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Anzeiger für (das frühere knrhesfische) Oberhessen

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Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.

RMskanzler Mittler verM Skeelemann Io W Die erötlerung der Räumungsfrage in Paris adgeieW

Berlin. 23. Augst. Der Reichsaußen- minister Dr. Stresemann ist heute von seinen Aerzten, Professor Hermann Zon- dek, Sattitiitsrat Disevius und Dr. Schul­mann unter Hinzuziehung von Herrn Pro- festor v. Krehl-Heidelberg vor Wiederauf­nahme seiner beruflichen Tätigkeit unter­sucht worden. Die Untersuchung hat erge­ben, daß der Gesundheitszustand des Mi­nisters noch nicht derartig ist, daß Rück­fälle ausgeschlossen wären. Die Aerzte haben daher dem Minister die geplante Teilnahme an den Berhandlungen in Genf widerraten. Mit der Reise nach Paris konnten sich die Aerzte nur unter der Voraussetzung einverstanden erklären, Lag sich der Minister daselbst größtmög­liche Schonung auferlegt. Wie das „B.

hört, wird Prof. Dr. Hermann Zondek, der Dr. Etresemann während seiner Er­krankung behandelte, den Reichsaußen- «inifter auf dessen besonderen Wunsch nach Paris begleiten.

Es ist so gut wie sicher, das Reichskanz­ler Müller persönlich die Führung der deutschen Völkerbundsdelegation überneh­men wiä.

Die alliierten Regierungen sind am Donnerstag von Deutschland offiziell da­hin verständigt worden, daß die deutsche Regierung in Paris oder Genf, je nach der gegebenen Gelegenheit, die Frage einer be­schleunigten vollständigen Räumung Les Rheinlandes zu erörtern beabsichtige.

„Reuter" bestätigt, daß die deutsche Re­gierung bei den Botschaftern in Paris, London. Rom und Brüssel einen ein infor­matorischen Schritt unternommen habe in Bezug darauf, daß Dr. Stresemann die Frage der Rheinlandräumung erörtern wolle, sobald sich hierzu Gelegenheit biete. Die englische Presse gibt diese Nachricht ohne Kommentar wieder, dagegen wird aber übereinstimmend berichtet, daß das französische Kabinett sich nach der gestri­gen Sitzung einig sei, die Räumungsfrage nur zu erörtern, wenn auf deutscher Seite entsprechende Entschädigungen für eine frühere Räumung der dritten Zone ange­boten würden. Die „Daily News" weist in diesem Zusammenhang noch ein­mal darauf hin, daß die Ansicht der briti­schen Regierung unverändert bleibt.

Jede Entscheidung der französischen und belgischen Regierung, das deutsche Gebiet ganz oder teilweise zu räumen, würde in London begrüßt werden.

Die Blätter besprechen die Beschlüsie des gestrigen Ministerrates, besonders auch hinsichtlich der anläßlich der Unter­zeichnung des Antikriegspaktes zu führen­den Berhandlungen zwischen den in Paris anwesenden Staatsmännern. „Petit Pa- nsien" schreibt: Selbstverständlich dürfen die Vertreter der 15 unterzeichneten Mächte am Montag kein anderes Problem erörtern, als den Antikriegspakt selbst. Aber es scheint schwierig, wenn nicht sogar unmöglich, die Staatsmänner daran zu hin­dern. vor oder nach der Unterzeichnung über Fragen zu sprechen, deren Lösung in erster Linie die öffentlich« Meinung threr Länder interessiert. Stresemann soll am Sonntag eine Unterredung mit $rt anb und am Montag vormittag eine Unterre­dung mit Poincars haben. Jedermann veiß, daß der Reichsaußenmimster glück­lich wäre, eine neue Prüfung der Frage der Rheinlandbesetzung vornehmen zu lassen.

Die Besetzung des Rheinlandes bildet ein Unterpfand, das nicht ohne eine kom­pensatorische Garantie hinsichtlich der Da- wes-Planes herausgegeben werden kann.

