Freitag, real». März i»A
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Anzeiger für (bas frühere kurheffifche) Oberhessen
Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
Der Kampf gegen Prime -r Rivera
Stuc zuiammmftöße btt ötudmten mit t« Wirr! - Sll Mai« droht mit wlckiamn Maßnahmen
fl. Paris, 15. März. Nach einer Meldung des „Journals" zertrümmerten a« Donnerstag abend Studenten das Schaufenster eines Ladens, in dem ein Bild Primo de Reveras ausgestellt war. Um 21 Uhr kam es zwischen etwa 1000 Studenten und der Polizei zu einem Handgemenge, in dessen Verlauf mehrere Studenten verwundet wurden. Es wurde« zahlreiche Verhaftungen vorgenommen. General Martinez Anido ist mtt besonderen Maßnahme« gegen die Studenten beanftragt worden. Ja den spanr- schen Universitäts-Städten beteiligen sich immer mehr Studenten am
Streik.
Ministerpräsident Primo de Rivera empfing im Laufe des gestrigen Abends den Minister des Innern, den rlnterrichts- minister und den Leiter der Kriminalpolizei zu gemeinsamen Beratungen über die Studentenbewegung. Wie dazu verlautet, glaubt man in Regierungskreisen den Ur- prung der Bewegung an anderen Stellen x uchen zu müssen als in der Etudenten- chaft und hat sich entschlossen, die Maßnahmen zu ergreifen, die, wie die Erklärung schließt, von der O-sfentlichkeit gefordert werden, um die Ruhe und Ordnung herzustellen.
Im Laufe des Abends wurden über die Angelegenheit noch zwei amtliche Kundgebungen herausgegeben, von denen die eine den Blättern erst in letzter Stunde zuging. Die erste Mitteilung beschäftigt sich eingehend mit dem in Madrid in Umlauf gesetzten Flugblatt, das der Regierung deft Kampf angekündigt und führt dazu u. a. aus: Es ist ein empörender Aufruf verbreitet worden, dessen Stil und Orthographie ebenso schlecht ist wie sein Inhalt von tendenziösen Lügen strotzt. Die Urheber verbergen sich hinter der anonymen Unterschrift: „Das Komitee" und suchen den Anschein zu erwecken, daß ihr Flugblatt ein Werk der Studenten ist. Dieser Aufruf erklärt, daß bei den Zusarn- menstötzen 50 Perfonen verletzt worden seien. Dies ist vollständig falsch, denn die Polizei hat mit großer Klugheit und Umsicht gehandelt. Zum Schluß warnt die Erklärung die Studenten vor den Untrieben, deren Opfer sie sind und ermahnt sie, sich nicht länger als Figuren der Komödie mißbrauchen zu lassen, die man mit ihnen aufzuführen versucht.
H a v a s meldet aus Madrid, daß gestern abend vor dem Innenministerium verschiedene Gruppen von Studenten demonstrierten. Die Polizei griff ein und nahm einige Verhaftungen vor. Caf^häuser und die in der Nähe befindlichen Warenhäuser schloffen ihre Gitter, da es zwischen Polizei und Studenten zu Zusammenstößen gekommen war. Im Innenministerium sand unter dem Vorsitz von General Primo de Rivera eine Besprechung statt, in deren Verlauf Primo de Rivera nach Havas erklärt haben soll: „Die öffentliche Meinung scheint dem Ministerium gegenüber etwas kühler geworden zu sein. Ich glaube, das ist zum Teil darauf zurückzuführen, daß wir nicht mit dem notwendigen Nachdruck eingegriffen haben, den wir sonst zu billigen pflegen. Aber wir werden im gegebenen Augenblick die notwendigen Maßnahmen anwenden.
Nach Blättermeldungen ans Madrid, greift die Bewegung der Studenten immer weiter um sich.
Ein Aktionskomitee läßt ein in Maschinenschrift hergestelltes Flugblatt zirkulie
ren. in dem der Rücktritt Primo de Riveras gefordert und angekündigt wird, daß, bis zur Erfüllung der an die Regierung gerichteten Forderungen der Studenten, planmäßig zweimal täglich zu bestimmten Stunden, mittags und abenbs,- Demonstrationen stattfinden würden. In Barzelona soll es zu heftigeren Zusammenstößen gekommen sein als in Madrid, da die Bevölkerung für die Studenten Partei ergriff. Eine Abordnung spanischer Studenten soll sich übrigens zur Zeit in Paris befinden, um die französischen Studenten von der Berechtigung ihrer Forderungen zu überzeugen.
Sieg Poicarös in der Kammer.
Paris, 14. März. Zu Beginn der Dor- rnittagssitzung der französischen Kammer, zu der fast sämtliche Abgeordnete erschienen waren, stellte Poincarö unter Hinweis auf die besondere Dringlichkeit über die unmittelbare Aussprache über das Kongregation-Sondergesetz die Vertrauensfrage für die sofortige Beratung. Die Abstimmung für den An- trag der Regierung wurde mit 323 gegen 254 Stimmen angenommen, sodah die Regierung eine über Erwarten hohe Mehrheit von 69 Stimmen für sich verzeichnen konnte.
