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»te ^Vberb-ssisch« Zeitung- tt- föeitit sechsmal wich-nllich. Bezugspreis monatlich 2 GM. aus- schließl. Zustellmigsgebühr, durch diePostL25 GM.Füretwa infolge Streik«. Maschinendefekt« oder elementarer Lreigntsie ausfallende Nummern wird kein Ersatz geleistet. Verlag v. Dr. §. Sitzervth, Druck der Unid.-Buchdruckerei 6. Zoh. Slug Koch. Markt 21/23, Fernsprecher: Rr. 54. u. Rr. 55. Postscheckkonto: Amt Frankfurt e. M. Rr. 5015. — Sprechzeit ter Redaktion ton 10—11 und
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Anzeiger für (das frühere kurhefsifche) Oberhessen
St. 155 63. Sehre. Marburg a. Laba
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Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg. *ssrzD
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Das MMmgramm der neuen RMsreMung
SotWge MaMuag brr RsfermzpuM — Alle MMmr wrrte» nur oeitrellt — MißlraurnSanlrae ter ftommiuiHten
Ein 33 Seiten langes Manuskript, eine 33 Seiten lange Detaillierung und schließ- .lich auch ein 33 Seiten langes Kompromiß, das in sich alles vereinigt, was gesagt werden konnte, ohne irgendwo, worauf es gerade ankommt, besonderen Anstoß zu erregen. Das ist die Regierungserklärung. Etwas weniger wäre hier entschieden mehr gewesen. Aber letzten Endes gibt es ja zwei Methoden, eine Regierungserklärung „keimfrei" auszugestalten: Entweder man hält sie ganz knapp oder man dehnt sie ins Uferlose aus bei geschickter Vermeidung all der heiklen Fragen, die strittig sind. Hermann Müller hat den letzteren Weg beschritten. Ueber Probleme, die im Augenblick noch* nicht akut sind, und die auch in den letzten Tagen noch nicht die Forderungen der einzelnen „Koalitionsparteien" bedingten, sprach er recht ausführlich. Ueber Fragen, deren glückliche Lösung überhaupt erst die Vorbedingung für eine breite Regierungsgrundlage, also für eine fruchtbare Tätigkeit des Kabinetts selbst wäre, äußerte er sich, wenn er dies überhaupt tat, nur recht vorsichtig und andeutungsweise. So waren-nur wenige Worte der Regierungserklärung dem Reichsschulgesetz gewidmet, und zwar nur Worte, die keinerlei Stellungnahme zu diesem kritischsten Problem erkennen ließen. So wurde die umfehdetste Angelegenheit des Panzerkreuzers (trotz stürmischer Zwischenrufe der Kommunisten) mit keiner Silbe erwähnt. So erklärt die neue Reichsregierung lediglich, daß die Frage der Beseitigung der Todes- stmfe bei der Aussprache über die Straf- rechtsresorm zu entscheiden sei, wobei sie es unterließ, mitzuteilen, in welcher Richtung sie die Entscheidung gefällt sehen wist. So begnügt sie sich mit der Feststellung, daß sie die vom Reichsrat be- ' lossene Initiativvorlage über den Verfassungstag unverzüglich beim Reichstag einbringen will. Wenn man solche Lücken in einer 33 Seiten langen Regierungserklärung zur Kenntnis zu nehmen hat, so wird man gerade angesichts der Tatsache, daß über andere Fragen sehr weitschweifig sich ausgesprochen wurde, zu der Gewißheit gedrängt, daß „Lücken" auch etwas Positives besagen können, nämlich die Tatsache, daß bis zu diesem Positiven das 33 Seiten lange Kompromiß noch nicht ganz ausgereicht hat.
Im übrigen lehrt der Wortlaut der Regierungserklärung, daß es für eine Partei zweierlei Sache ist, ein Programm in Oppositionsftestung aufzustesten und dieses gleiche Programm in verantwortlicher Stellung auch dann weiter zu vertreten. Die Sozialdemokraten haben in diesem von ihnen beeinflußten Wortlaut der Regierungserklärung recht viel Wasser in ihren früher noch so schäumenden Wein gegossen. Dies nimmt umso mehr Wunder, wenn man bedenkt, welch großes Uebergewicht die sozialdemokratische Partei im augenblicklichen Reichskabinett hat. Sind diese sanften Töne mit Rücksicht auf die Parteien angestimmt, die vielleicht einmal eine wirkliche Regierungskoalition schaffen können, so würde dies in einem seltsamen Kontrast zu dem Optimismus stehen, mit dem das Programm Müller schon jetzt und mit betonter Selbstverständlichkeit ein langjähriges Regime des derzeitigen Kabinetts prophezeit.
