Dienstag, den ll. Sept. UA
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Anzeiger für (das frühere kurhessische) Oberhessen
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Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg. äbKö
Maßlote BerdSKtigAnse» Arlands gegen AenttMand
Eine ernste Lehre ffit Brrständtgangssanattker — Die erste Folge der neuen Entente
Man hat Driand sehr oft den Vorwurf gemacht, daß seine Reden zwar stets von einem großen Pathos getragen sind, daß sie aber inhaltlich und sachlich recht wenig ergeben. Run, jetzt, wo wir die letzte Antwort Vriands an den Reichskanzler Hermann Müller vernommen haben, wollen wir es gerne eingesiehen: Herr Dri- and kann auch anders! Er kann auch sachlich sein. Er kann auch Wahrheiten sagen, wenn sie auch nur Wahrheiten französischer Färbung sind. Die Rede Vriands war die krasseste Entlavunrg französischer Absichten, der schärfste Schlag gegen den Seist einer Völkerverständigung, der ungeschminkteste Hinweis auf eine Rückkehr S machtpolitischen Methoden der Vor» egszeit. Aber sie hatte auch ein Gutes: sie schafft Klarheit, restlose Klarheit. Sie schafft die Gewißheit, was Frankreich beabsichtigt oder was es nicht beabsichtigt. Sie schreibt den Schlußpuntt hinter eine Epoche in den Beziehungen Deutschlands zu Frankreich, die nur aus Enttäuschungen bestand.
Auf der einen Seite behauptet Briand, die Weltabrüstung habe bereits die größten Erfolg eaezeitigt, auf der anderen Seite sagt er, daß sie noch nicht weiter gekommen wäre, weil eben noch eine deutsche Gefahr bestände. Worin sieht Herr Briand diese deutsche Gefahr? Er kann fie nicht mit vorhandenen Tatsachen nachweisen, er kann sie nicht mit den Händen fassen oder mit Zahlen umschreiben, aber er kann, und dies vorzüglich, Kombinationen machen: Seht, wie die Deutschen ihre einst auf Dull reduzierte Handelsmarine in wenigen Jahren aufgebaut haben! Dedentt, was Deutschlano in kürzester Frist kraft seiner wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit alles schaffen konnte! Diese deutschen Werke sind Instrumente des Friedens, aber wie leicht können sie zu Instrumenten des Krieges umgewandelt werden!
Diese Gedankengänge Briands verdienen es, in jedes deutsche Hirn, in jedes deutsche Herz eingehämmert zu werden. Denn — weil sie arbeiten, weil sie schaffen, weil sie aufbauen, weil sie ihren Lebensstandard verbessern wollen, weil sie trachten, Elend und Verarmung zu beseittgen, eben darum, so sagt die Logik Briands. sind sie gefährlich, sind sie das schwerste Hemmnis für die Abrüstung! So sprach es Briand, Frankreichs Außenminister, Deutschlands Locarnopartner, der Mann von Thoiry, aus, so redet heute der Staatsmann, der einst mit dröhnender Stimme die Kanonen- und die Maschinengewehre beseitigt haben wollte, der sie haben will, weil Deutschland arbeitet und sich behaupten muft
Genf. 10. Sept. 3n der Vollversammlung 6t§ Völkerbundes ergriff Vriandam Montag das Wort zu einer s/4 stündigen Rede. Die üblich, wurde er mit stürmischem Beifall begrüßt. Briand sprach wie immer frei ohne jedes Manuskript. Fortgesetzt wandte er sich on den unmittelbar auf der ersten Bank vor ihm sitzenden deutschen Reichskanzler. Bei seinen Aussührungen, besonders über die Abrüst ungs- und Winderheitssrage, wurde er mit stürmischem Beifall auf den Bänken der kleinen Entente unterbrochen.
Briand
begann mit der Erklärung, er werde den Standpunkt der französischen Delegation in Swei Fragen der Versammlung darlegen, zur Abrüstungs- und zur Minderheitenfrage. Er Hobe den unerschütterlichen Glauben an den Völkerbund, den er niemals ausgebcn werde.
Der Völkerbund bild« bei der gegenwärtigen Lage die einzige Sicherheitsgarantie gegen den Kampf.
8t persönlich würde selbst in schwierigen Augenblicken immer sein Vertrauen _ zum Völkerbund erklären: selbst wenn te: Vö ker- And Krisen durchlebe, würde er niemals ein -Dort der Kritik gegen den Völkerbund richten.
