Sonnabend, »ea 2$. Februar 1929
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Anzeiger für (das frühere knrheffifchej Oberhessen
Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
Die Große Koalition wieder gescheitert
— Sw zentralvorstand btt S.B.N. für Sknslag einberufen
Kwsomn- und KMrMMge
Ministerpräsident Dr. Braun hat entsprechend seiner Zusage an die volkspar- teitichen Unterhändler den Wunsch der Deutschen Volkspartei, daß das Zentrum den Verbindungsministsr stellen solle, der zugleich dem Neichskabinett als Ressortminister und der preußischen Regierung als politischer Minister angehören sollte, an das Zentrum wcitcrgeleitet. Die zuständigen Fraktionsinstanzen des Zentrums haben jedoch diese Vorschläge glatt abgelehnt. Der ablehnende Beschluß des Zentrums wurde am Freitag mittag dem volksparteilichen Fraktionssührer Stendel im Auftrage des preußischen Ministerpräsidenten durch Staatssekretär Weisman« mitgeteilt, mit dem Hinzusügen, da« der Ministerpräsident damit seine Mission als erledigt ansehe. Um 4.30 Uhr nachmittags hatte Ministerpräsident Braun persönlich im Landtage eine kurze Besprechung mit dem Abg. Stendel, in der er unter Bezugnahme aus die vorher erwähnte Mit- teilung die Frage stellte, ob von Seiten des Abg. Stendel noch ein Vorschlag zu machen wäre. Abg. Stendel verneinte diese Frage und erklärte, man müsse nunmehr zunächst die Entwicklung im Reiche abwarte«. Damit sind die Koalitions- verhandlunge» in Preußen vorläufig erledigt.
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Wie VDZ. aus Kreisen der Landtagsfraktion der Deutschen Volkspartei hort, sind die Verhandlungen über die Umbildung der preußischen Regierung nicht nur am der Frage der Anzahl der Mini,ter,itze sondern auch an der Tatsache gescheitert, daß die Konkordatsfrage
bei den letzten Besprechungen zwischen Ministerpräsident Braun und dem Führer der volksparteilichen Landtagsfraktion, Abg. Stendel, sehr stark in den Vordergrund gerückt ist.
Rach dieser Darstellung hat Dr. tzraun auf Beranlasiung des Zentrums von der Volkspartei verlangt, daß sie die Verpflichtung eingehe, das Konkordat i« einer Formulierung mitzu- hiachen, die von den Regierungsparteien noch ausgearbeitet werden sollte. Dabei sei es aber abgclehnt worden, der Deutschen Volkspartei vorher einen Einblick i« de« gegenwärtigen Stand der Konkordatsfrage z« geben.
(Intel diesen Umständen seien die Ver- gttnblungen zum Scheitern verurteilt gewesen. Demgegenüber wird aus Kreisen der preußischen Regierungsparteien erklärt, daß es nicht beabsichtigt gewesen sei, die deutsche Volkspartei bei den Konkordatsverhandlungen auszuschalten.
Die preußische Zentrumsfrattio« gibt eine zusammenfassende Darstellung der Verhandlungen der letzten Tage, tn der die Schuld an dem Fehlschlagen dieser Verhandlungen der Deutschen Volkspartei zugeschoben wird. Den Gegenvorschlag der Deutschen Volkspartei habe das Zentrum ablehnen müssen, schon weil es im Reichskabinett überhaupt nicht vertreten sei, und weil außerdem der Liberalismus im preußischen Kabinett schon jetzt über seine parlamentarische Stärke hinaus vertreten sei und das Zentrum sich einer überwiegend anders gerichteten MehrhZt gegenüber sehe. Das Zentrum werde dis Vermutung nicht los, daß bei der Haltung der Volkspartei die Konkordatsjrage eine
Rolle spiele und daß die Frage zu einem Handelsobjekt gemacht werden sollte, worauf das Zentrum auf keinen Fall eingehen könne.
Die Parteivorstandssitzung der D.D.P.
