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Anzeiger für (das frühere kurhessische) Oberhessen
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Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
Die Panzerkreuzer Debatte im Reichstag
ES geht um Ne Erhaltung des WelitgkSankenS — EWnilkseelle Begründung SternetS Sie bürgerlichen Darleien gegen den Antrag Weis
erlin, 15. Nov. Bel überfüllten tribünen unb vollbesetztem Saale eröffnet Präsident Löbe die heutige Retchsrags- Sitzung, auf deren Tagesordnung als einziger Punkt die Beratung der kommunistischen Interpellation des sozialdemokratischen und kommunistischen Antrages gegen den Bau des Panzerkreuzers „31." steht. Damit verbunden wird der heute eingegangene Antrag der Wirtschaftspartei auf Vorlegung eines umfassenden Marine- bauprogrammS und vorläufige Aussetzung des Baues des Panzerkreuzers A.
Ein deutschnationaler Antrag.
Ferner hat die deutschnationale Reichs- ' tagsfraktion einen Antrag eingebracht, der die Reichsregierung ersucht, durch entsprechende Erklärungen, gegebenenfalls . durch Gesetzesvorlage, dem deutschen Volke die Gewähr zu geben, dah zum Schutze der Lebensgrundlagen des deutschen Staates und der deutschen Arbeit, insbesondere zur Sicherung der bedrohten Ostmark alle Rüstungsmöglichkeiten ausgenutzt werden, die das FriedenS- diktat dem deutschen Reiche übrig gelassen hat.
Su dielen Anträgen kommt schließlich ein Antrag der ISNt tiona lsozia« listen, die zweieinhalb Milliarden Jah- reS-DaweStribute zur Stärkung der deutschen Wehrmacht, insbesondere für den strittigen Panzerkreuzer A zu verwenden.
Abg. WelS (Soz.) begründet den sozialdemokratischen Antrag: „Der Bau des Panzerkreuzers „91." wird eingestellt". Dieser Antrag ser die einfachste Konsequenz aus dem Ausfall der letzten Reichstagswahlen, bei denen die große Mehrheit der Wähler sich gegen den bisherigen Kurs und damit auch gegen den Panzerkreuzerbeschluß des letzten Reichstages entschieden habe. Diese Entscheidung werde auch nicht beeinträchtigt durch den kläglichen Ausfall des kommunistischen Volksbegehrens. Tas Parlament ist frei und nicht an Beschlüsse des verflossenen Reichstages gebunden, wie eS vielleicht die Regierung ist. (Lachen rechts und bei den Komm.) Wenn der Reichswehrminister der Entscheidung deS Parlamenies voraegriffen nnd Aufträge von mehr als 30 Millionen über die bewilligte Rate hinaus erteilt! hat, so steht dieser Fall ohne Präzedens- sall da. (Lärm und Lachen rechts.) Der Wehrminister mußte wissen, daß es sich hier nicht um eine etatsrechtliche, sondern um eine höchst politische Frage handelte. Er mutzte wissen, welche Rolle die Panzerkreuzerfrage auch im letzten Wahlkampf gespielt hat. (Lärm und Lachen rechts. Zurufe von den Nat.-Soz. Abg. Dr. Goebbels erhält einen Ordnungsruf.)
Wenn der Reichswehrmimjter durch sei« vorgehe« uns i« eine Zwangslage bringe« wollte, so sage« wir ihm, daß dir sozialdemokratische Fraktion sich diese« Zwange nicht fügen wird.