Europa hat sich seit dem Bestehen des Völkerbundes wesentlich geändert. Alle die Momente der Unsicherheit, der Furcht, des Hasses und der Unzufriedenheit würden zu schweren Streitigkeiten geführt haben, wenn der Völkerbund nicht gewesen wäre. Ohne den Völkerbund wäre nicht Locarno zustande gekommen, ohne den Völkerbund wäre es nicht möglich, daß der deutsche Reichskanzler und der französische Außenminister nebeneinander säßen. Briand wandte sich dann unter
deutlichen Anspielungen auf das Rheinlandproblem.
das er jedoch nicht nannte, direkt an den deutschen Reichskanzler, um auszuführen, daß die in gewissen Ländern vorhandene Lngeduld durchaus verständlich sei. Hiergegen sei aber nicht die Internationale einer Partei, sondern die Internationale der Rationen und Völker an der Arbeit, und wenn sich Schwierigkeiten und Hindernisse einstellen, so sei das wesentliche, daß man das gemeinsame Ziel vor Augen habe. Wenn man auf dem
In den bisher vorliegenden Kommentaren der Berliner Blätter evfahvem die Ausführungen des französischen Autzen- mlnisters Briand vor der Genfer Vülketi- bundsversammlung schärfste Zurückweisung.
Die „D. A. Z." überschreibt die Rede mit den Worten: „Brtand führt einen schweren Schlag gegen die Verständigungspolitik!" Das Blatt faßt den Gesamteindruck der Rede Briands dahin zusammen, daß er eine böse, rechthaberische, ungerechte Rede gehalten habe, die selbst den Schlußstrich unter tue vergangenen Jahre ziehe. . Sie werde auf lange Zeit hinaus die Basis für polnische Erwägungen und Entschlüsse sein.
In der „G e r m a n l a" wird ausgeführt: „Unsere Vermutung bestättzt sich, daß sich in den letzten Wochen viel in der Konstellation Europas geändert hat. Wir müssen Briand dankbar sein, daß er seine Mei- । nung nicht hinter seinen bekannten vieldeutigen Paraphrasen versteckt hat, sondern ganz unverhohlen feine wirkliche Meinung sagte. Das wird vielen Gläubigen eine schwere Enttäuschung, für die internationale Atmosphäre aber eine wohltuende Klärung sein."
Der „B ö r s« n - C v u r i e r" sreibt: „Der Eindruck der Rede Briands ist allgemein der, daß sie einen Rückschlag gebracht hat und das Shmboi für die veränderte Lage ist, die durch die Annäherung zwischen England und Frankreich gekennzeichnet wird."
Hob« der Pariser Presse.
Der Genfer Berichterstatter des „Petit Parisi en" sagt: Die Rede Briands wird dadurch, daß sie heilsame Auseinandersetzungen nach sich ziehen wird, sehr wohl das Ergebnis haben, den Verhandlungen, die seit Thoiry auf dem toten -Punkt angelangt sind, einen neuen Antrieb geben.
„Petit I o u rn a l" schreibt: Briand ist bereit, bis zur letzten Konsequenz der deutsch- französischen Annäherung zu gehen, für die er selbst und ättesemann ihren Namen eingesetzt haben. Briands Rede ist eine nötige Hand- luna für den großen Frieden von Europa.
.Lluotidien" sagt: Wir zweifeln nicht, daß die Deutschen bei einigem Nachdenken bester verstehen werden, daß Frankreich gar keine andere Sprache führen konnte. Es verlangt nichts anderes als den Frieden und die Sicherheit.
Im „Avenir" heißt es: Wenn der deutsche Pazifismus so aufttchtig ist, wie Reichskanzler Müller es gesagt hat, dann wird die Ansicht Bttands ihn nur ermutigen können.
