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Donnerstag, den 27. M IM

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Anzeiger für (das frühere kurhessische) Oberhesse«

Anzeiger der amtlichen Bekanntwachnngen für Stadt und Kreis Marburg.

AmerKaun--wSachderstäuHMN-Kon?erenz

Svovee Mert lein Reiseziel - Ernennung amerikanischer SachverstündiM

Durch das am Samstag in Berlin und Jen übrigen Hauptstävten der an der Re- paration^rage interessierten Länder der- -fsentlichte Kommunique find nun» mehr die seit September geführten Vor­verhandlungen über die Vorbereitung einer neuen Regelung des Reparationsproplems offiziell und formell zum Abschluß gekom» men. Eine unv> reingenommene Prüfung dieses Kommuniques ergibt, daß dem deut- fchen Standpunkt in allen wesentlichen Del­len hinsichtlich der Mandatserteilung der Sachverständigenkommission Rechnung ge­tragen worden ist. Es wird ausdrücklich hervorgehvben, daß es sich bei den be­vorstehenden Verhandlungen nicht noch einmal um eine Zwischenlösung, wie sie der OaweSplan bekanntlich darstellte handelt, sondern daß das Reparationsproblem voll- Mndig und endgültig gelöst werden soll. Daraus ergibt sich die ungeheure Verant- {>ortungsschwere, die auf den SachverstSn- igen lastet, es ergibt sich aber daraus ud) für Deutschland eine Lage, wie sie mster in der Vergangenheit kaum getoe^n 't. Wir möchten wünschen, daß man sich i Deutschland des Ernstes der Situation in en nächsten Monaten auch immer be- mßt ist.

ff. Lo n d o n, 27. Dez. UeSer die Entschei­dung der amerikanischen Regierung in der Frage der Teilnahme an den Arbeiten des Reparationsansschusses will der diplo- «atische Korrespondent des „Daily Tele- X Mph" wissen, daß das das Mindeste sei. was unter den gegenwärtigen Umständen «n Amerika erwartet werden könnte. Die vorsichtige Natur der amerikanischen 1 Antwort zeige, wie wohl begründet, die in letzter Stunde von einigen der alliierten 1 Rächte und insbesondere von Großbri­tannien erhobenen Einwendungen gegen 1 den Originaltext des von Poincarö ent- 1 vorfenen gemeinsamen alliierten-deut- schen Kommunique war. Der Wegfall eines Abschnittes sei auf die Befürchtung Harker Einwendungen in Washington zu- rückzuführen.

Was die Ernennung der amerikanischen Sachverständi- leit für den neuen Ausschuß an­langt, so stehen im Vordergrund die Namen vo« Owen Young und Charles Hughes sowie General Dawes. Gegen letzteren spreche aber die Tatsache, daß er m seiner Eigenschaft als Vizepräsident als amerikanischer Vertreter nicht besonders geeignet sei. Daneben werde auch der frühere amerikanische Beobachter in der Neparationskommisfion, Bowden, ge- aannt.

Präsident Coolidge vertritt, wie van wisien will, den Standpunkt, daß die Aufgabe des neuen Reparations- ausschusies in der vollen Durchführung der in Genf ausgestellten Formel für eine vollständige und endgültige" Repara- lionsregelung liegen kann. Weiterhin h8 er erklärt haben, daß die Ab- l^nung der amerikanischen Re- Sierung die amerikanischen Sachver- KSndigeu für den Ausschuß zu er- dennen, als eine« Hinweis dafür ange- !ehcn werden kau«, daß Amerika jede Hinzuziehung der Kriegs- fchuldenf rage mit aller Eut- ichiedenheit ab lehnt.'

