Sonnabend,
den 27. Avril ISN
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Anzeiger für (bas frühere kurhessifche) Oberhessen
Anzeiger der amtliche« Bekanntmachungen snr Stadt «nd Kreis Marburg.
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Die Dörsenlage nach der Diskont» irhöhung hat den Beweis dafür er» »rächt, daß Wirtschaft und Börse mit dem Ausmaß dieser Erhöhung durchaus gerechtet haben, ja. man ist in einigen Kreisen sogar der Auffassung gewesen, daß eine nxh höhere Hinaufsetzung des Diskonts «folgen mühte. In diesen Kreisen nimmt han auch an, daß es bei dem jetzigen AuS- liaß gar nicht bleibe, sondern daß in absehbarer Zeit doch noch einmal eine Hin- tufsetzung erfolgen müsse. Der Umstand schließlich, daß eS „nur" zu einer einpro- »entigen und nicht zu einer anderthalb- brozentigen Erhöhung des Diskonts im [eisigen Augenblick kam, hat denn auch dahin geführt, daß an der Börse statt des erwarteten weiteren Kursabschlags teilweise sogar beträchtliche Kurserhöhungen berauskamen. Das zeigt, daß man schon bei den bisherigen Kursherabfetzungen die Wirkungen der Diskonterhöhung bereits reichlich eskomptiert, also vorweg genommen hatte. ES zeigt aber auch weiter, daß man sich mit der gesamten Sachlage be- reiis abgefunden hat.
' Die französischen Blätter bringen ausführliche Berichte über die Borgänge an der Berliner Börse, verhalten sich aber den Arbeiten der Sachverständigen- konferenz gegenüber im allgemeinen schweigsam. Dem „RewBorkHerald" zufolge soll in den letzten 24 Stunden in Len Kreisen der Sachverständigen eine größere Zuversicht Platz gegriffen haben. Man rechnet etwas mehr mit der Möglichkeit, zu einem Abkommen über die Höhe und Zahl der Zahreszahlungen zu gelangen. Diese geringe Zunahme des »Optimismus sei übrigens nicht aus neue Borschläge, sondern auf eine persönlichere Haltung der Sachverständigen zurückzuführen. Der halbamtliche „Excelfior" schreibt, es stehe noch nicht fest, ob der DedaktionSauSschuß einen einheitlichen Bericht über gewisse Punkte ausarbeiten werde, bei denen die deutsche Abordnung Vorbehalte machen könnte, oder ob man zwei Parallelberichte unfertigen müsse. Das Blatt erklärt dann weiter, die französische Presse wünscht nichts mehr, als ihre Ansicht über den Charakter und die Methode Dr. Schachts ändern zu können. Wenn mm trotz der Langsamkeit und der Mißverständnisse zu einem vernünftigen Ergebnis käme, so könnten die deutschen Anter- Händler sicher sein, daß ihre Bemühungen nach Gebühr anerkannt würden. Zm „M a t i n“ beschäftigt sich Sauerwein mit den verschiedenen Möglichkeiten, mit denen die Arbeiten der Sachverständigen ausgehen könnten, und erklärt dabei u. a., Lie Tatsache, daß die Sachverständigen nicht zu einer Einigung gelangen konnten, beweise noch nicht, daß die Regierungen eine solche erreichen konnten.
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Das amerikanische Zugeständnis an den französischen Standpunkt in der Land- vbrüstungSfrage wird auf englischer Seite ohne Kommentar verzeichnet. Da die englische Politik in voller Ueberein« ftimmung mit der von Gibsvn angekündigten amerikanischen Haltung statt, ist jedoch nicht daran zu zweifeln, daß die Erklärung GibsonS begrüßt wird. Offenbar will man auf englischer Seite ab - barten, was die deutschen Dertteter in der Abrüfttiugskommission nach Rücksprache mit der Berliner Regierung auf den amerikanischen Vorschlag antworten. Hefter die weitere Entwicklung der Flotten-Aft- rüstungsverhandlungen berichten die „Siir. e S“, die amerikanischen Sachverständigen hatten bereits einen Plan für die Bewertung der einzelnen Faktoren der See- C’t.tftung ausgearbeitet. Auf amerifani- Vxx- Seite herrsche aber das Gefühl, daß hlen nicht veröffentlicht werden sollten, bis jedes Land unabhängig don den Berechnungen der Gegenseite selbst eine genaue Kalkulation der Kampfkraft feiner Flotte ausgearbeitet hätte.