„Staat o“ fast: Die Politik der Entspannung war zu überhastet, zu unklug. Es ist ein Irrtum, sich mit Deutschland versöhnen zu wollen, ehe Deutschland sich mit der Wahrheit ausseiöbnt bat.
richtigen Wege sei, so komme man zum Ziele. Der Völkerbund fei auf diesem richtigen Wege, wenn auch dieser Weg nicht glatt und gerade verlause. Man müsse sich darüber klar fein, daß noch große Schwierigkeiten vorhanden feien. Briand hob dann hervor, was
Frankrestch alles für den Frieden der
Welt getan U
habe. Wenn man ihm den Vorwurf gemacht habe, daß er rascher mit den Worten als mit den Taten sei, und wenn auch der Reichskanzler eine solche Wendung in seiner Rede gebraucht habe, so glaube er, diesen Vorwurf nicht verdient zu haben. Locarnopakt und Kelloggpakt seien keine Worte, sondern Taten, Der ungeduldigen öffentlichen Meinung müsse man zu verstehen geben, daß die Erfüllung ihrer Wünsche auf dem Wege des Fort- schreitens ist. Briand wandte sich sodann der
Abrüstungssrage
zu. Es sei sehr leicht, nach dem Locamo- und dem Kellogg-Patt von einer völligen und
Briands Rede im Spiegel der englischen Presie.
Briands gesttige Rede vor der Völkerbundsversammlung erregt das Hauptinteresse der gesamten Londoner Presse. Die Auswirkung der Rede tritt in den Ueberschritten zutage, unter denen politisch so entgegengesetzte Zeitungen wie „Morning Post" und „Daily Herold" die Rede veröffentlichen. Während die hochkonservative „M o r n i n g Post" in Fettdruck verkündet „Deutschland noch nicht entwaffnet", fuhrt das Arbeiterblatt „Daily Herold" am Kopfende die Ueberschrift „Die Abrüstungskonferenz in Gefahr". Alle Blätter beschreiben die Bestürzung, die die Rede Briands in Deutschland eraeuqt habe, wo sie als ein sehr schwerer Schlag für die Politik der deutsch-französischen Verständigung angesehen werde.
„Daily Te l e g r a ph" bezeichnet Vriands „erstaunliche" Rede als einen Schlag für Deutschland. Der Genfer Berichterstatter des „Daily Telegraph" hebt hervor, daß Briand die Frage ber Rheinlandräumung einfach vollkommen ignoriert habe. — Pertinax meldet dem „Daily Telegraph" aus Genf, Briands Rede habe den tiefften Eindruck auf die ganze Versammlung gemacht- Sie werde ausgelegt als ein Schachzuq Briands, um seine Stellung am Vorabend der Besprechungen über das Rheinlandvroblem zu stärken. Die deutsche Delegatton habe Bestürzung ge- äußett und „alle Arten von inoffiziellen Vermittlern, die im allgemeinen zwischen der französischen und deutschen Delegation an der Arbeit sind, sagten Bttand, daß er zu weit gegangen sei und einen Schlag gegen die Autorität und Macht der demokratischen Parteien in Deutschland geführt babe".
Der Genfer Berichterstatter des „Daily H e r a l d" schreibt: Die Rede Briands wird als Todesstoß für die Bemühungen über die Rheinlandräumung angesehen und muß die ernsthaftesten Rückwirkungen auf die französisch-deutschen Beziehungen haben. Der Korrespondent erblickt in den Darlegungen Briands über die Abrüstungsttage einen „erstaunlichen dreiseitigen Angriff gegen Rußland, Deutschland und Amerika" und bemerkt, nach der Briandrede erwarte die Versammlung mit einiger Unruhe, die heutige Rede Lord Cushenduns.
Der Genfer Sonderberichterstatter der ,.D aily New s“ und „Westminster Gazette" beateift nicht, weshalb Briand so gesprochen tat. da die Darlegungen des deutschen Reichskanzlers nichts enthalten, was eine so starke Erwiderung notwendig machte. Die Annahme eines Tones Reichskanzler Müller gegenüber, wie er niemals gegenüber Slresemann gebraucht worden ist, sei aus persönlichen Gründen bedauerlich. Es sei bemerkenswert gewesen, daß der Beifall am Schluß der Rede Briands merklich weniger allgemein war, als die Ovationen zu Beginn. „Daily News" bemerkt, wenn derartige Maßstäbe angelegt werden sollten, so sei es unmöglich zu sehen, wie je ein Erfolg in der Abrüstung erzielt werden, könne.
sofortigen Abrüstung zu sprechen, z. D. ein großes Doll in Europa, das nicht zum Völkerbund gehöre, jedoch den Kellogg-Patt unterzeichnet habe (Rußland), habe den Antrag auf völlige Abrüstung gesielt. Dies fei aber nur eine theoretische Geste. Man müsse fragen, ob hiermit beabsichtigt sei. jeden Krieg zu verhindern, oder nur den internationalen Krieg. Denn dieses Doll, das der Auffassung sei, daß es allein die obige Wahrheit bertrete, Bereite einen anderen Krieg, den sozialen Krieg, vor, der nicht weniger furchtbar und nicht weniger blutig sein würde und der nicht geringere Dertaerungen in der Welt Hervorrufen würde, als der Weltkrieg. Unter diesen Llmständen sei es unmöglich Maßnahmen zu treffen, um Europa von -jeder Sicherung gegen diese Gefahr zu entblößen.
