Nr. 14
Oberhesstsch« Zeitung, Marburg a. L., Donnerstag, den 17. Januar ISA
Lette 6
Sseration geglückt - Patient tot /Eine tofctWWVetrmhttmg als Lauer
Wirtschaft und Handel
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Weitere Kursmeldungen:
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Berliner Börsenbericht vom 16. Jan««.
Nach der freundlichen Tendenz, der gelingen Adendbörse machte sich schon tm heutigen Vormittagsverkehr ein Stimmungsumschwung bemerkbar. Diesen führte man auf schwaches Newyork und steiferes Tagesgeld drüben (bis zu 9 Prozent) zurück, da die Gefahr einer Diskonterhöhung in Amerika wieder wachse. Es lagen aber auch noch andere Momente vor, die ebenfalls zur Zurückhaltung mahnten. Das weitere Anwachsen der Arbeits- lolenziffern. der anhaltende Ordermangel bei den Banken, vor allem aber der Preiskamvf in b« Kunstseide-Industrie wurden als Be-
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Gottesdienst der '«raelitische« Gemeinde.
Sonnabend, 19. Januar.
Vorabend 16.50 Uhr; morgen» 8.30 Uhr; nachmittags 16 Uhr; Ausgang 17.50 Uhr; an Wochentagen: morgens 7.05 Uhr; abends 19 Uhr.
5,88 27,60 26,60
2,2
12,25 86*1, 20,62 12,10 35,25
(freibleibend)
8*/,ige Tolb-Psandbrieie, Reitze 8 «wb9 frühestens kündbar zum L 3. 1933
7’/.ige Sold-Pfanddrieie, Reihe 4.
frühestens kündbar zum 1. 9. 1831
•Mae Tolb-Pfandbriefe, Reihe 6, frühesten, kündbar zum L 9. 1832
8»/«ioe Eotd-Psandbriefe, Reihe 5, frühestens kündbar zum L 9. 1932
8*/,iae Told-Komm.-Schuldoerschr. Reihe 3, frühesten» kündbar zum L 9. 1933
Berliner BSrsen-Nnrszettel der „Oberhessischen Zeitung’«. ®efd)ättegoefl: schwächer.
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212 294
75 X Abgaben.
Dazu kommen für den Bauer noch schlechte Preise für seine Erzeugnisie und Hobe Preise für seine Bedarfsartikel. Dieses alles ist das Kernproblem der deutschen Bauernnot, die man beute von oben mit allerlei Mitteln und Mittelchen meistetn will. Man rühmt sich auf der einen Seite der groben DOtbtlb- lichen Fürsorge, die beute bis in jedes Dorf hineinreicht, um die Not zu steuern, wabrend
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141 256*/« 242*1, 404
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Dies ist ii wirtschaft. Und wen man mes immei wieder nicht glauben will, deshalb zur Aufklärung ein Beispiel: „Nennen wir diesmal ein Bauernhof im Werte von 50 000 X und einem Kapitalbesitzer, irgend ein Generaldirektor oder höherer Beamter oder sonst ie- mand der 50 000 X sein Eigen nennt, und dasselbe, wie es sehr viel der Fall ist, in Aktien angelegt. Die Einkommensteuer ist in beiden Fällen gleich, weil sie sich nach dem tatsächlich erzielten Reineinkommen richtet, nur kan der, der die 50 000 X in Geld besitzt, auf eine Verzinsung von 100 und mehr rechnen. während der Bauer jetzt in den meisten Fällen überhaupt keine Verzinsung kennt in seinem Betriebe. Die Vermögenssteuer beträgt in beiden Fällen 4 Prozent, also 200 X- öat der Geldbesitzer aber Aktien, wie hier dies Beitsviel, so wird ihm sein Vermögen nur zum halben Steuerkurswert angerechnet, also 25 000 X, davon bezahlt er 3 Prozent Vermögenssteuer, also 75 X Damit ist seine ganze Steuerleistung erledigt. Aber der Bauer, bei dem gebt es ietzt erst los, also Vermögenssteuer 200 X Umsatzsteuer 112 X Rentenbankzinsen 156 X. staatliche Steuer vom Grundvermögen 133 X Eemeindezuschlage, 2o0 Prozent, 322 X. Landwirtschaftskammerbeitrag 22,50 X, sonstige Soziallasten auf dem Betrieb« 575 X. zusammen 1530.50 X. Der Aktienbesitzer, der mit seinem B sitz (50 000 X Aktien) wenig oder gar keine Arbeit hat, bat
mit sich bringt, auf alle Schultern, alle Stände gleichmäßig verteilt würden. Aber weit gefehlt. Noch nie war man in Deutschland so bewilligungsfreudig als in der Zeit nach dem Kriege bis auf den heutigen Tag, und auch noch nie waren di« Lasten ungerechter verteilt als heute. Sehen wir einmal etwas näher zu.
