SMtftfM HB 24.8«U 1928
01c JDbetbefflfcb« 3<lhtng* «* l^ctiif s«b«n»I tvLckentlicb- Be- -gffttbteü monatlich 2 GM. auo» ttlteSL Zustkllungrgebübr, durch !^p,stL2L GM.Aür etwa infolge Atrrtko, Waschin en defekte oder Herren rarer Ereignisse ausfallend« jtonrntt» wird kein Ersatz ge* Reiftet. Verlag v- Dr. §. Kttzeroth, Äjgtf der Unid.-Duchdruckerri d, g* Sn«, «och, Markt 21/23. »c«sprecher: Mr. M. u. Mr. 55. «estscheckkonto: «ntt Frankfurt - SL Mr. 6015, — Sprech,eit w Siedakltov von 10—11 «ab Sil—1 Uhr.
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Anzeiger für (bas frühere knrhesfifchej Oberhessen
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Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
Gefahr-when-e Lage im Osten
So» noch ein polnlid)« Stuibitaitb etotn flauen? — Sie voMchrn SEmanöM
Die Presse des Auslandes ergeht sich feit einigen Tagen in allerlei Kombinationen über die letzten diplomatischen Vorstellungen einiger führender Völker- bunLSmächte in Kowno. Die Auseinandersetzungen drehen sich dabei teilweise em die recht nebensächliche Frage, ob es sich dabei um einen Kollektivschritt oder nicht gehandelt habe und welcher Macht daS Verdienst der Führung oder Anregung der Aktion zuzuschreiben sei. Es ist das ein müßiger Streit um Aeußer- lichkeiten. Formell handelt es sich zwetfel- loS um keine Aktion, die nach den strengen diplomatischen Regeln als „Kollektivschritt" anzusehen wäre, das heißt eine offizielle Verabredung zwischen jenen Mächten, deren Gesandte in diesen Tagen den litauischen Ministerpräsidenten ausgesucht »id ihm gewisse Ratschläge erteilt haben, liegt nicht vor.- Das schließt natürlich nicht aus, Laß man trotzdem im gegenseitigen Einvernehmen gehandelt hat. Tatsächlich dürfte das auch der Fall gewesen
Es hat keinen Zweck, noch länger zu verheimlichen, daß der nun 'seit Jahren schwebende polnisch-litauische Konflikt wieder einmal ein Stadium erreicht hat. Las ean, ohne sich den Vorwurf des Pessimismus zuzuziehen, als gefahrdrohend bezeichnen muß. Die zunächst aus Kowno kommenden Gerüchte, daß Pilsudski für Anfang August einen
militärischen Ueberfall auf litauisches Gebiet
plane, haben sich mittlerweile als durchaus nicht so unbegründet herausgestellt, als man zunächst anzunehmen geneigt war. Auch in diplomatischen Kreisen, deren ruhiges und nüchternes Urteil außer Frage steht, nimmt jetzt die Befürch- tang überhand, daß der in seinen Entschlüssen ohnehin so unberechenbare polnische Diktator nunmehr nach dem Abbruch der Königsberger Verhandlungen den Zeitpunkt für gekommen ansehen könnte, um seine noch nie ganz auf- grgebenen Sewaltstreichpläne gegen Litauen in die Tat umzusetzen. In der zweiten Augustwoche finden an der polnisch-litauischen Grenze
große Manöver der polnischen Armee statt, zu denen die besten und schlagkräftigsten Teil« des polnischen Heeres kommandiert worden sind. Für den 12. Aug. hat Pilsudski weiter das polnische Kabinett zu einer besonderen Tagung nach Dilna bestellt, deren Zwecke man vorläufig in geheimnisvolles Dunkel hüllt. Es ist durchaus nicht ausgeschlossen, daß der polnische Heerführer seine Minister nur deshalb nach Wilna kommen läßt, um sie dort im Bereich der ihm treu ergebenen Armee eventuell zu Beschlüssen nötigen zu können, zu denen das polnische Kabinett in der Zivilatmosphäre Warschaus nicht bereit sein würde. Jedenfalls dürfte die mit Truppen angefüllte Wilnaer Gegend in den ersten Augustwochen einem Pulverfaß gleichen, an das nur die Lunte berangeführt zu werden braucht, um es zur Explosion zu bringen. Datz Pilsudski, falls es soweit kommt, sich nicht mit einer kleinen militärischen Demonstration auf litauischem Gebiet begnügen, sondern, ein- mal im Zuge, nicht eher Halt machen würde, als die polnischen Truppen nicht Rur Kowno, sondern
di« litauische Oftseeküfte. d. h. Mrme^ erreicht haben würden, kann ohne Aeber- treibung als wahrscheinlich angenommen werden. Ebenso gewiß ist, daß ein Eingreifen der Westmächte von dem Augenblick an zwecklos sein würde, in dem Pil- fudski seine Truppen in Marsch gesetzt hätte.
