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Anzeiger für (das frühere kurheffifche) Oberheffen

Anzeiger der amtlichen Bekanntmachnngen für Stadt und Kreis Marburg.

ResiseunsskM in Österreich

Mrrascheild« Rücktritt Seipels - Er kehrt aus den Kanzlerveilen Ml zurück

Wien, 3. Avril. Bundeskanzler Dr. Seipel «ktcrbreitete dem Bundespräsidenten heute «chmittag die Demission des Kabinett. Der vundesprüstdent nahm die Demission an »nd beauftragte das Kabinett zunächst mit der Fortführung der Geschäfte.

Der Demission ging ein Mlm'sterrat voraus, la dem Bundeskanzler Dr. Seipel aussührte, das Antlitz der Republik Oesterreich habe sich in letzter Zeit sehr vorteilhaft verändert, und das Staatsleben befinde sich bereits auf dem Wege normaler Entwicklung. Die Lage sei

derart, dab aus ihr ein bedeutsamer Ruck nach »orwärts gemacht werden könne. Hierunter verstehe er die Förderung des Wohnungsbaus, der Mietrechtsverfahren, der Fustizreform und der Polizetkompetenzfragen. Da aber seine Person für diese Entwicklung als Hemmnis angesehen werde, so gebe er seine Demission. Auf Antrag des Vizekanzlers Hartleb beschlob der Ministerrat den Rücktritt der Eesamtregie- rnng, da die vom Bundeskanzler angeführten Gründe für seine Demission in gleicher Weise «Ile Mitglieder der Regierung betreffen.

Aus den Erklärungen, die Dr. Seipel im entscheidenden Ministerrat am Mittwoch nach­mittag abgab, sind folgende Eedankengänge von Bedeutung: Das Antlitz des österreichi­schen Staates habe sich in den letzten Jahren verändert. Die Gleichgültigkeit und Ein­schüchterung eines groben Teiles der Bevölke­rung bestehe nicht mehr und kein einseitiger Radikalismus habe mehr Aussicht auf Erfolg. Die bestehenden inneren Spannungen aber enthielten die Gefahr, dah eine Reihe wich­tiger gesetzgeberischer Mahnabmen nicht zur Lösung gelangen könnten, obwohl ihre Lösung sachlich möglich wäre. Die österreichische Süßen* volitik sei auf gutem Wege und Gemeingut aller Parteien geworden. Auch ließen die Fonschritte in der Sozialpolitik den inneren Frieden möglich erscheinen. Durch eine be­harrliche Werbetätigkeit gewisier Kreise sei aber viel Hab angebäuft worden, der sich nicht nur auf seine Person erstrecke, sondern sich auf den geistlichen Stand und die Kirche ausdehne. Deswegen halte er es für richtig, nachdem er insgesamt fünf Jahre an der Spitze der Re- «ierung gestanden habe, den Parteien die Möglichkeit zu geben, in anderer Weise als er «s getan habe, die Zukunft Oesterreichs sicher- rustellcn.

Vielleicht die bemerkenswerteste Stelle dieser Erklärung ist diejenige, die von den Angriffen spricht, die nicht nur gegen die Person des Bundeskanzlers, sondern auch gegen seinen Stand und Legen die Kirche gerichtet wurden. Man darf daraus den Schluh ziehen, dah Dr. Seipel selbst und vielleicht auch andere ihm treu stehende Kreise das Hineinziehen der Kirche in den innerpolitischen Kampf nicht Uiehr hinnehmcn wollen. Bekanntlich gibt es leit langem eine starke Strömung der Cbrist-

lichsozialen Partei, welche die Forderung auf­stellt, die rein kirchlichen Kreise dem Politiken Kamps völlig zu entziehen.