Auf der einen Seite ist man mit den, Finanzen am Ende, es muffen Wege gesucht werden, um neue Einnahmen für den Staat zu finden. Anstatt nun abzubauen, einzuschrän- len, zu sparen, sehen wir im Nachtragsbaus- halt des Reichstags e«n anderes Bild. Das Statistische Reichsamt fordert allein ein Mehr von 2,5 Millionen Mark. Das Reichsarbeitsministerium verlangt beinahe 4 Millionen Mark. Die Re'chsfinanzverwaltung baut ihren Apparat, der heute schon gegen 90 000 Kövfe umfaßt (fast soviel wie die gesamte deutsche Reichswehr) weiter aus und verlangt 13 Millionen mehr. Das Reichswirtschaftsministerium verlangt 2,5 Millionen usw. Insgesamt werden beinahe 35 Millionen neu gefordert. Dieses alles und noch viel mehr wird bewilligt von einem Parlament, das uns selber ungeheures Geld kostet, das auch im krassen Gegensatz zu der Not des Volkes steht. Auch hierzu eine Erläuterung: Mr baben in ganz Deutschland (Reich und sämtliche Staaten bezw. Länder) 2500 Abgeordnete. Allein im Reichstag zirka 500, im preußischen Landtag 450. Auch ein Lums, den sich sonst kein Volk der Erde (soviel mir bewußt ist) leistet. In Preußen haben wir 8 Ministerien, im Reich noch mehr. Jeder Minister bekommt 36 000 X Gehalt ohne Nebenbezüge. Die Abgeordneten im Reich und tn Preußen bekommen % eines Ministergehalts gleich 9000 X Diäten. Macht pro Monat 750 X, ob Sitzungen sind oder nicht. Auch die Ferien, und die sind meist sehr lang, kosten uns für jeden Abgeordneten monatlich 750 X Wenn man die Summe von 9000 X auf die wirklichen Sitzungstage umrechnet, so kommt " ein jeder Sitzungstag pro Abgeordneter auf 225 X. Jetzt haben aber der Reichstag und Landtag noch eine Menge Ausschüsse. So viel ich weiß, der Landtag 19 ständige Ausschüsse und der Reichstag noch mehr. Diese tagen meist, wenn das Parlament nicht versammelt ist Von den Ausschußmitgliedern bekommt ein jeder neben seinen 25 X Aufwandsentschädigung auch noch die Ausschußentschädigung von noch einmal 25 X Der Minister nimmt neben seinem Grundgehalt von 36 000 X auch noch die 9000 X Diäten als Abgeordneter. Wenn irgend ein Beamter ins Parlament als Abgeordneter gewählt ist (und es sind derer wirklich nichriWenig), so bezieht derselbe sein Beamtengehalt weiter, auch wenn er keinen Dienst mehr macht, bezieht daneben 9000 X Diäten als Abgeordneter und der Staat muß dem Beamten, für den er das Gehalt weiter bezahlt, auch noch einen Vertreter stellen, den er auch noch bezahlen muß. Außerdem bezahlt der Staat für jeden der vielen, viel zu vielen Abgeordneten für die Freifabrtkarte auch noch 2500 X an die Reichsbahn, macht insgesamt 1,25 Millionen Mark. Die gesamten Ausgaben für die Abgeordneten haben sich feit 1924 von 2,29 Millionen Mark auf 4,44 Millionen geradezu verdoppelt. Muß das so fein? Brauchen wir die Unmenge Abgeordneter? Aber keiner will seinen Posten verlieren. Und wozu und warum die viel $u hoben Diäten? Gewiß muß jeder, der für andere ins Parlament gebt und Arbeit und Verantwortung auf sich nimmt (falls er fein Amt ernst nimmt), auch voll und gut entschädigt werden. Aber was wir heute erleben, geht entschieden zu weit. Ist vor allem in keinen Einklang mit der Not des Volkes ,u bringen. Ist das nicht unerhört, wenn ein Abgeordneter jetzt kürzlich im Reichstag auf eine Kostenrechnung des Reichswirt schasts- ministers Dr Eurtius binwies. die für die Ausstattung der