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Anzeiger fitr (bas frühere kurhefsifche) Oberhessen

Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.

Der trchmte MammmSru» der BnnbwirtWl

Sie Kiste der Beiriede arbeitet ohne Reinertrag

ein erschütternder LkdenSstnndart

Sie LnichwirstchnftSdednste im

.^Berlin, 26. San. In der Eröffnungs­rede der 11. Hauptversammlung der vreubi- schen Hauptlandwirtschaftslammer stellte Prä- stedent

Dr. h. c. Brandes

u. a. fest, daß die Landwirtschaft in verstärk­tem Tempo dem drohenden Zusammenbruch .entgegengehe.

Rach den Untersuchungen des Enquete- Ansschusses arbeite die Hälfte der Be­triebe ohne Reinertrag.

Der Lebensstandard, insbesondere der bäuer­lichen Bevölkerung, sei auf ein geradezu er­schütterndes Niveau gesunken, und der Stim- denlobn des Bauers liege weit unter dem des Land- und Industriearbeiters. Trotz dieses Raubbaus sei die Verschuldung weiter auf 13% Milliarden gestiegen. Die Gründe der Unrentabilität seien in zu hohen Lasten und SU niedttgen Produktenpreisen im Vergleich zu andern Waren mi suchen. Die Steuern seien um das Vierfache, die sozialen Lasten um das Dreifache, di« Zinsenlast von 600 Millionen in der Vorkriegszeit auf über 1 Milliarde beute gestiegen. Die Produktenpreise seien der Geldentwertung nicht gefolgt; sie müßten durchschnittlich gegen die Vorkriegszeit um 50 v. H. höher liegen. Tatsächlich stünden aber die Eetteidevreise bei 100 bis 110, Rindvieh- preise nur bei 100 v. H. der Vorkriegsvreise. Für Schweine mühten die Preise etwa 75 bis 80 Mark betragen, tatsächlich ergäbe sich aber ein Iahresdurchschnittsvreis von nur 65 Mk.; Kartoffeln seien im Herbst nahezu unverkäuf­lich gewesen. Zwischen dem Inder für Agrar­stoffe und für industtielle Ferttgwaren klaffe eine Spanne von 20 bis 25 v. H. Zur Ab­wendung des drohenden Unheils forderte der Präsident di«

Aufstellung eines grundlegenden

Rentabilitätsprogramms,

ta mit Einselmabnabmen nicht mehr zu helfen sei. Es handle sich dabei um zwei Komplexe von Mahnahmen, einmal um diejenigen, die oer Erhaltung der Landwittschaft bis zum Wirksamwerden des neuen Programms dienen und dann um das Rentabilitätsprogramm selbst. Zu dem ersten Komplex von Maßnah­men gehöre die Fottführung der Umschuldung und der Preisstützungen nach dem Notvro- gramm um Senkung der Lasten, um Seuchen- schutz, Verhinderung ungünstiger Handelsver­träge, um Maßnahmen für zusammenbrechende Betriebe und dergleichen. Das Rentabilitäts- Programm selbst müsse von dem Gedanken ge­leitet sein,

di« planlos«, weit über de« Bedarf bin­auegehende Einfuhr von Vieh, Fleisch und , Getreide

In einer dem inländischen Bedarf angevabten Weise und auf einer Preisbasis zu regeln, die für den Landwirt lohnende und für den Ver­braucher tragbare Preise gewährleistet. Der Präsident hält es für durchaus möglich, wenn man nur einmal die Frage der Rentabilitäts­möglichkeiten für die Landwirtschaft prüft, dah dies ohne übermäßige Belastung des Staats und des Verbrauchers möglich sein ro-irb. Dem Landwirt sei es gleichgültig, mit welchen Me­thoden" er »u angemessenen Preisen und tras- baren Lasten käme, wenn er sie nur bekomme. Anders Länder hätten das Problem schon längst erkannt. Selbst das amerikanische Ackerbauministettum äußere sich in seinem Jahresbericht dahingehend, das die Lage der dottigen Landwirtschaft derart sei, dah man die weitere Gesundung nicht dem freien Spiel der Kräfte überlassen dürfe". Neben der r>ro- gen Frage der Wiederherstellung der Renta­bilität dürfe di« systematische Förderungsar­beit nicht vergessen werden. Selbst wenn in allen Beziehungen grobe Staatsmittel aufge­wandt würden, wären doch alle Arbeit und Kosten vergeblich, wenn das Rentabilttäts- «oblem nicht gelost würde..