Dies ist die Situation, jn deren richtigen Erkenntnis England, Frankreich und
Deutschland ihre diplomatischen Vertreter sowohl in Kowno wie in Warschau schon jetzt mobil gemacht Habeif, um gewissermaßen den drohenden Brand noch rechtzeitig im Keime zu ersticken. Auch Frankreich hat — das ist der allgemeine Eindruck — kein Interesse an einem polnischen Gewaltstreich gegen Litauen. Infolgedessen war eS auch Frankreich, das, wie aus zuverlässiger Quelle verlautet, Ende vergangener Woche der Warschauer Regierung sehr ernste Vorstellungen machen und sie dringend vor dem Versuch des oben gekennzeichneten militärischen Abenteuers warnen ließ. Auf der anderen Seite haben Deutschland und England die Rolle des Vermittlers in Kowno übernommen und dort ebenso
dringend zur Mäßigung gegenüber Polen geraten, sintemal es klar ist, daß Pilsudski nur auf irgend eine Entgleisung der litauischen Regierung wartet, .um eine solche „Provokation" zum erwünschten Anlaß des endgültigen Losschlagens zu nehmen. Anscheinend haben die gemeinsamen, wenn auch nicht offiziell „kollektiven" Bemühungen Englands, Frankreichs und Deutschlands zunächst etwas beruhigend gewirkt. Trotzdem ist man sich darüber klar, daß die Gefahr noch keineswegs behoben ist und sieht namentlich den 12. August nach wie vor als einen Tag aller- kritischster Ordnung an. Die Folgen einer Annexion Litauens durch Polen auf die gesamteuropäischen Verhältnisse würden zweifellos unabsehbar sein.
Dle Furcht vor Großdeutschland
Paris enlrüitet fith tote die Äunbgtbung der Sänger in Wien
Der „Temp 5" bespricht die gestern , in Wien veranstaltete Kundgebung der dänischen Sänger. Er hebt hervor, daß Relchs- tagspräsident Löbe frei dem Empfang erklärt: „Wir sind ein Volk und eine Nation und wollen deshalb ein Staat werden!" lieber den Sinn dieser Worte, so erklärt das Blatt, könne man sich nicht täuschen. Es handle sich hier um etwas ganz anderes als um Sprach- und Kulturgemeinschaft: Die durch den Sieg der Alliierten neu geschaffene europäische Ordnung solle in Frage gestellt werden! Die Aufrechterhaltung des Friedens in Mitteleuropa auf der Grundlage der bestehenden Verträge werde direkt bedroht durch eine Kundgebung, dre ganz den Charakter einer Mobilisierung der ä'knvsten Elemente des Alldeutschtums tn sich trag«.
Auch das „Journal'des DebatS" hebt die Rede des Reichstagspräsidenten hervor und erklärt, Löbe sei fün den Anschluß. Man begreife, was das besagen wolle. Deutschland gedenke, sobald es möglich sein werde, sich durch die Einverleibung Oesterreichs zu vergrößern. Man sei also gewarnt; man zögere aber nicht, gleichzeitig auch deutlich zu machen, daß die pangermanistische Bewegung sich nicht auf Oesterreich beschränke. Jn dem großen Umzug seien Delegationen auS Polen, Rumänien, Ungarn, der Schweiz und Süd- slawren vertreten gewesen. Man hab«
„O Straßburg, o Straßburg" gesungen. Wo ser der berühmte Geist von Locarno geblieben? Diese Tatsache zeige, was die Verwirklichung des Anschlusses bedeuten würde.