Der Parteivorstand der Deutschen Volks- partri hat in seiner heutigen Sitzung beschlossen, den Reichszentralvorstand auf Dien Stag, den 26. Februar, nach Berlin einzuberufen. Die Frist mußte so kurz bemessen werden, da der Parteivorfihende, Reichsmini'ster Dr. Stresemann, bereits am Freitag abend nach Genf fährt. Der Zentralvorstand wird sich mit der Lage zu befassen haben, die sich aus den letzten Verhandlungen über die Ambildung der Regierungen im Reich und in Preußen ergeben hat. Er hat früher einmal den Be-
3n der gestrigen Vollsitzung des Sachverständigen auofchußes wurde vor allen Dingen über das Transferproblem gesprochen. Dabei ging man von der Frage aus, unter welchen Bedingungen und mit welcher Organisation ein Transferschutz aufrechterbalten werden kann. Man hat in diesem Zusammenhang auch die Einsetzung eines „Advisorp Hoard" erörtert, nachdem von anderer als von deutscher Seite
die Frage eines geschützten und ungeschützten Teiles der Annuitäten
aufgeworfen worden war. Vorläufig bewegt sich noch alles in provisorischen Erörterungen, und zu weitere« Betrachtungen ist es noch nicht gekommen, weil die ganze Frage eng zu- sammenhängt mit dem Problem, wie grob die Hohe der Annuitäten sein soll, und diese Frage st noch nicht zur Sprache gekommen.
Havas berichtet weiter dazu: Der Reva- rationsausschuh ist gegenwärtig geneigt, den Transfer eines Teils der deutschen Schuld unbedingt zu gestatten. Dies- Lösung würde den Vorteil haben, die Mobilisierung und Kommerzialisierung eines entsprechenden Teiles der deutschen Obligationen sebr zu begünstigen. Der Transfer des zweiten Teiles der deutschen Annuitäten würde eventuell der Begutachtung eines beratenden Transferkomitees unterbreitet, das darüber zu wachen hätte, dab der Transfer allzugroher Summen der deutschen Wirtschaft nicht schade. Sache Deutschlands würde es sein, zu diesem Zwecke das beratende Komitee damit zu befaßen, und Deutschland würde auf diese Weise seine volle Verantwortung selbst tragen und keiner Kontrolle unterworfen sein.
Frankreich mit dem Kompromihvorschlag des Füafer-Ausschusies unzufrieden.
Die Morgenblütter beschäftigen sich eingehend mit der am Freitag von den Sachver-
Preuhen und im Reiche und nehmen teilweise sehr scharf kritisch dazu Stellung.
Die „®. A. Z.", die die Taktik der volksparteilichen Landtagsfraktion „sehr unglücklich" nennt, berichtet, daß für die Haltung der Fraktion maßgebend waren der ziffernmäßig ungünstige Charakter des Braun- chen Kompromißvorschlages, die Gering- chätzung des angeb otenen HaudelSimni- teriums, etwa gegen das Kultusressort, das übrige Kompromißangebot nicht aufrecht- halten zu können, die buchende Besetzung des Kultusministeriums mit einem Sozial - demokrate» und schließlich die Konkordats- frage. Das Blatt spricht die Hoffnung aus, daß der Zentralvorstand der Dolks- partei, der am Dienstag zuf ammentreten wird, die Bereitschaft zur Drohen Koa-
schluß gefaßt, daß der Eintritt der Deutschen^ Volkspartei in das preußische Kabinett die unerläßliche Bedingung für die koalitionsmähige Regelung der Regie- rungsftage im Reich ist. Nachdem bei den letzten Verhandlungen in Preußen mit der Konkordatsftage die sachlichen Schwierigkeiten so stark in den Vordergrund getreten sind und damit die Regelung der preußischen Regierungsfrage zum mindestens noch längere Zeit in Anspruch nehm n dürfte, wird der Zentralvorstand sich darüber zu entscheiden haben, ob sein früherer Beschluß weiter aufrecht erhalten werden soll.
