Sonnabend, ten 3. Rov. ISA
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Anzeiger für (das frühere kurhessische) Oberhessen
Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
Das große politische WmLeeyrogramm
Sie vorbereitende Abrütturgskommtssion — Die R varationsverbanb ungen Englands Sicherung gegen Amerika
MüftungsdebaNe Im Sanum?
Pertinax meld«« dem „Daily leie« §rap h" aus Paris, der holländische Gesandte kn Paris und Vorsitzende der vorbereitenden Kommission für die Abrüstungskonferenz, Loudon, stehe im Begriff, eine Einladung zu einer Zusammenkunft der Kornrnissioch die spätesten» gegen Ende Januar stattfinden solle, ergehen zu lasten. Pertinax behauptet, die Wirkung dieses Schrittes werde fein, datz die Zeit, die den intereflierten Mächten zur gegenseitigen Beratung und möglichen Setein« barung übrig gelosten wird, verkürzt werde. Während der letzten Tage sind, wie Pertinax berichtet, Sir Erie Drummond und der Direktor der Abrüstungsabteilung des Völkerbundes, Colban, in Paris zusammengekommen und haben die Lage erörtert, die durch die Ablehnung des englisch-französischen Kompro- mistes von Seiten Roms und Washingtons geschftssttn worden ist. Auf den Vorschlag der sich anscheinend mit Washington in Verbindung gesetzt hatte, seien sie zu dem Beschluß gekommen, daß der beste Weg fein würde, die in Betracht kommenden Mächte zu zwingen, ihre Karten aus den Tisch zu legen und für einen baldmöglichen Zusammentritt der Kommistion Sorge zu tragen.
9m den SarbverMdigennuMliß
Der diplomatische Korrespondent des „Daily Telegraph" schreibt heute, daß die Verhandlungen zwischen den alliierten Mächten über die Zusammensetzung des Sachver- ständigenausschusies für die Festsetzung der deutschen Reparationen länger dauern als ursprünglich erwartet wurde.
Mit einer Antwort an Deutschland sei vorläufig nicht ru rechnen
Zur französischen Auffasiung über die deutsche Zahlungsverpflichtungen Stellung nehmend, schreibt der Korrespondent, daß man zwar anerkenne, daß die ablehnende Haltung Deutschlands, eine Iabreszablung von 2 oder 2,3 Milliarden Mark für 60 Jahre zu übernehmen, out Artikel 233 des Versailler Verlages begründet sei. Es bandele sich offensichtlich darum, die Frage nach allen Seiten zu sondieren, um durch Argumente deutsche Gegenargumente bervorzurufen, und so von vorherein eine ge- wisie Festlegung der deutschen Ansichten zu Erreichen
^m Gegensatz zu den Ausführungen des „Daily Telegraph" verdient der heutige Leitartikel der „Financial Times" Beachtung, in dem betont wird daß sich tatsächlich deutlicher zeige, daß die ganzen Revarationsfragen mit Geduld behandelt werden wüsten und
kein Raum für Politik kn bett Verhandlungen Jet. Es könne kein Zweifel bestehen, daß Großbritannien seinen ganzen Einfluß geltend mache, um einen Ausschuß unabhängiger Sachverständiger zustande ru bringen, die politisch ebenso ungebunden fein müßten wie die Mitglieder der ersten Daweskommisfion. Die letzten Verhandlungen In Paris und London hätten gezeigt, daß
von den alliierten Ländern FraEeich der schärfste Faktor
/et. Wenn aber ein endgültiges Abkommen erreicht werden solle, dem allerdings genügend Hindernisse entgegenständen, dann sei es wesentlich, daß Deutschland als Schuldnerstaat eine gerechte Untersuchung seiner Leistungsfähigkeit gewährt werde.
Rur unabhängige Wirtschaftler könnten aber diese Aufgabe am vollkommeudsteu lösen.
Der „M a t i n" beschäftigt sich erneut mit der Frage der „Unabhängigkeit" und vertritt die Aussaffung, datz alles von dem Sinn des Wor
tes „Unabhängigkeit" abhängt Wenn die deutsche Regierung unter „Unabhängige Persönlichkeiten" Personen verstehe, die ihre Richtlinien nicht von der Regierung entgegenzunehmen hätten und ihre Arbeiten abschließen könnten, ohne sie ihren Regierung zur Bestätigung vorgelegt zu haben, so würde dies nicht nur aus die Zurückweisung Frankreichs, sondern wahrscheinlich auch anderer Länder stoßen. Das Blatt gibt sodann dem Wunsch Ausdruck, datz die Sachverständigen Amerikas, wenn es zur Teilnahme an den kommenden Arbeiten bewogen werden könne, nicht einfach der Regierung untergeordnete Persönlichkeiten seien, sondern im Gegenteil Unabhängige und solche in gehobener Stellung. Den Zusammentritt der Sachverständigen in den e r ft e n Dezembertagen hält der „Matin" für nicht unwahrscheinlich.