Ar MMinigteckiörim
Berlin, 3. Juli. Haus und Tribünen des Reichstages sind stark besetzt. Am Ae° gierungstische Reichskanzler Müller und die übrigen in Berlin anwesenden Minister des Kabinetts. Präsident Lobe eröffnet die Sitzung um 15 Llhr und teilt das Schreiben des Reichskanzlers über die Ernennung der neuen Reichsrcgierung mit Auf der Tagesordnung steht die Entgegennahme einer Erklärung der Reichsregierung.
Reichskanzler Müller
nimmt, von den Kommunisten mit höhnischen Zurufen begrüßt, sofort das Wort. Er führte u. a. aus:
Der Wahlkampf hat der Welt bewiesen, daß das deutsche Reich nach den schweren Rachkriegsjahren in eine Periode ruhiger und steter Entwicklung getreten ist. Die Fundamente des neuen Staates, der deutschen Republik stehen sicher und unerschütterlich. Entschiedenes Weiterarbeiten aus denn Wege des sozialen und politischen Fortschritts entspricht dem Willen, den das deutsche Volk bei der Reichstagswahl bekundet hat. Beruht die Reichsregierung auch noch nicht aus koalitionsmäßiger Grundlage, so hat doch ihre Zusammensetzung die Zustimmung der in Betracht kommenden Parteien gefunden. Sn der . - -.ys _>•' 7? i
Außenpolitik \
werden wir an der bisherigen Grundlage, dem Willen zur friedlichen Verständigung, unter Verzicht auf den Gedanken der Revanche, festhalten. Dabei werden wir das Ziel weiter verfolgen, Deutschland eine gleichberechtigte Stellung unter den Rationen zu sichern und in ausrichtiger Zusammenarbeit mit den anderen Regierungen auf die politische und wirtschaftliche Konsolidierung Europas hinwirken. Die Reichsregierung ist von unserem wohlbegründeten Anspruch auf sofortige
Befreiung der noch besetzten Gebiete überzeugt. Wir müssen jedoch feststellen, daß die Besatzungsmächte aus der politischen Entwicklung der letzten Sahre die gegebenen Schlußfolgerungen noch immer nicht gezogen haben: nur noch IV2 Sahre trennen uns von dem für die Räumung der zweiten Zone vorgesehenen letzten Dertragstermin. Bliebe die Räumungsfrage einfach dem Zeitablauf überlassen, so wäre damit eine bedeutsame Gelegenheit versäumt, die Politik der Verständigung in die Tat umzufetzen, obwohl alle Voraussetzungen dafür gegeben wären.
Es muß endlich diese aus der Kriegs- zeit dastehende Schranke niedergelegt werden,
die der Begründung eines wirllichen Vertrauensverhältnisses zwischen den Völkern im Wege steht. Wir erwarten auf das Bestimmteste, daß dieser Gesichtspunkt nunmehr auch von den an der Besetzung beteiligten fremden Regierungen gewürdigt wird. Wir erwarten auch, daß bei ihnen jeder von anderer Seite unternommene Versuch, den Sachverhalt durch das unberechtigte Hineinziehen anderer Probleme zu verwirren, vergeblich bleiben wird. Das Räumungspwblem ist einfach und llar. Es bedarf nur des guten Willens, um es zu lösen. Der treuen Bevölkerung an Rhein und Saar entbieten wir unseren herzlichsten Gruß. Wir werden ihrer Wirrschaftsnot unsere besondere Aufmerksamkeit widmen. Sm Völkerbund, an dessen Aufgaben wir loyal Mitarbeiten wollen, sehen wir einen der wichtigsten Faktoren des internationalen Lebens und damit auch der Förderung der nationalen Sntereffen. Wir sind entschlossen, an allen Aufgaben, die in Genf zu lösen find, loyal mitzuarbeiten. Sm Vordcr- unseres Interesses steht dabei die
der
allgemeine Abrüstung.