(Lärm rechts. Abg. Dr. Goebbels erkält einen zweiten Ordnungsruf.) Unser Antrag auf Einstellung des Panzerkreuzerbaues richtet sich nicht gegen die Reichswehr. Wir wollen die Reichswehr erhalten, um sie zu einem zuverlässigen Instrument der deutschen Republik zu machen. (Lärm und Gelächter rechts.) Unser Antrag entspricht dem Willen zur Zweckmäßigkeit und Sparsamkeit. Vizeadmiral Galster «nd die meisten übrigen Marinekenner haben bezeugt, daß ein Panzerkreuzer vom Typ des A. ein ganz unbrauchbares VerteidigungSmittei für uns wäre. Im Kampf mit einer modernen Seemacht wäre dieses Schiff nur eine Schießscheibe, die ohne jede Abwehrmöglichkeit von einem Linienschiff mit einem einzigen Schutz versenkt werden kann. Selbst unser politischer Gegner, der Kapitän Ehrhardt, bezeichnet den Bau eines solchen Schiffes als eine nutzlose militärische Spielerei, um die bürgerliche GesühlSpolAik zu befriedigen. Wir haben ein Loch von 600 bis 700 Millionen :m Etat. Wir habe::! alle verfügbaren Mittel nötig, um. das. furchtbare Elend unsere- Volkes zu lin-' der«. (Der 9lbg. Bertz (Komm.) wird vom
Präsidenten Wbe wegen fortgesetzter StS- rungen zweimal zur Ordnung gerufen.) Für die Kosten des Panzerschiffes können in Ostpreußen 30 000 bis 40 000 Bauern angesiedelt werden. Diese Menschen wären ein besserer Schutz der Ostgrenze als ein im Ernstfälle militärisch unbrauchbares Paradeschiff. Solange in Berlin und anderen Gebieten die Wohnungsnot noch einen so furchtbaren Umfang hat, solange die Gesundheitsverhältnisse im Proletariat so jammervoll sind wie jetzt, solange dürfen die Mittel der Steuerzahler nicht diesen dringendsten Aufgaben entzogen und für militärische Spielereien vergeudet werden.
Präsident Löbe teilt mit, dah
oo« den Demokrate« ei« neuer Antrag eingegangen sei, in dem die Regierung ersucht wird, vor der Beschlußfassung über bie zweite Rate ein in such geschlossenes marinetechnisch begründetes Ersatzbauprogramm für die ausfallenden Schiffe der Reichsmarine vor- znlegen.
Don den Kommunisten ist die sofortige Abstimmung über ihren Antrag auf Vorlegung der Denkschrift des RetchS- wehrmi nisters verlangt worden.
Reichskanzler Müller (von den Kommunisten mit dem Ruf: „Panzermüller" empfangen), erklärt:
1. Es ist unrichtig, daß in dieser Denkschrift irgendwelche 9luseinandersetzungett enthalten sind über die Vergebung von Lieferungen im Betrage von 32 Millionen.
2. Die Denkschrift enthält Ausführungen über die Landesverteidigung, die dem Reichskabtnett gemacht worden sind und ihrer ganzen Anlage nach sich nicht zur Weitergabe eignen. (Lärm bei den Kommunisten.)
Ter kommunistische Antrag wird gegen die Stimmen der Kommunisten und Nationalsozialisten ab gelehnt.
Abg. Heckert (Komm.) begründet hierauf Ine kommunistische Interpellation. 'Das Panzerschiff sei keineswegs ein wertvolles
Die AbNmnm des EH D/Antrags bleibt Mer LMM Serftimmung über die Rede deö Sozialdemokrat^ Wels
Berlin, 15. Nov. In der heutigen Kabi- nettsfltzung wurde wie das Nachrichtenbüro des DDZ. hört, beschlossen, den einzelnen Ka- binettsmitgliedern bei der Abstimmung über den Panzerkreuzerbau keine Bindungen aufzuerlegen. In den Mittagsstunden stattete der deutschnationale Parteivorsitzende Hugenberg dem Reichspräsidenten einen Besuch ab. Darauf kehrte Hugenberg sofort zur Berichterstattung In die Sitzung feiner Reichstagsfraktion zurück. In parlamentarischen Kreisen verlautet, daß Hindenburg dem deutschnationalen Parteiführer nochmal« dringend nabegelegt habe, er möge dafür sorgen, daß seine Fraktion nicht etwa aus taktischen Gründen dem sozialdemokratischen Antrag auf Aussetzung des Panzeischisssbaues durch Stimmenthaltung zur Annahme verhelfe.
Die Zentrumsfraktion des Reichstages beschäftigte sich am Donnerstag abend nach der Vollsitzung mit dem Verlauf der Aussprache über den Panzerkreüzerbau Es kam dabei, wie das Nachrichtenbüro des DdZ. hört, allgemein eine recht starke Mißstimmung über die Art des Auftretens des sozialdemokratischen Abgeordneten Wels zum Ausdruck. Die Zentrumsfraktion wird mit Ausnahme einiger weniger Mitglieder, die sich der Stimme enthalten werden, geschlossen gegen den Antrag der Sozialdemokraten stimmen. Den Standpunkt
des Zentrums wird am Freitag voraussichtlich der Abg. Wirth vertreten.