Zum Rücktritt des Kabinetts Seipel wird von unterrichteter Seite bemerkt, daß Dr. Seipel tatsächlich keine anderen Beweggründe gehabt habe, als die, die seine Ausführungen enthielten. Die Unterstellung anderer Gründe sei voll­ständig abwegig. Man dürfe aber anneh­men, dah Dr. Seipel in einem neuen Ka­binett das Amt als Kanzler nicht wieder übernehmen wird.

Der Rücktritt Seipels und die Parteien.

Zu dem unerwarteten Rücktritt Seipels schreibt dieC h r i st l i ch s o z i a l e Reichs- post" u. o: Die parlamentarische Lage kann

nicht so aufgefabt werden, als ob nun etwa die Zeit für irgendwelche neue Koalition ge­kommen wäre, wobl aber kann man daran denken, dah die sozialistischen Führer die Si­tuation erfaßen und die Opposition mit den Parteien der Mehrheit zu einer Verständigung gelangt. Bei gutem Willen werde die Verein­barung eines Arbeitsvrogramms mog* lich, welches für die wichtigsten Staats- und Wirtschaftsfragen eine positive Erledigung umschließt.

DieArbeiterzeitung" erklärt, die Regierung Seipel sei vor allem in dem Kampf um den Mieterschutz gefallen. Dieser ent­scheidende Grund sei durch andere Gründe ver­stärkt worden. Seipels Hoffnungen, endlich die so lange gesuchte Anleihe zu bekommen, hätten sich nicht erfüllt. Das Verhältnis der Christlichsozialen zu den beiden anderen Koa- litionsoarteien, besonders zu den Landbünd- lern, habe sich empfindlich verschlechtert.

Die Meertagung in Dortmund

Dr. Decker für He AmuItaMule als ReseWule

Am Msttwoch vormittag begann in Dort­mund die Vertreterversammlung des preußischen Lehrervereins. Nach einer Begrüßungsansprache des Vor­sitzenden machte Kultusminister Dr. Becker vor etwa 3000 Zuhörern, darunter Vertre­tern der staatlichen und städtischen Behörden, der meisten Landtagsfraktionen, zahlreicher Lehrer- und Beamtenoerbände, sowie der Lehrervereine des Memel- und Saargebiets in etwa einstündiger Rede grundsätzliche Aus­führungen über die in Preußen bekanntlich zurzeit brennende Frage der

Neugestaltung der Lehrerbildung.

Der Minister führte aus, daß die Lehrer­bildung für die Philologen eine schwere Sache sei. Die Interessen der Volksschulen und der mittleren und höheren Schulen seien nicht identisch. Notwendig sei die Feststellung der zweckmäßigsten Art einer möglichst gesunden und tiefgehenden Ausbildung der deutschen Jugend. Die Philologen sollten nicht immer nach den Juristen schielen, der Volksschul­lehrer nicht nach dem Oberlehrer. Die Be­soldung mühte der Leistung angepaht wer­den. Bei Erörterung des Schulaufbaues müsse man die Frage stellen, ob es möglich sei, bei uns das bisherige intellektuelle Ni­veau aufrecht zu erhalten und daneben aus­ländische, beispielsweise skandinavi­sche ober amerikanische Systeme einzuführen, ohne die Jugend zu über­anstrengen. Mit dem neuen Lehrplan werde ein Versuch in dieser Richtung gemacht, der in Berlin bereits gute Erfolge g e- zeitigt habe. Auch die Frage der Mittel­und Fach'chullehrerbildung verlange eine end­gültige Neuregelung. Zum Thema

Kirche und Schule

führte der Minister aus, dah es in politisch differenzierten und weltanschaulich gestalteten Ländern immer Kämpfe um die Schule ge­ben werde. Aber man sollte diese Kämpfe nicht in die Schule hinein tragen. Ter Minister bekannte sich zur Sim u l t an­schul e als R e g e l s ch u l e, die in der

Reichsverfassung verankert sei. Die Idee der Simultanschule werde sich früher oder später bestimmt durchsetzen. Die grundsätzliche Staatlichkeit der Schule sei ein so hohes Gut, dah man Sonderwünsche zurückstellen müsse. Die unsere Zeit durchziehende deutlich Ton« fessionalisierende Tendenz halte er für einen Krankheitsprazeh, der geeignet sei, den Staatsgedanken zu erschüttern. Zu erstreben sei die moralische Erstarkung des neuen deut­schen Staates, die

Stärkung des republikanischen Gedan­kens durch die Schulerziehung.

