Sonnaörrrd, kn 29. Sept. 1928
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Anzeiger für (das frühere kurhessische) Oberhessen
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Dir maWk SkliKtlti Englands Md Ftankttm
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Nach Berichten aus Paris wird in fran- Mschen politische« Kreisen die amerikanische Antwortnote als eine Ablehnung des französisch-engtrschen Flottenabkommens «nd als ein amerikanisches
Manöver zur Aerstörnng der zwischen
Frankreich «nd England bestehenden
Entente
angesehen. Bevor die französische Skegic- rnng eine endgültige Stellung zu der Antwortnote nehme, werde sie die Stellungnahme Englands abwarten. Man rechne damit, daß
die englisch« Negierung jetzt das Flot- tenkompromih mit Frankreich aufgebe.
Aus diesem Grunde erachtet man es als »^wendig, Latz ohne Verzögerung eine Zusammenkunft der Flottensachverständi- gen, wie sie von dem holländischen Delegierten Loudon in Genf angeregt worden sei, zusammen treten solle, um die Grundlage für eine Lösung der Frage der Flot- trnabrüstung zu schaffen.
Die französische Presse.
Die Pariser Morgenpresse veröffentlicht ti- amerikanisch« Antwortnote meist im Wortlaut. AuS der Stellungnahme der Dlä ter geht fast durchweg der Eindruck hervor, daß man über Den Ton etwas überrascht ist, sodaß ein Teil der Presse es nicht an Änfreundlichkci en gegen die Vereinigen Staaten fehlen läßt. WaS den Eindruck in den amtlichen Pariser Kreisen anbelangt, so formuliert die _Ehi- cagoTribune" ihn dahin, daß
die scharfe Sprach« der Note den amtlichen Kreisen wie ein Faustschlag wirkte. Man habe nicht angenomm<:x, daß die Washingtoner Note so b-.ßi nmte Anklagen gegen ^^^nstliE»fvanzösische Flotten'ompromih e>
Der „Newyvrker H erald" schreibt, die amerikanische Note habe
den letzten Nagel in den Sarg des britisch-französischen Flottenabkommens geschlagen. Dies fei nahezu einstimmig di» Meinung in der französischen Hauptstadt. Di- französischen amtlichen Kreise seien darüber bestürzt gewesen, daß bas Schriftstück nicht auf einen Kompromiß hina s aufe.
Der .Mat in" erklärt, in französischen Kreisen hebe man hervor, daß das fran- zöstfch-englische Abkommen anstrebe, cs jeder Macht zu überlassen, selbst den Umfang der Tonnage festzusetzen, den sie in jeder Katogorie als notwendig erachte.
Der halbamtliche „Pe tit Parisi en" fiehti n der amerikanischen Note, obwohl sie im Ton ziemlich trocken gehalten sei, twch Aussichten aus eine Einigung, die man aufmerksam prüfen müsse.
Der .Excelsior" findet, daß die amerikanischen Argumente nicht der Kra't und des freien Mutes entbehrten. Die Frage der Seerüstungsbeschränkungen sei nun aus den gleichen Punkt zurückgesührt, in dem die Verhandlungen der letzten Genfer Konferenz scheiterten. Zeit und Geduld seien notwendig, um die Grundlage für neue Abkommen zu finden, die Amerika befriedigen.
Das »Echo de Paris" kann eine ge» aewisse Befriedigung über die Absage der Vereinigten Staaten nicht verhehlen. Es fördert. d<ch
Frankreich nach wi« vor die englische These unterstreichen
muss«, da London den allgemeinen Militärdienst. der die Grundlage der französischen militärtschen Einrichtung sei. nicht mehr in Frage stelle und die Theorie der Gesamt- ronnage Frankreich zu unangenehmen A.s- einandersetzungen mit Italien führen würde.