Landtag

Der preußische Landtag setzte gestern die zweite Lesung des LandwirtschastSetats f'it.

215g. Brandenburg (Soz.) bemängelt, dass in den Reden derer, die gern als die be­rufensten Vertreter sich auffpielten, niemals ein Wittlich brauchbarer Vorschlag zu finden sei. So habe der Deutfchnationale Schulze- Stapen sich darauf beschränkt, mit Haake zu erklären, wir brauchten eine neue Handels­politik und eme andere Handelsbilanz. Wie er sich die Erfüllung dieses Wunsches in der Praxis vorstelle, erwähne er nicht. Die llr- shche für die Landflucht liege hauptsächlich in der schlechten Entlohnung.

2kbg. Wende-Winzig (Dtnl.) polemisiert gegen die sozialdemokratischen Minister.

Berlin, 25. Jan. 3m Reichstag gab es heute zunächst ein

Nachspiel z« den Arbeitslosen» demonftrationen, die sich am Schluß der gestrigen Sitzung auf der Publilumstribüne abgespielt hatten. Der kommunistische Abg. T o r g l e r pro­testierte beim Beginn der heutigen Sitzung dagegen, dah der Reichstagspräsident Lobe der kommunistischen Fraktion die üblichen Tribünenkarten nicht mehr verabfolgen läßt. Reichstagspräsident L ö b e fand den Beifall der Mehrheit, als er in seiner Antwort er­klärte, er werde die von den Kommunisten gerügte Mahnahme aufrecht erhalten. Die demonstrierenden Tribünenbesucher in der gestrigen Sitzung hätten ihre Karten von der kommunistischen Fraktion erhalten. Sie hätten sich ihrer Ausweisung von der Tri­büne widersetzt, hätten die Reichstags­diener beschimpft und bedroht. Darum sei

im Interesse des Reichstagspersonals die Entziehung der Tribünenlarten für die kommunistische Fraktion geboten.

Der Präsident kündigte weiter an, dah er die Genehmigung zur Strafverfolgung der­jenigen kommunistischen Abgeordneten bean­tragen werde, die sich an der Beschimpfung der Reichstagsdiener beteiligt hätten.

Auf der Tagesordnung der heutigen Sitzung stand die erste Beratung des

Steuervereinheitlichungsgesetzes, das die Zusammenfassung des Erundsteuer- rahmengesetzes, des Eewerbesteuerrahmenge- setzes, des Eebäudeentschuldungssteuergesetzes, des Steueranpassungsgesetzes und des Ge­setzes über den llebertritt von Steuerbeamten in den Reichsdienst bedeutet. Das Steuer­vereinheitlichungsgesetz regelt lediglich das Inkrafttreten der vorbezeichneten fünf Gesetze. Die Grundsteuer, die Gewerbesteuer und Ee- bäudeentschuldungssteuer sollen nach den neuen Gesetzen für die Zeit vom 1. April 1930 ab veranlagt und erhoben werden. Die Ein­kommensteuer, die Körperschaftssteuer und die Umsatzsteuer sollen zum ersten Mal für die im Kalenderjahr 1929 endenden Steuerab­schnitte, die Vermögenssteuer für die Zeit vom 1. Januar 1930 nach den Vorschriften des Steueranpassungsgesetzes veranlagt wer-

rmS daß er gar noch hinzufügte, es fei Wahn­sinn, wenn Ausländer glaubten, sie könnten ungefährdet ihr Geld im Inland an fegen. Das wäre wirtschaftlicher Landes­verrat. (Lebhafte Zustimmung links. Erregte Zurufe bei den Deutfchnatioualen.) Gleich gefährlich feien die von den Alldeut­schen immer propagierten Ideen, einfach den Vertrag von Versailles zu brechen. Einmal habe Deutschland einen Vertrag gebrochen, nämlich als es bei Kriegsausbruch in 'Belgien einmaschiette. (Stürmische Unterbrechungen rechts und anhaltende Pfuirufe. Die Ra t.»

2lbg. Henkel (Ztr.) schildett die schwierige Lage der schlesischen Bauernschaft. Richt nur der Großgrundbesitz sei verschuldet. Soztale Einrichtungen könne man heute mcht ent­behren.

2kbg. Helmers (D. Dpt.) erklärt, dah heute der früher so gut fundierte große östliche Grundbesitz ebenso schlecht dastehl als der kleine Dauer im Westen. Der Deutsche Dauer fleht dem heutigen Staat nicht als Gegner gegenüber.