Die Zahlen aus -em neuen Etat
M ihnen wird ft» der Reichstag eingehend beichäftigen
Der 10 MilNarden-Etat liegt nunmehr im Reichstage vor. Die Einnahmen verzeichnen cm Einkommensteuer für die veranlagten Steuerpflichtigen 1430 Millionen, an Steuerabzug vom Kavitalertrag 200 Millionen, und an Lohnsteuer 1300 Millionen.
Die Vermögenssteuer ist mt 624 Millionen, die Erbschaftssteuer mit 120 Millionen, und dl« Körverschaftssteuer mit 600 Millionen eingesetzt.
An llmsatzsteuereingängen sind 1120 Millionen, an Zöllen 1200 Millionen, an Beförderungssteuern 380 Millionen vorgesehen.
Die Verbrauchssteuer erbringt insgesamt etwa 1920 Millionen, darunter den größten Ertrag die Tabaksteuer mit 825, die Biersteuer mit 535, die Branntweinsteuer mit 360 und die Zuckersteuer mit 150 Millionen.
Die Verkehrssteuern sehen an Eingängen 61b Millionen vor, die hauptsächlichsten Posten sind Kraftfabrzeugsteuer mit 205, Kavitalver- kehrssteuer mit 165 Mtllonen, Lotterie- und Wechselsteuer mit ie 50 Millionen, Versicherungssteuer mit 55, Erunderwerbssteuer mit 40 Millionen.
Der gröftt« Posten bei den Ausgaben ist mit 1540 Millionen als Zahlungen aus Anlatz des Londoner Abkommens eingesetzt, dazu treten 660 Millonen aus Abgaben der Reichsbahn und 300 Millionen aus den Jndustrieobligationen.
Die zwei letzteren Posten treten aber nicht unmittelbar im Reichshaushalt in die Er
scheinung. Die inneren Kriegslasten find immer noch mit 270 Millionen beziffert und für die Versorgung des Kriegsteilnehmer und des alten Heeres einschließlich der Kosten kür die Beamten usw., die allein 867 Millionen erfordern, sind 1672 Millionen Mark vorgesehen.
Rach Abzug der Kosten für die Rcichsfinanz- verwaltung mit e-wa 515 Millionen und der Verzinsung und Tilgung der Reichsschuld mit etwa 436 Millionen verbleiben 5392 Millionen, von denen auf Grund des Finanzausgleichs den Ländern 3471 Millionen zuflietzen.
Dem Reich steht also somit für seinen eigentlichen Bedarf eine Summe von 1921 Millionen zur Verfügung. Den größten Posten davon erfordert die Wehrmacht mit 750 Millionen, es folgt sodann der Posten für Aus- gaben für Erfüllung sozialer Bedürfntffe mit 690 Millionen. Für Zwecke der Wirtschaft werden 255 Millionen und für kulturelle Be- dünniffe nur 39,6 Millionen vorgesehen» dabei ist aber zu berücksichtigen, daß hier nur die unmittelbaren Aufwendungen des Reiches erfaßt werden, während die Erfüllung der Kulturaufgaben ja in erster Linie Angelegenheit der Länder und Gemeinden sind, die ihre Mittel durch die Ueberweisungen des Reiches erhalten.
Die Ausgaben für sämtliche Ministerien einschließlich des Reichspräsidenten und des Reichskanzlers und auch der Kosten für den Reichstag erfordern rund 120 Millionen Mark.
19 weitere ToörsWe in Stier
fk. Berlin, 15. März. Nach einer Blättermeldung aus Trier ist die Gewalt der in den dotrigen Kasernen umgehenden Seuche noch nicht gebrochen. Von gut unterrichteter Seite werden bis zum 13. März weitere 19 Todesfälle gemeldet.,
Die Untersuchung übet die Todesfälle- unter den Befatzungstruppen.
„Journal" glaubt zu wissen, Kriegsminister P a i n l e o ö habe vor dem Heeres- ausschutz der Kammer bei der gestrigen Beratung zugegeben, datz die Tatsache ihn peinlich berührt habe, daß an demselben Abend, an dem einige Soldaten gestorben waren, im Offizierskasino getanzt worden sei. Das sei zum mindesten ein Mangel an Taktgefühl gewesen. Er habe die Ansicht vertreten, daß gewisse Märsche und Uebungen bei 25 Grad unter Rull hätten eingestellt ober abgekürzt werden müssen, und daß es unbillig gewesen sei, bei solcher Kälte einen Soldaten zwei Stunden lang im Gefängnis zu belassen.
„Populaire" veröffentlicht heute eine Statistik, die die Todesfälle in den einzelnen Garnisonen des Rheiniandes bis zum 5. März aufführt und zu einer Gesamtsumme von 3 48 gelangt.
„Petit Parisien" glaubt zu wissen, daß der Kriegsminister nicht nur, rote bisher angekündigt, Maßregeln gegen einen General und einige höhere Offiziere ergreifen werde, sondern auch gegen einen Divisionskommandeur und einen Befehlshaber eines Armeekorps und gegen ein oder mehrere Obersten. ♦
Geständnis des Mörders Steffens.