Die Entwaffnung Deutschlands ist bis zum letzten Ende durchgesührt. und kein Staat soviel für die allgemeine Sicherheit getan wie Deurfchland. Das beweisen die Verträge von Locarno, unsere zahlreichen Schiedsverträge, die Annahme der Fakaltativklausel des Welt- gerichtshols und unsere ak ive Mitarbei! im Genfer Sicherheitskomitee. Deutschland ist der erste Staat gewesen, der dem neuerdings von den Vereinigten Staaten von Amercka vor
gelegten allgemeinen Pakt zur Archtung des Krieges ohne Vorbehalt zugestimmt hat Alles das gibt uns das Recht und b»e Pflicht, mit allem Rachdruck die Forderung zu erheben, daß jetzt endlich mit der Durchführung der allgemeinen Abrüstung Ernst gemacht, und daß der sehnlichste Wunsch der Völker, die durch den furchtbaren Krieg gegangen sind, erfüllt wird. Die Welt muh sich darüber klar sein, daß es auf die Dauer ein unmöglicher Zustand ist, daß ein großes Lcknd wie Deutschland einseitig abgerüstet sich inmitten von Ländern befindet, die bis an die Zähne bewaffnet sind. e
Don entscheidender Bedeutung für die gesamte Wirtschaft und Finanzlage Deutschlands auf lange Sahre hinaus ist
dis Reparationsfrage.
Deutschland hat nach dem Sachverständigen- plan feine Verpflichtungen regelmäßig und pünktlich erfüllt. Die Sachverständigen selbst aber haben diesen Plan nur als vorläufige Regelung bezeichnet. Seht ist die Entwicklung weit genug fortgeschritten, um die Ueberzeugung zu festigen, daß die baldige Herbeiführung der Endlösung nicht nur wünschenswert, sondern auch möglich ist. Der Erfolg hängt davon ab, daß auf dem Wege gegenseitiger Verständigung nach den Me- thodrn einer vernünftigen Wirtschaftspolitik und selbstverständlich unter Sicherung einet angemessenen Lebenshaltung des deutschen Volkes borgegangen wird.
In der
Innenpolitik
erfordern die Ausführung des Sachvev- ständieenplans, der Wiederaufbau der Weltwirtschaft und eigene Interessen der deutschen Volkswirtschaft gleichermaßen Erleichterung und Pfleg« des Handelsverkehrs. Die Reparationszahlungen können auf die Dauer nur aus wirklichen Ueber» schüssen der deutschen Wirtschaft geleistet werden. Die Reichsregierung wird alle Bestrebungen zur weltwirtschaftlichen Verflechtung der deutschen Volkswirtschaft unterstützen, um die deutschen Wirtschaftskräfte zu stärken. Sie nimmt die vorbehaltlose Anerkennung der Ergebnisse der Genfer Weltwirt- wirtschaftskonferenz durch die bisherige Reichsregierung auf. Sie wird sich insbesondere für die
Senkung der Zolltarife durch internationale Vereinbarungen
einsetzen. Die Re ich sreg ier u ng sieht Handelsverträge mit den östlichen und südöstlichen Staaten als eine we'entliche Aufgabe an. Sie begrüßt, daß Verhandlungen mit Oesterreich eingesetzt staben und wird auch den Weg autonomer Mas-nastmen auf dem Gebiete des Zvll>- tarifs be'chreiten. Wichtig für Ausfuhr und Sicherung eines angemessenen Real- lostnes der werktätigen Bevölkerung ist die Vreisgesta'tung auf dem Inneren Markt. Zu ihrer Beeinflussung muß die Leitung eünes Staatswesens den unbedingt nötigen liest erb lick und
Einblick in die Kartelle, Trusts und ähnlichen Organisationen
staben. Füii diejenigen Fälle, tn denen eine Gemeinschaftsarbeit nicht zu erzielen ist, bedarf die bisherige gesetzliche Grundlage einer Ergänzung, die der Regierung die notwendige' Kontrolle sichert und Möglichkeiten gewästrt, sachverständige Feststellungen darüber treffen, ob die Tendenz dieser Gebilde dem allgemein,m wirtschafrlichen Fortschritt zu dienen, geeignet ist. Mit besonderer Sorgfalt verfolgt die Reichsregierung die Verhältnisse im Steinkohlenbergbau. Durch organische Weiterentwickelung sollen die günstigen Bedingungen zur Hebung des Absatzes geschaffen werden. Besonders an- ge.egen sein lassen wird sich die Rei/chs- regierung den Schutz und die Förderung der mittelständigen Kreise. Durch alsbaldige Vorlage der Handwerkernvvelle sollen wichtige Organisationsfragen qe- regelt und die genossenschaftlichen Selbsthilfeeinrichtungen von Handwerk und Gewerbe tatkräftig gefördert weiden. Der Bedarf an QualitätSar beiter n wird durch um- I fassende gesetzliche Regelung der Berufs- I
