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Anzeiger für (das frühere knrhessifche) Oberhessen

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Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.

Die neue Regiemus vor -em Reichstag

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fk. Berlin, 3. Juli. Am heutigen Dienstag, 3 Uhr, wird der Reichskanzler ZHülIer sein neues Kabinett mit einer pro­grammatischen Erklärung vorstellen. Die neuen Minister werden mit Ausnahme des Reichsaußenministers vollzählig an dieser Sitzung teilnehmen. Die Regierungser­klärung ist entgegen der ursprünglichen Ab­sicht sehr ausführlich und dürfte fall eine Stunde in Anspruch nehmen. Sie wird fast alle politischen fragen berühren, die bei den interfraktionellen Besprechungen über die Regierungsbildung eine Rolle ge­spielt haben.

Am Mittwoch wird dann die große politische Aussprache beginnen, die voraussichtlich am Freitag geschlossen wird. €s werden zwei Redner-Garnituren zu Morte kommen.

Der vorwärts" gibt einer längeren Mitteilung des sozialdemokratischen Presse­dienstes über die Regierungserklärung Raum. Es wird darin unter anderem ge­sagt: Die Fragen der auswärtigen Politik, -er Sozialpolitik, der Landwirtschaft, des Mittelstandes, der Finalen und Steuern werden eine recht ausführliche Behandlung siuden. Gs wird gesprochen werden von der Reform der Staatsverwaltung, der Ab­änderung des Mahlsvstems im Sinne einer Verkleinerung der Kreise unter Aufrecht? erhaltung des Verhältniswahlrechts. Die Vorlegung des vom Reichsrat verabschiede­ten Gesetzentwurfs über den Nationalfeier­tag wird angekündigt. Der Munsch nach Ab­schaffung der Todesstrafe wird zum Aus­druck gebracht. Schließlich wird auch mit der durch die Verhältnisse gebotenen Rück­sicht ein mit den Grundsätzen der Ver­fassung im Einklang stehendes Schulgesetz in Aussicht gestellt, wobei sich freilich wohl alle Beteiligten darüber im Klaren sind, daß es gute Meile haben wird, bis eine solche Vorlage an das Parlament gelangt. Die Regierung betrachtet sich nicht als ein Pro­visorium oder als ein Kabinett auf Ab­bruch; sie ist entschlossen zu leben und lange zu leben. Sie setzt sich Ziele, die nur er­reicht werden, wenn ihrem Dasein eine ver­hältnismäßig lange Frist gegeben wird. Das hindert natürlich nicht, daß sie an der Ab­sicht festhält, zu gegebener Zeit ihre Grund­lage durch eine festere und nach außen in die Erscheinung tretende Verpflichtung der­jenigen Parteien zu verstärken, die sich heute noch nicht als eigenttich „gebunden" be­trachten. Die Regierung muß das Ver­trauen des Reichstages haben, ob sie dabei aus dem Mort vertrauen" besteht, oder ob sie sich mit einer Billigung ihrer Er­klärung $ufrieben gibt, ist für die Praxis von verhältnismäßig untergeordnetem Be­lange. Billigung und Vertrauen öffnet den Meg zur Aufnahme der eigentlichen Re- Srerungstätigkeit.

♦

Nachdem am Samstag Dr. Mirth seine Ansicht über die Verhandlungen zur Re- Eisbildung und die Stellung des ms geäußert hat, ergreift jetzt der ebnete Stegerwald das IDort, rnn die Beweggründe des Zentrums in den verschiedenen Stadien der Verhandlung zu begründen. Stegerwald stellt fest, daß die fraktionsgebundene Große Koalition an der Deutschen Volkspartei gescheitert sei. In der Frage der Besetzung des Reichs- eniährungsministeriums durch die Zen­trumspartei sei die Mehrhett der Fraktton

als den „einzigen polittschen Kopf" in der Zentrumspartei hingestellt habe und daß jetzt der angeblich einzige politische Kopf des Zentrums unter Mitwirkung der Lin­ken von der Teilnahme am Kabinett aus- geschaltet worden sei.

»reitscheid zum „Fall Wirth-

Rudolf Breitscheid schreibt in einem „Der Fall Mirth" überschriebenen Artikel, daß die ganze Entwicklung der Verhand­lungen bei der Regierungsbildung und ihr Ausgang jeden ehrlichen Republikaner tief betrüben müßte. Ls sei eine Kluft geschaf­fen zwischen zwei Parteien, die gemeinsam der Republik die besten Dienste hätten leisten können, und eine tiefe Verstimmung sei ent­standen insbesondere zwischen der Sozial­demokratie und Dr. Mirth. Indem sich

anderer Meinung als der Vor­stand gewesen, was bei jeder Partei vor­komme. Das Zentrum habe eine Regierung schaffen wollen auf einer Grundlage, die die denkbar größte Gewähr für einen möglichst langen Bestand bieten konnte. Es sei aber anders gekommen, weil die der Zentrums­partei zugedachte Rolle in dem „Kabinett der Persönlichkeiten" eine unwürdige ge­wesen sei. Menn das Zentrum die Dinge nicht auf die Spitze getrieben habe, so sei das lediglich aus außenpolitischen Gründen geschehen. Das Spiel der letzten Tage habe sich in der Tat weitgehend um Dr. Mirth gehandelt, der mit der Zentrumspartei seinen Frieden gemacht habe. Der Führer­streit gehöre der Vergangenheit an. Man stehe jedenfalls vor der tragischen Komik, daß die Linke jahrelang f?errn Dr. Mirth