.Figaro" und .Gaulois" suchen die Unzufriedenheit über die Ab'age Ame ikaS auf Deutschland abzuwäl en' .Gaulois" schreibt, wenn der deutsche Einiluh die Entscheidung der amerikanischen Reaieruna auch
nicht bestimmt habe, so habe er doch unbestreitbar dazu beige ra?en, eine für das fran- zös.sch cn l s-fe Ko.i pr mi j unj nst ge o- Phäre zu schaffen.
lleberraschend fei der Umstand, daß sich Washington offensichtlich von einem Gefühl des Mißtrauens gegenüber den Mächten leiten laste, mit denen es einen ewigen Friedenspakt unterzeichnet habe.
Das englisch-französisch« Flottenabkontmen sei nun tatsächlich aufgegeben. Für die konservative Regierung Valdwin bedeute di- amerikanische Note einen harten Schlag. Noch grausamer sei dieser Schlag für den Völkerbund, dem eS unmöglich gemacht tqsrde, fein Abrüstungswerk fortzusetzen.
Die englische Prefle zur amerikanischen Antwortnote.
Die amerikanische Antwortnote hat in der englischen Oeffentlii^eit eine gewiste
Das Mißtrauen unter den Friedensaposteln
Amerika enthüll! die Vahren WWen der Enienke
Die Note der amerikanischen Negierung, die gestern in London und Paris als Antwort auf die britische Note vom 3. August überreicht wurde, stell fest, daß das englisch ° französische Marineabkommen
für Amerika unannehmbar sei. Eine Beschränkung der Seerüstungen müßte sich auf alle Schiffs- typen erstrecken, das genannte lasse jedoch den unbeschränkten Bau von Kreuzern mit sechszölligen Geschützen, von Zerstörern und von Unterseebooten bis zu 600 Tonnen Raumgeyalt zu.
Es stehe fest, daß die-e Schiffstypen sehr wirksame Kampsschrf'e seien und einen erheblichen Offenfivwcrt besahen, besonders für eine Macht, die über gutverteilte Flottenstützpunkte in verschiedenen Teilen der Welt verfüge.
Moderne Kreuzer mit sechszölligcn Geschützen bildeten ja gegenwärtig öen größten Teil der in der Welt vorhandenen Kampfschiffe. Demgegenüber bedeutet die im Abkommen vorgesehene Beschränkung des Baues von l0 000-Tonnen-Kreuzern mit Geschützen von mehr als sechszölligem Durchmesser eine
Beschränkung gerade der Schiffstypen, die dem Bedürfnis Amerikas entsprächen.
Außerdem würde die Beschränkung dieses Kreuzertyps die Offensivstärke des Staates enorm steigern, der eine große Han- delsslotte besitze, die schon in Friedens- zeiten für eine 'Bestückung mit sechszölligen Geschützen eingerichtet werden könne. Im Jahre 1927 habe England aus der Dreimächtekonferenz in Genf zwei Kreuzerklasscn vorgeschlagen, und zwar eine mit achtzölligen und eine mit sechszölligen Geschützen. Die Kreuzer der ersten Klasse sollten in sehr beschränkter Zahl, die der zweiten Klasse in großer Zahl zugelafsen werden. Amerika mußte dies ablehnen, da es darin so gut wie keine^iBeschränkung der letzteren Klass«
Jetzt werde dieser Vorschlag in «euer und noch unannehmbarer Form wiederholt.
