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SirnAag, »en 29. Sanuor 1929

Die ^Vberhessische Zeitung" er­scheint sechsmal wöchentlich. Be­zugspreis monatlich 2 GM. aus- schließ!. Zustellungsgebühr, durch dt«Post2.25 GM.Für etwa infolge Streiks, Maschincndefekte oder elementarer Ereignisse ausfallend« Nummern wird kein Ersatz ge» leistet. Verlag v. Dr. §. Hihervth. Druck der Unib.-Buchdruckerei b. Ioh. Aug. Koch, Markt 21/23, Fernsprecher: Rr. 54. v. Nr. 55, Postscheckkonto: Amt Frankfurt a. M. Rr. 5015. Sprechzeit der Redaktion von 1011 und l/,l1 Uhr.

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Anzeiger für (das frühere knrheffifche) Oberhesse«

M. 24 64. Mkg. Marburg a. Lahn

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Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.

Der Aufmarsch -es Lan-volkes in Berlin

Ein Appell nn das deuljche Volk Ständig wMende Schuldenlast

Berlin, 28. Jan. Im Rahmen der am Sonnabend in Berlin eröffnetenGrünen Woche" veranstaltete der R e i ch s l a n d - b u n d heute mittag im Zirkus Busch und im Schauspielhaus große Kundgebungen, die aus allen Teilen des Reiches außerordent­lich stark besucht waren. Die Versammlung im Schauspielhaus wurde eröffnet durch den Prä- fidcnten des Reichslandbundes, Reichsernäh­rungsminister a. D. -Schiel e. Danach er­griff der

2. Präsident, Abg. Hepp, das Wort zu einer größeren Rede, in der er u a. sagte: Mit über 14 Milliarden R-4l find wir heute gegenüber dem Auslande verschuldet. Am sinnfälligsten sind die Erscheinungen un­seres Wirtschaftsverfalls in der Landwirtschaft zu beobachten. 8 Milliarden neuer Schulden in einem Zeitraum von knapp 4 Jahren bedeu­ten eine jährliche Unterbilanz von 2 Milliar­

den Mark. Die gesamte landwirtschaftliche Verschuldung bedeutet eine alljährliche Verzin­sung von wesentlich über einer Milliarde R^st, d. h. etwa ein Achtel der gesamten wirtschaftlichen Einnahmen geht im Zinsendienst auf. Die Gründe für diese verzweifelte Lage müssen wir in der wachsenden U n r e n t a b i l i t ä t der Landwirtschaft suchen, die es unmöglich macht, Einnahmen und Ausgaben in lleberein- stimmung zu bringen. Bei den verantwort­lichen Regierungsstellen herrscht müde Resigna­tion, jeglicher Wille zur Tat fehlt. Wichtiger als die wichtigsten agrarischen Fragen sind im Reichsernährungsministerium anscheinend die inneren Sorgen um die Nachfolgerschaft des scheidenden Staatssekretärs, die Befriedigung varteisozialistischer Wünsche durch Ernennung des Sozialisten Dr. Baade zum Ministerial­direktor. Wir fordern im Gegensatz zum zen­tralistischen Ungeheuer der Aufsaugorganisation Kleppers, die abgesehen von ihrer marxistischen Tendenz schon wegen ihres monströsen Charak­ters nur schädigend wirken kann, die Schaf­fung eines Besitzfestigungsfonds der dezentralisiert angesetzt über die am länd­lichen Kreditgeschäft Beteiligten zur Auswir­kung kommt. Staatliche Hilfe ist die notwen­dige Ergänzung der Selbsthilfe. Staatliche Hilfe fordern wir darum in zoll- und handels­politischer Hinsicht. Kommende Handels­verträge haben der veränderten Lage der Landwirtschaft stärker Rechnung zu tragen. Wir werden ohne Einschränkung die Pläne des Reichsfinanzministers ablehnen, wir verlangen im Gegensatz zu ihm, der neue Steuern bringt, Abbau der bestehenden Steuern. Der Bauer hat das Vertrauen zu diesem Staat . verloren, er sieht in ihm seinen Feind. Die Leistungen auf Grund des Dawes-Planes sind zum erheblichen Teil ntft der Verschuldung der Landwirtschaft bezahlt. Trotzdem bat es die Reichsregierung nicht für erforderlich gehalten, einen Sachverständigen aus der Landwirtschaft hinzuzuziehen. Wir find der Meinung, daß weitere Leistungen nicht noch von ins verlangt werden können. Ab­

gesehen von dieser grundsätzlichen Auffassung wenden wir uns gegen alle die Absichten, die die Aufhebung des Transferschutzes, die Kom­merzialisierung unserer Schulden betreiben.

Präsideut B e t b g e faßte in seinem Schluß­wort noch einmal die Gründe der schweren Notlage der Landwirtschaft zusammen.