Auch die Demokraten haben in ihrer Frak- iionssttzung kurz vor dem Plenum beschlossen, zur Panzerkreuzerfrage einen eigenen Antrag einzubringen und infolgedesien gegen den sozialdemokratischen Antrag zu stimmen. Damit ist sicher, daß der sozialdemokratische Antrag morgen abgelehnt werden wird. Die Mehrheit hat sich auf schätzungsweise 250—260 Stimmen gegen etwa 210 Stimmen, die für den Antrag zu erwarten sind, erhöbt. Ebenso sicher wird auch damit gerechnet, daß der kommunistische Mißtrauensantrag abgelebnt wird.
Allerdings bat nicht nur in Kreisen des Zentrums, sondern auch bei der Deutschen Bolksvartei die Form der Ausführungen des sozialdemokratischen Redners, Abg Wels, erhebliche Bedenken ausgelöst. Deshalb wird morgen vormittag das Kabinett mit den Fraktionsführern zu einer Besprechung zusammen- treten, in der diese Verstimmung aus der Welt geräumt werden soll. Dabei wird wahrscheinlich gefordert werden, daß die Sozialdemokratie in ihrer Erklärung de« Wehrmachtgedanken anerkennt und Sicherbit dafür gibt, daß die Frage des Weiterbaues des Panzerkreuzers durch die morgige Abstimmung endgültig bereinigt ist und sich derartige Episoden, wie die jetzige, nicht bei jeder weiteren Rate wiederholen.
Spielzeug, sondern eine mil.'tärksch fehr wirksame Waffe, aber es fei 'bestimmt als Waffe der kapitalistisch - imperialistischen Mächte, die Deutschland für sich gewinnen wollen gegen die russische Sowjetunion.
Die Zustimmung der sozialdemokratischen Minister zum Panzerkreüzerbau könne mit faulen Ausreden nicht verteidigt werden. Die Sozialdemokratie werde in der Koalition bleiben, auch wenn tausend Panzerkreuzer gebaut werden.
Rekchskan^er Müller:
Ich habe in Beantwortung der kommunistischen Interpellation namens der Reichs- regicrung folgende Erklärung abzugeben:
Die Bewilligung der ersten Rate für den Bau des Panzerschiffes „A" ist durch Reichstag und Reichsrat bereits mit der Verabschiedung des Reich-Haushalts für bas- Jahr 1928 erfolgt. Beide Körperschaften haben sich durch die Annahme des Reichsbaushaltsgesetzes für den Bau des Panzerschiffes ausgesprochen.
Der Reichsrat batte zunächst mit 36 gegen 32 Stimmen die Streichung der Ansätze für den Rubau des Panzerschiffes in. Höhe von zusammen 9,3 Millionen beschloßen. Nachdem der Reichstag aber mit Mehrheit die beantragten Ansätze für den Bau des Panzerschiffes „A“ bewilligt hatte, trat der Reichsrat dem bei, indem et darauf verzichtete, durch einen Einspruch die Verabschiedung des Etats für 1928 zu verhindern. Die vom Bevollmächtigten der preußischen Staatsregierung vorgeschlagene und vom Reichsrat am gleichen Tage angenommene Entschließung siebt lediglich eine nochmalige Nachprüfung der finanziellen Möglichkeit der Inangriffnahme des Baues vor. In der Entschließung ist denn auch ausdrücklich der alsbalibgen Vornahme der reinen Konstruktionsarbeiten zugestimmt worden.
Die Reichsregierung hatte nach der Entschließung des Reichsrats eine Entscheidung nur noch hinsichtlich der finanziellen Möglich- keiren zu fällen. Die Prüfung der finanziellen Möglichkeiten durch das Kabinett bat ergeben,
daß für den laufenden Etat 1928 durch die Verausgabung der Mittel für di« erste Baurate keine Schwierigkeiten entstanden. Danach war die Genehmigung zur Vergebung der Lieferungen. die nach der Entschließung des Reichsrats nicht vor dem 1. September 1928 erfolgen sollten, zu erteilen.