Wohnung 115 000 X aufführe, Auch für die Wobnung des ehemaligen Fi- namministers Dr. Köhler seien über die im Etat vorgesehenen 50 000 X weitere 45 000 X ausgegeben worden. Ist dies der Not des Volkes angevaßt? Wird hier gespart? Ueber- hauvt nicht hn Parlament! Es ist vielleicht kein Zufall, wenn auf den ganzen Mißstand der Abgeordnetenentschädigung vor kurzem in aller Oeffentlichkeit ein Abgeordneter der Christlich nationalen Bauern- und Landvolk- partei, ein Bauer, hingewiesen hat. Hat man vorher von irgendeinem auch schon einmal gelesen, daß er diese Frage angeschnitten hat? Nun zu der anderen Frage: sind die Lasten auf alle Stände, gleichmäßig verteilt? Tragen alle gemeinsam die Not? Ich verweise hier ganz besonders auf die im vergangenen Jahre erfolgte Beamtenbesoldungserhöhung, die meines Erachtens nur deshalb so schnell im Parlament angenommen wurde, weil damit ja die Diäten- entschädiguna indirekt verbunden war. Hierfür hat der Bauer auch kein Verständnis, weil die Besoldungsreform jetzt jährlich dem deutschen Staat ein Mehr an Gebaltsausgabe von ungefähr mindestens Ich Milliarden Mark bringt, die der Steuerzahler aufbringen muß. Für den deutschen Dauer, dem es durchaus schlechter gebt und ging als den Beamten vor der Erhöhung würde man eine jährliche Beihilfe in Höbe von 1,5 Milliarden Mark nicht bewilligen Man denke an das Notvrogramm! Ich will biet keinem Stand zu nabe treten, aber es ist unser gutes Recht Gleichberechtigung zu verlangen, und ich muß es einmal hier offen ausfvrechen, der Bauer kann es durchaus nicht verstehen, daß heute besonders bei den höheren Beamten, und auch bei den führenden Leitern tn der Privatindustrie noch vielmehr solche Riesengebälter gezahlt werden. Ein kleines Beispiel von einer Stelle: Ich habe kürzlich in B'antwortung einer Anfrage gelesen, daß der Rcichsbankvrästdent Schacht 311 000 X Jabresgebalt bezieht, die 12 Mitglieder des Direktoriums jeder 172 000 X Dazu sei in der Defoldungsordnung festgesetzt, daß einem jeden, falls er ohne sein Verschulde, -NI» ^jetm Amt scheidet, ihm der achtfache
Betrag seines Jahresgehalts als Abfindungs- umme ausgezahlt wird. Dies nur ein Bei- picl. Wie will man so etwas heute vor dem verarmten deutschen Volk verantworten? Muß man sich da wundern, daß es bald am Ende mit der Finanzkraft des Volkes ist? Und wer bat in erster Linie die Folgen all dessen zu tragen? Doch diejenigen Schichten unseres Volkes, die nicht tn der Fürsorge des Staates leben, sondern die heute scheinbar noch auf eigene Füße ge ft eilt, die Kosten und Folgen dieser Staatsfürsorge und staats- wirtschaft zu tragen haben, indem aus ihnen die Gelder direkt und indirekt berausgevreßt werden, die diese Wirtschaft heute verschlingt, ist in er ft er Linie die Land- ■ * Und weil man dies immer
gründung herangezogen. Verstärkt wird die Baissebewegung noch durch die genüge Widerstandsfähigkeit der Börse selbst, sodaß schon relativ kleines Angebot größere Kurs- rückgänge zur Folge hat. Schon seit einiger Zeit ist die Grotz-Spekulation überhaupt m Berlin recht uninteressiert und hat ihr Betätigungsfeld nach Paris verlegt. Angeblich für belgische Rechnung bestand in den führenden Kunstseidenwetten stärkeres Angebot, das auch die übrigen Märkte oerilaute. Geld war heute im Zusammenhang mit den Steuetterminen steifer, die Sätze blieben aber noch unverändert.