Hövers Rückkehr nach Washington.

fk. Paris, 27. Dez. Die Entscheidung des neuen amerikanischen Präsidenten Hoover von Rio de Janeiro nach Washing­ton zurückzukehren, anstatt wie ursprüng­lich geplant, in Florida Halt zu machen, wird seinem Wunsche zugeschrieben, bei der Wahl der beiden amerikanischen Sach­verständigen für die bevorstehende Konfe­renz mitzuwirken. Wenn auch die Sach­verständigen wahrscheinlich ihre Arbeiten noch unter der Amtszeit des Präsidenten Coolidge beginnen werden, so nimmt man doch an, daß diese Arbeiten über den 4. März hinaus andauern werden. Wie man in Washington besonders unterstreicht, hat sich Hoover stets über die Reparati­onen auf dem laufenden gehalten, nach­dem er als Sekretär des Staatsdeparte­ments nach Washington kam. Rach einer Meldung des „Rework Herold" wird Par-

ker Gilbert in wenigen Tagen nach Washington kommen und dann, wie bei früheren Gelegenheiten dem zukünftig«! Staatspräsidenten mit seinen Beobach­tungen bekannt machen.

Der Grund für Hoovers vorzeitige Rückkehr.

fk. P a r i s, 27. Dez. Rach einer Mel­dung des „Rewyorker Herald" wird Hoo­vers plötzlicher Entschluß seine südameri­kanische Reise abzubrechen und direkt nach Washington zurückzukehren, teilweise seinem Wunsche zugeschrieben, sich, näher mit der Frage der Wahl von zwei Sach­verständigen für den Reafucations-Sach- verständigenÄusschuß zu befaßen. Man glaubt, daß die Tätigkeit der Sachverstän­digen zur Zeit der Uebernahme der Prä­sidentschaft Hoovers noch nicht abae- schlosien sein werde. Hoover habe sich so­lange er Eesandtschaftssekretär war, über

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Neues Einsturzunglück in Frankreich.

"Saumnr. 25. Dez. Gestern abend brach der in Eisenbeton aofgefiihrte Neubau einer Eeschützgarage für die Kavallerieausbildnngs- schule zusammen. Bier italienische und drei französische Arbeiter wurden getötet. Ein Italiener und Zwei Franzosen erlitten schwere Verletzungen. Nach Ansicht der Sachverständigen ist die Holzverschalung des Betonbaues zu früh entfernt worden, da der Beton mindestens 21 Tage zur Erhärtung braucht, die Verschalung aber schon nach 17 Ta­gen trotz des feuchten Wetters entfernt worden war.

Vier Feuerwehrleute verletzt.

Heilig egstadt, 26. Dez. Im nahen Geisleden brach beute früh in dem Gehöft des Landwirts Knoche infolge Kurzschlußes ein Brand aus, der in der mit großen Stroh- und Futtervorräten gefüllten Scheune reiche Nah­rung fand. Das Feuer breitete sich mit rasen­der Schnelligkeit aus und griff auf die Nach­bargrundstücke von Bode und Kaufhold über. Im Augenblick stand ein großer Ecbäude- komvlex in bellen Flammen. Während die Wohnbüuser von Knoche und Bode gerettet werden konnten, ist das Haus Kaufholds nie­dergebrannt. Vier Feuerwehrleute erlitten teilweise schwere Verletzungen.

Eiu Schülerselbftmord am Heiligen Abeud.

V e r l i n, 24. Dez. In Steglitz hat sich der 13iäbrigeTertianer Volker Schultze in der Wohnung seines Pflegevaters, des Proku­risten Dr. Eduard Rose, erhängt. Dos Motiv -rr Tat ist rn-f> iöll-g in Dunkel gebullt. Ir­gend welche Gründe, die dem Knaben Anlaß ,,, hätten geben können, sind

nicht bekannt.

Am ersten Weihnachtsferertag svielte sich an der Friedrichsbrücke ein aufregender Vorfall ab Dort stürzte sich eine 14jährige Schülerin aus Neukölln vor den Augen '.ablreicher Pasianten in die Svree. Es gelang einem Mann, das Mädchen zu retten. Wieder- belebunssversuche waren von Erfolg.

Zusammenstoß zwischen Eisenbahn n«L Autobus.

Berlin, 27. Dez. Am zweiten Feiertag vormittags bat sich im Müglitztale am Eisen- babnllüergang zwischen Burghardtswalde und Maren ein Zusammenstoß zwischen einem Autobus der Postlinie Zinnwald und einem Ersenbahnzug ereignet. Don den 15 Insassen des Autobusies erlitten 13 leichtere Verletzun­gen. Die Schuldfrage wird noch geprüft.