Weiter setzte sich Briand mit der deutschen Abrüstungsthese auseinander. Dabei fiel allgemein auf, daß er
gegen Deutschland aus seinem Munde ganz ungewöhnliche und ungerecht,
fertigte Vorwürfe
erhob. Der Reichskanzler Müller, so erflärt* er, habe zweifellos recht, wenn er erkläre, die Völler empfänden eine tiefe Enttäuschung über die geringen Ergebnisse der Abrüstungs- arkeiten des Völkerbundes. Die Atmosphäre des internationalen Vertrauens durch den Völkerbund bedürfe der Stärkung. Der Reichskanzler habe auch recht, wenn er erklärt, daß Deutschland vollkommen entwaffnet sei, aber man müsse sich fragen: Hätte man bereits vor z wei Jahren von einer völligen Abrüstung Deutschlands sprechen können? (!) Die Erörterung des Abrüstungsprvblems fei unmittelbar an die Behandlung des Sicherheits- Problems gebunden. Fortschritte hierin hätten vielleicht in den letzten Jahren aus dem Grunde nicht erzielt werden können, weil
gewisse Staaten bestimmte, ihnen auferlegte Verpflichtungen nicht mit dem notwendigen guten Willen durchgeführt (!) hätten. Die deutsche Regierung habe bekanntlich mit verschiedenen Strömungen der deutschen Oeffenllichkeit kämpfen müssen, und nicht immer folgten bekanntlich die Völler ihren Regierungen.
Die deutsche Abrüstung sei jetzt eine Tatsache und Wahrheit. Könne man jedoch im gegenwärtigen Augenblick wirklich ernsthaft behaupten, daß Deutschland völlig a6= gerüstet fei? Es treffe zu, daß Deutschland eine Armee von mir 100 000 Mann besitze. Dies fe- eine Armee eigenartiger Natur, die aus Offizieren und Unteroffil- ■ ü ter en bestünde und somit eine K ad re« Armee kmrstelle. Wenn hinter btefer Armee jedoch ein Volk von der Größe und von den unerschütterlichen Kraftquellen und Mitteln stände, wie das deutsche Volk, dann könnten noch unzählige Menschen mobilisiert werden. Deutschland habe noch unerschöpfliche Menschenkräfte hinter sich. Wenn man die Tatsache bedenke, daß Deutschland unmittelbar nach dem Kriege keine Handelsflotte! besessen habe, jetzt aber durch seine Genialität, Beharrlichkeit und unbegrenzte Arbeitskraft und unerschöpflichen Mittel sich eine der ersten Handelsflotten der Welt geschaffen habe, bann müsse man sich fragen, ob nicht auch bie gleichen Fabriken, die heute für den Frieben arbeiteten, von einem Tage zum anberen für ben Krieg umgestellt werben könnten. Ohne weiteres könnten diese Fabriken, bte heute Friebenserzeugnisse her- stellten, bte gefährlichsten Kriegsrüstungem herstellen.
Don entscheibenber Bedeutung sei jedoch, baß bas beutsche Volk ben ehrlichen unb ernsten Willen habe, biese unerschöpflichen Mittel unb Kraftquellen niemals für Kriegszwecke zu bertoenben. Er bezweifle nicht, baß
die Mehrheit des deutschen Volkes den Krieg nicht wünsche.
Aus biesem Grunbe könne in gewissen Grenzen unter Berücksichtigung ber nationalen Sicherheit eine Herabsetzung ber Rüstungen vorgenommen werden. Es sei nicht wahr, baß bie Rüstungen ber Welt sich in ben letzten Jahren vergrößert hätten. Für Frankreich könne er erklären, daß im Gegenteil bie Dienstpflicht unb bie Zahl ber aktiven Truppen herabgesetzt worben sei. Brianb erwähnte sobann bas . .e m 11 L(b.? fj; a n i. ö f i I <6 * Flotten,
EnttüuMug in Berlin