Mittag, toi 21. Samar 1929
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Anzeiger für (das frühere knrhesfische) Oberhessen
Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg«
Das Gorthe-Leffing Fahr ISSN
Braunschweig, 19. Ian. Hundert Jahre sind es heute, seit Goethe« „Saufr am 19. Januar 1829 im damaligen Braunschweiger Hoftheater zum ersten Male auf der Bühne stand. 200 Jahre sind am 22. Januar vergangen seit dem Geburtstag Gotthold Ephraim Lessings, deS Wegebereiters der deutschen klassischen .jjeU. der lange Jahre in Wolfcnbüttel wirkte und dichtete und in Braunschweig sein großes Leben beschloß und seine letzte Ruhestätte fano. Dem heutigen Beginn oer Veranstaltung und zugleich seinen Höhepunkt bildete die Eröffnung der
Ausstellung .Miaust auf der Bühne" durch Oberbürgermeister Dr. Trautmann in der Burg Dankwardsrode. Eine Festversammlung hervorragender Bertreter der deutschen Geisteswelt, Vertreter der Wissenschaft, Dichter, Künstler, AniversitätS- professoren, viele Mitglieder der Goethe- unü Lessing-Gesellschaft hatten sich in der Burg eingefunden.
Oberbürgermeister Dr. Trautmann führte in seiner Eröffnungsansprache u. a. aus: i
DaS Jahr 1929 wird beherrscht von dem Gedenken an die beiden ganz Großen: L e s- Iing, den Wegbereiter, und Goethe, en Erfüller. Richt Tote ehren wir, sondern machtvoll in die Gegenwart Hineinragende, für diefe und in ihr wirkende Geisteskräfte unseres Volkes, das ttotz ehrlicher und voller Bejahung der Gegenwart nicht den Dunk vergessen darf gegen die Vergangenheit. Braunschweig und Wolfenbüttel sind Gedenkstätten für Goethe und Lessing: Molfenbüttel als die Geburtsstätte des „Nathan", der „Emilia Ga- lotti", Braunschweig als Lessings Ruhestätte und als AraufMrungsstätte des größten deutschen Dramas. Goethes „Faust". Unser Goeche-Lessing-Iahr, dem die Goethe-Gesellschaft in Weimar als geistige Führerin der Veranstaltung gab, soll ein Sinnbild sein des Suchens unseres Volkes nach gesteigerter Geisteskultur. Ein Volk, das seine Kräfte aufs äußerste anspannen muh, um seine wirtschaftlichen und sozialen Aufgaben zu erfüllen, kann und wlll nicht Feste feiern, kann und will aber durch ernste und würdige Veranstaltungen Zeugnis ablegen von den Kulturschätzen, die es besitzt und für seine Fortentwicklung lebendig erhalten will. So ist unser Goethe-Lessing-Iahr eine Vvlksfeier. Es ist zugleich ein Fest der deutschen Jugend, die im „Faust" ihr eigenes Wesen sieht und itz Lessing das Vorbild des aufrechten, furchtlosen, scharf denkenden und von glühendem Idealismus durchdrungenen deutschen Mannes.
Minister Severin« führte in seiner Red« u. a. aus, daß jeder Tag des neuen Jahres den verantwortlichen Ministern der Reichsregierung und der Sinzelstaaten wie auch den kommunalen Verwaltungen Verhandlungen und 'Beratungen gebracht hätten, die den ganzen Ernst unserer finanziellen Lage sinnfällig vor Augen geführt hätten. Sie hätten nachdrücklich auf die Notwendigkeit des Wahren hingewiesen. Aber auch dafür gebe es eine Grenze, die sich da befinde, wo es gelte, die de utschen Kulturgüter zu schützen. Trotz unserer Not dürften wir nickst darauf verzichten, als Kultuwolk zu gellen. Daher habe auch die Reichsregierung sich entschlossen, zu den Brauns chweig-Wolfenbütteler Veranstaltungen durch Bewilligung eines Beittages beizusteuern, der der Lessingforschung zugute kommen solle.
Außer Minister Severing sprach als Vertreter der Braunschweigischen Landesregierung Minister Sievers und ReichS- kunstwart Dr. Redslob.
Bei einer Morgenfeier im Landestheater sprach Walter von Molo, der Präsident der Dichterakademte. Den Fest
Vortrag über „Gveche und Lessing" hielt der Präsident der Goethe-Gesellschaft, Äni- versitätSprofessvr Dr. Julius Petersen. Er zog eine Parallele zwischen den beiden Dichtern im allgemeinen und zwischen dem Dichter des „Nathan" und dem Dichter des „Faust" im besonderen und schloß seinen Vortrag unter Hinweis auf das Weimarer Doppeldenkmal Goethes und Schillers mit den Worten: „So können wir uns auch Goethe und Lessing in einer Gruppe verbunden denken. Si« haben sich gefunden, und einer reicht dem andern den Kranz." .
Tie Frier im Reichstag.
