HRIttBe», Hü 8. SuU 1928
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Anzeiger für (das frühere kurhessische) Oberhessen
Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
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Wien, 23. Juli. Als die Franken, nach dem Waffenstillstand, Elsab-Loihringen besetzten, erklärten sie, daß eine Volksabstimmung über die f(innige Staatsangehörigkeit des Landes überflüssig sei, weil der ihnen entgegengeklungene „Jubel" der Bevölkerung laut genug für den Anschluß an Frankreich gesprochen habe. Ich weih nicht, was der fran- Msche Gesandte in Wien über die unvergeh- lichen Kundgebungen, der aus allen dutschen Ländern zusammengestriMten Sängerschaft berichtet bat, aber der logische Schluß könnte nur sein der sein: Abstimmung überflüssig, der österreichisch-deutsche Anschlub ist gemacht! Er ist gemacht und zwar in einer Form, die viel enger und bindender ist, als die jeder : staatsrechtlichen Gemeinschaft. Was in Wien geschehen ist, das kann man, ohne Uebertrei- bung, als den Abschluß einer österreichisch- . deutschen Eidgenossenschaft bezeichnen. Das Wesen der schweizerischen Eidgenossenschaft bestand darin, daß die Einzelstaatswesen (Kantone) sich verpflichteten, niemals wieder Krieg miteinander zu führen, sondern alle ihre Streitigkeiten durch eine „Tagsatzung" entscheiden zu lassen. Das schwuren sie sich ru, and dieser Schwur hat gehalten, weil auch jeder einzelne Bürger sich als „Eidgenosse" durch diesen Schwur zum Frieden verpflichtet fühlte. Man kann sagen, daß das, was in Dien in diesen Tagen zum Ausdruck kam, nichts war als der Drang, einander zu ver- ßchern, daß es nichts, abkr auch nichts jn der Welt gibt, das imstande wäre, Deutsche — sie Otogen nun leben, wo sie wollen — jemals die ' Waffen gegeneinander ergreifen zu lasten. Ob 16« in Eidesform ausgesprochen wurde oder ^lücht, ist völlig gleichgültig. Das Wesen der Eidgenostenschaft ist erfüllt — das ist jedem i llar, der die jubelnden Scharen auf der Ring- ittaße und im Prater gesehen und ihren Herzschlag gefühlt hat. So steht denn, trotz aller Verbote der diplomatischen Verträge von Versailles und Saint-Germain, der „deutsche Block" da. Er steht bei weitem fester, als wenn er staatsrechtlich geschlossen wäre. Ja, »efin man in Paris, Rom, Prag, Belgrad die Dinge ohne Hysterie, mit sachlicher Rüchtern- sieit betrachten wollte — vielmehr: könnte! — Erde man sogar begreifen, daß die Auf- bebung des Anschlußoerbotes Oesterreich und Deutschland sogar in eine gewisse Verlegenheit setzen würde. Dann müßten nämlich die trockenen Geschäftsverhandlungen über Zoll- mschlub, Finanzausgleich, gemeinsames Miinz- »esen, über hundert Einzelheiten beginnen, die durchaus nicht durch begeisterte Reden, Kadern nur durch mühsames Nachdenken, Rechnen, gegenseitige Nachgiebigkeit zu lösen Md. Die Anschlußbewegung, die ja doch nicht w hindern ist, würde dann in das sachliche Stadium treten, in welchem sie, selbst bei bei» wifeitigem guten Willen, langsamer vom Recke kämen als heute. Aber weder in Paris Mch in Rom noch in Prag noch in Belgrad Mit man die Dinge sachlich. Man sieht in wen vier Städten nur den gefahrdrohenden Deutschen Block" und ist sich nicht klar über ge wirklichen Gefahren, die aus der törichten serbotsvolitik entspringen muffen. Wäre man 2* den genannten Hauptstädten geneigt, über
Anschluß zu verhandeln, anstatt sich zu pc.tigen und zu schimpfen, daß gewisse De- «ngungen gestellt und auch von Oesterreich Ad Deutschland zugestanden würden. Aber «an scheint bei den Anschlußgegnern ganz rat« *» zu sein und das einzige Heil in der Nega- *®e, in dem dummen, trotzigen und wirkungs- *B|en „Nein!" zu erblicken. Man will eine moralische Größe, das deutsche Selbstbewußt- Mt, durch Gewalt unterdrücken, während die nsene Geschich von Frankreich, Italien, I Tschechoslowakei. Jugoslawien den Staats- «annern dieser Länder zeigen müßte, wie wir» gnsslos die Gewalt gegenüber nationalem Mbstbewußtsein ist. Die tschechischen Blätter, g« wir hier bekommen, zeigen gegenüber den S -ner Kundgebungen eine geradezu klägliche »/.egenheit. Sie stellen fest, daß es sich um politische Kundgebungen gehandelt habe.
