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Sonnabend, hen 5. Zanuar 1929

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t Soldmark -m '/».Dollar-

Anzeiger für (bas frühere kurhessische) Oberhessen

Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.

Warnung vor unerfüllbaren Verpflichtungen

gmmcr noch die M Millmdon - Womit tat Deutschland bisher bezahlt?

Lie Reparattonskommission hält am heutigen Sonnabend eine Sitzung ab, in der, wie dasJournal" zu wissen glaubt, aber «och nicht die Ernennung der Dele. gierte« für den Sachverständigen-Ausschuß erfolgen wird. Die Kommission wird sich tut mit laufenden Angelegenheiten be. schäftigen «nd die Ernennung der Sach, verständigen erst i« einer späteren Sitzung vornehmen.

Deutschlands Wohlstand- im Lichte des Excelsior-.

Nach demExcelsior" wird die Re- parationskommisston die Ernennung der Sachverständigen erst im Lause kommen­der Woche vornehmen, da verschiedene Mächte bis jetzt noch nicht ihren zweiten Vertreter namhaft gemacht hätten. Nach der Ernennung durch die Reparations- kommission werde der Ausschuß zu einer Eröffnungssitzung nach Paris einberufen werden. Diese erste Sitzung dürfte anfangs Februar stattfinden.

Das Blatt beschäfttgt sich dann, an­scheinend amtlich beeinflußt, mit der KriDk der deutschen Presse an dem Bericht des Neparattonsagenten. Der Einwurf der deutschen Presse, so erklärtExcelsior" a. a., daß Deutschland nur durch Auf­nahme von Anleihen im Auslande habe zahlen können, falle von selbst. Das Blatt versucht dann seine Feststellung durch fünf Punkte zu begründen:

1.Die innere Schuld Deutschlands sei um etwa zwei Drittel geringer als die Schuld Frankreichs und Englands, obwohl Deutschland eine weit stärkere Bevölkerung habe, als diese Länder.

2.Die äußere Schuld Deutschlands würde, wenn sie im Verhältnis zu der bisherigen Iahreszahlung nicht her­abgesetzt werden sollte, einer Dum­pingprämie für die deutsche Er­zeugung gleichkommen.

3. Selbst mit den Reparattonszahlungen , bleibe der Unterschied zwischen den Steuerlasten der Alliierten und den Lasten des deutschen Steuer­zahlers merklich, da dieser weniger be- steuett sei als der englische und der französische.

4. Da eine Abänderung der Transfer­frage nicht in Frage komme, werde Deutschland billigere Kredite im Aus-

\ lande finden. Der Zinsgewinn allein, den Deutschland hieraus erzielen werde, werde seine Reparationslasten beträchtlich vermindern.

5. Es dürfe nicht vergesien werden, daß die Höhe der deutschen Schuld auf 13 2 Milliarden Eoldmark festgesetzt worden sei und die Beibe­haltung der deutschen Iahreszahlun- gen nicht einmal die Zinsen für ein Drittel dieser Schuld darstellt.

DieVolonte" schreibt dagegen: Der Ztaroesplon hat zwar seit vier Jahren gut funkttoniert.

Jedenfalls aber hat Deutschland seit riet Jahren von den Bereinigten Staaten mehr Geld geliehen als es de« Alliierten zahle.

Fn welchem Maße haben diese Anleihen die Produkttonsfähigkeit der deutschen Jn- bufttie erhöht? In welchem Maße sind sie auf die ehemaligen Alliierten repartiert worden? Das sagt Parker Eilbett nicht, aber es ist doch wichtig, dies zu wißen. Das gewinnt Deutschland durch seinen Handel mit dem Auslande? Das ist eine weitere sehr wesentliche Frage. Parker Eilbett antwortet darauf summarisch, in dem er sagt, daß Deutschlands Handels­bilanz sich kaum ausgleiche, daher die Fest­

stellung, daßdas deutsche Haus" kaum verdiene. Kann es dadurch seine Gläu­biger bezahlen?

DerPopulaire" bemerkt' Der Bettcht Parker Gilberts scheint beweisen zu wollen, daß die wirkliche Lage Deutsch­lands so gut ist, daß es leicht die Lasten des Dawes-Planes tragen könne. Aber um diese Verpflichtungen auszuführen, die provisorisch sind, da ja der Dawes-Plan provisorisch ist, hat Deutschland An­leihen aufnehmen müßen.

Wenn man vo« Deutschland verlangt, die Reparationen auf dieser Grund- läge zu zahlen, bedeutet das die Ver­

nichtung der Arbeiter «nd. lleinen Leute.

Der Berliner Korrespondent des .Journals" will eine hochstehende deutsche Persönlichkeit haben erklären hören, daß

Deutschland durchaus entschloßen sei, nur ein solches Abkommen über die Reparationsregelung zu unterschrei­ben, dessen Ausführung ihm mit seiner wirtschaftlichen Kraft vereinbar erscheint.

