Montag, Ml 10. M1928
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Anzeiger für (das frühere kurhessische) Oberhessen
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Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
Vesmn -er Rakskasuns in Lugano
EM tlnltrrröimg 6ltekmannS mit Brian» - Muimaßungrn über »en Malt
Qm Laufe des Sonntags sind sämtliche Ratsmitglieder mit ihren Delegationen in gugano eingetroffen, in der McktagSstunde zuerst S c i a l o j a in Begleitung des ita. ^emschen Anterstaatssekretärs für Auswärtiges, D r a n d i, und kurz darauf auch der englische Außenminister, Sir Austen Thamberlain. Wie die deutsche Delegation wohnt auch die englische und die japanische Delegation im Grand-Hotel Palace, während die französische und die italienische Delegation im Hotel Splendide Drchnung genommen haben.
Unter Borsitz des französischen Außen- Ministers Briand wird der Rat heute vor- pittag 11 Ahr im Kursaalgebäud« von LÜgano zusanrmentreten und damit seit seiner Tagung im Dezember 1924 in Rom zum ersten Wale wieder außerhalb Senfs arbeiten, wie dies in früheren Jahren be- leito sechzehn Mal der Fall gewesen ist. Di« erste Fühlungnahme zwischen den einzelnen Delegationen hat bereits eingesetzt. 3n der Eröffnungssitzung wird der Rat, wie üblich, zunächst unter Ausschluß der veffentlichkeit seine Tagesordnung Senehmigen. Die bevorstehende Tagung, ie aller Voraussicht nach noch am Sonnabend abgeschlossen wird, hat hauptsächlich die Aufgabe, Ausfüh- mngSbestimmungen für die Beschlüsse der letzten Bundesversammlung, zu treffen, die besonder« Maßnahmen zur inneren Organisierung uno damit zur Festigung des Völkerbundes bezwecken. Darüberi hinaus wendet sich natürlich das allgemeine Interesse den politischen Gesprächen zu, di« in den nächsten Tagen zwischen den hier anwesenden Außenministern Deutschlands, Englands und Frankreichs stattfinden werden. Bei diesen Begegnungen handell eS sich aber im Gegensatz zum vergangenen September nicht um Verhandlungen, fonöern lediglich um eine AuS- sprach« über ver,chiedene weltptüit.sch« Fragen.
Briand hatte gestern abend mit Dr. Stresemann eine Unterredung, die fünfviertel Stunden dauerte. Hierbei wurden außer verschiedenen Punkten auch bie Tagesordnung des Pölkerbundsrates die Briand präsidieren wird, besprochen. Die Unterredung soll an dem heutigen Tag f o r tg e s e tz t werden.
Aus der langen Dauer der Unterredung, über die keine Angaben gemacht wurden, jiebAman den Schluß, daß sich die beiden Außenminister nicht auf Fragen der Höf- lichkeitsform beschränkt, sondern bereits bei ihrem ersten Zusammentreffen die schwebenden Fragen besprochen haben. Der „Petit Pa r i s i e n" meint, Man könne in kaum 2 Stunden allerdings diese Fragen nicht erschöpfend besprochen, aber Dr. Stresemann werde sicherlich die Gelegenheit benutzt haben, um einige Klagen oorzubringen und die wachsenden Schwierigkeiten vorzubrin- M, auf die er infolge der langsamen Er- Mllung seiner selbstgesetzten Aufgaben in Deutschland stoße. Dem gegenüber werde Briand geantwortet haben, daß seit der leisten Ratstagung nichts eingetre - ten sei, was die deutsche Erbitterung rechtfertige. Im Gegenteil, die Verhandlungen über die Zusammensetzung des Sachverständigen-Ausschuffes würden licht nur in freundschaftlicher Weise fort- lesetzt, sondern ständen bereits kurz vor hrem Abschluß.
