärische Hegemoniestellung in Europa und damit die gewaltsame Aufrechterhaltung des gesamten Wahnsinnes der Friedensdiitate in seinem ganzen Umfange anerkennt.
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Die Pariser Morgenpresse und auch die Agentur Havas wollen Anzeichen dafür entdeckt haben, daß sich die Stimmung innerhalb der Reparationskonferenz gebessert habe. Havas hebt hervor, daß man zu hoffen scheine, daß die deutschen Sachver- st ä n d i g e n nach der Rückkehr des Reichsbankpräsidenten Dr. Schacht doch der endgültigen Lösung zustimmen roerben, die der Sachverständigenausschutz den verantwortlichen Regierungen empfehlen zu müssen glaubt. Selbst in dem Falle, daß die deutsche Gruppe sich nicht ohne Vorbehalte dem Plan Owen Poungs auschlietzen zu können glaubt, lasse sich annehmen, datz der von den Sachverständigen aufgestellte Plan als Diskussions-Grundlage für die späteren Beschlüsse dienen werde. „Matin" gibt die Ansicht eines ungenannten Sachverständigen — offenbar eines der französischen Delegierten — wieder, der sich wie folgt äußert: Man darf nicht aus dem Auge verlieren, daß aus den Arbeiten der Sachverständigen auf alle Fälle ein neuer Plan hervorgehen muß, und dies muß der Plan Owen Poungs sein. Die Vertreter Deutschlands werden zwischen dem Dawes- Plan und dem Plane Owen Poungs zu wählen haben. Zum Schluß erklärt der vom „Matin" befragte Sachverständige noch, er werde nicht erstaunt sein, wenn Dr. Schacht bei seiner Rückkehr eine Durchschnitts-Annuität von 2 Milliarden anstatt von 1650 Millionen anbieten sollte
Den „M ünchner Neue st en Nachrichten" wird von besonderer Seite aus Paris berichtet: „Die Art, wie von unseren Derhandlungsgegnern eine Ergänzung gefordert und die Gründe zur Verbindung der Gegensätze geradezu künstlich hervorgesucht worden sind, hat die Deutschen nun in der Ueberzeugung bestärkt, daß ein wirklicher Wille zur Verständigung bei unseren Verhandlungsgegnern nicht vorhanden ist. Bei solcher Sachlage müssen weitergehende deutsche Angebote besonders bedenklich erscheinen. Die Grunde.nstellung der Westmächte wird dadurch nicht geändert. Deutscherseits aber wird man einmal vorzeitig auf eine Zahl f e ft gelegt, bie die beutfdje Leistungsfähigkeit ü b e r ft e i g t. Noch gefährlicher ist es, daß der Glaube an die Endgültigkeit deutscher Erllärungen mehr und mehr untergraben wird. Es darf nicht wieder jener Zustand eintreten, unter dem die deutsche Außenpolitik Jahre lang so sehr gelitten hat, daß man nämlich glaubt, von den Deutschen alles erreichen ju können, wenn man ihnen nur mit der nötigen Brutalität gegenübertritt.
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Ac Mehrheit trügt die Nenmtwwtmig — Sie vertagt tie Erörterungen aus eine spätere Jett
Die vorbereitende Abrüstungskommission behandelte gestern im Rahmen der Bestimmungen des KonventionSent- tvurfes über die Beschränkung der tatsächlichen Truppenbestände in langen hauptsächlich militärtechnischen Verhandlungen die Schemen für die Truppenbestände zu Land, in die die kommende Abrüstungskonferenz die Ziffern für die einzelnen Truppengattungen der Staaten einsetzen soll. Es wurde grundsätzlich beschlossen, die Schemen für die Schiffsgattungen nicht zu erörtern, sondern bis zur allgemeinen Behandlung der See- abrüstungsfrage in der Kommission zu vertagen. Die deutsche Abordnung vertrat in den Verhandlungen mit Raachdruck den Standpunkt, daß
der Artikel des Konventionsentwurfes über die Beschränkung der tatsächlichen Truppenbestände völlig unhalt« bar und völlig ungeeignet für jede Beschränkung der Rüstungen
sei. Die deutsche Abordnung zog daraufhin verschiedene in den früheren Tagungen eingebrachte Zusatzanträge zurück, mit der Begründung, daß nach der grundsätzlichen Entscheidung über die Behandlung der ausgebildeten Reserven der deutschen Abordnung eine ins einzelne gehende Erörterung dieses Artikels nicht nötig erscheine.
