Mittwoch, ton 16. Januar 1929
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Anzeiger für (das frühere kurhessische) Oberhessen
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Nr. 13 64. Jadrg. Marburg a. Salm
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Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
Der Thronwechsel in Afghanistan
Wie öS zur Abdankung tarn — Die Rebellen sehen dm stampf fett
London, 15. Ian. Wie der amtliche englische Funkdienst meldet, hat sich Aman llllah im Flugzeug nach Kandahar begeben, wo er von seinaer Gattin Suraja erwartet wird. Kandahar ist noch afghanisch, es liegt ungefähr 100 Meilen von der indisch-afghanischen Grenze entfernt, so daß sich der König noch immer in persönlicher Gefahr befindet. Es ist wahrscheinlich, das, er versuchen wird, über die Grenze in ein sicheres Asyl zu flüchten. In diesem Zusammenhang wird bereits Paris genannt.
Wie aus Kabul gemeldet wird, werden die Nachrichten darüber, datz König Aman Allah nach Europa abgeflogen sei, von der 'afghanischen Regierung als falsch bezeichnet. Aman llllah befindet sich in Kandahar, und habe bisher noch keine Erlaubnis von der Regierung, das afghanische Gebiet zu verlassen. Der neue König, Inayat llllah, verständigte Aman llllah, das; die Genehmigung für das Verlaßen des afghanischen Gebietes vom Kronrat und dem Rat der Mullah demnächst erteilt werden würde. Die afghanische Poli- jsei hat Anweisung gegeben, darauf zu achten, datz alle afghanische Frauen den Schleier tragen.
Noch keine Ruhe in Afghanistan.
Englische Meldungen bestätigen, datz die Abdankung Aman Ullahs die Auf- stände in Afghanistan nicht beendet hat. Der Sonderberichterstatter der JDa i l y Mail" in Lahore meldet seinem Klatt, Aman llllah habe in der letzten Zeit zahlreiche Warnungen erhalten, datz sein Leben in Gefahr sei. Er habe eine Entscheidung getroffen, die Afghanistan in weiteres Unglück stürzen kann. Englische Kreise in Indien seien der Auffasiung, datz sich auch der britische Gesandte in großer Gefahr befinde, nachdem der Einfluß Aman Ullahs beseitigt sei. Der neue Herr-
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König Aman llllah hat seine Reform- xestrebungen gegen das Widerstreben der überwiegend konservativen Bevölkerung Namentlich der reaktionär-orthodoxen Geistlichkeit, nicht durchsetzen können. Trotz der scheinbaren lleberwindung des Aufstandes wurde er durch wachsenden Widerstand zur Abdankung zugunsten seines luteren Bruders, des Prinzen Inayat
(im Bild) gezwungen.
scher besitze anscheinend nicht die starke Persönlichkeit seines Bruders. Zn Indien kei bereits die Rede davon, datz während der nächsten zwei Jahre keinem Europäer das Betreten afghanischem Boden erlaubt werde. Der Vertreter der afghanischen Regierung in Karatschi, ein persönlicher Freund des neuen Königs, habe erklärt, die Thronbesteigung stelle wahrscheinlich den Versuch dar, Zeit zu gewinnen, um die Aufständigen zur Niederlegung der Waffen zu veranlassen.
ließet die Ereignisse, die der Abdankung Aman Ullahs vorausgingen, werden folgende Einzelheiten berichtet:
Die Truppen Aman llllahs wurden am Sonntag von den Rebellen hart bedrängt und gezwungen, das Tal von Kohedaman
Z« den Rücktrittsabsichten Parker Siliert» erklärt das „JoeineV\ datz die Reparationskommission diese Nachricht weder bestätigt noch dementiert. Man hebt hervor, es sei zweifehast, ob Parker Gilbert sein Amt vor Beendigung der Arbeiten des Sachverstävdigenaus- schusses niederlegen werde.
Havas berichtet aus Newyork zu den Gerüchten über den Rücktritt Parker Gilberts: Nach der „Newyork Herald Tribüne" soll Parker Gilbert beabsichtigen, seinen Posten als Generalagent für die Reparationszahlungen niederzulegen, sobald er dem Sachverständigenausschutz sämtliche ihm zur Verfügung stehenden Unterlagen übergeben habe. Das Blatt erklärt, der Rücktritt würde ein ziemlich ernstes Problem darstellen, denn Parker Gilbert verdanke seinen Posten Owen Young, der seinerzeit sich das Vorrecht vorbehalten habe, Parker Gilberts Nachfolger zu ernennen.