Solange dieser erste Punkt «och nicht endgültig geregelt sei, könne man natürlich die Besprech»»gen über die Rhei«l»«drS«M»ns und die Gründung der Feststellungs- und Ber- köhn»«g,kommissio« nicht einleite».
Das Vertrauen, das bisher zwischen Berlin und den alliierten Hauptstädten geherrscht habe, beweise die Nichtigkeit der von der Presse vorgebrachten Beschwerden.
.Settt Parisien* meint, dar lächelnde Gesicht Briand» bei der Rückkehr von Stresemann lassen darauf schließe«, daß er S t r e s e m a « u vernünftiger gesn«den habe, als es die dentschen Zeitungen hätten ahnen lassen, und daß sein Eindruck nicht zu schlecht gewesen sei.
Eine ganz andere Darstellung von dem Verlauf der Besprechungen gibt das „I o u r n a l". Wie man diesem Blatte versichert habe, habe sich die Unterhaltung nur um ganz allgemeine Fragen
Mit bemerkenswerter Einmütigkeit betont die Londoner Sonntagsvresie, dab Thamberlain in der Frage der Rheinlandräumung nicht die wirkliche Ansicht der groben Masten des britischen Volkes wiedergibt, mit dem die Aubenvolitik der Regierung auher Fühlung sei. — „Garvin" erklärt: Zehn Jahre nach dem Krieg bat das britisch« Volk als ganzes Volk in einem von der Regierung Baldwin nicht erkannten Mabe diese Besetzung der Bodens eines Mitglieds des Völkerbundes durch die Truppen anderer Mitglieder des Völkerbundes verurteilt. Die Fortdauer der Besetzung ignoriert vollkommen die Existenz der Völkcr- bundssatzung und des Locarnogeistes. Jeder Versuch, die Reparationen mit der Rheinland- besetzung zu verbinden, wird scheitern. Wenn Briand und Cbamberlin gut beraten sind, Jo werden sie versuchen, Stresemanns Lage nicht schwieriger, sondern weniger schwierig zu gestalten. „Sunday Times^ ist in einem Leitartikel Thambrlain gegenüber nicht weniger kritisch. Das Blatt führt aus: Tbam- berlain hat die Dinge für sich selbst nicht leichter gemacht durch die Art seiner Unterhauserklärung, die am Vorabend bedeutsamer Erörterungen in Berlin unnötig verärgert und
Londoner Meldung««.
In offiziellen Kreisen in London wird erklärt, daß Sir Austen Thamberlain nach Lugano abgereist sei, ohne die Absicht, dort die Reparationsproblem« zu erörtern.
Die britische Ansicht gehe dahin, daß die Verhandlungen in dieser Frage ganz in dem Seist« der alliierte» Regierungen bleiben solle» «ad in dieser Hinsicht besteh« volle Heber» einstimmuag zwischen dem britische« und dem d e > t s ch eu A« ß e u- miuister (?).
Dagegen nimmt man in London an, daß Briand gewillt oder vielleicht sogar bemüht ist, die Rewarationsfrage in ihren Rückwirkungen auf eine frühere Räumung des Rheinlandes zu erörtern. Der Deutsche Außenminister hat demgegenüber, wie der diplomatische Korrespondent des „Daily Telegraph" betont endgültige Instruktionen, die Rheinlandräumung nicht auf- z u w e r f e n, oder, wenn sie von irgend einer anderen Seite aufgerollt «erden sollte, auf da» Bestimmteste darauf hinzuweisen, daß Deutschland keine weiteren Verpslichtungen zu über
gedreht. Sie habe den Charakter einer Wiederaufnahme von Beziehungen zwischen zwei Staatsleuten gehabt, die sich lange Monate nicht gesehen Härten. Es habe den Anschein, daß man sich auf deutscher wie auf französischer Seite bemühe, den bevorstehenden Unterhaltungen keine andere Bedeutung beizumessen, wie einer einfachen Bölkerbundszusam» menkunft. Von gut unterrichteter Persönlichkeit wurde zum Ausdruck gebracht, daß nur die regelrechte Tagesordnung und nichts andere» mehr beraten werde. Es könnten auch keine bestimmten Abmachungen getroffen werden über Punkte, die zur Zeit Gegenstand der Verhandlungen zwischen den Alliierten und den Deutschen seien und für die Genfer Abmachungen vom 16. September ein Verfahren vorgeschlagen hätten, da» seinen Gang nehmen müsse.