es. fich um mehr gehandelt: nämlich J* OT?1«11’ um die vom Volke gegen
-n Willen der Ententestaatsmänner gemacht «orden ist. Der unerschütterliche Wille, sich Js ein Volk, als national geeinte Masse zu pachten, ist ein politisches Ereignis, das die ^vlomaten mit allen Künsten nicht aus der Wt schaffen können. Uebrtgens werden wir ^n, was London und Washington sagen 7«rden, wo man doch etwas weiter sieht und
Scheuklappenhorizont der kontinentalen ^lvlomaten nicht ganz begreift.
, Oesterreich und Deutschland werden unter» TLHen ihre Angleichungsbestrebungen auf poli- Mem, wirtschasrlichem und juristischem Ee-.
fortsetzen. Es gibt eine ganze Reibe von
Sm Zeichen des KrlegsMimgs-Wktes
ManNungen wer ein poIoW rumwiweS Wtärabtommtn
In Bukarest fanden in diesen Tagen Verhandlungen statt, die auf den Abschluß eines polnisch-rumänischen MilitärabkommenS unter französischer Obsorge hinzielen. In dieser für Polen und (Rumänien gleich bedeutsamen Angelegenheit ist nun insoweit ein Schritt weiter getan worden, als der bekannte französische General Le Rond, der gewesene LlntergeneralstabSchef des Marschall Foch> von Warschau kommend, in Bukarest zu längerem Aufenthalt einge- ttoffen war. Der rumänische Kriegsminister hatte eine längere Unterredung mit Le Rond, der auch zwei 'rumänische Generale beiwohnten, die vor einigen Wochen eine längere militärische Studienreise durch Polen unternommen hatten. Le Rond wurde auch vom Regentschaftsrat in einer längeren Audienz empfangen, worauf der Kriegsminister zu Le Ronds Ehren ein Frühstück.gab. Run wird noch etwas über den französischen Generalsbesuch in Rumänien bekannt: General Le Rond sollte, wie zuerst beabsichtigt war, in Begleitung des Marschalls Pil- sudski nach Bukarest kommen, woran sich eine Beratung anschließen sollte, an der Le Rond, Pilsudski eine größere Zahl rumänischer Generäle, darunter auch die beiden oben erwähnten Polenfpezialisten, hätten teilnehmen sollen. Run hat aber, wie bekannt, Pilsudski seine rumänische Reise ganz unerwartet aus unbestimmte Zeit verschoben. Die Besprechung hat also nicht stattgefunden und Le Rond soll
seinen Gedankenaustausch dennoch mit seinen rumänischen Kameraden fortgesetzt haben. Der Franzose hat viele rumänische Wilitäreinrichtungen besichtigt und er wohnte auch der Durchführung einer taktischen Aufgabe in Siebenbürgen bei. Gewiß ein interessanter Moment, der festgehalten zu werden verdient. Obwohl von rumänischer Seite darauf nachdrücklich hingewiefen wird, daß die ganzen Besprechungen lediglich den Charakter einer freundschaftlichen und keinesfalls von aggressivem Geiste (?) beeinflußten Aussprache zwischen den Heeresleitern der verbündeten Armeen trügen, kann kaum daran gezweifelt werden, daß die Anwesenheit des Generals Le Rond sowohl in Polen und jetzt in Rumänien im Zusammenhang steht mit den Verhandlungen zwischen Polen und Rumänien, ein Militärabkommen zu treffen, an dessen Zustandekommen und näheren Einzelheiten allem Anscheine nach Frankreich das allergrößte Interesse hat. Auch ein berufener Mund bestätigt diese Annahme, denn es liegt eine Aeuherung des Bukarester französischen Gesandten vor, die er — einem Bericht der offiziellen Bukarester Zeitung „Vitorul" zu- floge — gelegentlich des französischen Nationalfeiertages vor der Bukarester französischen Kolonie machte. Der Gesandte betonte, daß General Le Rond die vornehme Aufgabe zufalle, der französisch-ru- mänisch-polnischen Freundschaft zu dienen. Das ist gewiß eine beachtliche Aeuherung, die zu mancherlei Gedanken anregen kann.