Parker SUbert und die Wahl Morgans.
„Chicago Tribüne" meldet aus Washington, datz man dort annehme, datz die Wahl
ständischen, mit denen sie einen Waffenstillstand abschlosien. Aman Ullah befand sich gestern noch in Kabul. Der afghanische Generalkonsul in Defi teilt mit, datz zwischen Aman Ullah und seinem zum König gekrönten Bruder Inayat Ullah ein freundschaftliches Verhältnis herrsche. Der neue König habe während der Regierung Aman Ullahs das Leben eines Privatmannes geführt und sich mit den Regierungsangelegenheiten nicht beschäftigt. Er besitze das Vertrauen der mohammedanischen Geistlichkeit. Ueber die persönliche Sicherheit der in Kabul weilenden Ausländer hat man dort seit den hier eingegangenen Meldungen keine Besorgnis.
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Berlin, 15. Ian. Der HauptauS- fchuß des preußischen Landtages setzte am Dienstag die Vorberatung des Haushalts des Ministeriums des Innern fort.
Llbg. von Eampe (D. Vpt.) meint, auch diesmal fehle zur Verwaltungsreform die Fühlung mü den Parteien, so daß selbst > die Regierungsparteien gegeneinander ge»
zu räumen. Im Laufe der Nacht drang der Befehlshaber der Rebellen, Bafcha- sakao. in das Tal von Kabul ein und umzingelte die ungefähr 5 Km. westlich von Kabul gelegene Ortschaft Debkopek. Diese Ortschaft, in der sich das Hauptquartier der Truppen des Königs, eine starke Besatzung und einige Geschütze befanden, wurde von den Aufständischen genommen. Die Aufständischen setzten ihren Vormarsch auf Kabul fort und besetzten nach vorheriger Beschießung den die Hauptstadt beherrschenden Hügel. Nunmehr faßte Aman Ullah den Beschluß abzudanken und sein Bruder wurde in der üblichen feierlichen Weise zum König gekrönt. Die Parteigänger Aman Ullahs und die religiösen Führer in Kabul begaben sich zu den Auf-
Morgans zu einem der Sachverständigen so gut wie. vollständig auf Bemühungen Parker Gilberts in letzter Stunde zurückzuführen sei, der, wie in den dortigen Kreisen angenommen werde, als Generalagent für die Reparationszahlungen zu- rücktreten werde, um in die Firma Morgan u. Co. einzutreten.
Die Frage des Vorsitzes im Sachver- ständigen-Ausschusses
Der Autzenpolitiker des „Journals" schreibt: Der Vorsitz im Reparations-Sach- verständigen-Ausschutz kann von keinem der hauptsächlich interessierten Länder übernommen werden, da sie alle ihre Dispositionen frei halten müßen. Der Vorsitzende hat die Rolle des Schiedsrichters zu spielen. Um diese wirklich spielen zu können, braucht er Unabhängigkeit und Nachdruck. Lediglich die Amerikaner besitzen diese beiden Vorteile und sie besitzen auch die Ueberlegenheit, die sich aus den Tatsachen ergibt, daß man ihre Hilfe nachsuchen mutzte, um einen wesentlichen Punkt des Versailler Vertrages zu regeln, von dem sich die Vereinigten Staaten frei gemacht hatten.
redet und Bedenken geäußert hätten. Eine Instanz, entweder der Oberpräsident oder der Regierungspräsident, müsse ausgcschal- tet werden; er persönlich sei für Ausschaltung des Oberpräsidenten.
Abg. Dr. von Kries (Dntl.) erklärte die Bereitschaft seiner Fraktion zu posi» tiver Mitarbeit an der Derwaltungsreform. Er Persönlich halte die Abschaffung des Regierungspräsidenten und die Kommunalisierung des Landrates für zweckmäßig.
In der Abstimmung wurde insbesondere der Antrag auf Einrichtung des Grenz- fondS in Höhe von 15 Millionen angenommen, ebenso der weitere Antrag. der sich gegen die Anweisung an die Sparkassen richtet hinsichtlich der Aeber- Sung von Sparkassenmitteln zum Giro» ehr. Annahme fand auch der Antrag der Regierungsparteien, wonach der Hauptausschuß die Dringlichkeit der Verwaltungsreform bejaht und das Staatsministerium ersucht, die Vorlage möglichst bald dem Landtage zur Beschlußfassung zuzuleiten. Am Mittwoch soll der Haushalt des Ministeriums des Innern mit dem Polizeietat in der Vorberatung abgeschlossen werden.