Die deutsche Abordnung sähe sich gezwungen, jetzt die volle Verantwortung für die weiteren Entscheidungen über die Fragen der Landabrüstung völlig der Mehrheit zu überlassen.
Die deutsche Abordnung sei lediglich noch an der Frage der militärischen Ausbildungszeit des jährlichen Rekrutenkontin- gents interessiert. Die Mehrheit sei m ihren Beschlüssen frei und solle nunmehr zeigen, wie sie eine fühlbare Herabsetzung der Lanostreitkräfte erreichen wolle. Die deutsche Delegation, sei der Aeberzeugung, daß nach der jetzigen Wendung der Ausschuß rn eine Sackgasse komme. Graf Dernstorff erklärte hierbei mit einer gewissen Ironie, Berge hätten gekreist, und eine Maus wäre geboren worden. Diese Aeußerung des Grafen Bernstorff wurde von dem Präsidenten, dem griechischen Vertreter, P o l i - tis, der den erkrankten Präsidenten Loudon vertritt, mit der Bemerkung erwidert, Graf Bernstorff vertrete einen unglaublichen Pessimismus. Die angebliche Maus habe sich schon oft später als Löwe erwiesen. Graf Bernstorfs erwiderte, er werde der erste sein, es anzuerkennen, trenn im vorliegenden Fall das Ergebnis der Arbeiten des Ausschusses nicht nur mit einem Löwen, sondern mit einem Elefanten verglichen werden könnte.
Die deutsche Abordnung behält sich in den gegenwärtigen militättechnischen Verhandlungen
volle Freiheit für die künftige Abrüstungskoufereuz
vor, da ohne Zweifel die grundsätzliche Aussprache über die Hauptfragen der Ab- rüstungskommifsion in der Konferenz von neuem stattfinden wird. Zn der Sitzung am Dienstag fand zum Schluß eine längere Aussprache zwischen der französischen und der italienischen Abordnung über die Be - Wertung der Militä rdien st dauer statt. In dieser Frage konnte eine Eini- gung^ zwischen der italienischen und französischen Abordnung nicht erzielt werden. Hierbei trat von neuem der immer wieder in den Verhandlungen erscheinende Ge - gensah zwischen Italien und Frankreich schroff hervor. Die italienische Abordnung verlangt, daß auf der Konferenz Italien und 'Frankreich eine völlig gleichwertige Behandlung in der Beschränkung der Rüstungen erfahren.
Die maßgebenden Abordnungsführer der Abrüstungskommission sind mit dem Präsidium dahin überein gekommen.
die gegenwärtige Tagung der Kom- misfion zwischen dem 8. und 11. Mai zu unterbrechen.
Die Tagung soll ausdrücklich nicht förmlich abgeschlossen, sondern lediglich auf einen späteren Zeitpunkt vertagt werden. Man nimmt an, daß die Kommission sodann Ende Juli oder Anfang August wieder zusammentte- ten und ausschließlich Fragen der See- aßrüftung behandeln wird. Man hält es vor den englischen Parlamentswahlen für unmöglich, die sachlichen Verhandlungen über die Fragen der Seeabrüstung in der Vollversammlung der Kommission cmfzu-
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nehmen, wie dies von der amerikanischen Abordnung besonders gewünscht wird. Man erwartet, daß auf der Iulitagung endgültig die Vorarbetten der Abrüstungs- kommission abgeschlossen und der S ch l u ß- bericht an den Dölkerbundsrat erstattet wird. Der Rat könnte auf der Vollversammlung des Völkerbundes im September seinerseits den Mitglieds- ftaaten den abschließenden Bericht über di«. Vorbereitungen für die Konferenz vor»- legen, sodaß die Vollversammlung des Völkerbundes sich bereits über die Einberufung der Allgemeinen Abrüstungskonferenz schlüssig werden konnte. In Dölkerbundkreifen hätt man den Zusammentritt der allgemeinen Abrü stun gskon fe re nz für Mai nächsten Jahres für möglich.