Abg. Hoff (Dem.) ettlätt die Förderung der ländlichen Fortbildungsschule als das wichtigste m der besseren Ausbildung der Landwirte und begründet einen entsprechenden Antrag seiner Partei. Unerhört fei, daß der KZorsitzende der deutschnationalen Pattet, Hugenberg, der selbst Grohgrundbesttzer war, in einer öffentltchen Versammlung aussuhtte, die deutsche Währung sei keineswegs sicher

den. Die Feststellung von Emheftswerten nach dem Stande vom 1. Januar 1930 soll auf Grund der Vorschriften des Steueranpas­sungsgesetzes erfolgen. Die Erbschaftssteuer soll für die Steuerfälle, in denen die Steuer­schuld nach dem 31. Dezember 1929 ent­fällt, nach den Vorschriften des Steueranpas­passungsgesetzes veranlagt werden. Dre Re­gierung bezeichnet in Uebereinstimmung mit der Mehrheit des Reichsrates nur

das Gebäudeentschuldungssteuergesetz und des Gesetz über den llebertritt von Be­amten in den Reichsdienst als verfas­sungsändernd.

Das Eebäudeentsch uldUngssteuer- gesetz ist vom Reichsrat aus dem Steuervereinheitlichungsgesetz g e st r i ch en worden. Die Regierung hält aber daran fest, sodaß in diesem Falle dem Reichstag eine Doppelvorlage zugegangen ist.

Reichsfinanzminister Dr. H i l f e r d i n g führte zur Begründung der Vorlage aus, die Steuervereinheitlichung sei notwendig,. um das jetzt so vielgestaltige Steuersystem über­sichtlicher zu machen und so erst die

Voraussetzung für eine etwaige spätere Senkung der Realsteuern zu schaffen.

In der Aussprache begrüßte der sozial­demokratische Abg. Keil die Vorlage. Er wandte sich gegen eine Senkung der Realsteuern, wenn nicht vorher die Ein­kommensteuer für die wirtschaftlich Schwäche­ren gesenkt würde. Der deutschnationale Abg. Dr. Rademacher lehnte den Ge­setzentwurf ab. Er sah darin nicht die verheißene Vereinfachung und vermißte vor allem eine Senkung der Realsteuern. Mit besonderer Schärfe wandte sich der Redner

gegen die Beibehaltung der Hauszins- fteuer,

die jetzt den Namen Eebäudeentschuldungs- unb Sacherhaltungssteuer führen soll. Nach­dem noch der nationalsozialistische Abg. Fe­der mit ähnlichen Argumenten die Vorlage bekämpft hatte, wurde die Weiterberatung auf Dienstag 3 Uhr vertagt.

Der Sonnabend und der Montag sollen mit Rücksicht auf den Parteitag der Witt- schaftspattei sitzungsfrei bleiben.

Svz. rufen lärmenb: Landesverräter, und kommen dann in erregte Auseinander­setzungen mit deuffch-hannoverschen 2lbg., vor deren Bänken sie sich postrett hakten. Schließ­lich verlassen die Rattonalsozialisten und einige Deutschnationale den Sitzungssaal.)

Zum Schluß lehnt der Redner den Gedanken des Getreidemonopols ab. (Beifall bet den Demokraten.)

Rach weiterer Debatte vertagt sich das Haus auf Sonnabend 10 Uhr. Rest.,des Land- wirtschaftsetats

»um 70. Geburtstag

des Kaisers und Königs Wilhelm IT. .

Geburtstage sind (Erinnerung^ und Gedenk­tage, an denen der Einzelne und, wenn es sich um eine Persönlichkeit auf den Höhen der Menschheit handelt, die Gesamtheit Halt macht, um prüfend zurück- und fragend vorwärtszu­schauen. Kaiser Wilhelm II., der nunmehr länger als 10 Jahre als Verbannter fern bet Heimat in der Fremde weilen muß, ist di« am meisten umstrittene Persönlichkeit bei Gegen, wart. Bedauernde Verehrung und wilder Haß, Vorwütte und Rechtfertigungen kreuzen sich um den schlabberen zu Doorn. Ein Rest von Dankbarkeit und deutscher Mannestreue dringt aus der deutschen Heimat zu ihm in die Ferne, namentlich bei Gelegenheit seines 70. Geburts­tages, während weite Kreise ihm Erbitterung und Feindschaft zuschleubern, ja die ganze Schuld am Unglück Deutschlands aufzubürden sich nicht scheuen.