ausbildung des Nachwuchses sichergestellt werden. Die Gleichberechtigung der Arbeft- nehmer in Wirtschafts- und Sozialpolitik soll gefördert werden. Eine der wichtigsten und ernstesten Aufgaben des Mlgemeinen! Reichswirtschaftsrates wird es sein, Vorschläge zur weiteren Ausführung VeS Artikels 165 mit dem Ziele einer
steigenden Mitbeteiligung der Arbeitnehmer an der gesamten wirtschaftlichen Entwicklung der produktiven Kräfte
zu beraten. Auch in den, deutschen Grenz gebieten, die infolge ihrer Lage einer Reiche weiterer Schwierigkeiten ausgesetzt und daher erhöhter Fürsorge bedürftig sind, muß das geschehen. Di« Wiederherstellung vor Rentabilität der >
Landwirtschaft
ist im Interesse eines gesunden Aufbaues des deutschen Volkes unumgänglich notwendig. Deshalb sollen Maßnahmen des Reiches zur Förderung der Bodenveibesse- rung und Hebung der technischen Grunw- iagen der landwirtschaftlichen Erzeugnisse fortgesetzt werden, ebenso alle Mittel zur Steigerung der Erträge und zur Verbesserung der Markt- und Absatzverhältnisse. Hier müssen die übermäßigen Schwankungen dev-Brey-, Getreide -und Kartoffelpreise ausgeschaltet werden. Di« Reichsregierung wird die Zersplitterung des landwirtschaftlichen Genossenschaftswesens bekämpfen. Die Umwandlung der kurzfristigen in langfristige Verschuldung und die Senkung der Zinssätze wird angestrebt. Nachdrücklich soll die Siedlung insbesondere" durch Beschaffung von Dauerkrediten gefördert werden. Inder
Sozialpolitik
beabsichtigt die Reichsregierung die Ratifizierung des Washingtoner Abkommens über den Achtstundentag. Der Entwurf eines Er- beitsschutzgesetzes soll alsbald vor den Reichstag kommen und zu seiner Ergänzung ein Dergarbeitergesetz. Unerläßlich ist eine einheitliche Ausgestaltung der Behörden der Arbeitsaussicht unter einer fachlichen Zentralbehörde und bei Beter- teiligung der Arbeitnehmer im Interesse eines wirksamen Arbeitsschutzes. Recht- zeiftg vor dem Winter muh die Frage der Stellung der Arbeiter in der Arbeitslosenversicherung geklärt werden. Die Dauer der Krisenunterstützung für ältere Angestellte und Arbeiter soll verlängert werden. Dem Mangel an Arbeitskräften auf dem Lande soll entgegengewirkt werden. Die Reichsversicherung soll einfacher, wirtschaftlicher und ertragsfähige gemacht werden. Das Los der Kriegsbeschädigten und Kriegerhinterbliebenen zu bessern, entspricht dem einmütigen Empfinden des deutschen Volkes. Auch die segensreichen Einrichtungen der öffentlichen Wohlfahrtspflege sollen weiter gefördert werden. Die Reichsregierung wird die Kleinrentnerhilfe auf eine von dem Ermessen der örtlichen Fürsorgestellen unabhängigen gesetzlichen Grundlage stellen.
Die Wohnungsnot
veranlaßt eine besondere Fürsorge für die Erhaltung des Ältwohnraums und den Bau neuer Wohnungen, wobei die Bedürfnisse der minderbemittelten Kreise der kinderreichen Familien, sowie der unmittelbaren Kriegsopfer hervorragend zu berücksichtigen sind. Die Reubaumieten sollen auf erttäglicher Höhe gehalten werden, u. a. durch Lßbwehr ungerechtfertigt ansteigender Wvhnpreise und rattonelle Gestaltung des Bauwesens.
Eine furchtbare Arbeit auf dem Ge- bite der Auhenwittschaft und Sozialpoli- tif ist nur möglich auf dem Fundament eines festen Staatsgefüges, dessen Grundlage
die Weimarer Verfassung
ist. Es ist die vornehmste Aufgabe der Reichsregieruna. auf dieser Grundlage f