Falls der Abstand zwischen den Forderun­gen der Alliierten und dem, was die Deut-

Dr. Karl Anger ermordet

Sen einem Geisteskranken

RLrnberg. 4. Jan. Heute abend kur; nach 8 Uhr wurde der Vorsitzende der An­throposophischen Gesellschaft in Deutschland, Dr. Karl U v g e r - Stuttgart, als er das Luitpold-Haus in Nürnberg betrat, um tmm Vortrag zu halten, von einem Geisteskranken durch drei Schüsse niedergestreckt und auf der Stelle getötet. Der Täter wurde verhaftet, doch sind bisher seine Personalien noch nicht festgestellt.

Zu dem blutigen Drama meldet der Fränkische Kurier" noch: Die Anthropo­sophische Gesellschaft Nürnberg hatte für Freitag abend einen wissenschaftlichen Vor­trag anberaumt, den Dr. Unger aus Stutt­gart im Lehrsaal 1 des Luitpold-Hauses halten sollte. Als um 8.15 Uhr alles auf den Beginn des Vortrages wartete,

fielen plötzlich vor dem Saaleingang drei oder vier Schüsse.

Der Anwesenden bemächtigte sich ungeheure Erregung, doch gelang es besonnenen Män­nern bald, die Leute zu beruhigen. Der Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft, Lehrer Körner, machte die Mitteilung, daß ein geisteskranker Mensch, namens Krieger, den die Gesellschaft schon seit 30 Jahren kenne und der von den Mitgliedern nur Wohltaten genossen habe, Dr. Unger sehr schwer verletzt habe. Man brachte Dr. Un­ger, der bewußtlos inmitten einer großen Blutlache zusammengebrochen war, in den Lehrsaal und legte ihn dort nieder, wo er hatte sprechen sollen.

Bald darauf starb der Verletzte.

Eine Frau, die gleichfalls dem Vortrage beiwohnen wollte, kam mit einer Verletzung am Fuße in den Saal, wo man sie ver-

durch drei Schüsse getötet

band. Wie es heißt, soll noch eine andere Frau an der Hand verletzt worden sein. Der Täter wurde sofott dingfest gemacht und der Polizei übergeben.

Zu der Ermordung Dr. Ungers erfahren <ur* nochr folgende Einzelheiten: Die Tai ge­schah in dem Augenblick, als Dr. Unger die Türschwelle des Vottragssaales im Luit- pold-Haus überschritt. Ein Mann trat von rückwärts auf Dr. Unger zu und feuerte, ohne daß irgend ein Wort fiel, drei Schüße auf ihn ab.

Unger wurde durch zwei Schüße in den Kopf getroffen, während der dritte den Rücken durchbohrte.

Der Schwerverletzte sank lautlos zu Boden und verlor bas Bewußtsein. Wenige Mi­nuten nach der Tat verschied er. Der Täter wurde von den erregten Besuchern des Vor­trages sofott festgenommen und leistete der Festnahme keinerlei Widerstand. Er wurde später der Polizei übergeben, die ihn als den 56jährigen Mechaniker Wilhelm Krieger, Nürnberg, Voltastraße 5, wohnhaft, identi­fizierte. Krieger war mit Dr. Unger schon seit Jahren bekannt und ist

zweifellos als Geisteskranker amusprechen, da er vor nicht langer Zeit in einer Heil­anstalt untergebracht war und neuerdings wieder unter Verfolgungswahn litt. Es scheint, als ob Krieger in Dr. Unger den­jenigen gesehen habe, der ihn oerfolgen würde, und als er durch eine Zeitungsnotiz auf den Vortrag Dr. Ungers aufmerksam wurde, benutzte er die Gelegenheit, um die entsetzliche Tat auszuführen. Dr. Unger wurde in die Leichenhalle des Südfriedhofes überführt. Der Täter wurde in Polizeige- wahrsam gebracht, um am Sonnabend dem Untersuchungsrichter oorgesührt zu werden.

schen freiwillig anzunehmen bereit sind, zu groß sei, um freundschaftlich überbrückt zu. werden.

würde Deutschland seine Unterschttst verweigern.

Dann würde man zu dem durch den Da- wes-Plan geschaffenen Zustand zurück­kommen. Der Korrespondent kann auf Grund von durchaus zuverlässigen Infor­mationen bestätigen, daß die deutsche Re g i e r u n g die dauernde Durchführung der vom Dawecxlllan vorgesehenen Zah­lungen nicht für möglich anfehe und im gegenwärtigen Augenblick es a h - lehnen werde, Verpflichtungen nachzu­kommen, die von ihr für undurchführ­bar gehalten werde.