Wtrffl Parker Alberts?
Mm rttfmtt mit stimm Eintritt in »ns Sans Morgan
Aman ttltaft
In Südslawien sah sich ein König genötigt. die parlamentarische Verfastung des Landes für einige Zeit außer Kraft zu setzen, um diktatorisch erst einmal Ordnung im Staate zu schaffen. In Afghanistan, allerdings ein Reich, an dem der Maß- »stab der südslawischen Verhältnisse nichj angelegt werden kann, mußte ein König auf den Thron verzichten, weil er ein zü großer Freund des europäischen Parlamentarismus war, zu modern, zu fortschrittlich, der Denkungsart seines Volkes fast ein Jahrhundert voraus.
Seltsam: Cs gibt in ganz Europa wohl keinen Monarchen, der sich einer solchen Volkstümlichkeit erfreuen konnte wie ge* raße Aman Llllah, der Herrscher des ganz abgelegenen asiatischen Reiches. Es gaB wohl auch keinen Monarchen, über den in dem letzten Jahre so viel geschrieben wurdq wie über diesen königlichen Gast fast alley europäischen Regierungen. Es lag in dem Willen, in der zielstrebenden Arbeit Aman Allahs etwas, was zu einer besonderen Aufmerksamkeit, jo fast zu einer Bewunderung seiner Persönlichkeit, zwang. Er, der Asiate, war ein Bejahet der europäischen Kultur, ihr Bewunderer, in seinem Land ihr Prophet, und dies gerade in einer Zeit, wo diese europäische Kultur umwälzenden Erscheinungen ausgesetzt ist.
Aman Allah war in Rom, Paris, London und Berlin. Was er dort sah, durch persönlichen Augenschein kennen lernen und erfassen konnte, wurde für ihn fast zu einer Selbstverständlichkeit. Diese Selbstverständlichkeit seiner Erkenntnisse war vielleicht letzte Arsache seines tragischen Schicksals. Aman Allah sah nur das Ziel, weniger die Hindernisse. Er legte an die Verhältnisse seines Landes einen Maßstab an, der verfehlt war. Was er fördern wollte, war nicht eine Entwicklung, sonders die sofortige Herstellung eines Enlwick* lungsstandes. Der Irrtum des Königs lag also im Tempo. An diesem Irrtum muhte er scheitern. »
Wenn sich in der Persönlichkeit Amay Allahs zu der unbedingt vorhandenen Energie und Zielstrebigkeit auch ein starkes taktisches Empfinden, eine kühle ^Berechnung der Möglichkeiten, kurz gesagt diplomatische Feinfühligkeit gesellt hätte: wäre die Tragödie seines Herrschertraumes vielleicht vermieden worden. Sein Kampf gegen die Macht der Priesterkaste war aij und für sich schon gewagt. Völlig verfehlt war jedoch fein Versuch, gleichzeitig rnij diesem Kampf auch Reformmahnahmen durchzudrücken, die das religiöse Empsin- den seines Volkes selbst verletzen muhten. Die Institution des Schleiers ist in Afghanistan Jahrtausende alt. Man kann eine jahrtausende alle Sitte, zumal wenn sie mit religiösen Empfindungen verbunden ist, nicht von einem zum anderen Tag diktatorisch aufheben.
Da jede Kultur das Produtt eines Entwicklungsprozesses ist, so ist für ihr Werden dieser Entwicklungsprozeß das Wesentlichste. Diesen hat Aman Allah geleugnet. Er hat dittatorisch für fein Land eine; „Kultur" festgelegt. Aber sie blieb in den Erlassen des Königs, das Volk selbst verstand sie nicht. Vielleicht hätte sich Aman Allah militärisch halten können, wenn nicht sein Kampf gegen die Priesterkaste, gegen die aufständischen Stämme, gegen die zahlreichen Thronprätendenlen durch das Kulturprogramm des Königs belastet gewesen wäre. Dieses Programm verstanden auch die nicht, die seines Thrones Stütze sein wollten. So war es den Priestern nicht schwer, den religiösen Fanatismus auch in die Reihen zu schleudern, die sich anfangs um Aman Allah scharten. So kam es, wie es kommen muhte: Der Entwicklungsprozeh siegte, Aman Allahs verfehlte Mission scheiterte.
Der Thronwechsel in Afghanistan wird sich auch in der Gestaltung der Weltpolitik auswirken müssen. Spielt doch gerade Afghanistan die Rolle des schützenoen Walles