Berliner Devtseubericht vom 16. Januar.
Helstngfors 10,57—10,59, Wien 59,065 bis 59 185, Prag 12,438—12,458, Budapest 73,29 bi, 73 43 Sofia 3,037—3,043, Holland 168,52 bis 168,86, Oslo 112,03—112,25, Kopenhagen 112,12-112,34, Stockholm 112,38-112,60, London 20,383—20,423, Buenos Aires 1,770 bis 1774, Newyork 4,2035—4,2115, Belgien 58,395 bis 58,515 Italien 21,995-22.035 Paris 16,42 bis 16,46, Schwei, 80,84—81,00, Spanien 68,62 bis 68,76, Danzig 81,48—81,64.
Warenmärkte
Getreide tn 1000 Äitogt.. Liehi und Futtermittel te 10' Kilogramm.
BerNner Eetreidemarkt vom 16. Januar.
Weizen 208—210, Roggen 205—207, Braugerste 218—236, Futtergerste 192 bis 200, Hafer 199-205, Mais 233-234, Weizenmehl 25,50—28,50, Roggenmehl 26,36 bis 28,35, Weizenkleie 14,70—14,80, Roggenkleie 14.40—14,50.
Am Lieferungsmarkt zeigte nur Märzwei- «n. ber 0,50 Mark höher einsetzte, eme Veränderung. Die späteren Sichten behaupteten den gestrigen Schlußstand. Roggen lag m allen Sichten etwas fester; Juli-Roggen wurde 1 Mark höher notiert. Für Mehl besteht zwar weiter Nachfrage, jedoch werden die gegenwärtigen Mühlenforderungen nur schwer bewilligt. Hafer liegt stetig, die Pro- oinz hält auf Preise, nur für bahnstehende Waren zeigte sie sich vereinzelt etwas entgegenkommender. Gersten in wenig veränderter Marktlage.
Frankfurter Seteeidemattt vom 16. Januar.
Weizen 23,50. Roggen 23, Sommergerste für Brauzwecke 24,25—24,50, Hafer 23,25—23,50, Mats 23—23,25, Weizenmehl (südd.) 32,75 bis 33 95 Weizenmehl (niebenbein.) 32,25—33, Roag'enmehl 29,50—30,25, Weizenkleie 13,65 bi, 13,70, Roggenkleie 14,25—14,50.
man auf der anderen Seite alles tut und nichts läßt, um durch Steuerdruck und Ab- gaben die Masten noch mehr zu verarmen und zu verelenden. Man will heute dem Landvolk durch Standardisierung, Intensivierung. Mechanisierung, Rationalisierung, Verschal» dungsaktton und was noch alles mehr helfen. Wenn ich alles dies mir so durch den Kopf geben laste, so fällt mir immer wieder die staatliche Regelung und Meisterung der Arbeitslosenfrage ein. Man bat die -suche so ge» regelt, daß obwohl Arbeitslose genug da sind, der Bauer fast überhaupt keine Arbeitskräfte mehr bekommen kann. Auf diesem Wege gebt es nicht weiter. Mit all diesen Mitteln und Mittelchen, die selbst viele Führer und Führer» chen in den eigenen Reihen für das Allheilmittel halten, wird der deutsche Bauernstand allein nicht gesunden, wenn nicht unsere ganze Wirtschaftspolitik auf einen anderen Kurs eingestellt wird. Auf diesen Kurs wird aber bas Landvolk nut durch politische Macht Einfluß gewinnen. Und hierzu ist der kürzeste Weg der beste. Deshalb ist jede politische Neutralität Selbstbetrug und Unsinn. Im heutigen Zustand gleicht der Bauernstand einem Kranken, den man in der Narkose verschiedenen Operationen unterwirft, die man mit aller theoretischer Weisheit gründlich durchführt, während der Operation aber die Herste sich schon ausmalen, wie es nachher dem Patienten wieder bester gehen werde, unb was er dann alles leisten könne. Bis einer mit Schrecken am Ende feststellt, daß während der Operation, die etwas zu lange gedauert bat/ in der Narkose das Herz plötzlich seine Tätig, keif eingestellt bat, und der letzte Bericht lautet- „Operation glänzend gelungen — Patient/ leider sanft entschlafen." Weihnachten, das Fest der Liebe und des Lichter» glanzes, schwingt noch leise tn uns, es hat uns zu der Schwelle des Jahres 1929 bin geleit et, in dessen vor uns liegendem Dunkel wir die ersten Schritte (vielleicht viel zaghafter als sonst) tun. In diesen Tagen kommt vielen, den allermeisten Bauern so recht ihre Not rum Bewußtsein.^ die viele nicht glauben wollen, für die unsere heutige Seit kein Verst an d- nis bat. Enttäuscht schaut der Bauer zurück auf d 1 e Zeit, die hinter ihm liegt, zaghaft und fast hoffnungslos ins Dunkel des Jahres 1929 tastet sein Blick (was wird es bringen, Untergang ob er Rettung?), unb im Innern regt sich, s ich eine Stimme: „Wehe btr, baß bu ein Bauer bist."
