SicnSlW,
»en 6. Slot. 1928
Dl« ^Vberbessisch« Seitung* e» scheint sechsmal wöchentlich. Ve- zugSprei« monatlich 2 GM. aus- schließt. Zustellungsgebübr. durch dt«Post2.25 GM.Für etwa infolge Htreik«, Maschinendefrkt« oder elementarer Ereignisse ausfallend« Kümmern wird kein Lrsad geltistet. Verlag ». Dr. §. Httzerotb» Druck der Untd.-Buchdruckerei 6. Job- ®uq. Koch, Markt 21/23, Fernsprecher: Nr. 54. u. Nr. 65, Postscheckkonto: Amt Frankfurt «. M. Nr 5015. — Sprechzeit der Redaktion von 10—11 und 1,1—1 Uhr.
Msrvmktk
LasMMgrr
WM LünöesZsümm
W
M
4
W ».f sSi
O
■1'*
Hr.262 «.Wkg. Rardmg tl.8abl>
Der Anzeigenpreis beträgt fti de« 10 gestalt. Zellenmillimeter 0.08 GM„ kleine Baranzeige« 0.06 GM„ amtliche und a«»s värtige Anzeigen 0.10 GM. Bet schwierigem Satz sowie bei Platz», Vorschrift 5O°/e Aufschlag.
Ganunelanzeigen 100 °j« Ausl schlag. Reklamen der Milli«, 0,40 GM. Jeder Rabatt gilt al« Darrabatt. Ziel 5 Tage. Beleg» werden berechnet, ebenso Auskunft durch die Geschäftsstelle und Zusendung der Angebot«. Lv fLllungrort Marburg.
1 Goldmark — V.,,Dollar.
Anzeiger für (das friilp; - knrheffrsche) Oberhessen
Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
„Graf ZsppeSm" assf -sm MMflua
8$ Ms»««« nn Bord —
Ser Bordberiibl Sdor die Meige Zadel
An Bord des .Graf Zeppelin", 5. Nov. Der Mond im letzten Viertel steht am Himmel, Sterne leuchten in die kühle Novembernacht, das Wetter ist also für die Fahrt des Graf Zeppelin nach der Neichshao.ptstadt sehr viel günstiger geworden als man erwartet hatte. Llm 2.20 Uhr setzte sich das Luftschiff in Friedrichshafen in Dewegung, um 2.30 Uhr erhebt es sich in sein Clement. Da wir Zeit haben können wir uns einen Umweg leisten, den auch die Wettermeldungen nahelegen, und überfliegen um 3.20 Uhr Stuttgart,
ein Anblick von unerhörter Schönheit.
Im Salon hat sich inzwischen reges geselliges Leben entwickelt. Dr. Eckener selbst begrüßt seine Gäste, die von seinem anmutigen Töchterlein und seiner freundlichen Sekretärin mit einem Glase Schaumwein und Kaffee bewirtet werden. Im übrigen sammeln sich die Gruppen um Dr. Dürr, den Erbauer des Luftschiffes, um Kommerzienrat Dr. Cvlsmann, den kaufmännischen Leiter des Zeppelinwerkes, um Dr. Maybach, den Schöpfer der berühmten Motoren, die sich so glänzend bewährt haben, um den württem- bergischen Finanzminister Dr. Dehlinger, um die drei amerikanischen Marineoffiziere, die ebenfalls an Bord sind.
Aus Berlin kommen schlechteWetter- nachrichten, die mit einigem Kummer ausgenommen werden, weil sich alles auf den in Aussicht gestellten festlichen Empfang freut. Umsomehr kann das Luftschiff sich Zeit lassen. Der Kurs wird also auch jetzt nicht schnür- straks auf Berlin genommen, sondern über Darmstadt. 4.40 Uhr befinden wir uns auf halber Strecke zwischen Eberstadt und Darmstadt. Der Odenwald und seine Täler sind schwach zu erkennen. Am Horizont machen sich bereits die ersten Lichter von Darmstadt bemerkbar und kurz vor 5 Uhr wird die hessische Hauptstadt überflogen. Trotz früher Morgenstunde stehen die Einwohner in großer Zahl auf den Straßen und winken dem Luftschiff zu.