Meder eine politische Rengriindnng

Ser Ägnatlenole W

Wie der „Börsenzeitung" zufolge verlautet, hat sich ein grosser Ärets von rechtsstehenden Politikern gebildet, der demnächst möglicherweise unter dem Namen „Jung-nationaler Ring" vor die Oeffentlichkeit treten will. Zu den internen Vorgängen bei der Deutschnatio­nalen Volkspartei geht dem Blatt aus die­sem Kreise eine Zuschrift zu, in der es heisst: Nicht um Republik oder Monarchie geht es, sondern um Aufstteg oder Stag­nation. Wir bekennen uns zur Republik, weil wir aus ihr ein neues grosses Deutschland hervorgehen lassen wollen.

Das monarchische Problem ist gegen­über dem Hauptersordernis, den Staat zu starken und die Ration zu einen, gar nicht aktuell.

Wenn wir der Deutschnationalen Bolks- partei zu dem Kampf der Lambachs und Everlinge einen Rat geben dürfen, so ist es der: Dem Vorschlag Lambachs

„gleiches Recht für Monarchisten und Republikaner in einer konservativen Partei»

zu willfahren, was furchtbar einfach ist, weil solche Parität ja praktisch längst besteht.

Wiederwahl Westarps.

Berlin, 2. Juli. Von der Deutsch- nationalen Volkspartei wird folgendes Communiquä ausgegeben:

Die Reichstagsfraktion der' Deutsch- nationalen Dolkspartei hielt am Montag, dem 2. Juli, vormittags eine Sitzung ab,

die bis in den späten Nachmittag dauerte. Gegenstand der (Erörterung

der politischen Aussprache war der in der „Politischen Wochenschrift" veröffentlichte Aussatz „Monarchismus" des Abg. Lam­bach, sowie die Neuwahl des Fraktions- vorstandes. In der Angelegenheit Lam- bgch wurde folgende Entfchietzung ange­nommen:

„Die Deutschnationale Reichstagssrak- tiou behandelte in der heutigen Sitzung u. a. den Artikel Monarchismus, den der Abg. Lambach in der „Politischen Wochen­schrift" verössentlicht hat. Es lag eine Erklärung des Abg. Lambach vor, wonach er mit seinem Artikel die Absicht verfolgt habe, als überzeugter Monarchist und im vollen Einklang mit dem deutschnatio­nalen Parteiprogramm die Wer­bung für den deutschnationalen Gedanken zu fördern. Die Fraktion ist der Heber- zeugung, dass der fragliche Artikel für die­sen Zweck ungeeignet ist und missbilligt die Form nnd den Inhalt."

Das Ergebnis der Wahl des Fraktions­vorstandes war folgendes: Zum Vorsitzen­den der Fraktion wurde Graf Westarp wiedergewählt, als stellv. Vorsitzende wur­den Abg. Dr. Oberfohren und von Lin- deiner-Wildau gewählt. Die Führung der inneren Geschäfte der Fraktion wurde, wie bisher, Geheimrat Schultz-Bromberg übertragen. Graf Westarp und die Stell­vertreter nahmen die Wahl unter lebhaf­tem Beifall der Fraktion an.

Mirth in einen Kampf um f eine äußere Ehre begab, habe er feinen Ruf aufs Spiel gefetzt. Es habe niemanden in der Sozialdemo­kratischen Partei gegeben, der nicht drin­gend gewünscht hätte, diesen Streiter für die republikanische Verfassung auf der Re­gierungsbank zu sehen. Mirth habe sich, Stimmungen und plötzlichen Eingebungen nur allzu jugänglkb, weiter vorgewagt, als ruhige Ueberlegung es ihm erlaubt haben würde. Der Moment sei gekommen ge­wesen, um Munsche und Ansprüche, die die Sozialdernokratte mit Dr. Mirth und seinen engeren Anhängern gemeinsam hegte, zu verwirklichen, und in dieser Stunde habe sich

Dr. Mirth selb st ausgeschaltet. Man könne nur hoffen, daß die Verstim­mungen der letzten Tage vorübergehen. Voraussetzung allerdings sei, daß der Un­ruhige sich auf sich selber besinnt, und zu­gleich Distanz von solchen Ratgebern ge­winnt, deren Uneigennützigkeit nicht über jeden Zweifel erhaben zu sein scheint.