Materiell handelt es sich für das Kabinett nur um diese Entscheidung.
Im Hinblick auf die kommenden Jahre bat das Reichskabinett in finanzieller Hinsicht festgelegt, daß künftige Ersatzbauten der Marine nur innerhalb der Höhe des Marineetais für 1928 ausgeführt werden dürfen. Es wurde mit voller Zustimmung des Reichswehr- minifters sichergestellt, daß die durch den Bau des Panzerschiffes „A" entstehenden Mehrausgaben durch entsprechende Ersparnisie bei sonstigen Ersatzbauten wieder eingebracht werden Damit war der vom Reichsrat angenomme neu Entschließung Genüge geschehen.
Es ist richtig, daß über die erste Rate hinaus Aufträge tm Betrage von 32 Millionen vergeben worden sind. Das liegt im Rahmen des § 24 der Reichshaushaltsordnung. Selbstverständlich kann ein Schiff nur im ganzen vergeben werden, und ebenso die dazu gehörigen Maschinen. Jndenfalls find Ausgaben über die bewilligt« Rate hinaus nicht erfolgt.
Von dem Abg. Heckert ist auch die Behauptung aufgestellt worden, daß dieses Panzerschiff gegen Rußland gebaut wird und daß diese Politik gegen d«n Sinn des Rapallo- Vertrages verstoße. Die Retchsregierung steht durchaus auf dem Boden des Rapallo-Vertrages und des Berliner Vertrages. 3m übrigen werde ich diese Behauptung nicht ernst nehmen, solange sie mir nicht von dem russischen Botschafter vorgetragen wird. (Heiterkeit und Rufe: Sehr gut! — (Der russische Botschafter Krestinski, der sich in der Diplomatenloge befindet, lächelt.)
Reichswehrminifter Eröner wird, als er die Rednertribüne betritt, von den Kommunisten mit lauten Surfen „Hundsfott" empfangen. Vizepräsident Graes erteilt einige Ordnungsrufe. Der ReichswehrminiLer erklärt, er wolle die ganze Frage rein sachlich betrachten. Die Reichswehr müsse aus der Politik herousgebrvcht werden. Das sei nur möglich, wenn es ihm gelinge, die Parteien von der sachlichen Berechtigung feiner Forderungen zu überzeugen. Der Minister untersucht zunächst die Frage:
Habe« wir eine Marfne nötig?
Ich bejahe diese Frage aus vollster Ueberzeugung, wie sre mit mir der überwiegende Teil des deutschen Volkes bejaht. Maßgebende Gründe dafür find einmal der Kräftezuwachs, den die Marine verzeichnen kann, zum anderen die freie Ostsee. Eine Aufgabe unserer Marine würde uns noch nicht berechtigen, unser Lankcheer auch nur um eine Kanone zu verstärken. Infolgedessen bedeutet die Marine einen unersetzlichen Kräftezuwachs. Auch die kleinste Flotte ist die beste Art des Küstenschutzes. Wieviel leichter ist infolge der neuen Kriegsmethoden der Kampf aus der Lust gegen Land und Landheer als gegen einzelne schwimmende Schiffe.
Die Marine dürfte in Zukunft berufe« sei«, wieder eine erhebliche Rolle zu spielen.
Sie ist eine starke Entlastung des HeereS. Der Minister verweist weiter auf den Mert der Flotte für die Aufrecht- erhaltung unserer ^Neutralität bei Konfliktfällen jenseits unserer Grenzen, llnfere geographische Lage larfe den Fall zu, daß die Marine zur Aufrechterhaltung dieser ‘Heutraütät ei te wichtige Rolle spielen könnte. Vesondere Bedeutung könne sie auch haben, um eine ungehinderte Handelsschiffahrt zu sichern. Der Minister toeist darauf hin, daß
der Außenminister den Gedanken völlig ab» lehne, als ob der Bau des Panzerkreuzers ein« Belastung unserer Außenpolitik bar- _ stelle.
Wenn die Marine aber Lebensberechtigung habe, dann müsse man ihr auch die Lebetts- möglichkeit geben,u nd sie wenigstens in dem wirklich recht befrei Serien Rahmen ’CeS Versailler Vertraaes erhalten. Dazu gehöre in