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Anzeiger für (das frühere kurheMche) OSerheffen

Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.

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Ein französischer Korrespondent des Daily Telegraph" meldet aus Paris: Der Meinungsaustausch, der am Freitag -wischen Churchill und Poincarö stattsand, hat wie verlautet, dazu geführt, datz Poincar^ dem der Bolfour-Note vom August 1922 zugrunde liegenden Prinzip zugestimmt hat. Er hat ferner dazu ge­führt, daß Churchill die These PoincarSs angenommen hat, die bereits von Parker Gilbert gebilligt wurde, wonach bei einer eventuellen Reparationsregelung

Frankreich das erhalten muh, was es zur Bezahlung feiner britischen und amerikanischen Gläubiger braucht und außerdem noch einen Ueberschuh, der einen erheblichen Teil der Summe darstellt. die Frankreich für seine zer­störten Gebiete ausgegeben hat.

Es wird berechnet, daß eine deutsche An­nuität von ungefähr 100 oder 110 Millio­nen Pfund Sterling, die ebenso lange lau­fen würde wie die an Amerika zu zahlen­den Annuitäten, diese Bedingung erfüllen würde. Der Korrespondent bemerkt noch, das; Poincarä sich der besonderen Forde­rung der belgischen Regierung wegen der Rückzahlung von 6 Milliarden Mark, die von den deutschen Behörden während der Besetzung ausgegeben wurden, günstig ge- jeigl habe.

Lhurchill über die Reparatious- und die Krregsichuldenfrage.

Schatzkanzler Churchill sprach Montag abend in Chingford über die Reparations­und die Kriegsschuldenfrage. Er führte u. a. aus. in dieser wichtigen Frage sei jetzt besonders zwischen den großen Län­dern eine versöhnlichere Stimmung vor­handen. Wir haben, fuhr Churchill fort, unsere Bereitwilligkeit zu erkennen gege­ben. an einer Konferenz über die Repara- tionsfragen teilzunehmen und wir haben unser Möglichstes getan, jedes gute Ab­kommen, das abgeschlossen werden mag, zu fördern. Ich muß dabei betonen, daß. Großbritannien bereits eingewilligt und unvergleichliche Beiträge zur Herabsetzung der Reparationen und der europäischen Kriegsschulden geleistet hat.

Unser Standpunkt gründet sich nn- widerrufjich auf das Prinzipielle der Balfour-Note.

Im besten Jahre erhalten wir nahezu ebenso viel von Europa wie wir an die Vereinigten Staaten zahlen müssen. Wir haben also beinahe die Lage erreicht, welche die Balfour-Note erstrebte und wir werden alles in unserer Macht stehende tun, diese Lage auch in Zukunft aufrecht zu erhalten.

Churchill fügte hinzu, er sei gegenüber Deutschland von guter Gesinnung erfüllt, aber er sehe es nicht gern, daß sich Mac Donald den Beifall des deutschen Parla­ments gewinne, weil er bekanntlich wäh­rend des Krieges eine deutschfreundliche und antibritische Haltnug eingenommen habe.

Italien und die Reparationsfrag«.

WiePopolv ö'Italia« von maß­gebender Seite erfährt, hat der Repara­tionsagent Parker Gilbert vor seinen kürzlichen Besprechungen über die Re­parationsfrage Mussolini schriftlich mitgeteilt, daß er aus materiellen Grün­den zu seinem Bedauern nicht nach Rom kommen könne, um ihm seine Pläne darzu­legen sowie Mussolini über die Berhand- lungen zu unterrichten, die er zur Errei­

chung einer allgemeinen Einigung anzu­bahnen beabsichtige. Parker Gilbert hatte erklärt, daß er die Mitarbeit Italiens lebhaft wünsche. Rach den ersten Be­sprechungen zwischen Poincare, Churchill und Parker Gilbert richtete Churchill noch von Paris aus eine Kundgebung an Mus­solini, worin er ihn über seine Unterre­dungen unterrichtete und ihn um Mittei­lung feiner Auffassung bat.