Fr i e dr i chsh a f e n, 2. Rvv. Wie Dr. Eckener dem Sonderberichterstatter des WTB. mitteilt, hat er die Einladung des Reichsverkehrsministers, Berlin zu besuchen, angenommen. Er tvird die Fahrt so bald als möglich antreten. Ein Zeitpunkt läßt sich jedoch nicht bestimmen; er hängt von den Wetterverhällnifsen ab. Anter der Voraussetzung, daß diese nicht ungünstig sind, wird der Start nach Berlin in der Nacht vom Sonntag zum Montag erfolgen, und zwar etwa umzweiAhr früh, sodaß das Luftschiff um Mittag in Berlin eintreffen und in Staaken, wo der neue Ankermast seit einigen Dagen fertig- gestellt ist, landen könnte. Der Start so früh am Dage ist erforderlich, damit auch im Falle widriger Winde bei den kurzen Tagen, die jetzt herrschen, das Luftschiff noch vor Einbruch der Dunkelheit in Berlin eintrifft. Genau so früh würde der Aufstieg zur Rückfahrt erfolgen. Die Aeberholungsarbeiten am „Graf Zeppelin", die nach den Ozeanflügen erforderlich waren, sind bereits begonnen. Dr. Eckener hält es für ausgeschlossen, daß er mit der Berliner Fahrt gleichzeitig den Plan verbinden kann, O st Preußen und anderen Gebieten des Reiches, die bei der großen Deutschlandfahrt leider ausgelassen werden mußten, ein Besuch abzustatten. Der Grund dafür liegt ebenfalls in der Kürze der Dage. Dagegen wird das Schiff
englitoc AnMnung an tocan
fk. London, 3. Rov. Der König mm England hat nach Berichten aus Tokio dem Kaiser von Japan gelegentlich der Krönungs- feierlichkeiten den Hosenbandorden verliehen. Der britische Gesandte in Tokio, Tilley, hat gestern dem Kaiser ble Verleihung mitgeteilt.
Zwei andere japanische Monarchen sind bereits Inhaber des Hosenbandordens geroefen. Beide Verleihungen fielen in die Zeit des Bestehens des englisch-japanischen Bündnifles. Es ist offensichtlich, datz die Bande zwischen Japan und Grohbritannien hierdurch erneut verstärkt werden sollen. Dieser Eindruck wird bestätigt durch einen weiteren Bericht aus Tokio, wonach in dortigen wohl informierten Kreisen verlautet, datz der Herzog von Gloucester, der dritte Sohn des Königs, eine englische Mission nach Tokio führen soll.
Der „E x c e l s i o r" betont, daß es sich bei den kommenden Arbeiten nicht etwa nur um eine Einschätzung der deutschen Zahlungen und Fähigkeiten, sondern um die endgültige Festsetzung der Reparationsleistungen handelt. Das Blatt hält es aber für paradox, daß Deutschland als Bittender Frankreichs ein Schiedsgericht auferlegt, dessen Urteil in der Mehrzahl durch ausländische Sachverständige formuliert würde.
Bor irgend welchen Verhandlungen müsse Frankreich von Deutschland verlangen, daß die Regelung der französischen Regierung nicht nur seine Schuldenzahlung an Amerika und England gestatte, sondern ihr auch noch einen Ueberschuß für die Verminderung der inneren Schuld lasse.
Aeber die weitere Entwicklung der Luftschiffahrt erklärte Dr. Eckener, daß er hoffe, mit Amerika eine DerkehrSge- s e l l s ch a f t zustande zu bringen, die dann ein noch größeres und stärkeres Schiff baut, das den Beanspruchungen einer Ozeanfahrt auch bei den schwersten'' Stürmen gewachsen ist. Außerdem wird dann
eine neue Halle
geschaffen werden, für die als günstiges Gebiet die oberrheinische Ebene in Frage kommt, lieber den Ort dieser Halle läßt sich noch nichts sagen. Er wird nach fahrtechnischen Gesichtspunkten bestimmt werden. Der „Graf Zeppelin" wird dann als Schulschiff zur Ausbildung von Personal und für andere Versuche benutzt werden, soweit er nicht in einem anderen als dem Dransozeanverkehr Verwendung findet. Drotz dieser Pläne für Die Entwicklung größerer und stärkerer Schiffe ist nochmals zu unterstreichen, daß der „Graf Zeppelin" sich nach Ansicht Dr. Eckeners auf seinen beiden letzten Fahrten | ausgezeichnet bewährt hat, wie man es nach seiner Stärke nur verlangen konnte.
um dem japanischen Kaiser den Hosenbandorden zu überbringen. Sntgültige Entscheidungen sind allerdings noch nicht getroffen.