In der Versammlung im Zirkus Busch führte der Vorsitzende des Landwirtschaftsverbandes Ostpreußen, Rittergutsbesitzer Strüvy, u. a. aus: Ostpreußen, seit neun Jahren im frem­den Staatsgebiet, ist mit einer offenen Grenze von über 600 Kilometern stets in Gefahr, daß dasWürgehalsband des polnischen Korridors" eines Tages zugezogen wird. Die Ostvreußenhilfe soll als Änfangsmaßnabme dankbar anerkannt werden. Aber kann man von einer Steuersenkung sprechen, wenn das Eesamtsteuersoll auf mindestens derselben Höhe bleibt? Die Bauernschaft Ostpreußens lehnt einmütig jede Diskussion über die Vorschläge der Denkschrift der Preußenkasse ab.

Reichsminifter a. D. Schiele

führte sodann u. a. aus: Vor fünf Jahren stand die Landwirtschaft noch nahezu unver­schuldet da, heute hat . sie über acht Milliarden neu aufgenommener Schulden. Das bedeutet fast ebensoviel, als die jährliche Produktion für den Markt ausmacht. Das Niveau der Agrar- preise liegt um über ein Fünftel unter dem der Industrie. Bei einem Wert der landwirtschaft­lichen Marktproduktion von etwa neun Mil­liarden Mark bedeutet der Preisunterschied nahezu zwei Milliarden Mark, die die Landwirtschaft bei der jetzige" Preisgestaltung verliert. Die Kon­solidierung der bestehenden Schuldverhältnisse ist dringendste Forderung. Die kurzfrstigen öffentlichen und halböffentlichen Kredite müs­sen unter Zuhilfenahme einer staatlichen Ga­rantie in wirksamer Fortübrung und in Aus­bau des Notvrogramms in langfristige A^ab- lungskredite umgewandelt werden. Zur all­gemeinen Wirtschaftslage übergehend, kriti-

Dr. Wacht in Paris

Erste 6tiSung »er SnKverstän»lgen nm 11. Februar

ff. Paris. 29. San. Reichsbankpräsi­dent Dr. Schacht traf gestern znm Be­such des Gouverneurs der Bank von Frankreich hier ein.

ff. Paris, 29. Ian. Reichsbankprä- fident Dr. E ch a ch t hatte bereits am Mon­tag nachmittag nach seiner Ankunft in Paris eine längere Befprechung mit dem Gouverneur der Bank von Frank­reich, Moreau. Während nach einer halb­amtlichen Verlautbarung Dr. Schacht und Moreau ihre Begegnung dazu benutzten, um sich über die verschiedenen Fragen zu unterhalten, die für die Beziehungen der großen Emissions-Institute untereinander von Bedeutung sind, hält man es in Pa­riser Kreisen für durchaus sicher, daß die Pariser Reise des Reichsbankpräsidenten in erster Linie einem Gedankenaus­tausch über die von der Sachverständi- gen-Kommission zu behandelnden Fragen gilt.

Wie dasEcho de Paris" in diesem Zu­sammenhang erfährt, soll man sich km Prinzip geeinigt haben, daß die erste Sitzung der Sachverständigen am 11. Februar stattfindet, möglicherweise aber schon am 9. Februar eine erste offi­zielle Begegnung erfolgen soll Das Blatt erklärt weiter, man kann versichert fein.

daß Dr. Schacht sich bereits bemüht habe, den französischen Sachverständigen zu be­weisen, daß die Forderungen nach Beibehaltung der jetzigen Da­wes-Jahreszahlungen von 2,5 Milliarden Mark übertrieben feien und die Privatisierung der deutschen Schuld verhindert würde.

Der Gouverneur der Bank von Frank­reich, Moreau, hat gestern abend zu Ehren des Reichspräsidenten Dr. Schacht ein Essen gegeben, an dem hervorragende Persönlichkeiten der Finanz- und Bank­welt von Paris, «. a. auch der zweite fran­zösische Delegierte für Reparationen, Parmentier teilnahmen.

Es steht nunmehr fest, daß die ameri­kanischen Delegierten am Abend des 8. Februar in Paris eintreffen wer­den. Am folgenden Sonnabend wird der Gouverneur der Bank von Frankreich die Mitglieder des Reparationsausschusies in der Bank von Frankreich zu einem Tee vereinigen, bei dem die erste Fühlung­nahme erfolgen soll. Am Montag, 11. Februar wird der Sachverständigen-Aus- schuß zusammentreten. Er wird nicht in den Räumen der Reparations-Kommission tagen, sondern im Hotel Astoria, wo ein ganzes Stockwerk-für die Konferenz her­gerichtet wird.

fierte Minister Schiele den Reparationsbericht, in dem Parker Gilbert von einer Blüte unserer Wirtschaft und einem Zustand zunehmender Kavitalbildung spricht. Deutschland hat seit »ebn Jahren mehr verzehrt, als wir aus eigener Kraft produziert haben. Seit zehn Jahren stehen Produktion und Ver­brauch im Mißverhältnis zueinander. Das Defizit ist gedeckt worden durch die Auf­zehrung der Svarkapitalien während der In­flationszeit und seither durch die Aufnahme ausländischer Kredite. Wir brauchen ein großes schöpferisches Programm, das die Gesundung aus eigener Kraft zum Ziele hat. Wir brau­chen das große Ostprogramm,

das Programm des Feldzuges der Arbeit nach dem Osten.