Das niedergebrochene Deutschland könne sich keinen neuen Kulturkampf leisten. Man solle der Kirche geben, was der Kirche gehöre, aber auch dem Staat, was dem Staat ge­höre. Wissenschaft und Kirche sollten sich zu gemeinsamer Arbeit die Hände reichen. In der Frage der Lehrerbildung sei heute in Deutschland schon viel mehr erreicht, als in der Vorkriegszeit denkbar gewesen wäre. An der endgültigen Form der Lehrerbildung würden aber noch Generationen arbeiten. Aufgabe der neuen Pädagogöchen Akademien sei es, die Lehrer zu echten Menschenbildnern zu machen. Man solle

sich aber hüten, eine neue akademisch«

Schicht mit akademischem Dünkel zu schassen,

der ein Aeberrest aus dem alten Klassen­staat sei. Alle Volksbildungsarbeit sei dann, nur dann, lebendig, wenn sie volksnahe sei und auf die Bedürsnisse des Volkes Rücksicht nähme. Von den Universitäten könne man das nicht sagen. Der Volksschullehrer sei verloren, wenn er statt zum Menschenbilöner zum Fachlehrer erzogen würde. Der Mi­nister schloh: Die Pädagogische Akademie ist über das Studium der Versuche hinaus. Die Hochschule der deutschen Lehrerschaft ist gegründet, hoffen wir, dah die aus ihr hervorgehenden Volkserzieher zu Baumeistern unserer staatlichen Zukunft werden.

Christliche Kreise seien beunruhigt durch die Abfallbewegung, Die Geistlichkeit klage, dah die Kirche das Regime Seipels mit dem Ver­lust von zehntausenden von Seelen bezahle. So sei in Seipels Mehrheit selbst die Ver­stimmung gewachsen. Alles habe zusammen- gewirkt, das Regime Seipels zu untergraben.

DieAr beiterzeitung" erinnert dann an die Haltung Seivels bei verschiedenen Ge­legenheiten der letzten Zeit gegenüber den So­zialisten, so an die Parole:Keine Milde" nach dem 15. Juli 1927, an die angeblichen Be­ziehungen Seipels zur Heimwehrbewegung und an die Aushebung des Wafsenlagers im sozia­listischen Parteibaus, um schließlich zu erklären, was Oesterreich brauche, sei eine wesentliche Aenderung bet politischen M e - t hob en. Ein blobet Personenwechsel würde

an den inneren Spannungen, an denen Seipel gescheitert ist, nichts ändern.

Di« Pariser Presse nnl der Rücktritt Seipels.

Der Rücktritt des Kabinetts Seipel wird in der heutigen Pariser Morgenpresse nur ver­einzelt besprochen. DerPetit P a r i j i e n" hält es für möglich, dah dem fünften Kabinett Seipel ein sechstes folgen werde. Wenn Seipel sich wirklich zurückzöge, so könne dieser Rückzug nur zwei Folgen haben, en.rotbcr eine völlige Aenderung in der Regierung, möglicherweise mit dem Eintritt der Sozialdemokraten in die Regierung, oder die Beibehaltung der gegen­wärtigen Regierung unter Politikern, die. wie Ramel. weniaer bekannt seien

Stalin dmEiserne"

Don Elair Sott.

Dorbemerkung der Schriftleitung: Der ehemalige Adjutant des russischen Diktators bringt im Folgerten inter­essante Enthüllungen über daS heutige Dezime in Rußland.