Heinrich Hohl, Erksdorf.
Wer bie etwas sensationelle lleberschrift liest, wirb kovfschüttelnb sich fragen, was so etwas mit Wirtschaftspolitik zu tun habe. Deshalb sei es gleich vorweg gesagt, baß in Nachstehendem gezeigt werden soll baß, wenn wir in bet bisherigen wirtschaftspolitischen Entwicklung fortfahren, und wenn nicht bas Steuer ganz gehörig berumgeworfen wird, wir vn ber Bahre ber deutschen Wirtschaft, insbesondere der deutschen Landwirtschaft, in absehbarer Zeit stehen werden. 10 Jahre nachrevolutionärer Wirtschaft und ein verlorener Arieg liegen nun hinter uns, und wenn wir /heute, am Anfang des Jahres 1929,, einen Blick rückwärts werfen, so überblicken wir eine Beit, die dem deutschen Volke, insbesondere feinem ehrlich schaffenden Teil, eine Seit ber Not, ber Entsagung unb allerbitterster Enttäuschung gewesen ist. Wit denken an den schwersten aller Kriege mit seinem Ausgang, an bie Parole: .Stiebe, Freiheit, Brot und deren praktische Auswirkung, an die Inflation, den größten Volksbetrug aller Zeiten, und an feine Steuerpolitik, die nach dem Grundsatz
Besitz ist Einkommen" jenem Teil des deutschen Volkes, der bas Hauptfunbament bes deutschen Staates barstellt, bas Meßet an bie Gurgel setzt. Wir denken auch an all die Versprechungen und Hoffnungen, die uns gemacht worden sind in dieser Zeit, — und an deren Erfüllung! Aufwertung — Notstanbskrcdlte — Notproramm und anderes mehr lösen mt= itere Enttäuschung aus, bitterste Enttäuschung, init bet bet deutsche Bauer insbesondere und mit ihm weite Teile des deutschen Volkes am Anfang des Jahres 1929 den Blick in bie Zukunft, ins zweite Jahrzehnt richten. Die gesamte deutsche Wirtschaft befindet sich augenblicklich im Zustand einer Krise, die nach dem Urteil regierender Staatsmänner als durchaus ernst und schwierig bezeichnet wird. Ich erinnere an das, was ber Reichsfinanzminister Dr. Hilfetbing kur, vor Iahresschluß im Ausschuß des Reichstages gesagt hat, nämlich, daß die Reichskasse nicht mehr bie Mittel habe, um trm 1. Januar 1929 bie Gehälter unb bie Löhne auszuzahlen und sich das nötige Geld bei ber Reichsvost und Reichsbahn leihen müße. Ich verweise auf den Schiebssoruch bes Innenministers Severing in bem Konflikt in der Eisenindustrie, in welchem dieser in der Begründung offen zugibt, daß die Lage in der Eisenindustrie, bie doch auch einen Teil der gesamten deutschen Wirischatt barstellt, keineswegs günstig sei unb eine Besserung vorläufig nicht zu erwarten sei. Unb ferner erinnere ich an bie Runbfunkrebe des Ernährungsministers am 20. Dezember 1928, worin biejer bezüglich ber Agrarkrise offen aussagte, daß wir uns dem Höhepunkt der Krise nähern, In dieser Situation nun in der sich die gesamte deutsche Witischaft, aber am allerschlimmsten (dies -wird selbst an höherer Stelle zugegeben) die Landwirtschaft befindet, stehen wir seit Herbst 1928 am Anfang der sogenannten Normaljahre der Kriegsentschädigungen (nachdem wir d>e Schonjahre hinter uns