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Anzeiger für (das frühere kurhessifche) Oberhessen
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Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
Ausspraibr zwMen RusWnI und Lbamberlam
Paris ist nicht brunruhigl — Ser Weg PmiS-Nom Ml »ft Mr Lenden
Wie die „Agenzia Stefant" mel« bet, erfolgte gestern vormittag in der Villa Sioiosa in der Umgegend von Florenz, in der Chamberlain für einige Tage Auf» enthalt nehmen wird, eine Zusammenkunft zwischen Mussolini und Chamber» Idin. Im Verlauf einer längeren Unterhaltung, die den Stempel persönlicher Freundschaft zwischen den beiden Staatsmännern trug, beschäftigten sich beide mit der allgemeinen Lage und bekräf» tigten erneut die Herzlichkeit der Beziehungen zwischen England und Italien. Eie gelangten zu der Feststellung, dah beide Regierungen in de« wichtigsten po- Mischen Fragen, welche die beiden Länder tateresiieren, überein stimmen. Da» rauf gab Mussolini Chamberlain und seiner Gattin im Schloß Montalbane ein Frühstück.
In politischen Kreisen Londons wird die Aussprache Chamberlains mit Mussolini mit großem Interesse verfolgt. Irgendwelche neue Gesichtspunkte sind in diesen Verhandlungen, wie man annimmt, nicht berührt worden. Die Zweckmäßigkeit einer weitgehenden Aussprache mit dem italienischen Ministerpräsidenten wird in manchen Kreisen bezweifelt und an die wenig glückliche Rolle erinnert, die Cham- berlam bei einer ähnlichen früheren Gelegenheit spielte. Im Hinblick auf dre englischen Parlamentswahlen ist mit neuen grundsätzlichen außenpolitischen Abmachungen kaum zu rechnen, obwohl auf der anderen Seite nicht ganz übersehen werden kann, daß derartige, in den Akten des englischen Auswärtigen Amtes zumeist garnicht niedergelegte Verhandlungen in der englischen Außenpolitik nach wie vor eine entscheidende Bedeutung besitzen.
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Zur Unterredung zwischen Musiolini und Chamberlain meldet der römische Korrespondent des „Daily Telegraph": Es verlautet, daß die Frage der deutschen Reparationen zu den erörterten Gegenständen gehörte und daß die Hoffnungen beider Staatsmänner im allgemeinen übereinstimmten, außer in einem Punkte. Musiolini erklärte nämlich, wenn die deutschen Reparationen an Italien wesentlich herabgesetzt werden würden, dann müsie auch Italiens Kriegsschuldan die Alliierten eine entsprechende Verminderung erfahren.
Der diplomatische Korrespondent des „Daily Telegraph" schreibt: Es ist nicht notwendig, der Unterredung irgend eine besondere politische Bedeutung zuzuschreiben. Die Beziehungen zwischen beiden Ländern sind unter Musiolini beträchtlich freundlicher geworden als unter seinem unmittelbaren Amtsvorgänger. Es hat sich eine wirkliche Entente zwischen beiden Negierungen entwickelt und dre gestrige Besprechung hat vielleicht dazu gedient, die leichte A b k ü h l u ng der offiziellen Beziehungen, die im vorigen Sommer wegen des englisch-französischen Mari ne ko mpro misses eintrat, zu beseitigen.
Die Zusammenkunft Mussolini-Chamberlain in Florenz hat in französischen politischen und diplomatischen Kreisen große Beachtung gefunden. Von der Pariser Presie widmen der Begegnung bis jetzt nur „Petit Parisien^ und „Echo de Paris" längere Erörterungen.
Der „Petit P a r i s i e n" weist darauf hin, daß Musiolini bei seinem Besuch in Florett zweifsllas die letzten Spuren des
ärgerlichen Anstriches, den der Tirana- oertrag in England ausgelöst habe, verwischen wollte und zu den in Livorno geschlossenen friedlichen Beziehungen zurückzukehren suchte. Angesichts der Tatsache, daß Großbritannien sich am Vorabend von Wahlen befindet, müsse man annehmen, daß die Zusammenkunft sich auf eine allgemeine politische Aussprache beschränkt habe, ohne daß eine besondere Frage angeschnitten worden sei.
Frankreichs Beziehungen zu London seien im Laufe der letzten Jahre so eng geworden, daß eine Verbesserung der italienisch-englischen Beziehungen nur die französisch-italienische Annäherung begünstige.
Aehnlich meint „Echo de Paris", zwischen London und Rom scheine für den Augenblick keine besondere Frage zu schweben. Jedoch dürfe man annehmen, daß Chamberlain keine angenehmen Erinnerungen an den heftigen italienischen Presiefeldzug im letzten Sommer gegen das französisch-englische - giottenab« kommen bewahrt habe. Musiolini sei ebenso wie alle anderen konservativen Regierungen der Welt an dem Sieg des Kabinetts Baldwin bei den kommenden Wahlen interessiert.