In Rußland gibt es keine Sowjet- Regierung, sondern nur eine Herrschaft autokratischer Sekretäre, die zwar nominell von ihren Genossen in den kommunistischen Zweigabteilungen ernannt, in Wirklichkeit aber von der Zentrale eingesetzt werden. Alle diese Männer sind eifrige Anhänger und Agenten des Diktators, und sie kon­trollieren heute den ganzen Regierungs­apparat und lenken die Sowjet-Union."

So schreibt der frühere Adjutant Sta­lins, B. Dajanoff, der aus Rußland ge­flohen ist, inDozrozjdonie", einer russi­schen Zeitschrift, die in Paris unter dem Titel dieMechanik des Stalin-Regimes" erscheint.

Bajanoff selbst war, wie er sagt, ein Sekretär von ungemeiner Begabung". Aus seiner Autobiographie geht hervor, daß sein Wunsch, Kommunist zu werden, dem Willen entsprang, seinen Freunden, die in der Revolution alles verloren hatten, zu helfen. Er bleibt bei feiner Behaup­tung, er habe, obwohl er im Laufe feiner Karriere zum Sekretär ernannt wurde und Stalin ihn in Anerkennung seiner Dienste zu seinem Adjutanten ernannte, stets aus einen Umsturz von innen gehofft. Als er zu der Ueberzeugung kam, dah seine Hoff­nungen eitel waren und er sich von Spi­onen der GPU. beobachtet sah, verließ er 1928 Rußland und begab sich nach Persien.

Zn einer Reihe von Artikeln, die Da- janoff alsEnthüllungen" bezeichnet, schil­dert er das Geheimnis von Stalins Macht wie folgt:

Die Mechode des Diktators läßt fich in wenigen Worten erklären: Sie beruht auf der Ernennungeigener" Leute, d. h. lo­yaler Anhänger, die auf alle wichtigen Posten gebracht und über das ganze Land verteilt, vor allem aber an die Spitze der Parteien gestelll werden. Das Haupt­problem, mit dem Stalin sich befaßt, ist das Auffinden völlig verläßlicher Mit- arbeitet. Diese Methode hat ihn zum Alleinherrscher gemacht.

Stalins eigene Leute stehen an der Spitze sämtlicher provinzialen Parteiorga­nisationen und werden daher auch als Ver- treter zum Allrussischen Kommunisten- Kongreß gesandt. Das bedeutet, daß die Majorität auf der Kongreßtagung stets ge- sichett ist und das Zentral-Kymitee die alleinige Kontrolle ausübt, mit anderen Worten: die Dittatur läuft keine Gefahr. Dieser einfache Mechanismus liegt dem ganzen System zu Grunde.

Zn der Praxis ist die Sache natürlich etwas verwickelter. Als Beispiel kann man dafür die Methoden anführen, die bei der Wahl zum Zentral-Komitee in An­wendung kommen: Stalin, zusammen mit den Führern der Delegationen (die alle Sekretäre der provinzialen kommnnisttschen Partei-Komitees sind), stellt eine Kandi­datenliste auf. Diese wird gedruckt und als Wahlzettel an die Kongrehdelegierten ausgegeben. Ihnen steht das Recht zu, jeden beliebigen Rainen auszustreichen und einen anderen an die Stelle zu setzen. Doch macht kaum ein einziger von diesem Vor­recht Gebrauch, aus dem einfachen Grunde, weil die Handschrift eines jeden Delegier­ten bekannt ist und man genau weih, daß ein Kongreßteilnehmer, der ernsthaft Aen- dernngen auf der Wahlliste durchführen wollte, an der nächsten Versammlung nicht mehr teilnehmen würde. Auf diese 'Weise werden alle, die nach Stalins Ansicht nicht zuverlässig sind, abgeschoben.

Die Bekanntmachung, dah es heute in Rußland keine Sowjet-Regierung gäbe, ist nichts Reues oder gar Unbekanntes. Die Sowjet-Regierung hat schon lange in Ruß­land zu bestehen ausgehört. Es gibt nur