Dingen, in denen Einheitlichkeit hergestellt werden kann, ohne daß die Kontrahenten von Versailles und Saint-Germain hineinreden dürfen. An der Verbesserung der Verkehrsoerbindungen muß unablässig gearbeitet werden. Der Eisenbahntransport der riesigen Sängerscharen ist ohne Zwischenfall vonstatten gegangen.. Ein solcher Massenverkebr muß der üblich- werden, und wie Präsident Löbe es schön gesagt bat: Wenn Deutsche aus Oesterreich zurückkommen, so haben sie nicht das Gefühl, im Ausland gewesen zu sein. Wir haben es in der Macht, das Gefühl der Grenze immer mehr verschwinden zu lassen. Und gerade das Verschwinden dieses Erenzgefübls ist das entscheidende dafür, daß Reich und Oesterreich ein ungetrenntes Ganzes sind.
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® r a 3, 24. Juli. Heute nachmittag wurde im Gemeinderatssitzungssaal in Anwesenheit zahlreicher österreichischer und reichsdeutscher Parlamentarier aller Par- teischattterungen die Gründungsversammlung der Ottsgruppe Graz des österreichisch-deutschen Volksbundes abgehalten. Bürgermeister M u ch i t s ch begrüßte die Gäste, insbesondere den Reichstagspräsidenten Löbe, und gab der Aeberzeugung Ausdruck, daß die im Zei- chen des deutschen Sängerbundesfestes stehende Ottsgruppengründung für den Anschluhgedanken in der Bevölkerung der Stadt und des Landes dementsprechenden Widerhall finden werde.
Präsident Loebe,
von der Versammlung mit großem Beifall empfangen, gab seiner Freude Ausdruck, daß er bei der Ortsgruppengründung des Volksbundes zugegen sein könne, den er seinerzeit mit ins Leben gerufen habe. Wir strecken, fuhr er fort, unsere Hand nicht aus, nach einem fremden Gut und fremden Volk, sondern wir appellieren an das Gesetz, was die Entente ins Leben ge
rufen hat, dem deutschen Volk aber verweigert. Wir wollen uns mit niemand vereinigen, der nicht freiwillig zu uns kommt. Das deutsche Volk, das so viel ungünstige Bestimmungen der Dölkerbund- satzung ertragen muß, klammert sich an die einzige günftige . Bestimmung dieser Satzungen, die vvrsieht, daß der Wille der Deutschen im Reich und in Oesterreich nach Vereinigung vollzogen werden kann. Der Redner erinnerte daran, daß Bundeskanzler Dr. Seipel das Ansinnen der Kleinen Entente, Oesterreich einem nicht- deutschen Wirtschaftskörper anzugliedern, mit der Antwort abgelehnt habe, nichts ohne Deutschland zu tun. Wir haben, so erklärte der Reichstagspräsident, als wir bei Dr. Seipel erschienen, ihm erklärt, daß auch
Deutschland nichts ohne Oesterreich tun werde.
Lassen Sie uns, schloß Löbe, in diesem Sinne weiter an der großen Idee der nationalen Einigung arbeiten. Es wirb der Tag kommen, an welchem in den Deutschen Reichstag auch die Vertreter Oesterreichs einziehen werden. Die Versammlung nahm sodann die behördlich genehmigten Statuten an und wählte die Ortsgruppenleitung.
Aufnahme der Entschädigungszahlungen für beschlagnahmtes deutsches Eigentum
in Amerika.
ff. Washington, 25. Juli. Der Verwalter des beschlagnahmten fremden Eigentums hat einen Scheck über den Betrag von annähernd 3 Millionen Dollar für die Firma Aron Hirsch und Sohn, Halberstadt-Berlin, ausgefertigt. Es verlautet, daß dies den Beginn der Erledigung einer größeren Anzahl bedeu- tenster Ansprüche darstellt, für die alle notwendigen Dokumente in den letzten Tagen beglaubigt wurden.
