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Anzeiger für (bas frühere knrheffifchsj Oberheffen
Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg
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Sonnabend, den 20. Avril 1929
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1 Goldmark — '/«.»Dollar.
FMchms brr NllWnbigunMrfulbe In Paris
Plötzlicher Ad RcvelslM - Berlagimg der Sellsitzung - 6ine Erklärung Dr. Schachts
Set Führer der englischen Delegation bei den Verhandlungen der Neparations- sachoerständigen, Lord Revelstoke, ist im Laufe der Nacht zum Freitag in seiner Pariser Wohnung in der Rue Saint Ho- wot6 plötzlich gestorben.
Lord Revelstoke schien abends noch wohlauf zu sein, hat sich aber ziemlich früh in fein Schlafzimmer zurückgezogen, wo er Sestern morgen tot aufgefunden wurde, 'eber die Todesursache ist noch keine Auf- Hütung erfolgt, doch wird angenommen, daß es sich um Herzschwäche handelt. Lord Revelstoke, der 65 Jahre alt geworden ist, gehörte dem Diretorium der Bank von England an und war an der bekannten Bank Baring beteiligt.
Die auf gestern vormittag 11 Uhr ein« berufene Vollsitzung der Reparationssach- verständigenkonferenz, in der über die gestrigen Beratungen des Revelstoke-Aus- fchusies Bericht erstattet werden sollte, ist auf Montag vertagt worden.
Die Börse reagiert
, Die Vorgänge in Paris haben in Berliner Bankkreisen einen außerordentlich tiefen Eindruck "gemacht und an der Börse tzu großen Effektenverkäufen von allen Seiten geführt. Infolgedessen gaben die Kurse an der gestrigen Berliner Börse auf der ganzen Linie empfindlich nach. Die Kursverluste erfaßten auch die schweren Terminwerte und sonst beliebten Spekulationspapiere. Vereinzelt erreichten die Rückgänge ein Ausmaß von mehr als 20 vom Hundert. Von besonders ungünstigem Einfluß auf die Stimmung war aber der seit gestern vormittag stark in die Höhe gegangene Dollarkurs, der sich in Berlin auf 4.22 stellte.
Die Reichsbank war, um den Dollar huf diesem Niveau zu halten gezwungen, Mit erheblichen Devisenab- ga b e n einzuspringen, die sich auch im Auslande zur Stützung des Markkurses als notwendig erwiesen. Man darf cn= Nehmen, daß der gestrige Tag in die Devi- envorräte der Rechsbank eine neue emp- indliche Bresche geschlagen hat, nachdem chon seit Wochen die immer mehr zuneh- tnenden Devisenanforderungen Anlaß haben, aus den Goldbeständen der Reicks- vank zur Beschaffung von Devisen große Verkäufe vorzunehmen. Die amtliche Dollarnotiz stellte sich schließlich allerdings auf 4.2175, da im Verlaufe der Mittagsstunden wieder eine gewisse Beruhigung eintrat.
Dr. Schacht will weiter verhandeln
Reichsbankpräsidsnt Dr. Schacht hat nach einem Beileidsbesuch in der vatifer Wohnung Lord Revelstokes gegenüber dem Vertreter des „Evening Standort" folgendes geäußert:
„Ich bin außerordenlich betrübt über sas Hinfckieiden eines der anständigsten tmb loimlsten Gentlemans, den ich gekannt abe. Lord Revelstoke und ich waren alte "reunbe au Grund unserer engen Berandung in Finanz und Wirtschaft. Er wästdierte dem Unterausschuß des Sach- lerftändiaenkomitees mit vollständiger Inparteilichkeit und Gerechtigkeit, und Jar sich der Schwierigkeiten, denen sich die -achverständigen gegenüber sahen, voll gewußt. Er tat sein Bestes, um diese Schwierigkeiten zu beseitigen. Seine An- irengungen, eine Regelung der Reparati- nssragen zu erreicken. haben, wie ich klaube, seinen Tod beschleunigt." , Zu dem gegenwärtigen Stand der Verhandlungen selbst erklärte Dr. Schacht: , „Ich werde einer der letzten Dclegier- «en sein, die Paris verlasien werden. Ich habe noch zu berichten, daß die Vorschläge,
die ich machte, nicht Deutschlands letztes Wort darftellen. Wir sind nach wie vor bereit, die Verhandlungen und Besprechungen fortzusetzen." Diese Erklärung Dr. Schachts ist nicht als ein Hinweis auf eine wahrscheinliche Erhöhung des deutschen Angebots, sondern nur als eine Bereitwilligkeit zu werten, alle Möglichkeiten zu erschöpfen, bevor die Delegierten fruchtlos auseinandergehen.