Von der Parteien Gunst und Hab verwirtt. Schwankt sein Charakterbild ht der Geschichte."

Diese viel gebrauchten, zur Kennzeichnung geschichtlicher Gröben oft angewandten Worte Schillers treffen auf den Kaiser Wilhelm II. sicherlich zu. Aber mit einer Einschränkung; in der Geschichte" Das Leben und Wirken dieses Herrschers ist noch nicht Geschichte. Es bleibt Gegenwart, auch für die Zeit vor uny in dem Weltkriege. Die ungeheuren Vorgänge sind noch viel zu wenig weit abgerückt von dem persönlichen Miterleben, um ein wirk­liches geschichtliches Urteil zu ermöglichen, das Schuld und Sühne nach beiden Seiten hin ge­recht zu verteilen vermag.

Das aber baif und muß. trotz des allzu kur­zen zeitlichen Abstandes, schon jetzt beim An- lah des 70 Geburtstages Kaiser Wilhelms II. gesagt werden:Deutschland, sei gerecht und übersieh nicht den Balken in deinem Auge, wenn du jetzt nach dem Splitter Im Auge deines letzten Kaisers siehst." Wilhelms II. Tragik liegt darin, daß er, unvermittelt bei­nahe, als jugendliche Persönlichkeit das Erbe einer alten Zeit zu übernehmen gezwungen war. Kaiser Wilhelm I. starb im 91. Lebens-, im 80. Herrscherjahre (die Regentschaft in Preußen mitgerechnet). Wenn er sich auch, praktisch und klug, auf den Verfassungsstaat umgestellt hatte und seine königliche^ später kaiserliche Würde in vollendeter Weise zu wahren wußte, so darf doch nicht verkannt werden, daß riesenhafte Aufgaben sozialer Art bei seinem Tode der Lösung bartten. Kaiser Friedrichs Tage waren gezählt, {eine Regie­rung ging spurlos vorüber. So übernahm Kaiser Wilhelm II., erst im 30. Lebensjahre stehend, die Zügel der Herrschaft. Eine ganze Generation wurde übersprungen. Von ihm bürfen die schweren Worte gelten:Weh' dir, daß du ein Enkel bist!"

Da Kronprinz Friedrich Wilhelm als der Kaiser der Zukunft auf lange Frist hinaus galt und dessen Gattin Viktoria mit Ehrgeiz auf die kommende Herrscherzeit blickte, war Prinz Wilhelm bei Lebzeiten des Großvaters statt zurückgetreten. Hochbegabt, geisttg reg­sam, vom Streben nach Betätigung als Herr­scher erfti.t, bestieg Wilhelm II. den Dovvel- thron als König und Kaiser. Glänzende Ver­tretung des Reiches nach innen und außen hin, seiner Machtfü.e und seinem Ansehen ent­sprechend, die Erhaltung des Weltfriedens auf dem Bcden einer wohlgefügten Rüstung, Aus­bau der Reichseinheit im Rahmen der Bis- marckischen Vettassung, Lösung der machtvoll herandringenden Aufgaben der sozialen Fra­gen bas waren, kurz zusammengefaßt, die großen Pflichten des jungen Herrschers. Hebet ihm schwebte in erdrückender Wucht Bis­marck, der unerreichte Seros deutschen Geistes, der Mann aus Eisen und Feuer. Seit den Sturmjahren 1848/49 batte er mit Lei­denschaft um Preußens Vorherrschaft, um des deutschen Volkes Einheit gekämpft, jeden Wi­derstand ntederschlagend, der unbedingte und unabänderliche Vertrauensmann seines Kö­nigs und Kaisers Wilhelm I. bis ans Ende. Und nun? Der 73jährige Kanzler, bei 26 Jahre im Amte war, auf der einen, der junge Kaiser auf der anderen Seite: der alte Recke als eifersüchtiger, gewiß berechtigter Wahrer dessen, was in harten Pämpfen und Stürmen errungen worden war der neue Herrscher selbständig und hochtrabend, sich fühlend als Träger einer neuen Zeit, deren Förderer er selbst sein wollte. Die Gegensätze waren zu groß. Es kam zum Bruch, ohne daß es des Streites um das russische Geheimbündnis und um die sozialen Gesetze bedurft hätte.

Des Kaisers Unglück war es, daß die ur- .alte deutsche Ettahruns mit unheimlicher "Folgerichtigkeit eintrat. Bismarck hatte keine

Die geplante StenerRefoem

Das SteuemreinWIichuags-Sesch