120 Alarme bei der Berliner Feuerwehr.

B e r l i n, 27. Dez. Für die Berliner Feuer­wehr waren die Feiertage wieder recht an­strengend. Vom Heiligen Abend bis zum zwei­ten Feiertag liefen über 120 Alarme ein, das sind fast drei Hilferufe pro Stunde. Gasver­giftungen, zahlreiche Wasierrohrbrüche, Weih­nachtsbaum- und Wohnunasbrände sowie einige Kleinfeuer gaben den Anlaß dazu.

Glatteisbildung infolge be» Wetterumschlag«.

München, 26. Dez. Der am Dienstag abend eintretende Witterungsnmschlag hat in­folge der damit verbundenen Glatteisbilduirg den Fußgänger und Fährverkehr während der Dacht und rroch am Morgen des zweiten Feiertag fast völliglahmgelegt. Während die­ser Zeit erlitten 61 Personen, die auf der Straße zu Fall kamen, Verletzungen, die tne Inanspruchnahme ärztlicher Hilfe notwendig machten. Außerdem waren noch zahlreiche geringfügigere Verletzungen zu verzmchnen. Straßenbahn und Autos konnten sich nur im Schritt vorwärts bewegen. — Auch in Wien herrscht Glatteis, sodaß viele Per­sonen zu Fall kamen und verletzt wurden.

die Reparationsfrage auf dem laufenden gehalten. Parker Gilbert, der in einigen Tagen in Washington eintreffen soll, werde sicher dem jetzigen Präsidenten, wie er es bisher gehalten habe, über seine Be­obachtungen Bericht erstatten.

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Der Meimmgsumschwung.

Ncwvork, 27. Dez. Die Erklärung de» Präsidenten Coolidge, daß die Regierung der Vereinigten Staaten eine Einladung der europäischen Mächte auf Teilnahme an den Arbeiten des Reparationslomitees sympa­thisch erwägen würde, findet nach Washing­toner Berichten große Beachtung. Man er­blickt in ihr in manchen Kreisen ein An­zeichen dafür, daß die amerikanische Regierung ihre Haltung geän­dert habe, da Kellogg noch im Oktober auf das deutlichste betonte, daß die stillschwei­

gende Zustimmung zur Teilnahme amettkani- scher Sachverständiger in rein privater Eigen­schaft das meiste sei, was die anderen Mächte von Amerika erwarten könnten. .

Wie die „Associated Preß" erfähtt, wird Amerikas Anteil von 2V1 Prozent an den deutschen Reparationen durch die neue Sach­verständigenkonferenz nicht berührt werden, da Amerika auch von der jetzt festzusetzenden Gesamtsumme einen gleichen Prozentsatz er­halten werde, der zur Befriedigung der Kriegsentschädigungsansprüche amerikanischer Bürger gegen die deutsche Regierung ver­wandt wirb.

Als für die Ernennung zu Sachverständi­gen in Frage kommend werden genannt: Owen D. Boung, Nelson Perkins, Jere- miah Smith und Henry Robinson. „Asso­ciated Preh" erfährt hiektzu aus amtlichen Kreisen, daß die Regierung der Vereinigten Staaten gegen keine dieser vier Persönlich­keiten irgendwelche Bedenien habe.

MW und Rummnen UN BUM gegen RüteruAlmd

Don Oberst a. D. Immanuel.

Die öffentliche Meinung in Räterubland- die sich trotz aller Schärfe der Presieüber- wachung seitens der Moskauer Zentralge­walt über die geheimsten und verborgensten Dinge offen ausspricht, ist seit einigen Tage« über angebliche polnisch-rumänische Bündnis­maßnahmen gegen den russischen Rätestdat lebhaft erregt. Frankreich wird jetzt non der in Moskau Mrenden Militärreitung ,^rasi- naia Swesda" („Roter Stern") beschuldigt, das Militärbündnis zwischen Polen und Ru­mänien Bemittelt und sich selbst iijt Falle des Krieges gegen Rußland die Führung in die Hand gespielt zu haben. Natürlich ist es von unserem deutschen Standpunkt aus nicht mög­lich, diese Nachricht auf ihre Wahrheit nachzu- prüfen. Da aber alle Einzelheiten mit Zahlen und Namen angegeben werden, so ist doch wohl nicht länger daran zu zweifeln, daß Wahres an der Sache sein muß.