Ueberdies ist die französische Regierung stets der Ansicht gewesen, daß das Be­setzungsproblem nicht eine ausschließlich französische, sondern eine internationale Angelegenheit ist. Das Expose Vriands macht auch Anspielung auf die anderen europäischen Probleme, die in die Be­sprechung gezogen werden könnten, z. B. den Anschluß. Alle Minister sind aus­gefordert, ihre Ansicht zu äußern;

alle ohne Ausnahme haben Briand dem Sinne nach zugestimmt und seine Auffasiung einstimmig gebilligt, keiner hat einen Vorbehalt gemacht.

DaS ist ein unbestreitbarer Erfolg Briands, besonders wenn man vergleichweise an den Ministerrat denkt, der auf Thoary folgte.

„Echo de Paris" meint, wenn die Rheinlandfrage von Stresemann erörtert werde, werde man ihm zu verstehen geben, daß die jetzige Gelegenheit der Unterzeich­nung des Antikriegspaktes sich nicht beson­ders zu einer derartigen Erörterung eigne. Aber der Ministerpräsident werde sich wahrscheinlich nicht auf diese negative Haltung beschränken, er werde,1 um den Reichsaußenminister zu informieren ange­ben.

daß die Räumung der Rheinlande auf alle Fälle mit innerhalb einer Ge­samtregelung der Reparationen und der Kriegsschulden zur Diskussion ge­stellt werden könne.

Alle Minister hätten sich im gestrigen Ministerrat der Theorie Poincar^s angeschloffen, einschließlich Briands, der erklärt habe, daß er niemals aufge­hört habe, einer derartigen Lösung zuzu­stimmen.

Die Abrültungsfadetage der Möchte

WtHimgtn der SnterMlamsotarilKen tlnion

Berlin, 23. Qhig. Am Donnerstag vor­mittag fand im Sitzungssaal des Reichstages die erste Vollsitzung der Interparlamen­tarischen Union statt. Der Saal wies ein­

fachen Blumenschmuck auf. Als Vertreter der Reichsregierung waren mit dem Reichskanzler Müller die Reichsminister von G u e - rard, Koch-Weser, Dietrich und Dr. Stresemann erschienen. An Stelle des erkrankten Vorsitzenden, Baron Adelswärd, eröffnete der stellvertretende Vorsitzende, D r a b « c - Tschechoslowakei, die 25. Konferenz der Interparlamentarischen Union. Er teilte mit, daß der Rat der Union Vorschläge, den Präsidenten der deutschen Gruppe,

Abg. Schücking, zum Vorsitzenden des Kongresses zu wählen.

Die Versammlung stimmte diesem Vorschläge mit lebhaftem Beifall zu. Darauf ergriff

Professor Schücking

das Mort. Rach einem Danke für seine Wahl zum Präsidenten der Plenarkonferenz führte er unter anderem aus: So schwer die Nach­wirkungen des Krieges sind, unter denen der »<j uwjgaajß s;tzoaö gr>q gp> jjuu ;uvU gü® größte Teil der Welt heute noch leidet, wir erleben eine merkwürdig interessante Zeit, der Menfchengatlung bezeichnet hat, zu dessen Lösung die Aatur uns zwinge: die Auf­richtung einer das Recht verwal- lenden Organisation der mensch­lichen Gesellschaft, ist im Werke, aber noch stehen wir mitten in dem Zeitalter des Uebergangs. Altes ringt mit neuem, und es wäre töricht, zu glauben, daß die Kräfte des Alten heute schon erstorben und daß die alten Methoden der auswärtigen Politik längst überall über Bord geworfen seien. Und doch, wie viel hoffnungsvolle Ansätze zum Reuen find überall hervorgesprosfen, wie die junge Saat im Frühling. Die Interparlamentarische Union ist heute in aller Welt die vornehmste Repräsentantin dieser neuen Ideenwelt, wenn unsere Organisation in der Vergangenheit auch nichts anderes geleistet hätte, als jene berühmte Denkschrift an di« Mächte über die internattonale Schiedsgerichtsbarkeit, die der belgische Baron Descamps den Regierungen unterbreitete, und die das Fundament für die bezüglichen Arbeiten der ersten Haager Frie­denskonferenz geworden ist, so würde sie doch den Grundstein zu einem Zeit­alter internationaler Gerechtig­keit gelegt haben. Auch der Kellogg- Pakt spiegelt nur eine Resolution wider, die wir schon auf der Plenarkonferenz des Jahres 1925 in Bern gefaßt haben. Aber größeres und schwieriges ist noch zu tun. Wir müssen auch sozusagen die soziologischen Ur­sachen der Kriege b «kämpfen, indem wir dem natürlichen Recht aller Völker in allen Beziehungen auf der ganzen Linie in einem rechtlich geordneten Verfahren zum

