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Rr.1L 64. Mrg. Marburg a.Mn

Dienstag, toi 15. Summ 1929

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Anzeiger fiir (das frühere knrhefsifche) Oberhesfen

Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg

ÄbechMsche

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Morgan unS Vie KommerziaWirrnng

ReyarMsnsmüMen

. Die Ernennung Pierpont Morgans jurn amerikanischen Sachverständigen für die Reparationskonferenz bildet augen­blicklich das Hauptgesprächsthema. In der Wilhelrnstraße enthält man sich vorläufig jeglichen Urteils über die Auswirkung dieser Ernennung auf die Reparations­verhandlungen, wie ja auch die Stellung­nahme der deutschen zuständigen Stellen lzu der Entwicklung der Reparationsfrage seit der Veröffentlichung des Eilbert- berichts noch immer auf sich warten läßt. An die Ernennung Morgans zum Sach­verständigen Amerikas knüpfen sich Ver­mutungen sehr widersprechender Art Die leinen sehen in ihm den Mann, der sich del Auflegung von Reparationsbonds im gegenwärtigen Zeitpunkt widersetzen wird, während die anderen von ihm eine umfasiende und abschließende Neuregelung 'bes ganzen Problems erwarten. Jeden­falls sollten wir Deutschen nicht vergeßen, Laß Pierpont Morgan, auf desien Bedeu­tung als Weltfinanzier wir im neben­stehenden Leitartikel näher eingehen, mit den französischen und englischen Banken seit langem in engster Verbindung steht. ,Auf seine Stellung innerhalb des deut- ischen Reparations- und Wirtschafts-An- lleiheproblems haben wir erst kürzlich hin­gewiesen, wobei besonders betont wurde, ^welche engen Beziehungen Parker Gil­bert zu dem Bankhaus Morgan unter­hält.

;Ximcs schreiben: Die Besprechun­gen des Generalagenten Parker G i l - chert in Washington und Newyork find erfolgreich gewesen. Die amerikani­sche Regierung wird keine Einwendungen gegen die Ernennung eines amerikanischen Mitgiedes zum Vorsitzenden des Sachver- ftändigen-Ausschusies erheben. Es ist jetzt Aufgabe des britischen Botschafters in Washington, den Beschluß der Repara- tionskommisston im Einverständnis mit 'ben beteiligten Regierungen auszuführen 'und offizielle Einladungen an die ausge- ^wählten amerikanischen Persönlichkeiten zu senden. Es find dies Owen Poung und der Teilhaber der Firma Morgan u. Co. in Paris, Dean Jay. Der Advokat Tho­mas Perkins wird ersucht werden, als .Stellvertreter der amerikanischen Dele- zgation mitzuwirken. Die deutsche Re­gierung wird ähnliche Einladungen er­gehen laßen.

V^organ sucht eine« geeigneten Vertreter.

Der Washingtoner Korrespondent der Newyork Times" glaubt zu wißen, daß die Ernennung von Pierpont Mor­gan zum amerikanischen Mitglied des Sachverständigen-Ausschußes nur noch da­von abhängt, daß Morgan einen geeiL- neten Vertreter für sich be­stimmt. An der Zustimmung Morgans ist nicht mehr zu zweifeln. Ein Stellver­treter für Poung ist bereits in Pe r k i n s, einem Teilhaber Youngs, ermittelt wor­den.

WieNewyork Herald" berichtet, liegt das Hauptinteresse an der Ernenn- nu'ng Morgans zum amerikanischen Sachverständigen bei den Reparations­regelungen darin, daß Morgan die Sach­verständigen, die offiziell Deutschland und die Alliierten Regierungen vertreten, da­von überzeugen müße, daß fie

. einen Plan für die Auflegung eines bedeutende» Teiles deutscher Repara- tionsobligationen

"vorlegen müßten, der den Bedingungen des amerikanischen Marktes entspricht, und daß dieser Plan, um Annahme zu finden, eine ge w i s s e Anzahl Ea r a n- tien vorlegen müsse. Morgan sei insbe­sondere der geeignete Mann, fie davon zu

een 1-2 Milliarden Dollar?

überzeugen, daß jeder Plan eine durch­greifende Aenderung erfahren müße, der darauf abzielt, etwa 1 oder 2 Milliarden Dollar auf dem amerikanischen Markt unterzubringen. Morgan werde den Sachverständigen zeigen, weshalb die amerikanischen Bankiers den Versuch

für die kommende Zeit weder als durchführbar noch als wünschenswert" erachteten.Newyork Herald" stellt im übrigen fest, daß man in französi­schen offiziellen Kreisen von der bevor­stehenden Ernennung ' der beiden ameri­kanischen Sachverständigen außer­ordentlich befriedigt sei. Die formelle Ernennung werde für Ende die­ser Woche erwartet.