Eintritt des Präsidenten Coolidge für die Wahl Hoovers.
fk. Washington, 3. Rov. Rach der Meldung einer hiesigen Zeitung telegrafierte Präsident Coolidge an Handels- sekretär Hoover seine Glückwünsche zu der Rede in St. Louis. Coolidge betonte in dem Delegramm, der Wahlerfolg Hoovers scheine gesichert zu sein. Er würde das Amt Präsidenten der Vereinigten Staaten mit der Aeberzeuqung in Hoovers Hände legen, daß die Wohlfahrt des Landes verbürgt sei. Die Veröffentlichung dieser ersten offiziellen Aeuherung Coo- lidges zur Wahlkampagne erregte eine gewisse Aeberraschung. da nicht erwartet worden war, daß sich Coolidge gegenwärtig über den Wahlkampf äußern werde.
Amerikas.Mtmeibzug"
Von S. Miles Bouton. t-,iv
Nur wenige Tage trennen uns von der amerikanischen Präsidentenwahl, die verfassungsmäßig „auf den ersten Dienstag nach dem ersten Montag" des Novembers fällt, in diesem Jahre also auf den 8. November. Mehrere Begleitumstände machten diesen Wahlfeldzug zu einem der interessantesten und zugleich eigenartig* sten Kämpfe, die in der amerikanischen politischen Arena jemals geführt worden sind.
Zum ersten Male in den 152 Jahren des Bestehens der Republik wirbt ein Katholik um deren höchstes Amt. Wir Amerikaner haben immer behauptet — und wahrscheinlich aus geglaubt —, daß Kirche und Staat bei uns vollkommen getrennt seien. Jetzt sehen wir, daß wir uns geirrt haben, denn Amerika ist, obgleich die Katholiken, mit 19 Millionen Anhängern, bei weitem die stärkste einzelne Sekte bilden, in Wirklichkeit ein protestantisches fevanaelifchesl Land. Eine ausgesprochene kirchliche Partei, wie es das deutsche Zentrum ist, bestellt nicht: es stellt sich jedoch letzt heraus^ daß die Me- tbodisten und Baptisten, mit zusammen etwa 17 Millionen Anhänger die stärksten aber zugleich die kulturell rückständigsten Kirchen des Landes, das Simulacrum -einer- Kirchennartei Nkden, die gegen Gouverneur Smith, den demokratischen Kandidaten, eine starke Opposition wegen seines religiösen Glaubens macht.
Map gibt . feine Geheimnisse preis, wenn man zugibt, daß praktisch kein Unterschied darin besteht, ob ein Republikaner oder ein Demokrat gewählt wird, und daß es in den meisten Feldzügen schwer gewesen ist, wirkliche „issues", d. h Streitfragen zu finden. Selbst der ursprüngliche Unterschied zwilchen Freihändlern lDemo- fraten) und Anhängern des Sckutzzoll- vrinzips (Republikaner) ist fast verschwunden, nur daß die Demokraten nickt ganz so hohe Zollsätze fordern wie die Gegenpartei. Das Hineintragen der religiösen Frage in den Feldzug, wenn auch sonst verwerflich, kann doch das eine Gute mit sich bringen, daß wir endlich eine ansehnliche Wahlbeteiligung sehen werden, statt der erbärmlichen Beteiligung von 30 bis 40 Prozent, an die man gewöhnt ist. ■ Die andere wirkliche Streitfrage ist bekanntlich die Frage des Alkoholverbots. Herbert Hoover, der republikanische Kandidat, und seine Partei hätten am liebsten nichts darüber gesagt. Hatte doch der Parteiausschuß des Staates New Pork nur einige Wochen, bevor der Parteikonvent Hoover als Kandidaten aufstellte, sich mit überwiegender Mehrheit gegen die Prohibition ausgesprochen, den Beschluß jedoch dann zurückgezogen, „weil der zu ernennende Kandidat sich dadurch gehandikapt fühlen könnte". Grundsätze sind zwar sehr schön, besser ist aber ein Wahlsieg. Auch die Demokraten versuchten im Konvent, die Frage totzuschwergen und nahmen in ihr Programm eine nichtssagende Aueßerung auf. Smith wollte jedoch nichts von einem totschweigen wissen. Mit einem Mut, den man in der Politik Amerikas selten verzeichnet, erklärte er klipp und klar, er würde, falle et gewählt würde, dem Kongreß eine weitgebende Lockerung des fetzigen Bolstead-Gesetzes empfehlen, das bekanntlich alle Getränke verbietet, die mehr als 0,5 Prozent Alkohol enthalten.
Zwar besteht keine Aussicht, daß eine solche Empfehlung in naher Zukunft Früchte tragen könnte, aber Smiths mannhafte und offene Stellungnahme hat die Frage nebst der Kirchenftage zu dem Hauptgegenstand des Kampfes gemacht. Würden alle Gegner des Nlkobolverbvts für ihn stimmen, so würde er ohne jeden Zweifel aewählt werden. Das wird jedoch
Montag Zeppellnfahrt nach Berlin
Sjebm WitM NerluchAvkAm
sieben kleinere Fährte» .
machen, um die von den technischen Behörden vorgeschriebene Abnahmeprüfung für Dlaugas nachzuholen.