Das radikale „Oeuvr e" schreibt u. a.: Dl« Deutschtumpolltik, die augenblicklich von Deutschland betrieben wird, kann nicht ohne Gefahr fortgesetzt werden. Ohne an fernen geographischen Grenzen Halt zu machen, maßt sich Deutschland das Recht an, im Namen aller deutsch Sprechenden aufzutreten. Was würde Berlin sagen, wenn Paris sich einfallen ließe, im Namen der römischen Schweizer oder den französisch sprechenden Bevölkerung des Tales von Aosta zu sprechen? Oder will Deutschland, daß man dem Deutschtum eine Vereinigung der englisch sprechenden Länder oder z. B. einen Bund der lateinischen Völler gegenüberstellt? Das würde werter nichts als das Wiederaufleben der verhängnisvollen Allianzen der Vorkriegszeit bedeuten.
Der „Petit Par isren" erklärt, di« Besetzung W:enS, die Deutschland auf einige Tage vorgenommen habe, ser ein gefährliches Spiel in einem Monat, in den die Jahrestage fielen, die daran erinnerten, daß Oesterreich für den Frieden gefährlich werden könnte, wenn es sich der Führung Deutschlands überläßt.
fiMsreginims mtb Tarif ttböhurg
Berlin. 23. Juki. Die Reichsregrc- rung hat sich mit dem Antrag der Reichs- bahn-Eejellfchaft auf Tariferhöhung erneut befaßt. Sie ist der Auffassung, daß die bisher gegebenen Unterlagen nicht hinreichen, um die Notwendigkeit einer Tariferhöhung darzutun. Sie würde es vorziehen, wenn vor endgültiger Entscheidung dieser Frage, die so einschneidend für die gesamte Volkswirtschaft ist, di« weiter« Entwicklung der Reichsbahn-Einnahmen abgewartet würde. Da jedoch die Reichsbahn-Gesellschaft die Frage für geklart und die alrbaldige Ent'cheldung für geboten hält, erhebt die Reichsregierung keine Bedenken dagegen, daß die bestehende Meinungsverschiedenheit, ob und
in welchem Ausmaße eine Tariferhöhung ols notwendig zu cr'ckFen ist schon jetzt dem im Reichsbahngesetz vorgesehenen Reichsbahngericht unterbreitet wird.
Di« Montagssttznng des Reichskabinetts.
Berlin. 23. Juli. Amtlich wird mitgeteilt: Das Reichskabinett trat heute unter dem Vorsitz des Reichskanzlers zu einer Sitzung zusammen. Hierbei wurde vor dem Urlaubsantritt des Reichskanzlers und verschiedener Mitglieder des Kabinetts noch eine Anzahl laufender Angelegenheiten beraten und entschieden, deren alsbaldige Erledigung notwendig war. ,
Die nächste Sitzung des Reichskabinetts dürfte voraussichtlich in der Mitte des kommenden Monats stattfinden.
ff. Berlin, 24. Zuli. Reichskanzler Hermann Müller hat sich gestern abend zu einem 14tägigen Urlaub nach dem Schwarzwald begeben.