Stillschweigen der Delegationen in Paris.
Ueber die Besprechung, die am Freitag nachmittag im. Hotel Georg V. bei der amerikanischen Abordnung stattfand uns an der Owen Young, Dr Schacht, Lamont, Pirelli und Q u i n e t teilnahmen, war von keinerlei Seite bis
her eine Aufklärung zu erlangen. Man nimmt an, daß diese Besprechung den Boden für die Sitzung am Montag vorbereitet hat.
Clemencean meldet sich
Einem Vertreter des „E ch o d e P a r i s" erklärte Clemenceau über die Verhandlungen der Sachverständigen in Paris, die Weigerung Dr. Schachts liefe auf nichts weniger als auf einen neuen Krieg hinaus. Die Deutschen haben jetzt nur noch die im Dawesplan vorgesehenen Zahlungen zu verweigern, um die A u f r e ch t e r h a l t u n g der Rhein- landbesetzung nach den im Friedensvertrag von Versailles vorgesehenen Be- satzungsfristen zu re ch t s e r t i g e n.
KablnettWlmg la Berlin
DK SachmilSndlge» haben veiler freie Sand
fl. B-rlin. 20. April. Das Reichs, k a b i n e t t trat am Freitag nachmittag zu einer Besprechung der reparationspolitischen Lage zusammen, die lediglich der Orientierung galt. Beschlüsse wurden wicht gefaßt.
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In den Berliner Regierungskreisen befleißigt man sich angesichts der Entwicklung der Ereignisse in Paris der allergrößten Zurückhaltung. Die Vertagung der Vollsitzung scheint man jedoch dahin auszulegen, daß die Möglichkeit weiterer sachlicher Verhandlungen nicht völlig ausgeschlossen ist.
Die Stimmung der Gegner
Der Mißerfolg der Sachverständigen- Konserenz wird in Amerika im wesentlichen ruhig betrachtet. Deutsche Werte lagen an der Rewyorker Börse sehr fest. In Londoner verantwortlichen Kreisen wird die Lage als ernst angesehen, jedoch legt man sich auch weiterhin starke Zurückhaltung auf. In der Pariser Presie wird weiter gehetzt, während Italien der festen Haltung Dr. Schachts Anerkennung zollt.
Frankreichs Sorge um feine eigene Schuldentilgung.
Angesichts des wahrscheinlichen Scheiterns der Cachverständigen-Verhandlun- gen macht sich in der französischen Öffentlichkeit eine gewisse Unruhe bemerkbar, wie Frankreich seine 400 Millionen Dollar-Schuld für die Uebernahme der Kriegslager des amerikanischen Heeres bezahlen solle. Diese Schuld wird im kommenden August fällig, falls bis dahin das Mellon-Berenger-Abkommen von 1626 vom französischen Parlament nicht ratifiziert ist. Wegen der in weiten Kreisen bestehenden Befürchtung, die Zahlung von, 10 Milliarden Francs werde die französische Währung stark gefährden, weist man allerdings in halbamtlichen und finanziellen Kreisen daraufhin, oer Staatsschatz besitze in London und Washington Guthaben, die er für die Warenschuld frei macken werde, während die Bank von Frankreich ihrerseits über Devisen verfüge, die auf etwa 3 0 MilliardenFranken geschätzt werden. Man läßt außerdem durchblicken, daß ein Fallen des Francs notwendigenfalls durch Erhöhung des Diskontsatzes bekämpft werden könne. Man hofft, daß bis zum August die französische Regierung sich darüber schlüssig geworden sein wird, ob sie die Warenschuld begleichen oder das Abkommen mit Washington mit einseitigem Vorbehalte ratifizieren werde.
London sieht keinen Grund für einen Derhandlungsabbruch.
Die Londoner Sonnabend-Morgenblät- ter geben der englischen Oeffentlchkeit in ausführlichen Berichten aus Paris und Berlin, ergänzt durch die Stellungnahme der Finanz- und außenpolitischen Mitarbeiter, ein eingehendes Bild der letzten Ereignisse in Paris. Daraus ergibt sich der allgemeine Eindruck, daß die Haltung Dr. Schachts zwar stark kritfiert wird, sachlich aber
für einen Abbruch der Verhandlungen kein Grund besteht.
Durchweg wird hervorgehoben, daß von einem Ultimatum Dr. Schachts keine Rede fein könne und daß die erste, von fron» zösischer Seite stammende Mitteilung über die Krise offenbar auch in Berlin einen falschen Eindruck hervorgerufen habe. Die ruhige Einstellung der deutschen Oesfentlichkeit und die Tatsache, daß Dr. Schacht weder die Rückgabe der deutschen Kolonien noch den polnischen Korridor verlangt hat, werden mit Genugtuung verzeichnet.