ht Paris unangemessene Befriedigung erzeugt hat. Auf jeden Fall ist die juristisch« Auslegung nicht di« Auslegung des britischen Volkes. Das Blatt glaubt, dab sogar Berlin zugeben würde, dab eine isolierte britisch» Zu- rückziehung aus dem Rheinlande zwecklos sein würde, bemerkt jedoch, »wischen dies«! Tatsache und dem Anschein, als unterstütz« man die legale Berechtigung für eine Besetzung bi» »um äubersten, bestehe ein himmelweiter Unterschied.
Der Tagungsort de» neue« Reparation»- ansschusses.
Der „Temps" glaubt berichten n können, daß der Sachverständigenausschub für die Reparationsregelung zunächst nach Paris einberufen werde und datz es dann feine Sache lein werde, selbst den offiziellen Ott seiner Beratungen festtusetzen. Wahrscheinlich werde er Patts wählen. Aber ebenso wie das Dawes-Komitee im Jahre 1924 werde er sich auch nach Berlin begeben, um von gewissen Dokumenten Kenntnis zu nehmen und Untersuchungen anzustellen.
nehmen bereit sei. Wenn die Befugnisse des vorgeschlagenen Feststellungs« und Ausgleichskomitees auf die gesamte entmilitarisierte Zone ausgedehnt werden sollten, würde dies tatsächlich di« Errichtung einer Auslandskonttoll« über Bezirke auf der rechten Seite des Rheinlandes bedeuten, di« niemals besetzt wurden und die gleichfalls auf Grund des Versailler Vertrages niemals für die Besetzung vorgesehen waren. Es sei nun klar, so meint der Korrespondent we» ter, daß die französischen Forderungen und die Auslegung des Artikel» 431 de» Versailler Vertrages durch den britischen Außenminister die deutsche Haltung in der Räumungsfrage versteift hätten, bie ohnehin vorher schon ziemlich fest war. Darüber hinaus müsse aber immer wieder daran erinnert werden, daß einige der Rechtsberater bet britischen Regierung Im Sabre 1922, als bie Frage bes Eintritts Deutschlands in ben Völkerbund sich noch in ben ersten Erwägungen befanb, ber Ansicht waren, baß bie Zulassung Deutsch- lanbs in ben Bunb berechtigen würbe, bie Rh einlanbräumung ju verlangen, ba biese Zulassung bem eng- lisch-französisch-amerikanischen Earantie- verträgen von 1919 automatisch ei n Enbe mache, .selbst wenn sie burch Amerika ratifiziert worben wären.