Die Blätter aller Parteirichtungcn berichten in großer Aufmachung über die einzelnen Phasen der gestrigen Verhandlungen über die Regierungsumbildung in
ständigen ins Auge gefabten Einsetzung eines beratenden Ausschusses, der anstelle des bisherigen Transferausschusses treten und nur für einen Teil der deutschen Schuld in Frage kommen soll. Erohes Vertrauen wird der neuen Lösung nicht entgegengebracht. Das „Echo d e P a r i s" sagt, die Trennung der deutschen Schuld tn zwei Abschnitt« bedeute eine Gefahr. Die _bem Transrerslbutz unterstellten Beträge würden stark den G Bonds der Verträge von London ähneln und Gefahr laufen, einfach als nicht bestehend angesehen zu werden. Das Blatt fragt, ob Frankreich entschloßen sei, die Naturalleistungen auszunutzen Man habe die Neigung, Barzahlung vorzuziehen, da sie den Vorteil habe, die französische Finanzlage zu verbessern. Es sei zu befürchten, dah d!e Verbandlunnen nicht zum Vorteil Frankreichs ausgin.gen. Jedenfalls seien sie bisher nicht ermutigend
Auch die sozialistische ..O e u v r e“ befürchtet, dah die an den Transfer gebundene deutsche Leistungssumme ein eingebildeter Wer« sein werde.
Es sei fcstzustellen, dah die Privaiisierung der deutschen Schuld, die die Sauptanf- gabe der Sachveiständigen-Arbeiten bilde, in ihrer Gesamtheit aufgegeben sei
und dag die Privatisierung in Abschnit - t e n weniger von der Grenze de: unterzubrin- senden Obligationen als von dem Z i n s f it fc der Obligationen — das Blatt nennt 5 v. ö. — abbänge, der int Vergleich w den amerikanischen Sätzen keine grohen Hoffnungen zu erwecken scheine.
Auch dem „Gaulois" des Herrn Colo scheint der Vorschlag der Sachverständigen gefährlich zu sein, da er die Frage der Kriegsentschädigung nicht vollständig löse. Wenn der neue Vorschlag angenommen würde, würde man wahrscheinlich in dem bisherigen Zustand der ärgerlichen llngewihbeil bleiben.
litio« im Reiche von der bisherigen Bindung an die gleichzettige Umbildung in Preußen trennen werde.
Aehnliche Erwartungen hegen auch die „Voss ,Ztg.“ und das „B. T.". Beide Blätter sehen in dem Scheitern der Preußenverhandlungen noch keine endgültige Gefährdung der Großen Koalition im Reiche. In politischen Kreisen habe man den Eindruck, daß Dr. Sttesemann seine ganze Autorität für eine positive Lösung der Krise einsetzen werde. Eine Entscheidung des Zentralvorstandes der Volkspartei in dem angegebenen Sinne würde bedeuten, daß die Volkspartei der Ernennung von drei Zentrumsministern im Reiche ihre Zustimmung nicht versagen werde.
Kitt Ne dmtwe OM» geteilt?
Lcrschlag, einem Sell ter Schuld den SranWM zu nehmen
Wlronertng 1929
Von Generalleutnant a. D. Freiherr« von Blomberg.
Ein Jahrzehnt ist dahin gegangen, seit wir den letzten im Weltkriege gefallenen Karnre- raden das kühle Grab in fremder Erde schaufelten. Zehn Jahre und darüber schlummern nun schon — in alle Welt zerstreut — die zwei Millionen braven deutschen Männer, di« kür die Heimat ihr Leben lieben.
In diesen zehn Jahren bat sich aus kleinen Anfängen und aus dem innersten Wesen unseres deutschen Volkes heraus der Tag entwickelt, den wir auch in diesem Jahr am Sonntag „Remlniscere" — „Erinnert Euch!" in weiten Teilen des Reiches würdig begeben werden, der „Volkstrauertag". — Und nicht nur im Reich, nein überall dort, wo in der weiten Welt die deutsche Sprache erklingt, bat sich der deutsche Volksrrauertag fest eingebürgert.