friedlichen Durchbruch verhelfen. Dafür die richtigen Formen auszubilden, ist die fchwie- rigste, aber auch die wichtigste Aufgabe aller derer, die wie die Interparlamentarische Union in einem fortschrittlichen Geiste am Ausbau des Döllerrechts arbeiten.

Darauf ergriff, von Beifall begrüßt,

Reichskanzler Müller

das Wort: Es ist mir eine Ehre und Freude, so erklätte er, die Mitglieder der Interparla­mentarischen Union zu ihrer 25. Konferenz in der Reichshauptstadt zu begrüßen. Der er ft e Willkommensgruß, den ich an Sie richte, ist der des Oberhauptes des Deutschen Reiches, unseres Reichspräsidenten von Hin­denburg. Er bedauert, nicht in Berlin an­wesend zu fein, um Ihnen selbst Worte der Begrüßung auszusprechen. Ich tue dies in seinem Auftrag. (Lebhafter Beifall.) Dem Gruß des deutschen Reichspräsidenten reiht sich an der Ausdruck der Freude der knut­schen Reichsregierung, die Sie in der Reichs­hauptstadt und an der Stätte des deutschen Parlaments ebenfalls herzlich willkommen heißt. Die Abgründe, die durch den Welt­krieg zwischen den einzelnen Böllern sich auf­getan, beginnen sich mehr und mehr zu schließen. Die Barrieren zwischen den ein­zelnen Staaten sind gefallen, und von hüben und drüben reichen sich die Menschen, die guten Willens sind, die Hände zur ge­meinsamen Arbeit. Dies« Arbeit braucht keine Zeit nötiger als die unfrige. Kein Doll, so groß und stark es sich dünken mag, kann auf die Dauer für sich allein bestehen. Es bedarf der Hilfe und Unterstützung der anderen Mftglieder der großen Bölkerfamilie. In dieser Arbeit für den gemeinsamen Fortschritt der Völler ist die Interparlamentarische Union ein besonders wirksames Instrument. Der Parlamentarismus hat wie jede menschliche Einrichtung feine Schwächen, und es wäre töricht, das nicht einzugestehen. Aber wo ist ein besseres System, das an seine Stelle treten könnte? Wir können jedenfalls mit noch größerer Be­stimmtheit unter Beweis stellen, daß unter allen Regierungssystemen das parlamentarische am leichtesten und sichersten einen gerechten Ausgleich der Interessen bietet. Aus einer Organisation, die in erster Linie für den SchiedSgedanken und damit für die Beseitigung bewaffne ter Konflikte ein trat, hat diese Organisation sich zu einem Weltparlament entwickelt, das in voller Freiheit und in geistige» Unab­hängigkeit im Sinne der allen Völkern ge­meinsamen Interessen an die Lösung der großen Probleme heran geht, die unsere Zeit bewegen. Ein erwünschtes und not­wendiges Gegenstück zum Völker-

(Sottiefcuna sieb« Seite 2J

Der Ädtinof der MöKle um Mua

Berlin, im August 1928.