Dieser Vorschlag benachteilige Amerika und gebe den Grundsatz der Einschränkung des Baues von wichtigen Kampffchiffsn vollkommen auf. Dasselbe gelte von der vcrgchchlagenen Unterscheidung zwischen 600-Tvnnen-Tauchbooten und solchen mit
Erbitterung hervorgerufen, da sie der immer peinlicher empfundenen Ungewißheit em Ende macht. Die Umstände, unter denen sie der Oeffentlichkeit übergeben wurde, sind nicht geeignet, die Kritik an der Haltung der britischen Regierung zu zerstreuen, da die Note allen Gcpslogcnhei-, ten entgegen nicht vom englischen Außen-' amt. sondern vom amerikanischen Botickai-
größerem Raumgehalt. U-Boote von 600 Tonnen seien sehr wirksame Kampfschiffe; sie seien mit den gleichen Torpedos ausgerüstet wie die größeren Tauchboote und könnten mit fünfzölligen Geschützen bestückt werden. Amerika wäre gern bereit,
Tauchboote überhaupt abzuschaffen;
wenn sie jedoch beibchalten werden sollen, so sollte der Bau in vernünftigen Grenzen bleiben. Die Vereinigten Staaten würden sich glücklich schätzen, ihre Bemühungen zur Beschränkung der Flottenrüstungen fortzusetzen, aber sie konnten sich nicht dazu verstehen, Vorschlägen zuzustimmen, die Tür und Tor für einen uneingeschränkten Bau gewisser Schiffsthpenvon hohemGe- fechtswert offen ließen und lediglich solche Typen einer Beschränkung unterwürfen, die den besonderen amerikanischen Bedürfnissen entsprächen. Die amerikanische Regierung sühle, daß die Bestimmungen des englisch-französischen Abkommens, die eine so uneingeschränkte Tonnage und so viele Schiffstypen zulasse, den
eigentlichen Zweck einer Abrüstungskonferenz vereitelten
und sie glaube daher, daß keinem nützlichen Zweck gedient sei, wenn sie den englisch-französischen Vorschlag als Basis für eine Besprechung annähme. Sie habe nichts gegen irgendwelche Vereinbarung zwischen Großbritannien und Frankreich einzuwenden, die, wie sie glaube, im Interesse einer Rüstungsbeschränkung liege, aber sie könne sich nicht damit einverstanden erklären, daß eine derartige Vereinbarung die Vereinigten Staaten binde. Amerika habe ernstlich und konsequent für eine wirkliche Einschränkung der Seerüstungen gearbeitet. Es sei auch immer noch bereit, an der Lösung dieser Frage weiter mitzuarbeiten und ins besondere auf die speziellen Wünsche Frankreichs, Italiens oder anderer Mächte insofern Rücksicht zu nehmen, als es etwa jedem Staat überlassen bleibe, innerhalb einer festzusetzenden Gesamt- tonnage bis zu einem gewissen Prozentsatz mehr von 'dieser als von jener Klasse von Kriegsschiffen zu bauen.
Amerika erwarte jedoch di« gl«!ich« Rücksichtnahme für sich und bedauere, in dem vorliegenden englisch-französischen Marineabkomme« eine Nichtbe- achtung vieler amerikanischer Interessen und eine Rückkehr zum Wettrüsten erblicke« zu müssen.
riilllll 11 Hinm ----------
ter veröffentlicht ftvurde. Das Foreign Office ist weiter von der diplomatischen Gepflogenheit abgewichen, indem es die vorhergehende englische Note zur Veröffentlichung Nicht freigegeden hat. Amtlich wird in der amerikanischen Note eine Bestätigung dafür gesehen, daß
(Fortsetzung siebe Seite 21
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Von Dr. Paul Rohrbach.
getoäftsf. Präsidialmitglied der Deutschen Akademie.
Die ältesten Kulturen erscheinen etwa 3000 . Jahre vor Eh. in Aegypten, Babylonien und China. Chinas Entwicklung blieb getrennt von der übrigen Welt. Im Westen wurde anfangs das wichtigste Land für den Fortgang der Geschichte Babylonien. Seine Kultur umfaßte die semitischen Völker Vorderasiens, und unter diesen erhoben sich am Anfang des ersten vorchristlichen Jahrtausends als grobe Eroberer die Assyrer. Assyrien wurde das erste Weltreich.