England und die RheinlandrSumung
Ar Äritit an Shambkrlaln W an
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In bet Presse begegnet man vielfach der Meinung, baß in Lugano bas große Problem ber Reparationsfrage ber Hauptgegen- stanb ber Derbanbiungen zwischen ben drei Außenministern Deutschlands. Englands und Frankreichs lein werde. Daß diele Voraussage nicht zutreffen wirb, gebt schon wob! aus der personellen Zusammen rtzuna bet Delegationen hervor. In Deut chland wie in Englanb sind bie Finanzmini terien für bie Reparationsfrage zuständig. In Frankreich reich hat Herr Pomcarö diese Angelegenheit leinet speziellen Bearbeitung vorbehalten. Man ist deshalb berechtigt, anzunehmen, daß die Zusammenkunft zwischen Briand, Eham- berlam und Stresemann sich wohl mit bem formalen Verlauf bet tommenben Sachver» ständigen-Konferen, befassen kann, bah also Ort, Zeit unb Tagesordnung dieser Konferenz besprochen werden mag, daß aber eigentliche materielle Verabredungen über bas Gesamtproblem nicht zu erwarten fmb. Darüber hinaus wirb zur Aussprache zwischen ben btei Staatsmännern Stoff genug oorbanben sein. Es ist erklärlich, baß Briands Rebe in ber Kammer, mag sie noch so seßr von innerfranzösischen Rücksichten biktiert gewesen Jein, in deutschen politischen Kreisen Verwunderung bervorrufen muhte. Er hat ben Verlauf bei Eniwicklung feit ben berühmten Gesprächen von Thoiry in einer Weise dargestellt, die mit den Tatsachen schwer in uebereinltimmung zu bringen ist. Er bat ferner ohne Anlaß bie Anschlußfrage Deutsch-Oesterreichs in einer unfreundlichen Form besprochen und damit deutjch Gefühle verletzt. Die Rede des Herrn Chamberlain macht einen Unterschied zwischen dem „juristischen" Anspruch Deutschlands auf Räumung» den er zu verneinen glaubt, — unb dem politischen Anspruch, helfen Berechtigung er nicht verkennen will. Die beuttoe Prelle bat völlig recht, wenn sie auf biese Jeinen Unterscheidungen nicht eingebt, sondern iie Frage auswirft, wie lange noch die Regierung des mächtigen britischen Reiches mit unverbindlichen Deklamationen operieren will, während es sich darum handelt, die europäischen DerHältnisie endlich in Ordnung zu bringen.
Es handelt sich in Lugano aber nicht nur um Besprechungen bei btei Außenmmistet, sondern auch um die Sitzung bes Göltet» bunbstates, bet auf Wunsch Di.Sttese» manns mit Rücksicht auf bie Jahreszeit von Genf nach Lugano übeisiebelt. Vielleicht wild bei deutsche Vorschlag wiederholt, mit Rücksicht auf bie starke Inanspruchnahme ber Kabinette bie Ratstagungen nur breimol im Sabre stattfinden zu lassen. Aussicht auf Erfolg scheint für diese Vereinfachung noch nicht vorhanden zu Jein. Auf bet diesmali- gen Tagesordnung befinden sich einige Fragen von Bedeutung. Einmal die Petsonen- froge für bie Regierungskommission int Saargebiet, bann bie oberschIesi- s ch e Sdjulfrage, bie Frage einer etwaigen Aenderung bet Danziger Verfassung, falls dort ber Volksentscheid vom 9. Dezember dazu Veranlassung gibt. Auch der p o I- nisch.litauisch« Konflikt kehrt wieder, eine ernste Gefahr, die dadurch nicht aus der Welt geschafft ist, daß das Deine Litauen der Meinung zu sein scheint, daß durch den Kellog-Patt der Srieberuim Osten unb seine eigene Eiistenz gesichert ist.
Die deutsche Oeffentlichkeit hat keine Veranlassung, den Beratungen in Lugano mit besonderer Erwartung entgegenzuleyen. Die entlcheidenden Schritte in der Reparationsfrage sind schließlich doch erst von dem Zusammentritt ber Sachverständigen zu erwarten. Dazu fehlen noch einige Boraussetzungen, besonders die Klärung darüber, wer der ,/rmerikanische Bürger" fein wird, der als inoffizieller Vertreter der Bereinigten Staaten an den künftigen Beratungen teil- nehmen soll.
MebeeeeeeeM der aufständischen Schi«»«,, 1* Afghanistan.
London, 9. De». Rach einem von der .afghanischen Gesandtschaft veröffentlichten Te- logramm wurden in einem Gefecht zwischen den von König Aman Ullah befehligten afghanischen Truppen und Angehörigen des Lchin- oari-Etammes 300 Aufständische getötet und 200 gefangen genommen. Der Echinvart. Stamm hat um Frieden gebeten. Verband» fangen find eingeleitet.