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Nachdem jetzt fv ziemlich sämtliche Mächte, an die Amerika die Einladung zur (Beteiligung an dem Kriegsächtungspakt gerichtet hat, sich in zustimmender Weife geäußert haben, wird in der Weltpresse bereits von dem Termin der Unterzeichnung des Paktes gesprochen. Es heißt, daß für dieses weltgeschichtliche Ereignis der 28. August dieses Jahres in Aussicht genommen sei, und es werden bereits alle Einzelheiten der Pakt- unterzcichnung, die ein besonders feierlicher Akt sein soll, erörtert Als Ort der Unterzeichnung ist Paris in Aussicht genommen. Es läßt sich im Augenblick noch nicht sagen, ob die Vermutungen, die über den Ort und den Tag der Unterzeichnung, die in der ausländischen Presse angestellt werden, im Einzelnen zurr essen. Bisher ist bei den Berliner zuständigen Stellen irgend eine Mitteilung über die Unterzeichnungsformalitäten noch nicht eingegangen. Sollte aber eine solche Anregung, die Unterzeichnung des Kellog- paktes in Paris vorzunehmen, tatsächlich ergehen, so würde deutscherseits wohl mit einer Zustimmung gerechnet werden können. Man kann nur der Hoffnung Ausdruck geben, Daß die Unterzeichnung des Paktes sehr rasch erfolgt. Denn wir erblicken in ihm ein außerordentlich wertvolles Werkzeug zur Verringerung der Kriegsgefahr. Wir geben unS ' dabei allerdings keiner Täuschung darüber hin, daß durch die Art, in der der amerikanische Vorschlag in den zuletzt überreichten Antwortnoten interpretiert wird, die Tragweite und praktische Bedeutung des Paktes unter Umständen stark eingeschränkt werden kann. Der in Berlin nach der ersten Ver
öffentlichung der französischen Antwort bestehende Eindruck, daß die französische Rote praktisch eine vorbehaltlose Zustimmung sowohl zu dem Vertrags text, wie zu der amerikanischen Interpretation des Vertrages bedeute, ist infolge der inzwischen erschienenen französischen Pressekommentars doch etwas stark abgeschwächt worden. Jedenfalls geben diese Kommentare Anlaß zu der Befürchtung, daß Frankreich sein altes Spiel, den Pakt umzudeuten und zu verbessern, noch immer nicht aufgegeben hat. Zu welchen Folgen das führen kann, darüber äußert sich in sehr interessanter Weife der diplomatische Gewährsmann, der „Münchener Neuesten Nachrichten": „Die deutsche Negierung", — so schreibt er — „muh sich wohl diplomatisch stark genug fühlen, einen Sieg der französischen Auslegung in der endgültigen Interpretation des Paktes verhindern zu können. Würde Frankreich mit seinen. Anschauungen letzten Endes durchdringen, — und zum mindesten wird es England auf seiner Seite haben — dann wäre ja dieser Pakt zur Aechtung des Krieges nichts anderes als das bis jetzt von Deutschland mit Erfolg verhinderte sogenannte „Genfer Protokoll", jene weitere und endgültige Garantie der Versailler Landkarte, noch dazu unter amerikanischer Beihilfe, also die Verewigung jenes kümmerlichsten aller politischen Zustande, den Staatsmänner je geschaffen haben, aus dem wohl ein europäisches Chaos entstehen konnte, auf dem sich aber niemals ein europäischer Friede aufbauen läßt." Es ist nur natürlich, daß die französischen Vasallenstaaten Belgien und Polen und voraussichtlich auch die Tschechoslowaken dabei Frankreich Handlangerdienste leisten. Daher auch der inhaltlich auf die französische These hinauslaufende Grundcharakter der belgischen und polnischen Note. Bei den bevorstehenden Schlußverhandlungen dürsten diese Tendenzen zweifellos eine Nolle spielen. Ob mit Erfolg hängt von der Haltung Englands ab.
Tie jetzt im Wortlaut vorliegende britische Note läßt deutlich erkennen, daß man in England beim Kriegsächtungspakt nur mit real- politischer Vernunft, keineswegs aber mit dem Herzen dabei ist. Don allem Anfang an hat man in England dem Paktgedanken mit sehr gemischten Gefühlen und mit einer Zurückhaltung gegenüberaestanden, die im wesentlichen auf den amerikanischen Flottenplänen beruht. Man ist dort der Ansicht, daß sich Vereinbarungen über einen allgemeinen Verzicht auf den Krieg nicht mit einem ständigen Weiterrüsten vertragen, aber der Knüppel liegt schließlich auch hier beim Hund, da man in England diese Ansicht zu einem guten Teil und nut aus dem Grunde hat, daß ein Ech:i:thasten mit den amerikanischen Flotten- plänen kaum noch möglich erscheint. Es sind über diesen Punkt recht offene Worte zwischen den beiden angelsächsischen Staaten diesseits und jensci s des Ozeans gewechselt worden und "mgn ist sich über die beiderseitigen Bestrebungen durchaus klar. Es ist durchaus nicht ausgeschlossen, im Gegenteil, sogar sehr