In 490 Meter Höhe geht es nach Frankfurt, das wenig« Minuten nach 5 Uhr überflogen wird. Einige Autos versuchen, mit ihren Scheinwerfern nach dem Luftschiff zu leuchten. Um 5.35 wird bei guter Sicht und Morgengrauen Bad Nauheim erreicht. Das Luftschiff ist begünstigt durch Rückenwinde, so daß schon u m 6.25 Uhr Kassel überflogen wird. Immer deutlicher erscheint die Erde. Die letzten Passagiere sind aufgestanden und erscheinen in den Gesell- schastsräumen. Der j ü n g st e Passagier, die zehnjährige Inge Sand, das Töchterchen eines Steuermanns, hat feine helle Freude an der Fahrt.
In der Unterhaltung, die einen größeren Teil der Gäste die ganze Nacht zusammenhält, wird die Frage des Ortes für den künftigen Lustschiffhafen lebhaft erörtet. Die Kandidatur Berlins dürste in Stadtbaurat Dr. Adler einen sehr beredten Fürsprecher gefunden haben. Es scheint jedoch, daß klimatische Bedenken dieser Wahl entgegenstehen. Dr. Eckener soll auf dem Standpunkt stehen, baß
erst die neue Halle
und bas größere und stärkere Luftschiff gebaut werden müßte, ehe diese Frage überhaupt zur Entscheidung dränge. Der jetzige »Graf Zeppelin" wird ja den Ozean nicht mehr sehen.
Es ist 6V2 Uhr, und am östlichen Himmel zeigt sich der erste Schimmer des Tages. Nun schieben sich aber auch die Morgennebel zwischen das Luftschiff und die Erde, und ein frischer Wind saust um seine Flanken, nach- dem die ganze Nachffahrt unerhört friedlich gewesen war. Braunschweig bleibt zur Linken. Die Fahrt geht direst westwärts. Um 8.20 Uhr wich die Elbe bei Tangermünde überflogen. Di« Sicht läßt zu wünschen übrig, aber trotzdem wachsen immer noch di« Eindrücke, die die wundervoll durchgeführte Fahrt bei jedem Teilnehmer hinterläßt. So geht es dem Tage entgegen, dm Berlin dem Luftschiff und feinen Helden bereiten will.
Rur 10 zahlend: WMim —
Sic EmvfimMicrWkrilcn in Berlin
Kurz nach V2I Uhr trafen Dr. Eckener und die Besatzung des Luftschiffs im Palais des Reichspräsidenten ein. Auf dem Wege von Staaken bis zum Palais war der Autozug überall von der Bevölkerung mit lautem Jubel begrüßt worden. Dor dem Palais des Reichspräsidenten hatte sich eine zahlreiche Menschenmenge angesammelt. Im Großen Empfangssaal begrüßte
Reichspräsident v. Hindenburg
Dr. Eckener und die Besatzung mit etwa folgender Ansprache: „Es ist mir eine grobe Freude, Sie persönlich kennen zu lernen und Ihnen auszusvrechen, wi« sehr ich mich über Ihre Leistungen gefreut habe. Ihre Ozeanfahrten hat das ganze deutsche Volk mit Span-
Arbeit des Luftschiffbaues. Mögen Ihnen, meine Herren, und dem deutschen Luftschiffbau weitere Erfolge beschieden sein."
Dr. Eckener
erwiderte u. a.: „Hochzuverebrender Herr Reichspräsident! Ich bitte zugleich im Namen der Besatzung meinen herzlichen und ehrerbietigen Dank sagen zu dürfen für die Begrü- ßungsworte, die Sie auszusprechen die Güte batten. Das Gefühl, das uns stets begleitet hat, war das Gefühl, auf dem richtigen Wege zu sein. Wir haben stets die feste Ueberzeu- gung gehabt, daß das Luftschiff das geeignetste Luitoerkebrsmittel über den Ozean ist. Unsere drei Fahrten über das atlantische Meer haben uns in dieser Ueberzeugung bestärkt. Die Rückfahrt von Amerika hat uns gezeigt, daß die Leistungsfähigkeit unseres Luftschiffes doch noch ein wenig zu wünschen übrig läßt, aber wir wißen, wie dies zu besiern ist. Und wir legen hier von Ihnen, hochverehrter Herr Reichspräsident, das Gelöbnis ab, daß wir alle unsere Kräfte einsetzen wollen, das uns überkommene Erbe im Sinne des Grafen Zeppelin zu verwalten. Wir bitten Sie, Herr Reichspräsident^ unseren Bestrebungen auch fernerhin ein freundliches Interesse erhalten zu wollen."