In der Frage der Kriegseut» schädig«ng «nd der vorzeitigen Rheinlandräumnng seien sich Italien nad England einig.
BrurSeu auf eine amerikanische Start
DM Meten in Mexiko „liegen"
Naco (Arizona)), 2. April. Flugzeuge unternahmen heute einen Luftangriff aus. die angrenzende mexikanische Stadt 2k a- co-Sonvra und warfen vier Bomben ab, von denen zwei auf der amerikanischen Seite einschlugen und im Geschäftsviertel zahlreiche Fensterscheiben zertrümmerten. Ein amerikanischer Knabe wurde durch einen Bombensplitter verwundet. Der Luftangriff der Aufständi- schen auf 2kaco-Sonora, das von 12 000 Mann Bundestruppen besetzt ist, begann am Sonntag. Insgesamt wurden 19 Bomben abgeworsen und auf der mexikanischen Seite zwei Personen getötet und vier verwundet. Die hier stehenden amerikanischen Infanterietruppen sind angewiesen worden, zu verhindern, daß durch die mexikanischen Bombenabwürfe weiterer Schaden auf amerikanischem Gebiet angerichtet wird.
Der Wwurf der mexikanischen Bomben auf die amerikanische Grenzstadt 2kaco
dürfte die Vereinigten Staaten veranlassen, weitere Maßnahmen zu treffen, um eine Wiederholung eines derartigen Zwischenfalles zu verhindern. Im Staatsdepartement in Washington wurde angebeutet, daß Generalmajor Lasitter, der Kommandant des 8. Korpsbezirks in San Antonio Flugzeuge von den texanischen Flugfeldern nach Naco beordern dürfte.
Beide Parteien „siegen".
Heber die Kämpfe in Mexiko liegen stark widersprechende Meldungen vor. Vom Hauptquartier der Aufständischen wurde bekannt gegeben, daß bei einem Zusammenstoß zwischen Escalon und Jimenez 200 Mann der Regierungstruppen getötet und 400 gefangen genommen wurden. Von den Regierungstruppen wird ein Sieg bei Corralitos gemeldet, wobei 50 Aufständische und sechs Regierungssoldaten getötet wurden. Die Streitkräfte der Aufständischen sollen vollkommen in die Flucht geschlagen worden sein.
Musiolini und Chamberlain seien der Auffasiung, daß der Abschluß einer endgültigen Finanzregelung das Ende der Besatzung herbeiführen müsie, obgleich Musiolini gelegentlich anerkenne, daß die von Deutschland seit 4 Jahren erhaltenen Zahlungen auf die Anwesenheit der Besatzung in den rheinischen Brückenköpfen zurückzufllhren seien. In letzter Zeit sehe es so aus, als ob Italien seine Kriegsentschädigungsforderungen erhöhen wolle. Man dürfe darüber nicht erstaunt fein, wenn auch die französischen Verhandlungen über die Südgrenze von L y b i e n und das Statut der Italiener in Tunis besprochen worden seien. Man wisie, daß der Weg Paris—Rom oft über London führe.
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Die Pariser Presse schenkt den durch Havas verbreiteten Erklärungen Dr. Schachts über den Cßerlauf der Sach- verständigenarbeiten große Beachtung. Allgemein nimmt man an, daß bei der Wiederaufnahme der Verhandlungen am kommenden Donnerstag die deutsche Gruppe den Sachverständigen bestimmte Dorschläge unterbreite« und damit in die
Beratung der Hauptfrage, der HcHe der Jahresraten, treten wiro.
Eine längere Betrachtung schließt „Paris (oir“ der Havasmeldung an, wobei das Blatt feststellt, daß der Reich-bank- präsident anerkenne, daß es keine unüberwindlichen Schwierigkeiten für die Oßer» Handlungen gebe, wenn diese auch lang und schwierig sein würden. Ein so verwickeltes Problem wie das der endgültigen Reparationsregelung sei nicht leicht zu lösen, man müsse aber auf den guten Willen der hervorragenden Persönlichkeiten der Pariser Tagung bertrauen. In gewissen Augenblicken habe man glauben können, daß Dr. Schacht gewissen Einflüssen unterliege und daß er das Spiel Hugenbergs und dessen Freunde spiele. Heute scheine es, dah dem nicht so ist, wozu man sich beglückwünschen müsse.
Bulgariens Reparationszahlungen.