Der
Wieder vertagt
Parker Gilberts Schuld nm Scheitern der Pariser Konferenz
Die für gestern nachmittag angesetzte B, ll- fitzung des Siebener-Ausschusses der Revara- tionskonferenz, die sich mit der Abfassung de« Berichts zu beschäftigen bat, fand nicht statt.
Urber d>e Arbeiten der Sachverständigen berichtet die Morgenvresie, daß die Sitzung des Redaktionsausschusses auch heute nicht, sondern wahrscheinlich am Montag vormittag 11 Uhr stattsinden wird.
lieber die Gründe der Vertagung der Vollsitzung des Redakttons-Unterausschusses der Revarationskonferenz berichtet tzaoas: Da der erste englische Delegierte Sir Josiah S t h a m v. der den Vorsitz im Redaktionsausschutz führt, erst vorgestern aus London zurück-, gekehrt war, hielt man es für erforderlich, die vorbereitenden Arbeiten für die Abfassung b*5 Berichtes noch gestern und heute fortzusetzen. Parker Gilberts seltsame Rolle in Paris.
Der Pariser Berichterstatter des ,,B. T." beschäftigt sich mit der merkwürdigen Rolle, die Parker Gilbert während der Sachverständigenoerhandlungen hinter den Kulissen gespielt hat. Gilbert habe ganz offenbar eine Politik der persönlichen Selbstverteidigung getrieben, denn .sein Ansehen in den Kreisen, die in ihm das große internationale Finanzgenie bewun
derten, stehe aus dem Spiele. Jeder wisse, daß er die treibende Kraft gewesen fei, die die Reparationskonferenz zusammen» gebracht habe, obwohl zu Anfang des Jahres die Meinung herrschte, daß die Zeit noch nicht reif fei.
Aber sein Optimismus sei größer gewesen als seine Kenntnis europäischer Länder.
Die Konzessionen, die er für möglich gehalten habe, habe er offensichtlich als feststehende dargestellt. So sei in allen Ländern, die er besucht habe, der Eindruck entstanden, daß Deutschland seine Leistungsfähigkeit geringer einschätzen würde als es tatsächlich der Fall war. Dieser mehr von Temperament als von Wissen gestützte Optimismus Parker Gilberts fei der Konferenz zum Verhängnis geworden. Zunächst habe sich herausge- stellt, daß er die gegenseitige Konzessionsbereitschaft der Eläubigerländer stark ''berschätzi habe, woraus der peinliche Quotenkampf unter den Alliierten entstanden sei. Dann aber habe sich gezeigt, daß man auch hinsichtlich Deutschlands "ift nrtemöglid)heit nur auf dem Wege über die privaten Ansichten oes Generalagenten, nicht aber über die wirklichen erhältnisse unterrichtet worden sei.
Amerika stützt Frankreich
KM NerMiMisung tsr Mrrven bei der Abrüstung
In der vorbereitenden Aftriistungskom- mission gab am Freitag vormittag der amerikanische Botschafter Eibson im Namen feiner Negierung eine Erklärung ab. in der der
Standpunkt drr Vereinigten Staaten in der entscheidenden Frage der Herabsetzung der Zahl der ausgebildeten
Reservisten
zum Ausdruck gebracht wird. Eibson erklärte. der amerikanische Standpunkt habe bisher in schroffem Gegensatz zum französischen Standpunkt gestanden. Eibson hielt es auch weiterhin für seine Aufgabe, zu erklären, daß eine Macht mit großen Reserven jederzeit zum Angriff übergehen könne und somit andere Machtmittel in der Hand habe, als die Mächte ohne ausgebildete Reserven. Eine Herabsetzung der ausgebildeten Reserven fei jedenfalls nach amerikanischer Auffassung notwendig. Im Namen seiner Regierung erkläre er aber.