Berlin, 21. Ian. Die Lessing- Hochschule beging am Sonntag im Rcichstagsgebäude die Feier von Lessings 200. Geburtstag. Die Festansprache hielt Prof. Dr. Friedrich Gundo l f - Heidelberg. Der Vortragende entwarf ein groß angelegtes Lebensbild des
Dichters. Kritikers und Kämpfers Eotthold Ephraim Lessing. Lessing habe aus der überlegenen Freude des echten Streiters gestritten und das Schauen und Sinnen selbst zur Fehde gemacht. Er habe gegen die Vorurteile. Dogmen, die religiösen Aengste und alle Phantasiegreuel gekämpft. Er habp dre Aufklärung als einen Akt des Sehens, Deutens und Erkennens genommen, und für zwei große Ideale, für Freiheit und Wahrheit, bleibe er noch heute in Deutschland der Freiheits he Id, den man auch heute noch brauche.
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Ein Lessing-Preis der Hansastadt Hamburg.
Hamburg, 21. Ian. 3m Laufe der Lessing-Gedächtnisfeier, die die Stadt Hamburg veranstaltete, gab Bürgermeister Dr. Petersen bekannt, daß der Senat den Beschluß gefaßt habe, bei der Bürgerschaft die Schaffung eines 15 000-Mark-Les- srng-Preises der Freien und Hansastadt Hamburg für deutsche Dichter, Schriftsteller und Gelehrte zu, beantragen.
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Za der Angelegenheit des Verrats der Eraener-Denkschrift ist beim Oberrcichsan- walt in Leipzig eine Anzeige gegen „Unbekannt" wegen Landesverrats eingeaaa- gen. Dieser Anzeige muß stattgegeben «erden, da seststeht, daß es sich bei dem Znhalt der veröffentlichten Denkschrift tatsächlich um geheimzuhaltende Nachrichten handelte.
Die Aufklärung der Angelegenheit ist offenbar dem Reichswehrministerium nicht gelungen. Es ist zwar im Reichswehrministerium versucht worden, festzustellen, ob sämtliche Exemplare der geheimen Denkschrift noch in den Händen der Minister der Länderregierungen und der Abgeordneten sind, die zeitweise diese Denkschrift erhalten haben. Dabei soll sich herausgestellt haben, daß die Denkschrift von allen Abgeordneten bereits zurückgegeben worden ist. Auf der anderen Seite vermutete man aber von vornherein, daß die Denkschrift nicht im Original nach England gegangen ist, sondern daß sie an irgendeiner Stelle abgeschrieben wurde. Daß eine Aufklärung möglich ist, scheint man im Reichswehrministerium zu bezweifeln, weil naturgemäß in England Untersuchungen nicht vorgenommen werden können.
Der Stahlhelm zum Verrat der Eroener-Denkschrist.
Der Stahlhelm-Bund der Frontsoldaten in Magdeburg sandte im Zusammenhang mit der Entwendung der Groener-Denk- schrift im Reichswehrministerium folgendes Telegramm an den Reichskanzler Müller: „Die in Magdeburg zum Reichsführerappell des „Stahlhelm"-Bund und der Frontsoldaten versammelten 6000 alten Frontsoldaten sprechen ihre Empörung darüber aus, daß geheime Dokumente der Landesverteidigung gerade zu gewohnheitsmäßig an fremde Mächte verraten werden. Sie finden es unerträglich, daß maßgebende Mitglieder einer der in der Regierung vertretenen Parteien sich zu der Auffasiung bekennen, daß Landesverrat kein Verbrechen fei. Verrat ist das gemeinste Verbrechen. Das offene Verhöhnung des deutschen Volkes durch den Nutznießer des letzten Verrats mit der Bemerkung, daß er die Denkschrift des deutschen Reichswehrministeriums „auf- bem gewohnten Wege" erhalten habe, muß die Reichsregierung zwingen neben der selbstverständlichen rücksichtslosen Verfolgung dieses neuen Falles sofort die Verschärfung der Strafbestimmungen bei Landesverrat durchzuführen".
Aman-!flWzieMme Abdankung zurück
Aufruf zum Sammeln unter seiner Fahne.
Paris, 19. Jan. Die Radivtelegraphen- ftartion in Peschawar hat am 18. Januar abends folgende Depesche, die von der Elation in Kandahar verbreitet wurde, wo sich gegenwärtig der Exkönig Arnan-Ullah befindet, herausgegeben: „Infolge der gegebenen Verhältnisse und der Nachrichten von Unruhen unter den Aufständischen ziehe ich meine Abdankung zurück und fordere alle loyalen Afghanen» Volks st ämme auf, sich unter m einer Fahne zu sammeln."
Der Aufruf Ainan-Ullahs soll von zahlreichen Dolksstämmen gehört worden sein, denen Aman-llllah bei feiner Rückkehr aus Europa drahtlose Lelegraphenstationsn zum Geschenk gemacht hat. Rach anderen Gerüchten soll Aman-Allah über 17 Bomben- f lugzeuge verfügen, di« sich in Kabul befanden und vor der Ankunft des Habib-Allahs nach Kandahar abfliegen konnten.