Sofia, 2. April. Da Bulgariens Antrag auf Stundung der diesjährigen 2?e» Parattonsraten von der Reparationskom- mission noch nicht beantwortet worden ist, hat die bulgarische Regierung in der Erwartung, dah mindestens die Hälfte der Raten gestundet wird, gestern die Hälfte der fälligen Aprilrate erlegt. Die andere Hälfte in Höhe von 21/« Millionen Gold- francs wird für alle Fälle bereit gehalten.
tetagte SMmsßmchmm
Die Reichsregierung hat jetzt die auszugsweise bereits veröffenllichten Länderdenkschriften Über die wirtschaftliche und kulturelle Notlage in den bedrängten westlichen Grenzgebieten und im besetzten Gebiet dem Reichstag vorgelegt. Die Denkschriften geben ein anschaullches, teilweise geradezu erschütterndes Bild von den unsagbar traurigen wirtschaftlichen und kulturellen Verhältnissen, in denen sich die Westmark des Reiches seit dem unglücklichen Ausgang des Weltktteges befindet. Ein ehedem kulturell und wirtschaftlich hochstehendes Gebiet geht hier seit Jahren einer unaufhaltsamen Verelendung und 2kröbung entgegen. '
Man mag verschiedener Ansicht darüber sein, wo die Grenzlandnot größer ist, im Westen oder im Osten, sicher ist das eine, daß das Grenzlandproblem im Westen am kompliziertesten ist, weil hier die verschiedensten Arsachen an dem kulturellen und wirtschaftlichen Rückgang der Gebiete schuld sind. Zunächst ist hier die Besatzung zu nennen, ein Faktor, der für die Beurteilung der Derhältnisse im Osten von vornherein ausscheidet. Seit zehn Jahren trägt die Bevölkerung die harte Last einer ungeheuren Besatzung, die auch heute noch über die frühere deutsche Heeresmacht im jetzt besetzten Gebiet hinausgeht. Welche Anforderungen von dieser Besatzung an den Wohnungsmarkt gestellt werden, wie die Landwirtschaft durch Manöver, Schießübungen usw. fortdauernd geschädigt wird,, wie durch das Besatzungsregime mit seinen mannigfaltigsten Auswirkungen die deutschen Behörden uno die einzelnen Bewohner des besetzten Gebietes einer unerträglichen Freiheitsbeschränkung unterworfen werden, — dadurch bekommt man erst eine richtige Dorstellung, wenn man das umfangreiche Zahlenmaterial, das in diesen Denkschriften zusammengetragen ist, unmittelbar auf sich wirken läßt.
Dazu kommt dann als eine weitere Ursache der Fattor, der auch im Osten die ungeheure Grenzlandnot geschaffen hat: die blutende Grenze. Wie im Osten durch die unsinnige Grenzziehung des 2krfaiIIer Vertrages Ostpreußen vom Mutterlande abgeschnitten und das schlesische Wirtschaftsgebiet auseinandergerissen wurde, so sind auch im Westen wirtschaftlich ein unteilbar Ganzes bildende Gebiete zerschnitten und verstümmelt worden. Dadurch haben sich geradezu verheerende Folgen für das Wirtschaftsleben in den Grenzgebieten in der Rheinprovinz, der Pfatz. Hessens und Badens ergeben.
Trotz dieser anerkannten Itotlage des Westens sieht sich die Reichsregierung im Augenblick noch nicht imstande, mit einem großzügigen Hilfsprogramm für den Westen hervorzutreten. In ihrer Vorlage an den Reichstag beschränkt sie sich darauf, die Einzeldenkschriften der Länder im Original den Reichstagsabgeordneten weiterzuleiten und in einer kurzen Mantelnote die Gründe anzuführen, die für die Vertagung der Hilfsaktion für den Westen maßgebend gewesen sind. Wenn in dieser Mantelnote darauf hingewiesen wird, dah die jetzige Vorlage Wiederhall geäußerten Wünschen des Reichstages entspreche, so ist das richtig. Allerdings hat der Reichstag in der einstimmig angenommenen Entschließung vom 13. Juni vorigen Jahres nicht nur eine Darstellung der Lage gefordert, sondern in Verbindung damit auch „eine Vorlage betreffend umfassende Hilfsmaßnahmen zur Erhaltung und Förderung der Wirtschaft und zur Hebung der kulturellen Not in den genannten Gebieten.“ Wenn jetzt die Rei<^regierung sich noch nicht zur Herausgabe einer eigenen Reichsdenkschrift entschlossen hat, wenn sie in der angeführten Mantelnote auch nicht mit einem Wort erwähnt, mit welchen Praktischen Hilfsmaßnahmen den bedrängten Grenzgebieten im Westen geholfen werden kann, so muß die Enttäuschung darüber im belebten Westen groß sei«.