daß die amerikanische Abordnung bereit sei, sich den Auffassungen der Mehrheit der an der Landabrüstung interessierten Mächte anzuschliehen
und alle Zugeständnisse zu machen, um eine Einigung in dieser Frage herbeizuführen. Nur aus der Grundlage weitgehender Zugeständnisse.von feiten sämtlicher beteiligten Mächte könnte man endlich einen Ausweg aus dieser schwierigen Lage finden.
Unmittelbar im Anschluß an die Ausführungen Eibsons erklärte Graf Bern- ft o r f f, er sei in so hohem Maße von den Erklärungen Eibsons beeindruckt r.nd behalte sich vor, auf der nächsten Sitzung dazu Stellung zu nehmen. Auch
der französische Vertreter Massigli
betonte, daß die Stellungnahme der amerikanischen Regierung von geschichtlicher und weittragender Bedeutung sei. Er habe mit tiefer Bewegung von den Erklärungen des amerikanischen Botschafters Eibson Kenntnis genommen. Die franzöfi - j sche Regierung habe bisher die
Ansicht vertreten, daß sie auf dem
Eebiet der ausgebildeten Reserven keinerlei Zugeständnisse machen könne. Die französische Regierung sei hierbei von dem Gefühl beseelt, daß ihrer Haltung keinerlei aggressive Absichten zugrunde lägen. Die Erklärungen des Botschafters Eibson hätten die Lage völlig verändert. Er sei bereit, im Namen feiner* Negierung die Karten offen auf den Tisch zu legen und soweit als nur mög - l i ch Zugeständnisse zu machen.
Der Vertreter Japans erklärte ebenfalls, daß auch Japan bereit sei, alle Zu- geständnisie zu machen, um auf dem Gebiete der ausgebildeten Reserven zu einer Einigung zu gelangen. Jedoch müße er erst von der Notwendigkeit überzeugt sein. Japan habe erst seit 60 Jahren eine ständige Wehrpflicht und habe daher noch nicht genügend Erfahrungen gemacht.
In den Kreisen der deutschen Abordnung hat die Erklärung Eibsons tn der Fret- tagssitzung der Abrüstungskommftsion einen außerordentlich nieder- drückenden Eindruck hervorgerufen. Rach der ersten hoffnungsvollen Rede über die Seeabrüftung hat Eibson, wie betont wird, nunmehr klar erkennen lassen, daß sich die Vereinigten Staaten in der für Deutschland entscheidenden Frage der Landabrüstung tatsächlich als uninteressiert ansähen. Die Folge hiervon kann nur sein, daß
Frankreich und den von Frankreich abhängigen Staaten völlig freie Hand in der Behandlung der Landabrüstungs- srage in einer Richtung gelassen wird, die zweifellos in schroffen Widerspruch r» den deutschen Auffassungen steht.
Der Appell Eibsons an die Konzessionsbereitschaft der Mächte verliert unter diesen Umständen rtarf an Bedeutung und dürfte kaum einen nachhaltigen Widerhall finden. Es kann unter keinen Umständen erwartet werden, daß Frankreich in der entscheidenden Frage der Beschränkung der
(Fortsetzung f.efte Sette 2?
haben unsere llniversMen versagt?
Von Staatsminister a. 'S. Dr. Dvelitz, M. b. 2. !