-ugenberg gegen Dr. Luther

Berlin, 2. Juli. Geheimrat Au­ge n b e r g wendet sich in einem Brief an einen Mrtschastsführer, der ihm von der Arbeit de« von Reichskanzler a. 5>. vr. Luther gegründeten Bunde« zur Er­neuerung des Reiches berichtet hatte, ge-

(Soitlettne siede Seite 2.J

SoMte

Er ist gerettet der Mark», der fe'injl auszog, den Nordpol zu erobern, dem zwo« bre Tat nicht gelang, aber zum minde­sten dos- Eine: daß eine ganze Welt sich monatelang mit ihm, besser gesagt» nüz bem waS er anrichtete, beschäftigte. So­lange der italienische General rn ’bee ElSwüste des Polarmeeres verschollen blieb, solange er In der bitteren Kälte der Arktis in Not und Ungewißheit übe« Schicksal und Rettungsmöglichkeit an daß Seite der Unglücklichen, die ihm Gefolgschaft geleistet haben, verharrte, Iolangß fernem persönlichen Pech daS Tragische noch nicht abgesprochen werden konnte, — so lange schwieg man auch, schonte man seinen Namen, verzichtete man aus Kritik, weis eben Nobile noch kämpfte um sein nackte« Leben und vielleicht auch um das Leben der Treuen, die um ihn waren.

Der ttalienische General Nobile ist ge- rettet worden. Er, nur eil allein. Er allein von einer Mannschaft, bte auSzog, den Nordpol zu erobern. In der AnktÄ auf einer Eisscholle treibt noch heute da« Wenige, was übrig 6ließ von den Hoff, nungen und Erwartungen, die ganz Italien am Tage des Starts der Italia" hegte. Auf einer kleinen Eisscholle das fearj einer zerborstenen Motorengondel, fünf bi« sechs Menschen enter einst stattlichen Mann­schaft und der Mann, der äjn, Genera« Nobile, rettete, um dann seinen Platz al« Schiffbrüchiger auf der Eisscholle einzu­nehmen. DaS sind einige raufte Tatsachen, Sie finden sich, ohne daß man viel htz.li- zuzusetzen braucht, zu einer Heldenmär. Die Mär trägt nicht den Namen Nobile. Es sind rund vierzehn Tage her, da startet» Norwegens erfolgreichster, kühnsten, ver- göttersier Forscher zu einem Deisuch, Nobile zu retten. Don ihm und seinen Helfern hat man nichts mehr gehört. Aber Nobile tft gerettet. Auch diese wenigen nackten Tat­sachen, die sich zu einer Heldenmär sinder«. Aber sie heißt Amundsen.

Auf dem italienischen Schiffe „Cftta bt Milano" sitzt wohlgeboraen em Mann, de» schöne und wohlgedrechselte TelegramipH zu verfertigen versteht und mit dtthhramst» scheu Schwünge derer gedenkt, die er bet« lieft, weil er eben der — Führer warf Gleichfalls Tatsachen, die eine Mar künden. Eine solche Mär nennt man Nobile.

Genug von dieser Mär! Die ist dch persönliche Angelegenheit des Mannes, de» monatelang eine ganze Welt beschäftigt^ Es gibt mutige Menschen, es gibt Menscher» mit Verantwortungsgefühl und Pflichtemp­finden. Wie es eben Menschen gibt, bte solche EHerrschaften nur weniä oder über­haupt nicht besitzen. Im Grunde ge­nommen ist es ja auch für die Tragödie der Italia" ganz gleichgültig, wie sich der Mann, der als einziger bis jetzt aus der Katastrophe sich retten konnte, verhalt.

Aber die Sttandung der „Italia", des jetzt zur Gewißheit gewordene Verlust einiger Menschenleben, das Derschollenseu, eines Amundsen» die täglichen Gefahren der vielen Tapferen, die heute noch rettest wollen, alles Ereignisse, bte trt einem ein­zelnen Zusammenhang stehen, sind zu­sammengenommen eine Katastrophe. Wenn ein Unglück passiert, so forscht man nach der Schuld oder nach dem Schuldigen. Wo liegt die Schuld, wer ist der Schuldige bei Italia-Tragödie?

AIS Amundsen, über dessen Schicksal eine ganze Welt bangt, noch nicht das Flug­zeug betreten hatte, das ihn ins Unbekannt trug, da hat er sich verpflichtet gefühlt einiges über die Eignung, FSbjgkeUiera und Mechoden NobrleS zu sagen, den er f« schließlich genau kennen mußte, da er ihn, Begleiter auf einer früheren Expedition war. DaS Urteil Amundsen« über ben italienischen General war vernichtend, s» vernichtend, daß man fast bedauerte, vo» diesem Werturteil in einem AugenblM Kenntnis nehmen zu müssen, wo der Ge­richtete noch zwischen Tod und Leben bangte. Aber das Urteil bleibt bestehen. Ebenso wie manches andere, was man vo» der Unzweckmäßigkeit und dem DklettanttO» muS der ganzen Nobile-Expedition »eil Man wußte es, noch bevor die »Iraki«* (tariere, daß hier ein Luftschiff «twak volld bringen sollte, zu "bem e» nicht geeignet war. Man wußte, daß der Führer die st« Streifzugs inS Polarmper vielleicht mj Rahmen dgx italienischen Armee eine zweck­entsprechende Kraft war, daß er a&w aÜ