haben), wo Deutschland ietzt jährlich 2l4 Milliarden an Kriegsentschädigungen zahlen soll. Wir haben bisher unsere Abgaben an den Feindbund, die bis vergan- tzenen Harkst die normale Höhe von 2% Milliarden noch nicht erreicht hatten, zum größten Teil aus Ausländsanleihen bestritten. Dieses geht aber auch zu Ende, denn Deutschland kann auf die Dauer nicht vom Kredit leben. Aber da wir die Ausländsanleihen doch auch verzinsen müßen, so müssen wir jetzt zu den 2% Milliarden (im Normaliahr) auch eine jährliche Zinsenlast von etwa % Milliarde aufbringen dazu noch Amortisationsbeträge von etwa % Milliarde, zusammen also % Milliarden, so daß also jetzt jedes Jahr 3% Milliarden erst einmal an das Ausland gehen, unb bann kommt ber innere Bedarf, an dem man ein verarmtes Volk und eine teilweise schon jetzt im Sterben liegende Wirtschaft erst recht nicht erkennen a n n Von den Svitzenverbänden der deutschen Wirtschaft ist unter ber Stichmarke „Die deutsche Berwaltungs- unb Deriassungsreform in Zahlen" nachgewiesen worden, daß im Lahre 1927 das deutsche Volkseinkommen ungefähr 60 Milliarden betrug (jetzt wesentlich weniger, vielleicht 45 bis höchstens 50). Dieses Volkseinkommen war mit einer öffentlichen &aft in einer Höbe von 23 Milliarden Matt aussestattet: 18 Milliarden Steuerlast, 880 Millionen Reichsbahn- unb Jndustriebelastung pnb über 4 Milliarden Soziallasten, bie aber inzwischen noch wesentlich weiter gestiegen sind, !so daß sie schon auf 5 Milliarden Matt geschätzt /werden. Trotzdem auf der einen Seite bas Volkseinkommen wesentlich zurückgegangen ist, auf ber andern Seite diese erhöhten Sozial- laften, die immer int Steigen sind (ich erinnere an bie Erhöhung ber Pf licht grenze ber Angestelltenoersicherung von 6000 auf 8400 X, wodurch sämtliche Angestellte bis zu einem vahreseinkommen von 8400 X auch arbeits- ssosenoerstcherungspflichtig geworden sind) unb die Steigerung des öffentlichen Finanzbedark um weitere 600 Millionen, für bie man noch nach Deckung sucht, bie augenblicklich ein Defizit barstellen, bas man neben anbeten auch durch neue Steuern ausgleichen will. So steht die Wirtschaft an ber Jahreswende. Ein jedes privates Unternehmen, das hohe Lasten zu tragen hat, sie aufbringen muß. an irgend jemand abgeben muß, richtet sich vor allem in «erster Linie darauf ein, daß in der inneren Verwaltung so viel wie nur irgend möglich ge» fcart wird, jede aber auch nur irgendwie ent» -ehrliche oder unnütze Ausgabe unterbleibt, Mur der Staat macht es gerade umgekehrt. Wir leisten uns in unserm verarmten Staatswesen fine Ausgabenwrrtschaft, einen Verwaltungs- Eaiat unb einen parlamentarischen Lurus, einen Sohn auf die Rot des Lölkes dar» 1 Man sollte doch erwarten, daß letzt bei , in Deutschland alle nur irgendwie entbehrlichen Ausgaben vermieden würden und jrä vor all« Dingt* die Lasten, die die Not
___________ 20*/«! . oteoi M.N.E. 68 1 68*|« ~ ‘ 143*/J143
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