Der diplomatische Mitarbeiter des Daily Telegraph" bezeichnet es als zweifelhaft, daß die Zurückweisung der französischen Auslegung des letzten Eil- bettbettchtes durch den Reparation-mgenten selbst die Verstimmung in Deutschland be- seittgen werde. In btttischen Export;

kreisen sei von Anfang an eine starke Zu­rückhaltung bemerkenswert gewesen und in diesen Kreisen habe man stets unter­schieden zwischen der Möglichkeit, dem Re­parationsfond durch den deutschen Haushalt die notwendigen Mittel zu­zuführen, oder die Tilgung dieser Zah­lungen durch das Ausland zu trans­ferieren, sobald die Transferklausel des Dawesplanes abgeschafft sei. Zu gleicher Zeit werde darauf hingewiesen, daß Par­ker Gilberts Bettcht selbst keinerlei Hin­weise enthalte, wie diese Schwierigkeiten beseittgt werden könnten. In Berlin werde übrigens darauf hingewiesen, daß die in dem Bericht des Reparationsagenten beanstandete Höhe des städtischen und bun­desstaatlichen Ausgaben keineswegs außer­ordentlich sei. Aus dem deutschen Ber- faßungssystem ergeben sich diese Ausgaben unvermeidlich und die Berechtigung hier­für könne im Hinblick auf die Tatsache, daß Jahrhunderte nach diesem staats­rechtlichen Sstem gehandelt haben, nicht bestritten werden.

Satter Werts .Tat"

Rathenau hat das Wott von jenen 300 Männern geprägt, die, in geheimer Ver, bindung untereinander stehend, aus dem Verborgenen heraus die Geschicke der Menschheit lenken. Wer sich diese An­schauung zu eigen macht, wird schock des­halb einem mitleidigen Lächeln begegnen, weil dem Durchschnittsmenschen sowohl das Verständnis für eine solche Konzen­tration der Macht über Tod und Leben der Völker fehlt wie erst recht jede Vor­stellung von der Technik ihrer Ausübung. Wie soll, so kann man sagen, eine ziel, bewußte Einwirkung auf das Geschick ganzer Nationen möglich sein, wenn un­gezählte und unmeßbare Strömungen in und unter ihnen ihren organischen Lauf nehmen, ein unentwirrbares Spiel leben» tiger Kräfte, dessen sinnvoller Ablauf ich nicht einmal dem rückwärts chauenden Blick des Historikers er- ckließt? Welch übermenschlichen Ein­blick in den Willen der Natur müßten jene 300 besitzen, wenn nicht immer wie­der ihre ArMit an unlenkbaren oder un­erkannten Kräften zuschanden werden soll?

Und doch war ein Ereignis der letzten Woche durchaus dazu angetan, die Er­innerung an jenes Wort Rathenaus, sei es nun in feinem Munde Vermutung oder Triumph, erneut zu wecken. Die Erklä­rung Eines Mannes, der beauftragt ist, über die deutschen Reparationsleistungen zu wachen, hat den Ausschlag gegeben, daß die deutschen Verpflichtungen und die Art ihrer Erfüllung in den kommen­den Monaten einer erneuten Prüfung unterzogen werden sollen. Und der Be­ttcht desselben Mannes über die wirt­schaftliche Lage Deutschlands droht jetzt die Front unserer Gegner so zu stärken, daß öie deutschen Sachverständigen kaum noch mit Aussicht auf eine gerechte Prü­fung der deutschen Leistungsfähigkeit zu den Verhandlungen gehen werden. Die­ser Bericht kann sogar zur Folge haben, daß die bisherige politische Schuld Deutschlands, die in ihrer Höhe unbe­stimmt und in ihrer Art den Wechselfällen des politischen Lebens unterworfen blieb, in eine private Schuld,' an deren Charak­ter keine noch so tiefgreifende Umwäl­zung etwas ändern kann, von unetträg- licher Höhe und Dauer verwandelt wird.

Daß die Leistungsfähigkeit der deut­schen Wirtschaft gewaltig überschätzt wird, ist nichts Neues. Die Franzosen be­gründen ihre geradezu lächerlichen Nn- ''''che ickon immer mit dem Wohlstand, beffen sich angeblich das deutsche Volk erfreuen soll. Aber daß derselbe Einzel­mensch, dessen Berichte bisher, trotz der scharfen Kritik an .Einzelheiten der deut­schen Finanzgebarung, sachlich waren und namentlich die aus der Auslands­verschuldung sich ergebenden Zukunftsge­fahren für uns und Zukunftsverpflichtun­gen für die anderen hervwchoben, plötz­lich vor dem Zusammentrnen der Sach­verständigen ohne jeden ersichtlichen und faßbaren Anlaß zu einer betont opti- mistiscken Beurteilung der. deutschen Wirtschattslaae gelangt, das zwingt da­zu, vor der sachlichen Erörterung des Be- rickts und feiner Wirkung die freilich nickt zu beantwortende Frage zu stellen, welche unheimlichen Mächte solchen Wandel der Beurteilung veranlaßt haben könnten.

Wäre Parker Gilbett der Anwalt des deutschen Volkes, so müßte er darauf hin­weifen, daß die deutsche Wirtschaft bei einem großen Bedarf an ausländischem Kapital, dessen Investierung die Organi- ationsfähigkeit der deutschen Wirt- chaftspolitiker lohnend erscheinen lasse, loch nicht in der Lage sei. aus Export­überschüssen erhebliche Reparationszah­lungen zu leisten, da der Produktions­apparat noch keineswegs intakt und die Absatzmöglichkeit bei rücksicktsloser aus­ländischer Konkurrenz äußerst beschränk!