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Wertform
Preußen drängt zur Reichsreform. Ts hat durch feinen Vertreter in dem für diesen Zweck eingesetzten Ausschuß bestimmte Vorschläge in einer ausführlichen Denkschrift gemacht, die als Deratungsunterlage dienen soll. Sie gehen dahin, für bestimmte Sonderfragen, wie die Defeitigung der Enklaven, die Der- fchmelzung kleinerer Länder, die Mitgliederzahl der Landtage, Unterausschüsse einzufetzen, die Hauptfragen dagegen, insbesondere die Verteilung der Zuständigkeiten zwischen Reich und Ländern, die Verbindung von Reichs- und Landesverwaltung einheitlich vom Ausschuß erörtern zu lassen. Man hostt, auf diese Weise mit den Verhandlungen, die bisher einen überaus schleppenden Verlauf genommen, ja sachlich überhaupt noch nicht begonnen haben, schneller vorwärts zu kommen, Wie nötig eine Verbesserung der float»- und verwaltungsrechtlichen Verhältnisse ist, haben auch die Reichstagsdebatten bewiesen, die sich an die Regierungserklärung knüpften. Es wurde daraus aufmerksam gemacht, daß von den 11 Ministerien, die das Reich gegenwärtig aufweist, mehrere recht wohl zusammengelegt werden können, namentlich daS AeichswkrtschaftS- und das Aeichsarbeitsmini- ftett’im, das Reichsverkehrs- und ReichsPvsi- ministerium. DaS Reichsministerium für die besetzten Gebiete wäre vielleicht dem Auswärtigen Amte anzugliedern. Auch in Preußen erscheint eine Zusammenlegung von Ministerien durchaus diskutierbar, noch mehr in Dahern, das für seine 7—8 Millionen Einwohner acht 6taa*8mtnifterien hat, während Preußen für seine um das Fünffache größere Seelenzahl mit sieben Ministerien auskommt. Daß daS noch kleinere Sachsen (etwa fünf Millionen Einwohner) gleichfalls sieben Ministerien braucht, ist nicht zu verstehen. noch weniger, daß sogar Oldenburg mit einer halben Million Wohnbevölkerung sogar sieben Ministerien hat.
Der Steuerzahler muß fordern, daß diese lieberzahl beseitigt wird. Er ist es, der die Last zu tragen hat. Seufzt doch jeder heute über den hohen Prozentsatz der Steuer und über die Verteuerung der Warenpreise, die nicht geringem Teil durch die öffentlichen Lasten zu erklären ist.
Aber nicht /bloß an den Regierungsstellen, sondern auch an den Parlamenten ist zu sparen. 2 600 Abgeordnete in einem Lande, das einen Krieg verloren und an die Siegerstaaten 2Vä Milliarden zu zahlen hat, sind eine Ungeheuerlichkeit. Hier sollte Preußen mit gutem Beispiel vorangehen und den übergroßen Mitgliederbestand seines Landtages verringern. Gewiß hängen die glücklichen Besitzer der Parlamentsmandate an den Diäten, die jetzt bereits rund 9 000 Mark jährlich pro Kopf ausmachen, ob der Landtag tagt oder nicht. 3n einer reinlichen Politik aber sollen nicht die persönlichen Interessen, sondern die sachlichen entscheiden. ÄeberdieS haben ja in ihren Wahlaufrufen alle Parteien Sparsamkeit versprochen und müssen nun von ihren Wählern daran erinnert werden, ihre Versprechungen zu halten.
Eine andere ebenso dringende Angelegenheit ist die Beseitigung der Enklaven. Wir zählen nicht weniger als 200 mit insgesamt fast 2 Millionen Einwohner und einer Fläche von mehr als 16 000 Quadratkilometern. Davon entfallen allein auf Preußen 71. Rächst Preußen sind es die Länder Braunschweig, Dachsen, Thüringen, Mecklenburg-Strelitz und Hessen, dir die größte Gebietszersplitterung aufweifen. Mehr als die Hälfte solcher Enklaven sind kleinste Gebietssplitter mit zusammen nicht mehr als 2 351 Einwohnern. Man kann sich vorstellen. wieviel Unkosten und wieviel überflüssige Derwaltungsarbeiten durch eine solche Zersplitterung entstehen. Ein kleiner Anfang zur Abstellung der Hebet» stände ist vor kurzem durch einen Staatsvertrag zwischen Sachsen und Thüringen gemacht worden. Weiter aber ist man bisher nicht gekommen. Man braucht nur Deutschland mit national geschloffenen Ländern wie Frankreich und England zu vergleichen, um sich bewußt zu werden, wie nötig ein Wandel dieser Dinge ist.
Aber auch der Behördenaufbau in den einzelnen Ländern bedarf einer Vereinfachung. (Ecnfcerintereffen sind es hier wie sonst, die die Durchführung richtiger Gedanken hindern. Kein mit irgend einer wichtigeren AmtS- stelle ausgestatteter Ort will biete missen. In Bayern sträubt sich jede der 220 Städte, in denen es kein Bezirksamt gibt, auf das äußerste gegen die Aufhebung gerade ihr»« Te i lsamts, und die Regierung Held, die ein Reform.programm betreibt, war bisher außerstande es durchzuführen. 3n Württemberg kam Staatspräsident von Lieber zu Fall, tiy.il er