Mussolini ernannte den Minister Pirelli zum Vertreter Italiens in dem Sachoer- stiindigen-Ausschutz

zur Lösung der Reparationsftage. Pirelli wird die offiziellen Richtlinien Italiens darzulegen haben. Italien wird weiterhin in der zweckdienlichsten Weise daran Mit­arbeiten, daß wie Mussolini in seiner Rebe im Senat am 5. Juni erklärte, im Inter­esse der europäischen und der Weltwirt-

Berlin. 22. Okt. Der Reformaus­schuß der Länderkonferenz ist heute vor­mittag kurz nach 11 Uhr in der Reichs­kanzlei zu den angekündigten Beratungen zusammengetreten. Die Konferenz wird voraussichtlich zwei Tage dauern.

Unter Vorsitz des Reichskanzlers nah­men außer 18 Ausschußmitgliedern, von denen neun durch das Reich delegiert und neun von den Ländern nominiert waren, noch zahlreiche Verfassungssachverständige aus der Wissenschaft und höheren Beam­tenschaft teil. Referaten für das Thema waren der bayerische Ministerpräsident Dr. Heldt, der sächsische Ministerialdirektor Poetzsch und der preußische Ministerial­direktor Brecht.

Der bayerische Ministerpräsident brachte in seinem Vortrag zum Ausdruck, daß Bayern keinen Weg sehe, der, ohne die Länderinteressen in unverantwortlicher Weise zu schädigen, zu einer Vereinheit­lichung des Reiches führen könnte. Bayern jedenfalls wolle an feiner Eigenstaatlich­keit nicht rütteln lassen.

Der Reformausschuß der Länderkonfe- renz hatte seine heutige Sitzung um 2 Uhr unterbrochen, um die Beratungen nach der Mittagspause um 4 Uhr fortzufetzen. Außer den drei Berichterstattern haben sich noch der hessische Staatspräsident Ade­lung, der sächsische Ministerpräsident Heldt und Oberbürgermeister Petersen-Hamburg an der Eeneralaussprache beteiligt, Reichs­kanzler Müller verlas außerdem einen Entschließungsentwurf des Ministerial- direttors Dr. Becht über die Ziele der Konferenz. Es ist anzunehmen, daß dieser Entwurf am Ende der Konferenz zut Ab- sttmmung gestellt werden wird. In den Kreisen der Konferenz rechnet man damit, daß die Beratungen drei Tage in Anspruch nehmen, weil ein umfangreiches Material vorliegt, das kaum eher bewälttgt werden dürfte. Bis jetzt sind 26 Denffchristen eingegangen. Angesichts der zahlreichen Probleme, die sich aus diesen Denkschttften ergeben, hat die bisherige Aussprache sich nur in allgemeinen Bahnen bewegen können. Die ganze Materie laste schon jetzt den Schluß zu, daß auch diese Konferenz nur vorbereitenden Charakter habe. Don ihrer Entwicklung werde es abhängen, ob sie mit einer gemeinsamen Entschließung beendet werde, oder ob zunächst einmal Unterausschüste einzusetzen sind, die die

schäft das letzte Wort über dieses ernste Problem gesprochen wird.

ft. Washin ton, 23. Okt. Das Staatsdepartement erklärte, datz die Re­gierung keine amtliche Einladung ju cinßt offiziellen Beteiligung an der kommenden Dawesplan-Konferenz erwartet.

Muflolinis Antwort an England und Frankreich.

fk. R v m, 23. Ott. Das Ministerium des AuswSttigen veröffentlicht im Einverneh­men mit dem Foreign Office und dem Quai d'Orsay den Text der Antwott Mus­solinis an die französische und britische Regierung in der Angelegenheit des Flvt- tenabkommenS und die von den gegannten Regierungen an Italien gerichteten Roten. Es handelt sich im ganzen um 10 Schrift­stücke.