Zn den eben abgeschlossenen DerhanD- langen des Preußischen Landtags über den Kultusetat haben sozialistische Abgeordnete einen ungewöhnlich scharfen Vorstoß gegen unsere Universitäten unternommen, der entschiedenste Zurückweisung verdient. Set Abgeordnete König, der kulturpolittsche Führer der Sozialdemokratie im Preußischen Landtag, und der Abgeordnete Dr. R ö l t i n g, Professor an der Frankfurter Akademie der Arbeit, haften übereinstimmend erklärt, daß die deutschen Universitäten in den letzten 15 Zähren völlig versagt hätten. Sie hätten vor allem jede Führung der Ration und jegliche geistige Erziehung der Heranwachsenden Generation vermissen lassen und hätten dünkelhaft und aftgesperrt der neuen Zeit gegenüber gestanden, weil sie'starr und ent* wicklungslos liegengeblieben seien und west eine Professorenschaft da sei, die heiser anftelferte gegen die neue Entwicklung.
Aus diesen Ausführungen der beiden sozialistischen Redner spricht ein solcher Haß gegen die „bürgerlichen" Universitäten, daß das Bürgertum bei einem solchen Vorstoß nicht mit tauben Ohren da- sitzen sollte. Wir wissen, daß die heutigen Universitäten alles andere eher find» als das Zdeal der Sozialoemokratie. Zhy Zdeal ist ganz allein die Arbeiter-Hoch-, schule, zu der der Weg nicht durch die heute bestehenden höheren Schulen führt, sondern durch die soziale QlrbeitS* und Produktionsschule und durch ausge- sprochene Berufsschulen. Diese Arbeiter- Hochschulen sollen allein den Zweck haben, der organisierten Arbeiterschaft ein gen schultes Material für die Zwecke der son zialistischen Selbstverwaltung zuzuführenr mit anderen Motten: die Sozialdemokratie erstrebt eine völlige Umgestaltung des Unkn versitätswesens, die heute weit über das- hinausgehen soll, was einst der sozialistisch^ Kultusminister Konrad Haenisch erftrebte. Aber die Auseinandersetzung hierüber ist. eine politische Frage, die aufs engste mit- den Forderungen des Marxismus und seinem Idealbild von der zukünftigen Gestaltung der wirtschaftlichen Verhältnisse zusammenhängt, mit dem Kampf gegen die jetzige „kapitalistische Profitwirtschaft* und mit der völligen Umgestaltung der heutigen gesellschaftlichen Ordnung. Hierüber wird später einmal zu sprechen fein. Heute handelt es sich nur um die Frage, ob wirklich der unerhörte Vorwurf der Sozialdemokratie, daß unsere Universitäten in der geistigen Führung der Ration völlig versagt hätten, zu Recht besteht.
Mas heißt geistige Erziehung der Ration?
Wer darunter etwa verstehen wollte, daß die Hochschulen in direkter Fortsetzung der höheren Schulen auch die pädagogische Förderung der akademischen Zugend schulgemäß übernehmen müßte, die etwa in einer ausgeprägten Zndividualpäd* agogik bestände, kennt das Wesen unserer Universitäten nicht. Ihr Wesen beruht ganz auf der Synthese von Forschung und Lehre, in einer indealen Verbindung von reiner, unbestechlicher, wissenschaftlicher Erforschung der Wahrheit und der Vermittlung der Ergebnisse dieser Forschung an ein heranwachsendes Geschlecht, das sich aus freier Wahl feinem Lehrer ander* traut. Zn dessen großen Aufgaben haben die Universitäten nicht versagt. Zm direkten Gegensatz zu den Anschuldigungen der Sozialdemokratie muh mit Nachdruck darauf hingewiesen werden, daß die deutsche Hochschullehrerschaft ttotz der riesigen Schwierigkeiten, die ein verlorener Krieg dem Aniversitätsleben, vor allem auch nach der Seite der Ausstattung von Znstituten, Laboratorien, Bibliotheken gebracht hat, nicht nur nicht versagt hat, sondern in hervorragendem Maße den alten Ruf deutscher Gelehrsamkeit bewahrt