Abseits von der semitisch-ägyptischen Kulturwelt, in der Stevven- und Waldregion nördlich vom Schwarzen Meere, lebten als primitive Hirten und Ackerbauer die Vorfahren des indogermanischen Dölkerkreises. Um 2000 v. Chr. gerieten sie in Bewegung, und in einem Jahrtausend der Wanderung wurden Indien und Persien, die Balkanhalb- insel, Italien, das heutige Deutschland und Frankreich von indogermanischen Völkern besetzt. Zuerst von diesen gründeten die Perser ein Weltreich. Als die persischen Könige auch die Eriechcn unterwerfen wollten, erwiesen sich griechische Schlachtordnung und Vürger- freiheit als stärkere Kräfte. An den Perserkriegen entzündete sich der Genius der Griechen zu den wunderbaren Leistungen des Denkens und der Kunst, von denen seitdem alle . Menschheitskultur befruchtet wird.
Den Griechen mangelte Sinn für die Krafki politischer Einheit, und sie zerrütten sich sich durch innere Kämpfe. König Alexander von Mazedonien, der Grobe, unterwarf sie und eroberte mit griechischen und mazedonischen Kriegern das Perserreich. Nach ihm zerfiel die mazedonische Weltmacht; aber in' den Teilstaaten, die aus ibr bcrvorgegangen, breitete sich griechisches Wesen durch Jahrhunderte über den Osten der alten Welt aus. Diese griechischorientalische Mifchkultur in den Ländern um das östliche Mitielmeer war das Ergebnis der ersten drei geschichtlichen Jahrtausende. Fremd- - artig im Verborgenen, geistig und körperlich ■ >* ein Erzeugnis aus vielerlei Mischung, entwickelte sich während dessen das israeltische Volkstum in Palästina.
Um die Zeit, als im Osten Griechen und Perser kämpften, kam im Westen Rom in die Höbe. Seine Anfänge waren klein, aber nie gab es ein Volk von so grober politischer Begabung wie die Römer. Die Eröbe, ihres Charakters war unerschütterlicher Sinn für politische und militärische Disziplin. Daraus erwuchs ihnen die Kraft, erst Italien, dann alle Länder um das Mittelmeer, den „Erdkreis" der Alten, zu unterwerfen. Julius Cäsar machte die römische Republik zur Monarchie. Die ersten Jahrhunderte der Kaiser- Seit waren die längste Periode von Weltfrie- den und Freihandel, die es bisher gegeben hat.
In den Staat der Römer mündet die ganze Geschichte des Altertums, und römisches Geisteserbe ist bis beute mächtig. Schon aber erhob sich von zwei Seiten eine tiefgreifende Wandlung. Einmal durch die Entstehung des Christentums in der Person Jesu. Diese ist uns zugleich geschichtliche Tatsache und religiöses Geheimnis Jesus griff auf die Relt- gionserkenntnis der Propheten zurück und erhob sie zu dem Evangelium: Nächstenliebe ist Gottesherrschait auf Erden! In der Jcsusreli- gion erschien die größte sittliche Kulturmacht, denn aus ihr entsprangen die Begriffe von der Menschenliebe und vom absoluten Wert der Menschenseele. Die andere Wandlung war wirtschaftlich? nicht geistig. Im dritten Jahrhundert nach Chr. begannen die Gold- und Silberbergwerke des Altertums sich zu erschöpfen, die Kultur fiel allmählich aus der Geldwirtschaft in die Naturalwirtschaft zurück, und Rom konnte keine grobe stehende Armee zur Erenzverteidtgung unterhalten. Kriegernchc Germanenvölker brachen ins Reich und eroberten den Westen. Als die stärksten unter ihnen behaupteten sich die Franken, und um. das Jahr 800 beherrschte der Franken-
Karl der Grobe beinahe das ganze Abendland, so daß er sich vom Pavst zum ^aiser krönen lieb. Im Osten kam durch Mohammed der Islam auf und eroberte halb Asien, Nordafrika, Spanien.
dem Groben begann das eigent- uche Mittelalter, das bis auf Luther reichte geistig wurde es gekennzeichnet durch die Herrschaft der Kirche, gegen die das Kaisertum vergeblich ankämvfte; materiell durch die Fortdauer der Naturalwirtschaft. Weil es an