Das ist unstreitig das Verdienst des Dolks- bundes „Deutsche Kriegsgräberfürsorge", der seit Jahren für den Volkstrauectag kämpft; des Volksbundes, der schon vor zehn Jahre« von wenigen einsichtigen Männern gegründet wurde, die frühzeitig fühlten, dah die Wieder« auirichrung deuischer Ideale das ist, was unserem niederbrochenen Volke am bittersten not tut. und die in dem hoben sittlichen und kulturellen Wert der Kriegsgräberpfleg« ein wirksames Mittel zu diesem Zweck erkannten.
Don Jahr zu Jahr ist das tiefinnere Bedürfnis des deutschen Volkes, den Gefallenen des Weltkricges in ihrer Gesamtheit einen Tag der Erinnerung Dankbarkeit alliähr» sich zu weihen, in wuchtigeren Formen zum Ausdruck gekommen. Heute gilt der Volks- trauertag den meisten Deutschen als ein Tag der Einkehr, den sich das deutsche Volk nicht mehr nehmen laßen wird.
Wenn auch die Art der feierlichen Begehung des Voikstrauertaees verschieden ist, so hat sich doch eine gewisse Regel für seinen Verlauf herausgebildet, die allerorten stillschweigend desolat wird: am Vortage kurze Schulfeiern, am Volkstrauertage selbst Gottesdienst im Zeichen der Volkstrauer und Abhaltung von Kollekten Mr die Zweck der Kriegsgräber- vrl-ge. daran anschliehend Feiern auf den geschmückten Ehrenfricdbösen oder unter den bekränzten Kriegerdenkmalen, die ihren Abschluh mit dem Geläut aller Glocken Im Reiche zur Mittagszeit finden. In gröheren Orten pflegen die Ortsgruppen — deren der Volksbund jetzt schon über 1200 zählt — noch zu besonderen Saalfeiern einzuladen, bei denen von ernster Musi! umrahmte Ansprachen dem Ee- däw nis der Gefallenen geweiht werden. Die gröhie und eindruck-vollste derartige Feier findet all'äbrlich am Volkstrauertage mittags im Plenar Sitzungssaal des Reichstagsgebäudes zu Berlin statt. Der Herr Reichspräsident und die Spitzen der Reichsbehörden pflegen dieser Feier beizuwohnen, bei der sich die Fahnen der alten Armee, getragen von einer Ehrenkompasnte unserer Reichswehr, zu Ehren der gefallenen Kameraden senken.
Aber auch drauhen in aller Welt werden die stillen Grabhügel, die so beredtes Zeugnis von deutscher Treue bis in den Tod ablegen, am Dolkstrauertage mit Blumen und Kränzen geschmückt. Diele Angehörige der Eeiallenen laßen an diesem Tage die Gräber ihrer Lieben durch V:rmittlung des Volksbundes und seiner Vertrauensleute bekränzen, die Paten schmücken ihre Patenschastsfriedhöfe, und der Volksbund sorgt dafür, dah such die Massengräber der braven „unbekannten deutschen Soldaten" nicht ohne Schmuck bleiben „Ein Eruh aus der Heimat" lautet die Inschrift auf den weihen Schleifen der Kränze, die von den Vertrauensleuten des Volksbundes — meist im Nuslande lebenden Deutschen — auf den deutschen Heldengräbern niedergelegt werden.
Und trotz alledem ist der Sonntag Remin.is- ceie noch immer kein wahrer Vo'ksirauertag, kein Trauertag des ganzen deutschen Volkes geworden! Noch immer bat man sich im Reichstag nicht über den Tag einigen können, der als gesetzlicher Volkstrauertag gelten soll, und die Folge davon ist, dah einzelne Länder ihren eigenen Dolk-trauertag festgesetzt heben. Ist es nicht ein tief trauriges Zeichen dah wir uns in unserem zerrißenen und verhetzten Vaterlande nicht einmal über diese doch stcher- lich ganz unpolitische Frage einigen können. Unsere Gegner im Weltkriege be|d)amen uns; sic haben alle längst ihren gesetzlich geregelten Volkstrauertag. Aber auch untere Gefallenen sollten uns beschämen. Sie haoen einig gekämpst und geblutet, ohne zu fragen;