Das ist keine rein agrarische Angelegenheit, keine Sache des Ostens allein, das ist die Le­bens- und Schicksalsfrage für das ganze deutsche Volk in allen seinen Schichten. Die Not muß uns Landwirte bis zum letzten Mann zusammenschmieden zur Einheitsfront. Dann werden wir stark genug sein, um die politischen Parteien mit bäuerlichem Geiste zu durchdrin­gen. Der Kampf gegen das heutige System darf nicht zum Kampf gegen den Staat schlecht­hin führen..

Zuletzt sprachen noch als Vertreter des bran­denburgischen Landbundes der Vorsitzende Ni­colas und der stellvertr. Vorsitzende Ganger.

--H--

JuitMIant ruft »tu Völkerbund an

Berlin. 29. Ian., Zu den Plänen der britischen Regierung, das Mandatsge­biet von Tanganyika mit anderen eng­lischen Gebieten zusammenzuschweitzen und so eine kalte Annextion des ehemali­ge« Deutsch-Ostafrika vorzube­reite«. wird an Berliner zuständiger Stelle daran? verwiese«, daß die Reichs­regierung aus Grund des Versailler Ver­trages auf dem Mandatsrecht bestehen bleiben werde. Die Reichsregirrung werde sich mit dem Völkerbund in Verbindung setzen und daraus dringe«, daß der im Versailler Vertrag niedergelegte Statuts auo unverändert bleibt und daß ein Ver­änderung nicht ohne die Zustimmung des Rölkerbnnbes uorgenommen werden darf.

Ein neuer Emir ton Afghanistan

fk. London, 29. Ian. Der Korrespon­dent desDaily Telegraph" in Peschawar meldet von gestern abend: Ali Ahmod Ian. em früherer Anhänger Aman Allahs ist znm Emir auggerufen worden und will unverzüglich von Iagdalak (38 Meilen westlich von Iellalabad) aus den Vormarsch auf Kabul antreten. Es werden Vorbereitungen zur baldigen AbbefördS- rung der Gesandtschaften in Kabul getrof­fen. Zwei britische Militärflugzeuge wer­den- am Mittwoch von Peschawar ab- gesandt werden.

Der neue Thronanwärter Afghanistans, ein früherer Offizier des afghanischen Hee­res sei noch vor einigen Wochen von Aman Allah mit der Aufgabe betraut worden, mit den Schinwaris zu verhandeln. Während dieser Versuche soll er seine eigene Per­son für den Thron in den Vordergrund ge­zogen haben. Die Schinwaris haben alle Hauptstraßen im Besitz und bedrohen die Stadt. Es besteht die "Möglichkeit, daß es sich hierbei nur um eine Geste handelt, um Aman Allah Schwierigkeiten zu be­reiten.

In amtlichen Londoner Stellen wird nun in Abrede gestellt, daß die englische Ge­sandtschaft Kabul sofort räumen wird, da­gegen wird zugegeben, daß Vorbereitungen für die Zurückbringung der nichtbeamteten Ausländer gesprochen werde.

Ä

Sc^$tei;'ttme« für ben Abtransport der Ausländer.

fk. P a f ch a w a r. 29. Jan. In Kabul werden Vorbereitungen getroffen, um alle ausländischen Geschäfts­leute und Privatpersonen mit Flug­zeugen fortzuschaffe«.

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Ein WrAvtosramm »rr sächstjiton grWtatrfratit Leipzig, 29. Ian. Die Generalver» samrnlung des Anterbezirks Groh-Leipzig der SPD. beschloß, dem Parteitag der SPD. ein Wehrprogramm vorzulegen, das dem amtlichen Wehrprogramm der Partei widerspricht und das u. a. folgende»' In­hal that:

Die Sozialdemokratie bekämpft je­den Krieg, ob Verteidigung oder zum Schutz der Neutralität. Sie lehnt darum im kapitalistischen Staat die Mittel für die Wehrmacht ab und kämpft für die Beseitigung der Wehrmacht. Die SPD. ist entschlossen, den stärksten Massen­druck auch in revoluttonärer Form gegen jede deutsche Regierung anzuwenden, die im Falle internationaler Streitfälle zum Kriege schreitet. Ein nicht zu verhindernder Weg muß zum Sturz der kapitalisttschen Klassenherrschaft ausgenutzt werden. Durch die technische Entwicklung ist der Schwer­punkt der Landesverteidigung in Produk­tion und Verkehrswesen gelegt. Der Sturz der Bourgeoisie und die Aebernahme der Staatsmacht, die Beherrschung der Pro- duttion und der Verkehrsmittel durch das Proletariat und ihre Verwendung im pro­letarischen Interesse sind die einzige Vor­aussetzung dafür, daß das Proletariat für die Landesverteidigung eintritt.

Diese Forderungen werden nach den Ausführungen des Berichterstatters in be­wußtem Gegensatz zur parteiamtliche« Stellungnahme erhoben, selbst auf die Ge­fahr, daßwir in Magdeburg in der Minderheit bleiben und die Sachsen wieder einmal von den Parteipäpsten abgekanzell werden".