Im Anschluß daran stellte Dr. Eckener die Mitglieder der Besatzung, zunächst den Erbauer, Chefkonstrukteur Dr. Dürr, dem Reichspräsidenten vor, der mit jedem Einzelnen einige Worte wechselte. Besonders herzlich begrüßte der Reichspräsident auch die amerikanischen Marineoffiziere.
Als Reichspräsident von Hindenburg und Dr. Eckener darauf auf den Balkon des Saales traten, brach die darrende Menge in ungeheurem Jubel aus.
Rach kurzer zwangloser Unterhaltung dankte Reichspräsident von Hindenburg Dr. Eckener und der Luftschifibekatzung für Ihren Besuch und wünschte Ahnen weitere beste Erfolge für ihre Arbeit. Kurz vor 1 Uhr nachmittags war der Empfang beendet.
Dr. Ekksner bleibt in Berlin
nung, Gebeten und Hoffnungen begleitet. Das Herz des ganzen deutschen Volkes schlug mit Ahnen, besonders während der Stunden der Ungewißheit und der ehrenvollen Stunden der Stürme. Aber mit Ihnen, Herr Dr Eckener, und Ihren Kameraden waren wir unverzagt in der Ueberzeugung, daß Ihr Flug glücken werde. Unser Vaterland steht in diesem neuen Luftschiff und in seiner glänzenden Führung über Meere und Kontinente eine deutsche Leistung, auf die es stolz ist im Bewußtsein seines Arbeitswillens und im Vertrauen auf seine Zukunft. Ich bin gewiß, im Namen des ganzen deutschen Volkes zu sprechen, wenn in allen, die mit Kopf. Herz und Hand an der Schaffung dieses Luftschiffs mitgewirkt haben und allen, die es sich durch Sturm und Gefahr geleitet haben, tief empfundenen Dank und Anerkennung aussvreche- Mit diesem Dank verbinde ich den Wunsch nach weiteren Erfolgen in der Völker verbindenden
Während ihres kurzen Aufenthalts im Hotel Kaiserhof wurden Dr. Eckener und seine Begleiter von der vieltausendköpfigen begeisterten Menge ununterbrochen stürmisch gerufen. Endlich um Uhr erschien Dr. Eckener und nahm mit Dr. Dürr in seinem mit Blumen gesckmückten Wagen Platz. Die Menge war in ihrem Enthusiasmus nicht mehr zu halten und drängte unablässig vorwärts, so daß das starke Schupoaufgebot alle Müh« hatte, die Fahrstraße freizuhalten. Dor dem nahen Reichsverkehrsministerium in der Wil- helmstraße wiederholten sich dieselben Szenen. Zrühslülk teim MWveMrS- minifter
Im Festsaal des Reichsverkehrsministeriums fand nachmittags ein großes Frühstück zu Ehren der „Zeppelin"-Mann- schaft statt. Zm Namen der Reichsregierung hielt
Reichskanzler Müller
eine herzliche Begrüßungsrede, in der er zunächst für die große Tat dankte, die durch die Fahrt des „Graf Zeppelin" für Deutschland geleistet worden sei. Dieser richte stch an den Erbauer des Luftschiffes und der Motors, den Chefingenieur Dr. Dürr und Dr. Maybach bis zum letzten Werkmann, an den sturmerprobten Führer Dr. Eckener und seine Besatzung und alle diejenigen, die zum Gelingen dieses Werkes ihren Teil beigetragen haben. Die Amerika-Fahrt habe in der ganzen Welt Anerkennung gefunden und Freundschaft für Deutschland erworben. Die Verbindung der deutschen und der amerikanischen Sachverständigen auf der Hin- und Rückfahrt und der Jubel, den das Luftschiff in Deutschland und in Amerika gefunden haben, seien ein Symbol dafür, daß die bestehende Freund- (Fortsetzung siehe Seite 2.)
W?':
“ - : , * WRWWMMWMD
"V \ sW . ■ " -ch.
■ Ä
X ■ >>><
s- -
Met Besuch in Berlin
Berliner Brief.
Schon in der Nacht vom Sonntag zum Montag lauschte Berlin erwartungsvoll, seinen hunderttausend Lautsprechern: „Der Zeppelin kommt!" Schon einmal hatte Berlin diesem Besuch entgegensetzen können, dieses Mal aber war es doch etwas Besonderes. War es damals ein freudiges, zuversichtliches Abschiednehmen, so war eS heute ein glückliches Wiederkehren. Darum sah man diesem Besuch viel erwartungsvoller entgegen, als beim ersten Male. Da zog einer aus und hier kam einer wiedev. Da sollte jemand etwas beweisen, und hier kam jemand, der eS bewiesen hatte. Hier brachte jemand etwa? mit, Erfolg, Ehre, Ansehen, Zuversicht in die deutsche Zu-, kunft und die Achtung der ganzen Welt.