Teilvrobleme weiter bearbeiten. Auf An­trag der Länder wurde als Mitglied des Ausschustes der Ministerpräsident von Mecklenburg-Schwerin. Schroeder, berufen. Die nächste Sitzung ist auf Dienstag vor­mittag angefetzt.

Berlin 22. Okt. Dem Ausschuß der Länderkonse'renr für Bettassungs- und Ber- waltungsreform liest ein umfangreiches Re­ferat des hessischen Staatspräsidenten Adelung vor Das Referat geht von der Erkenntnis aus daß eine Radikale Lösung im Sinne der Herbeiführung des Einheitsstaates noch nicht möglich sei. Auch der Luthersche Lösungsvor­schlag sei im gesamtdeutschen Jntereste abzu- lehnen. Das vergrößerte Preußen wurde den noch verbleibenden Ländern mit Eigenstaatlichkeit (Süddeutschland und Sach­sen) noch unvermittelter als bisher gesen- übersteben. Möglich seien dagegen schon jetzt oder doch in absehbarer Zeit Schritte, die ge­eignet seien, ohne grundstürzende Aende- rungen der 'Reichsvettassung einem einheit­licheren und zweckmäßig gegliederten Deutsch­land näher zu kommen:

1. In territorieller Beziehung sei außer der Beseitigung von Enklaven und Verbesserung der Grenzführung zwischen den einzelnen Lan­dern vor allem die Frage zu prüfen, ob und an welchen Stellen in Vorbereitung einer günstigeren Neugliederung Deutschlands den Ländern, die nach Größe, Lage, gesamtdeut­scher Bedeutung geeignet und dazu bestimmt erscheinen, auch in einem neugegliederten Deutschland Länder zu fein, durch Austausch oder sonsftge Bereinbarung mit benachbatten Gebieten nicht schon jetzt die Möglichkeit einer zweckmäßigeren Gestaltung gegeben werden könnten.

2. In dem staatrechtlichen Verhältnis zwi­schen Reich und Ländern muffe klargestellt werden, welche Machtbefugnisse das Reich zur Wahrnehmung der Reichsinteressen noch au­ßen und innen bedürfte.

3. In den einzelnen Ländern könne auf dem Wege der Verwaltungsreform vielen Be­schwerden abgeholfen werden. Sehr zu be­grüßen wäre insbesondere die Angleichung des Aufbaues der Behörden und Selbstver­waltungskörper.

Die Aufräumungsarbetten an bet Prager Unglücksstätte.

Prag, 22. Okt. Nach ungefähr ZILstündi­ger ununterbrochener Tag- und Nachtarbeit fanden gestern die Aufräumungsarbeiten auf der Unglücksstätte an Porie ihren Abschluß. Die Katastrophe hat 46 Tote und 34 Verletzte gefordert.

Besinn der LßnderZoNferenr

MM MAläSt zur ReMktform

Sie Zukunft StlWnbten#

Können die Ideale des Jmverimns mit denen der Eingeborenen ht Einklang gebracht werden?

Von Earl of Lytton, ehem. indischen Wzekönig Würde man die Führer aller politischen Parteien in Vritisch-Jndien auffordern, ihre Ideale in Bezug auf die Zukunft ihres San» des darzulegen, so würden sie wahrscheinlich folgenden hauptsächlichsten Vorschlägen $e- stimmen: .

Erstens: Wir wünschen unser Land von jedweder fremden Herrschaft fiel zu sehen. Zweitens: Wir wünschen es verteidigt $a sehen durch bewaffnete Streitkräfte die ans unseren eigenen Volksgenossen zusammenge­setzt find und die unter dem Befehl ihrer eige­nen Regierung stehen. Drittens: Wir wün­schen es regiert zu sehen durch eine Exekutiv­gewalt, die einem durch das eigene Volk er­wählten Parlament verantwottlich ist.