In einem Leitartikel befaßt sich auch derDaily Telegraph" mit der Zu­ziehung Morgans zum Sachverständigen- Ausschuß. Das Blatt meint, daß Morgan in Deutschland für einen Mann gehalten werde, der frei von feder Hemmung an die Arbeiten des Ausschußes Herangehen werde. Aus diesem Grunde glaubt man, daß er nicht durch den letzten Bericht des Reparationsagenten, dessen Feststellung

Der! i n, 14. Jan. Der Hauptausschutz des preußischen Landtages begann, die Be­ratung des Haushalts des Ministeriums des Innern, für die drei Tage in Aussicht ge- nomnten sind. Berichterstatter Abq. He i t mann (Svz.) besprach die in Ausschuß vor­liegenden Denkschriften des preußischen Mrni- sters des Innern über die Auflösung der Gutsbezirke und den »Wegweiser durch die Polizei."

Minister des Innern Erresinski

wies darauf hin, er habe in der Frage des Bestehens der Polizeiverordnungen erst eine Dachprüfung veranlaßt, welche der z. Zt. noch bestehenden Polizeiverordnungen Preußens gültig seien. Zur

Vereinfachung des Polizeiverordnungs- wesens

bereite er einen Erlaß vor, m dem auch die Zuständigkeit im Erlaß der Pslizeiver- vrdnungen neu geregelt werde. Ein Teil der Berwaltungsreform fei bereits durch die 11 m« gemeindungsgesetze akut geworden, ebenso wie durch die Auflösung der Gutsbezirk e. Es seien auf Grund des Gesetzes vom 27. Dezember 1927 314 Landge­meinden aufgelöst, davon 200 Landgemeinden, die unter 103 Einwohner gehabt hätten. Durch die Auflösung der Gutsbezirke und die Auf­lösung dieser Zwerggemeinden seien Deu- wahlen zu Gemeindevertretungen in 2350 Ge­meinden notwendig geworden, die anfangs Aovember des vorigen Jahres stattgefunden haben. Die Dorschläge über

die llmgemeindungen h» Westen

lägen jetzt den Provinzialausschüssen vor. Er hoffe, daß diese Gesetze zum 1. Juli m Kraft treten können. Die Grundsätze bei der Formulierung der westlichen Ämgemem- dungsgesetze feien nicht präjudrzierend für andere älmgemeindungsgesetze, denn _im Westen herrschten ganz besondere Derhält- niße. Er werde sich werter

gegen jede Grotzmannssncht der Groß» ftädte

auf Kosten der kleineren Gemeinden energisch wehren. Leider habe nach wie vor das Deich das Bestreben, feine Zuständigkeit und feine Derwaltungen auch aus Gebiete auszudehnen, die heute allein Sache der Länderverwaltungen wwären. Se bftverstän^lich dürfe ei e p ei bische Berwaltungsreform den Weg einer künftigen Deichsreform nicht verbauen. Zunächst er­strebe er die

Stärkung, der lokalen und vrovinzießen Selbstverwaltung

über den Wohlstand in Deutschland allge­mein als irreführend angesehen wurde, beeinflußt fei (?). Das trifft aber, so meint das Blatt, wahrscheinlich auch auf die anderen Sachverständigen zu, die kaum geneigt seien, die Aufgaben des Ausschußes von dem Standpunkt aus zu betrachten, daß Parker Gilbert durch feinen Bericht bereits einen Teil der Ar­beit erledigt habe. Die Neigung in Frankreich, den Hauptteil der Frage als bereits gelöst anzusehen, sei nur ein wei­terer Beweis für den Optimismus, der stets die französische Auffassung zur Re­parationsfrage gekennzeichnet habe.

Voraussagen über die Stellung des Ausschußes auf diesem und jenem Ge- biet der Untersuchung seien im gegen­wärtigen Augenblick wertlos.

Die Vervollständigung der Mitglieder des Ausschußes sei in jedem Fall nur der erste Schritt in einer Transferaktion, die lang­wierig und arbeitsreich sei und durchaus die Möglichkeit in sich bürge, daß sie schließlich nicht zu einem festen Er­gebnis führe.

unter selbstverständlicher Berücksichtigung der staatlichen Interessen.

Der preußische Kabinettsrat hat den Grund­sätzen der geplanten Deformen zugestinunt.

Abg. Graf von Garnier (Dtl.) kritisierte

die Personalpolitik des Ministers

und erörterte den Fa l l Deibold im Kneife Mimptsch. Er forderte weiter die Auflösung des Dotfrontbundes und kritisierte zum Schluß die Haltung der Regierung m der Flaggen­fvage.

Abg. Dr. Heß (Zentt.) fordert Einstellung von Grenzfonds in den außerordentlichen Haushalt. Abz ulehnen sei eine Kon­zentrierung des Schulwesens und die Zuweisung der Landeskulturaufgaben an den Oberpräsidenten.

Abg. von Ehnern (D. Dpt.) bedauerte zunächst die ablehnende Haltung des Ministers in der Frage eines beschleunigten Disziplinar­verfahrens. Auf diesem Gebiet müsse etwas geschehen.