Die neue Negierung in SesterreiO
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Nationalrat Streeruwitz, der bekannte Textil-Eroßindustrielle, wurde nach den mißlungenen Versuchen der Landeshauptleute Ender und Nintelen mit der Bildung der neuen österreichischen Regierung betraut.
Die Zusammensetzung der neuen österreichischen Regierung steht nunmehr fast völlig fest. Am Dienstag Hai sich der Landbund entschlossen, in ein Kabinett Streeruwitz einzutreten und den bisherigen Vizekanzler Hartleb durch den früheren Kärntner Landeshauptmann Schutny zu ersetzen. Ferner gilt es als wahrscheinlich, daß der bisherige Unter« richtsminister Schmitz sein Amt behalten dürfte, wenn amh die Verhandlungen mit den Eroßdeutschen über dies Portefeuille noch nicht beendet sind. Es ergibt sich danach die folgende Liste der neuen Regierung, deren Wahl voraussichtlich am Freitag stattfinden wird:
Bundeskanzler und Auswärtiges:
Streeruwitz (Christl.-fozial).
Vizekanzler und Inneres: Schumy (Landbund).
Unterrichtsminister: Schmitz (Christi.« sozial) oder S ch e r m a I (Cristl.- sozial).
Justiz: Slama (Eroßdeutsch).
Handel: Schürff (Großdeutsch).
Volkswohlfahrt: Resch (Ehristl.-sozial).
Heereswesen: Baugoin (Ehristl.- sozial).
Landwirtschaft: Fordermayer (Ehristl.-sozial).
Keine ArWgimg krs Weier-
Berlin, 30. April. Der Haushaltsaus- sckutz bes Reichstages genehmigte beute den Justiretat entsprechend den Vorschlägen der Regierungsparteien.
Reichsiustizminister o. Euörard
gab vorher noch Auskunft über die in seinem Ministerium bearbeiteten Gesetzesvorlagen und antwortete auf Anfragen: Die Reform des ehelichen Güterrechtes sei in Angriff genommen. Die Fragebogen für die Reform des Aktienrechts seien umfangreich. Die Antworten würden voraussichtlch am 1. Oktober eingelaufen sein. Im Reichsiustizministerium [et eine grundlegende Reform des Mündclsicher- heitsrechtes ausgearbeitet und den beteiligten Stellen zugeleitet worden.
Die Mieterschutzgesetzgebung müsie solange bestehen bleiben, wie sich nicht Angebot und Nachfrag« auf dem Wohnungsmarkt einigermaßen die Wag« halten.
Für die Vereinheitlichung des Notariats- wcs.ms [ei bie Stellungnahme der Rechtsanwälte notwendig. Die Stellung der Rechts- vfleger muffe sich auf nicht richterliche Tätigkeit beschränken. Die Mitglieder des Reichsgerichts seien beaünl. ihrer nebenamtlichen
äTtigkeit an bie Zustimmung des Reichsge- r'.chtsvräsidenien gebunden, nicht bezügl. bet Gutachten. Zur Reichs-Rechtsanwaltskammer habe der Deutsche Anwaltsverein erneut Stellung genommen. Diese sei noch zu prüfen. Die Neuregelung des Zugabewesens solle von Gutachten des Reichswirtschaftsrates abhängig gemacht werden. Die Ausdehnung bet Krimi- nialstatiftik unterliegt der Erwägung. /
Staatssekretär Joel ging erneut auf bie Aufwertungsfrage
ein. Eine Hinausschiebung der Fälligkeit bet Aufwertungshyootheken über 1932 hinaus könne nur gleichzeitig mit einer öinaufjefcumj der Zinsen erfolgen. Besonders die Landwirtschaft werde bie höheren Zinsen nut schwer aufbringen können. Der Gesetzgeber müsse bald Klarheit schaffen.
Angenommen wurde noch eine Entschließung der Regierungsparteien, worin die Reichsregierung um Schaffung einer auf allgemeinen Wahlen beruhenden Reichsrechtsanwaltskammer ersucht wird.
Dir Auslandsfahrt bet deutschen Flotte.
fk. El Ferrol ,1. Mai. Das deutsche Linienschiff „Schlesien" ist hier einae- troffen. Der Kommandant des Schiffes stattete den Behörden Besuche ab. Zu Ehren der Offiziere und der Besatzung werden ver- Ichiedene Festlichteiten veranstaltet werden.