Zündstoff ist genug oorhanden. Zunächst sind alle beteiligten Mächte — einerseits Po­len und Rumänien, andererseits Rußland — weit davon entfernt, den Abrüstungsgedonken, von dem dauernd die Rede ist, nun auch prak­tisch durchzuführen. Vielmehr wird hüben und drüben eifrig aufgerüstet unter der Be­hauptung, es handle sich hier um nationale Belange die unabhängig von jeder internatio­nalen Bindung sind. Daß für Frankreich die Abrüstungsfrage nicht in Bettacht kommt, braucht nicht noch besonders bewiesen zu wer­den.

Welche Gesichtspunkte führen Polen und Rumänien zu einem Bunde gegen Räteruß­land zusammen? Beide Staaten fürchten sich vor der drohenden Ueberflntung durch die bolschewistisch- weltproletarische Propaganda. Daß diese Besorgnis noch immer oorhanden ist, geht aus den Hetzereien der russischen Press« und den wilden Reden berpor, wonach die Zukunft des kommunistischen Gedankens in Rußland lediglich darauf beruhen soll, daß er erobernd nach außen hin auftritt, nm sich selbst im Innern zu erhalten. Neben diese Rücksicht treten sowohl für Polen als auch für Rumänien sehr greifbare prakttsche Gesichts­punkte.

Nach Abschluß des siegreichen Krieges Po­lens gegen Rußland 1920, den ersteres mit französischer Hilfe glänzend gewonnen hat, ge­wann es eine nette Ostgrenze, durch deren Festsetzung nicht weniger als 5 Millionen Russen (einschließlich der Weißrussen uni Ukrainer-Rutbeuen) an Polen kamen. May beachte, daß oon 30 Millionen Angehörigen des neupolnischen Staates fast ein Sechstel russischen Stammes sind. Somit fürchtet Po, len, daß Rußland zu gegebener Zeit zur Rück, eroberung schreiten wird, während es selbst di« Hoffnung nicht anfgegeben hat, daß im Fall des Zusammenbruchs Räterußlands bi« polnisch« Ostgrenze bis an den Dniepr vorge- schoben werden soll. Reicht« doch Altpolen auf der Höhe seiner Macht Bis Poltawa, Kiew und Smolenfl. die 1667 durch den Frie. den oon Andrisiow an das Moskowiter Reich oerloren gegangen sind.

Noch drohender liegen die rumänisch-räte- rusflschen Gegensätze. Es sei daran erinnert, daß sich Rumänien, die allgemeine Ver­wirrung unter der ruffisck>en Blutberrfchafi 1919 geschickt benutzend, Bessarabiens, des Landes zwischen Prutb vnd Dnjestr, bemäch­tigt und seither trotz aller Beschwerden und Drohungen Rußlands sestgehalten bat. Die­ses Gebiet, die Kornkammer des europäischen Südostens, zählt Millionen Bewohner, wooon nur Millionen Russen sind. Mtt dem Besitze Bessarabiens ist aber auch ein wesentlicher Anteil an den Donaumündunsen perbunden, nach dem Rußland der Donau- schiffahrt halber strebt, während sie Rumänien begreiflicherweise mit Rußland nicht teilen will. Somit liegt in der Zukunft Bessarabiens ein gefährlich glimmender Strettstoff.

. Auf der anderen Seite hält Rußland, abge­sehen oon den angedeuteten Streitpunkten über den Landbesitz gegen Polen _ und Ru­mänien hin, diese beiden Staaten für di« na­türlichen Sitz- und Stutzpunkte der gegenbol­schewistischen Bewegung in Rußland. Mag die Moskauer Zenttalaewalt durch grausame Unterdrückung jeder Erbebungsabstcht oeseji die Hunger- und Schreckensherrschaft noch im­mer die Herrschaft führen, so sprechen doch triftige Gründe dafür, daß von Polen und oon Rumänien aus feine Fäden mindestens nach der Ukraine und oielleicht nach ganzSüd- west-RÄerußland hi« laufen, die attf eine