Die Zusammenziehung der Schulen beim Oberpräsidenten sei bedenklich.

Bei einer Deuabgrenzung der Behörden müße Derbindung mit dem Reich gesucht werden. Auf dem Gebiet des Finanzausgleiches könne man den bisherigen Zustand nicht wieder ein Jahr lang unverändert lassen. Außerordent­lich bedauerlich fei es, daß der Minister seine Zusagen, für die Grenzgebiete im außer­ordentlichen Etat Mittel bereit zu stellen, nicht gehalten habe.

Abg. Falk (Dem.) bezeichnete die in Aus­sicht genommene Derwaltungsreform als Stückwerk. Dor allem fei er nicht emver- standen damit, daß die Schulverwaltung zum Oberpräsidium kommen solle.

Minister Grzeslnski nahm darauf noch das Wort, um auf die einzelnen Beschwerde- Punkte einzugehen. Der Rote Frontkämpfer- stund werde pflichtgemäß wie alle radikalen politischen Verbände durch die politische Poli­zei überwacht. Das 'Demonstrationsverbot des Berliner Polizeipräsidenten billige er. Was den Dorwurf angehe, das Reich mache zu hohe Uebertoeifungen an die Länder und Ge­meinden, so werde dabei übersehen, daß das Reich heute das gesamte Steueraufkommen zu­gleich für die Länder und Gemeinden erhebe und daß diese ihre Ausgaben aus den Zu­weisungen des Reiches bestreiten müs'en. Das übersehe offenbar auch der Bericht des Reparationsagenten. "

Allerlei Vermutungen

Nie preußWen Reformen

Sritil an toi Borschlägen GrzesinM

WellbankierWellvollM«

Ein geschickter Dichter Pflegt in einem Drama zunächst die Nebenfiguren auftreten zu lassen, um so das erste Auftreten deS Haupthelden durch eine entsprechend große Spannung vorzubereiten. Das Drama der Reparationsverhandlungen erlebt nunmehr diesen dramatischen Augenblick. Geheim­nisvoll wird schon seit Jahr und Sag von John Pierpont Morgan geflüstert. Bald bei dieser, bald bei jener weltpolitischen, Aktion vermutete man ihn als Drahtziehers

hinter den Kulissen. Daß die finanziellen Fäden der Weltpolitik in seinen Händeft zuscrmmenliefen, war über jeden Zweifel erhaben. Gr ist der Inhaber der größten Bank der Welt. Die großen Geldgeschäfte des Weltkrieges gingen durch seinBüro, Was für Millionen Menschen und für große und Heine Kulturvölker der Erde Schicksal war, das verwandelte sich in seinem Hirn in kühle Rechenausgaben, Es ist eine unheimliche Macht, diese ti>* strakte, herzlose Rechenkunst im Hinter­grund der Weltgeschichte, deutlich spürbar in ihren Auswirkungen, und doch so schwer faßbar in ihren einzelnen Zusammen­hängen.

Wird jetzt das Spiel deutlicher werden, wo der gewaltige Geloherr aus dem Rebel hervortrllt und in vollem Bühnenlicht vor der Oeffentlichkeit seine dominierende Rolle vorführt? DieBezeichnungWeltpolitiker- ist in der Aera des Völkerbundes und des Kellogg-Pattes gar manchem Minister und Diplomaten zugefallen. Bald hat dieser, bald hat jener mit schönen Reden oder fein formulierten Schriftstücken die Aufmerk­samkeit der Wett auf sich gezogen und auch hier und da Hoffnungen erweckt. Mtt den Hoffnungen ist's im Laufe der Jahre; immer weniger geworden. Zumeist haben sich alle die rethorischen und papierenen Verständigungen schon recht bald nach ihrem ersten Erscheinen als belanglose De­korationsstücke der sogenannten Weltpoli­tik offenbart.

John Pierpont Morgan ist als Poli­tiker bisher eigentlich noch nirgends in Be­tracht gezogen worden. Wahrscheinlich hatte er auch ein geschäftliches Interesse daran, nicht als solcher erkannt und durch­schaut zu werden. Er begnügte sich damit, eine Weltmacht zu fein. Wenn er jetzt aber auch als Weltpolittker hervortritt, so muh er schon seine besonderen Grünoe dafür haben. Allem Anscheine nach ist das Repurationsproblem bis zu einem Puntte gediehen, wo die letzten Entschei­dungen fallen, und wo deshalb auch die stärksten Autoritäten eingesetzt werden müssen.

Es scheint, daß Morgan von Parker Gilbett vorgeschlagen wurde, well er der Auffassung ist, daß dadurch eine indi­rekte Verbindung zwischen der Re­parations- und der interalliierten Schuldenfrage möglich erscheint. Par­ker Gilbert hat offenbar die positive Er­klärung Poincares nach Washington überbracht, daß Frankreich einen erfolg­reichen Ausgang der Reparationsverhanü- lungen nur anerkennen könne, wenn auch