„Times" berichtet aus Paris: Bis Montag können die verschiedenen Bemühungen die Lage so fördern, daß Owen P o u n g erklären kann, die Arbeiten des Ausschusses werden trotz der vorgestrigen KrisH weiter gehen. Schacht habe in einer Unterredung die endgültige Erklärung abgegeben, daß sein Memorandum nicht als Ultimatum gedacht war und niemals zu dem Zweck verfaßtHvar, als solches an* gesehen zu werden. Schacht erklärte, daß er die Fortdauer der Arbeiten erwarte.
Moskau zum Scheitern der Pariser Verhandlungen.
Wie aus Moskau berichtet wird, werden die Meldungen über das Scheitern der Pariser Verhandlungen in Moskau mit größtem Interesse verfolgt. Nach dor- tiger Auffassung entsprechen die Vorschläge Schachts den tatsächlichen Möglichkeiten Deutschlands, während die Methoden der französischen und belgischen Sachverständigen als Erpressung hin- gestellt werden. Es sei noch nicht dagewesen, daß von einer Großmacht solche Summen verlangt wurden. Die Schuld an der Ergebnislosigkeit der Verhandlun- gen müsse nicht Deutschland, sondern den französischen und belgischen Sachverständigen zugeschoden werden.
Dk vr'MHr Lage In Lagland
Die Regentschaftsfrage und die kommende» Parlamentswahlen.
Von H. Laste- London.
Während König Georg V. in Dogdor seiner Genesung entgegen geht, werden die ihm sonst obliegenden Regierungsgeschäfte von einem im Winter eingesetzten Staatsrat loahrgenommen, der insbesondere Ule offiziellen Dokumente in Vertretung des erkrankten Herrschers zu unterzeichnen hat. Die unerwartet lange Behinderung des Königs, die sich aller Voraussicht n ach über die am CD. Mai stattfindenden Wahlen hinaus erftreden wird, legt nun den Gedanken nahe, an Stelle des immerhin recht schwerfällig arbeitenden Staatsrats eine Den Bedürfnissen des politischen Lebens besser angepaßte Einrichtung zu treffen. Vor allem in Irland ist der ohne vor
Er-Lchahkanzler Snowden.
der bekannte Arbeiterführer, bat in seiner ovoositionellen Budget-Rede angekündigt, dab eine eventuelle kommende Arbeiterregierung auf die Forderungen Englands an seine Schuldner nicht verzichten werde. Solange keine gegenseitige Streichung der Kriegsschulden ftattfinbe, werde England nicht einseitig Nachlässe gewahren. In dieser Rede wird allgemein ein« deutliche Warnung an die Sachverständigen in Paris gesehen.
herige Befragung Der übrigen Reichstelle eingesetzte Staatsrat recht unbeliebt. Man hat dort sogar erklätt, nur die von einem Mitgliede des Königlichen Hauses unterschriebenen Dokumente anerkennen zu wollen, und es ist als sicher anzunehmen, daß Irland auf Der nächsten Reichskonferenz die Frage des Staatsrats zur Sprache bringen wird. Der Standpunkt des Freistaats findet auch in England vielfach — allerdings wohl ungewollte — Unterstützung, und zahlreiche maßgebende Politiker befürworten die Einsetzung eines Regenten anstatt des StaatSrats. Als solcher käme wohl nur der Thronfolger, der Prinz von Wales, in Bettacht.
Es wird mit Recht darauf hingewiesen, daß die Obliegenheiten des Königs von -England nicht rein repräsentativer Ratur sind, wie das Ausland noch vielfach annimmt. Die Tätigkeit des Herrschers beschränkt sich nicht Darauf, die ihm bom Kabinett vorgelegten Schriftstücke zu unterzeichnen. Sein Einfluß ist zwar mehr rn- direkter Ratur, aber darum für die Politik seines Landes nicht weniger bedeutungsvoll. In Einzelfällen gewähtt die Verfassung dem König Rechte, die sich in Maßnahmen von einschneidender Bedeutung auswirken können. Es Ist Brauch, daß der König dem Führer der aus Den Wahlen siegreich hervorgegangenen Partei die Bildung des Kabinetts überträgt Bei irgend welchen Verwicklungen der politischen Lage genießt er jedoch die weitestgehende Freiheit in der Wahl seiner Minister. Es ist beinahe mit Bestimmtheit anzunehmen, daß nach den Wahlen vom 30. Mai der König oder seine Vertretung von diesem Vorrecht wird Gebrauch machen müllen. In diesem Falle ist ein Regent