Paris, 14. März. Der 21 Jahre alte Gewerbeschüler Steffens, der unter dem Verdacht verhaftet worden n*r, den Zugführer des Schnellzuges Paris—Nancy ermordet zu haben, hat die Tat eingestanden. Er hatte sich aller Barmittel entblößt gesehen und wollte sich neue Geldmittel beschaffen. Stes- Jene ist in .Hagenau im Elsaß geboten.
Die katastrophale Finanzlage
Seit gestern kreuzen die Reichstagsfraktto- nen ihre Klingen um das endgültige Schicksal des Etats. Reichsfinanzminister H i l f e t • ding leitete die große Redeschlacht mit erläuternden Erklärungen ein. Das Bild, da» über den Stand der deutschen Finanzen zur Darstellung gebracht wurde, war mehr als erschütternd. Zwar glaubte der Minister gegen diejenigen Front machen zu müssen, die sich in der Schwarzmalerei „in maßlosen lieber« treibungen" ergangen hätten, doch vermochten die ministeriellen Erklärungen die Auffassung der Pessimisten kaum zu entkräften. Daß der Minister schließlich in der Defizitfrage nach dem in der gesamten Oeffentlichkett zum Ausdruck gekommenen Entrüstungssturm im Namen der Regierung „die grundsätzliche Bereitschaft" bekundete, weitere Streichungen am Etat zu unterstützen, vermag uns wenig neue Hoffnung zu geben. Denn auf der anderen Seite betonte er die absolute Notwendigkeit neuer Steuererhöhungen, wobei er aber verschwieg. datz dieses weitere Anziehen der Steuerschraube sicher zu vermeiden gewesen wäre, wenn man die von der Sozialdemokratie verursachte unsinnige und ebenso ungerechtfertigte grohspurige Ausgabenpolitik auf dem Gebiete des Sozialwesens gestrichen hätte. Aber es liegt ja auf der Hand, datz der Sozialdemokrat Hilferding hier nicht mit der vollen Wahrheit herausrücken kann, da ihm sonst die Gewerkschaftssekretäre seiner Partei sofort ein Kolleg über die parteiagitatorischen Pflichten eines sozialdemokratischen Ministers halten würden. Insofern wird ein sozialdemokratischer Minister niemals imstande fein, eine von der Straße unabhängige Finanzpolitik zu treiben.
In der Debatte, die von dem sozialdemokratischen Abgeordneten Dr. Hertz eröffnet wurde, war es gestern hauptsächlich der Sprecher der Deutschnationalen, der «Abg. Dr. Oberfohren, der auf all die unzähligen Mißgriffe der Hilferdingschen Finanzpolitik näher einging und die heutige „grandiose Pumpwirtschaft" des Reiches in treffender Weise darzulegen verstand. Mit Recht bezeichnete der Redner die Läge als katastrophal, und es dürfte manchem Vertreter der Linken zu denken gegeben haben, als der Abg. Dr. Oberfohren den ehemaligen sozialdemokratischen Staatssekretär Dr. August Müller zitierte, der erst kürzlich die deutsche Demokratie als die verschwenderischste der Welt bezeichnet hat. Das Charakteristische an diesen Etatberatungen bildet aber der heillose Wirrwarr im Lager der sogenannten Regierungsparteien. Nicht unerwähnt gelassen sei auch die Rede des Zentrumsabgeordneten Dr. Brüning, der sich zwar unter dem offenbaren Druck gewisser Gewerkschaftskreise gegen jegliche Streichung der sozialdemokratischen Ausgaben aussprach, um aber Im selben Atemzuge einer steuerlichen Entlastung das Wort zu reden. Wie diese durchzuführen sei, verriet der Redner jedoch nicht. Dagegen forderte er eine Verständigung der int Kabinett vertretenen Parteien, andernfalls das Zentrum es ablehnen müsse, an der Verabschiedung des Etats mitzuwirken. Man wird aber diese Erklärung nicht allzu tragisch nehmen dürfen, denn wir sind davon überzeugt, datz sich die an dem Bestand oder auch an einem Umbau des Kabinetts Müller-Franken interessierten Parteien schon auf der bezähmten Mittellinie einigen werden, die man vorsichtig ausgedrückt „Kompromiß" nennt. Den Schluß der Donnerstagdebatte bildeten noch die Ausführungen des nationalsoz. Abg. Strasser und des Abg. v. Sybel sChrn. Bauernpartei). Die Weiterberatung wurde sodann auf Freitag mittag 12 Uhr vertagt.
Die Serfiner Presse zu bet Etatsrebe Hilserbings.
Qnie Berliner Blätter, soweit sie sich bereits gestern abeno mit der Etatsrede des Reichsfinanzministers Dr. Hilfer- oing befassen, weisen auf die großen parlamentarischen Schwierigkeiten hin, oie der Verabschiedung des Etats entgegen» stehen. Die „Germania" erklärt: Etat- . kritik ist heut« notwendiger denn je. Wir