Da hatte Berlin als Hauptstadt des Deutschen Reiche- ganz besondere Verpflichtungen diesem höhen Besuch gegenüber. Heißt es nicht manchmal am trauten Familientisch: Der Onkel aus Amerika kommt? Und wird da nicht die Wohnung geschmückt, und alles für den Gast hergerichtet nach guter deutscher Art? So raunte es auch gestern und heute in der riesengroßen Familie Berlin: „Der Zeppelin kommt auS Amerika!" Ein reicher, strahlender, energischer Onkel, dieser „Graf Zeppelin". Und was er erzählen konnte von seinen Sturmsahrten! Und von den Ehrungen drüben im Dollarland«. Wie die Kinder und die Großen sich auf die Geschichten des reichen Onkels aus Amerika freuen, sa freute sich Berlin auf den Besuch des Zeppelins, der Amerika gesehen hatte.
Aber wie es gestern regnete. Steckte man den Kopf in aller Frühe zum Fenster, um die Wetterlage für den Sonntag zu erkunden, da sprühten einem feine Regentropfen ins Gesicht. Man hoffte: Es wird schon nicht so bleiben! Aber mittags zeigte sich noch keine Besserung, und abends regnete es immer noch, und man schalt den Wettermacher dort oben ehrlich entrüstet, daß er so gar keine Anstalten machte, dem hohen Besuch zu Ehren, ein heiteres Gesicht aufzusetzen, die Sonne herauszüi- stecken, wie wir unsere Fahnen zum Fenster flattern lassen wollten, — wenn es nur nicht regnete... In der Nacht noch am Radioapparat hörten wir die Regentropfen ans Fenster schlagen, es war die Begleitmusik zu den Worten, die wir int Lautsprecher vernehmen konnten: „Der Zeppelin ist um 2 Uhr 17 Minuten in Friedrichshafen ausgestiegen! Kurs Berlin!"
Montag früh, — man glaubte, jeden Augenblick die Motore des Zeppelins heransurren zu hören — es war eine Massenpsychose — nur von kreisenden Flugzeugen kam das Geräusch — hatte der Regen endlich aufgehört. Was noch vom Himmei kam, war ein letztes Tröpfeln beim Auswinden der Wolkenwäsche. Was aber zu dieser Morgenstunde aus den Häusern kam, das eilte hauptsächlich zum Lehrter Bahnhof, hastende, erwartungsvolle Menschen, die sich eine Stunde vom Geschäft dispensierten, dte heute schwänzten, um nach Staaken hinauszufahren. Hier im Staaken sollte ja das denkwürdige Ereignis vor sich gehen, hier wurde der Zeppelin nach seiner Amerikafahrt zum ersten Male an dem Staakener Ankermast festgemacht. Trotz des Regens in der Nacht, der die Weg« aufgeweicht hatte und den Aufenthalt auf dem Fluggelände zu keiner Annehmlichkeit machte, hatte schon tzn den ersten Morgenstunden eine wahre Völkerwanderung nach Staaken eingesetzt. In Vorortzügen und auf einfachen Rädern, in eigenen Limousinen kamen die Schaulusft- gen, um der Landung des Amerikafahrers beizuwohnen. Ueber die nasse Landstraße Richtung Staaken sausten die Autos fin gefährlichem Tempo. Schon weit vor dem Fluggelände wurde das VorwärtSkommen lebensgefährlich. Em ' großes Aufgebot Schupo „regelte" den Verkehr, d. h. schwang bedrohlich die Gummiknüppel, um allzu Verwegene in die gebührenden Schranken zu weisen. Wie soll sich so ein armer Schupo anders gegen die Schaulust der Massen helfen können: Gummiknüppel frei! tönte plötzlich der Ruf durch die endlosen Reihen, und das Publikum wich zurück. Es war ein Krieg gegen die Ordnung, und die Schaulust war der Angreifer. Vorläufig allerdings konnte man noch nichts sehen, ein paar Flieger am grauen Himmel, aber was war das schon, das sah man ja alle Tage. Es gab Menschen hier, die schon