London. 20. Jan. „Daily Expreß" berichtet auS Kandahar Aman - Allah beab-
. sichtige, mit finanzieller Unterstützung seiner I Mutter den afghanischen Thron Wiederzuge- s Winnen. Er ersuchte die Bewohner von Kandahar um ihre Hilfe bei diesem Unternehmen und versprach gute Bezahlung. Die Agenten Arnan-Ullahs seien bereits unterwegs, zum Teil auch zum Erwerb von Flugzeugen, Munition und anderem Kriegsuiaterial.
Mafsenvergiftuuge» a« Kohlenoxydgas
Wie der „Lokalanzeiger" ans Leipzig berichtet, strömte in dem Orte Tannenwald während einer Schülervorstellung im Kino ans einem schadhafte« Ofen Kohenoxydgas aus. Dabei erlitten über 50 Kinder und der Operateur Vergiftungen. Die Kinder, von denen viele ohnmächtig wnrden, mußte« mit Autos ins Krankenhaus geschafft werden. Eine Untersuchung über diesen Vorfall ist ein- geleitet.
Ser neue Wehretal
Die Ausgaben für die Wehrmacht des Reiches sind im neuen Haushaltsplan mit rund 704 Millionen Reichsmark eingesetzt. Gegenüber dem Jahre 1928 bedeutet das eine Verringerung von 23 Millionen Reichsmark. Diese Verringerung ist vorgenommen worden bei den einmaligen Ausgaben, während die fortdauernden Ausgaben gegenüber dem Vorjahre ein Mehr von 4,5 Millionen aufweisen. Diese fortdauernden Ausgaben belaufen sich im ganzen auf 615 Millionen Reichsmark, während die einmaligen Ausgaben rund 88 Millionen Reichsmark betragen. Von einmaligen Ausgaben beansprucht das Heer den Betrag von 24 Millionen, während die Reichsmarine 64 Millionen Mark als einmalige Ausgabe erfordert. Unter diesen befindet sich die zweite Rate für den Panzerkreuzer A. Für das Panzerschiff werden 9,8 Millionen gegenüber 6 Millionen im Etatsjahre 1928 gefordert. Dazu kommen 3,4 Millionen für die Artilleriearmierung und 200 000 Mark für die Torpedoarmierung, was insgesamt 13,4 Millionen ausmacht. Für Neubauten wird im Marineetat ferner angefordert der Schlutzbetrag für den Bau des kleinen Kreuzers „Köln" in Höhe von 6,9 Millionen Mark, sowie der dritte Teilbetrag für den Bau des kleinen Kreuzers „E" in Höhe von 6 Millionen Mark.
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Und das Mische Mariae- badset . .
ff. London, 21. Jan. Laut „Daily Telegraph" wird das Marinebudget für das Jahr 1929/30 wenig von der Gesamtsumme von 57 3000 000 Pfund Sterling abweichen, die für das laufende Jahr bewilligt worden find. Das Parlament wird ersucht werden, den Bau folgender neuer Schiffe zu genehmigen: Sin 10 000 Tonnen-Kreuzer der Countyklasse, zwei 8400 Tonnen-Kreuzer der Cathedralleklasse, ein Flottillenführerschiff, 8 Zerstörer und 6 Unterseeboote. Ein neues Flugzeugmut- t e r s ch i f f ist ebenfalls geplant. Die Einführung eines neuen langfristigen Programms werde für unwahrscheinlich angesehen. Vom Jahre 1930 ab werde gemäß der Bautätigkeit der anderen Mächte die neuen Flottenbaute« jährlich festgesetzt werden. 1931 findet in Washington eine Fottenkonferenz statt und dies werde möglicher Weise zu einer weiteren Besprechung im Kreuzerbau Anlaß geben.
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Ausstand im sramöfifcht« ««igoskbikt
Paris, 21. Jan. Wie der „Temps" meldet, berichten die Fahrgäste eines aus Matadi angekommenen dänischen Dampfers, daß unter der Bevölkerung von Franzöjisch-Aequato- rial-Afrika eine Erhebung ausgebrochen sein soll. Die Auf- ständigen sollen sich europäischer Geiseln bemächtigt haben. — Der Brüsseler Kor- resspondent des „Pettt Parisien" berichtet weiter: Die Bewegung ser nach mißlungenen Versuchen im Juni 1928 ausgebrochen und habe sich auf eine Zone ausgedehnt, die bis 250 Kilometer nördlich und südlich des Hafens von Karno und 225 Kilometer östlich und westlich erstreckt. Das Aufstandsgebiet habe sich jemals in einer Entfernung von 500 Kilometer von Banghi entfernt befunden, wo bereits Viehherden geraubt und Wächter getötet worden seien. Nach den in Brüssel eingegangen Nachrichten hätten sich neuerlich Zwischenfälle ereignet und die Aufftands- zone reiche jetzt sogar bis aus 60 Kilometer an Banahi heran.