Im Fernen Osten vollzieht sich gegen­wärtig eine sehr eigentümliche Entwick­lung. Die innere Situation in China selbst ist nichts weniger als klar und über« ♦ sichtlich. Trotz der Eroberung Pekings ist keineswegs etwa eine militärische Einheit Chinas hergestellt worden, und der Wett­bewerb zwischen den einzelnen Generälen und Machthabern, insonderheit zwischen Feng-Kju-Siang und Tschang-Kai Schek dauert unvermeidlich fort. Aber ebenso­wenig ist auch eine politische Einheit im Reiche der Mitte erzielt worden. Im Ge­genteil! Der in diesen Tagen versam­melte Kongreß der Kuomintang, der stärk­sten Nationalpartei des neuen China, zeigt alle Symptome der Zersplitterung. Da­mit nicht genug, daß der radikal gerichtete, sowjetistisch orientierte Flügel dieser Par­tei jeden Anschluß an den Kongreß ver­weigerte, kam es auf diesem selbst zu einer Spaltung zwischen einem rechten und einem linken Flügel, wobei, um der Ver­wirrung die Krone aufzusetzen, Tschang- Kai-Schek, der seit jeher eine Fühlung mit der gemäßigten bürgerlichen Strömung suchte, nun plötzlich in der Rolle eines Führers der „Linken" auftritt. Es ver­steht sich von selbst, daß unter diesen Um­ständen auch die große Aufgabe der De- m o b i li s i e r u n g der einzelnen chinesi­schen Armeen Kerner Lösung zugeführt wurde. Man muß sich übrigens bei der in China so sehr fließenden Grenze zwi­schen Armee und Banditenwesen, sehr wohl die Frage vorlegen, ob eine Massen- mobilisierung nicht die Anarchie im Lande noch vergrößern würde. Ein militärscher Abbau ist hier logischerweise nur Hand in Hand nut einem wirtschaftlichen Aufbau des Landes möglich. Dieser aber hängt doch wiederum von der Wiederherstellung der politischen und Verwaltungseinheit ab, die bisher kaum angefangen ist.

Während fontit das gegenwärtige China sich in einem verzauberten Kreise dreht und von dem ersten Erfordernis einer Ordnung im Lande — einer einheit­lichen, festgefügten Regierung noch ziem- lief) weit entfernt zu fein scheint, zeigt die außenpolitische Situation, in einem merk­würdigen Gegensatz zur inneren, ein völ­lig gegenteiliges Bild. Die Fremdmächte verhalten sich so, als sei alle Anarchie im Lande überwunden und die seit Jahren vergeblich angeftrebte Ordnung und Ein­heit nunmehr endlich erreicht.' Das gilt vor allem von den Vereinigten Staaten, die den eigentlichen Auftakt und Anlaß zu diesem heutigen Wettlauf der Mächte um China gegeben Haden, durch ihre be­reits Ende Juli d. I. ausgesprochene An­erkennung der Nanking-Regierung als chinesische Reichsregierung und den Ab­schluß eines Zollvertrages mit dieser. Dieser Schritt der Vereinigten Staaten, der in der ganzen politischen Welt so überraschend wirkte, hat indessen seine Gründe in der ganzen hergebrachten China-Politik des amerikanischen Riesen­reiches. Diese Politik ist vor allem au$ zwei Grundmotiven heraus zu begreifen: die Bereinigten Staaten besitzen, im Ge­gensatz besonders zu England und Japan, keine eigenen Territorien oder einzelne „Einflußsphären" in China. Daß dieser Umstand Amerikas Politik im Femen Osten viel elastischer machen mußte, als die der beiden soeben erwähnten Groß­mächte, versteht sich von selbst. Das zweite Erundmotiv ist aber die bald offene bald versteckte Gegnerschaft gegen Japan, die schon im Herbst vorigen Jahres in der Ablehnung i>er fast perfekten Anleihe des Bankhauses Morgan für die Süd-Mand« fchurische Bahn durch das Washingtoner Außen-Departement sich äußerte, dann in dem Protest gegen die abermalige Be­setzung Shantungs durch die Japaner im Frühling dieses Jahres einen nicht miß» .