Diese Hauptziele mit den oben erwähnten drei ideellen Eestchtsvunkten würden wahrscheinlich von jedem indischen Politiker als die Grundlagen seine- elementarsten Glaubensbekenntnisses ange­nommen werden. Meinungsverschieden­heiten würden sich lediglich über den ersten Weg zur Verwirklichung dieser 3beale_ er­geben namentlich dann, wenn versucht würde, das Hauptziel in seine Einzelteile zu zerlegen.

Um die Frage ttchtig beurteilen zu können, ist eine allgemeine Auseinandersetzung ge­nügend. Ist die Verwirklichung dieser Ideale vereinbar mit den btttischen Interessen? Wenn ja, dann können alle Briten ihre Ver­wirklichung als eine letzte Möglichkeit be­trachten, auch wenn sich hinsichtlich der Zeit und der Art der Erfüllung noch erhebliche Meinungsverschiedenheiten ergeben mögen. Wenn nicht, dann wäre es zwecklos. Möglich­keiten zu erörtern, auf welchem Wege das Beste erreichbar wäre, denn zu keiner Zeit und in keinem Falle würde ein Staatsmann es rechtfertigen können, eine Politik zu treiben, die im Gegensatz zu den Interessen seine- eigenen Landes steht.

Es gibt in England wie in Indien Leute, die es als eine moralische Pflicht E-roß-Btt» tanniens bettachten, daß den indischen Wün­schen unbekümmert um die britischen Inter­essen Rechnung getragen wird.

Diese Doktrin der Wahrheit hat einersefts zu Scheinheiligkeit und Heuchelei geführt, an­dererseits zu einem großen Teil von Ent­rüstung. Wenn bei den Erörterungen über das Problem der Zukunft Indiens aufrichtig vorgegangen werden soll, so würde es gut sein, wenn jene, die das Problem in beiden Ländern behandeln, sich der durch die inter­nationalen Interessen jedes der beteiligten Länder auferlegten Grenzen erinnern und diese respektieren würden.

Die Antwort auf die von mir gestellte Frage kann nur eine bedingte sein. Ein freies, unabhängiges, starkes, einiges, sich selbst regierendes und selbst stützendes Indien, als ein zuftiedenes und freundschaftliches Mitglied des Bundes der freien Nationen von der Art des britischen Imperiums, würde zweifelsohne den britischen Interessen nützlich sein. Andererseits würde solch ein Land, das nicht durch verwandtschaftliche Bande mit dem Imperium verknüpft ist, den britischen Inter­essen Abbruch und und sich feindselig und un­freundlich erweisen, und jederzeit bereit sein, gemeinschaftliche Sache mit den Feinden die- fts Landes zu machen.

Daher hängt die Antwott auf die oben ge« stellte Frage von der Haltung Englands gegenüber Indien ab. Ist diese Haltung eine freundliche, dann bat das mächtige, sich stark entwickelnde Indien den besseren Teil er­wählt: ist sie feindlich und unfreundlich, dann wird man sich nicht der Meinung entziehen können, daß hier ein tatsächlicher Feind her, angezogen wird, was indessen fraglos nicht zu den Aufgaben der britischen Staatsmänner gehört. Die indischen Staatsmänner erinnern uns stets daran, daß die Unterordnung In­diens unter die britischen Interessen uns von dem Indischen Volke niemals verziehen wor­den ist, und sie mögen Recht haben, wenn ste uns sagen, daß die Haltung dieses Landes des freien Indiens ihrer Träume notwen­digerweise von den Votteilen abhängen wird, die wir für eine solche Teilhaberschaft ansu- bieten vermögen.

Die Vorteile, die sich für Indien aus einer solchen Teilhaberschaft ergeben, würden den­jenigen gleich sein, deren sich bereits die Do­minien zu erfreuen haben.