Montag, ten 2.8lllt 1928
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Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
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KolmarüS letzter Sieg
Es lassen sich zwischen den Verhältnissen der französischen Kammer und der augenblicklichen Situation im deutschen Reichsparlament gewisse, sehr in die Augen fallende Parallelen ziehen. Lite die sozialdemokratische Regierung Hermann Müller in Deutschland nicht auf Grund einer Bindung an eine Koalition auf eine unbedingte Mehrheit unter allen Umständen im Reichstag rechnen kann, so ist auch das Kabinett Poincarö gezwungen, in schwerwiegenden Fragen sich die verfassungsmäßig notwendige Mehrheit erst zu suchen. Die letzte Abstimmung in der französischen Kammer wird diese Tatsache nur bestätigen. Die Radikalsozialisten, gewissermaßen der Drehpunkt des Machtverhältnisses, haben zwar in der Schlußabstimmung über die Vertrauens- Kundgebung für Poincarß votiert. Aber sie haben durch ihren Wortführer Dala- dier ausdrücklich erklären lassen, daß ihre Stimmenabgabe für die Regierung nur sich aus dem Wunsche ergebe, es im Augenblick nicht auf eine Kabinettskrise ankommen zu lassen. Ihr Verhalten könne daher keineswegs so gedeutet werden, als ob die Partei mit allen Punkten der Regierungserklärung einverstanden sei, oder daß sie entschlossen wäre, ein festes Abkommen mit den Kreisen des Parlaments zu schließen, die sich von vornherein unbedingt hinter die Negierung Poincarös stellen. Der immerhin beachtenswerte Erfolg den sich PoincarS mit dem Ergebnis der Absümmung holte, ergibt sich aus der großen Geschicklichkeit und der routinierten Taktik, mit denen er h. seiner Rede unmittelbar vor dem Gang zur Urne die bestehenden Schwierigkeiten zwar nicht beseitigte, aber doch so kaschierte oder vertagte, daß sie nicht unbedingt zur Grundlage eines Mißtrauensvotums durch feine Gegner genommen zu werden brauchten. Die Erklärungen Poinearss zur elsaß-lothringischen Krise kommen, wenigstens gefühlsmäßig, den Wünschen der Bevölkerung in den „eroberten Provinzen" entgegen. Der französische Ministerpräsident vermeidet es zwar äußerst offenkundig, die feste Absicht einer Begnadigung der beiden beurteilten elsässischen Abgeordneten, Rick- lin und RossS, offiziell zu notifizieren. Hier versteckt es sich etwas hinter Formalitäten, die rein rechtlicy und verfassungsmäßig nicht abaestritten werden können: „Solange das Apellationsgericht nicht gesprochen hat", so erklärte Poincarö, „ist die Regierung gebunden. Aber wenn die Justiz ihr letztes Wort gesprochen hat, wird der Bevölkerung des Elsaß gezeigt werden, welche Schätze der Dankbarkeit und Güte Frankreich besitzt." Sinnge- wäß lassen sich diese blumenreichen Worte nicht anders ausdeuten, als daß das Kabinett entschlossen ist, nach dem Spruch des Kassationshofes die beiden elsässischen Abgeordneten zu begnadigen. Angesichts der erraten Stimmung in Elsaß-Lothringen uno des peinlichen Eindrucks, den diese ganze Affäre im Ausland ausgelöst hat, ist es auch anzuneh- men, daß die französische Regierung dieses allerdings ganz unverbindli-be Versprechen erfu.en wird. Ob sie aber mit der Begnadigung der beiden Abgeordneten die tiefe Mißstimmung im Elsaß mit einem Schlag zugunsten der Regierungspolitik beseitigen wird, ist wohl kaum an- zunehrnen. Mit dem Abstimmungsergebnis dürfte Poincarö zwar für die nächste Zeit sein Kabinett gerettet haben. Aber da aus den Erklärungen der Radikalen bervorgeht, daß sie im SSerbft ihre alten Wünsche wieder zur Sprache bringen werd'n, so kann dieser letzte Kammersieg PoinearSs auch n-r als eine Vertagung der ganzen Schwierigkeiten auf eine engbefrestete Zeit angesehen werden.
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Warschau, 30. Juni. Marschall Pilsudski erteilte heute einem Teil der polnischen Presse das angekündigte Interview, in dem er sich über die Gründe äußerte, die ihn bewogen, die Ministerpräsidentschaft an Dr. Bartel ab- zuaeben: Der Marschall sparte hierbei nicht mit überaus scharfen Angriffen gegen das polnische Parlament, deren Dra- tik alles bisher von ihm Gehörte überbot. Er hätte Urlaub nehmen können, ohne zurückzutreten, so versicherte der Marschall am Eingang seiner Unterredung, und sein Gesundheitszustand wäre es nicht gewesen, der ihn veranlaßt hätte, die Ministerpräsidentschaft abzugeben. Hingegen habe er deshalb demissioniert, weil er den Posten eines Regierungs- lefs, wie er in Polen verfassungsmäßig umgrenzt sei, nicht mehr länger habe ertragen könne.
Pilsudiski beschwerte sich dann darüber, daß die polnische Verfassung
dem Staatspräsidenten zu wenig Macht lasse. Er dürfe sich nicht einmal Diener und Dienstmädchen selbst wählen. Man könne sagen, daß die pomiMie Verfassung den Staatspräsidenten niederträchtig behandele, wie niemand in der Wei: mit, "ttter Geliebten umgehe?
Nachdem er den Befreiungskrieg für Bolen geführt habe, müsse er Polen sich "lbst überlassen. Damals habe er sich ge- -fragt, ob er das Parlament nicht wie eine Schar von Dirnen auseinandertreiben und mit seinem Fuß zertreten solle, oder ob er den anderen Weg wähle und Polen sich selbst überlassen sollte. Hätte er den ersten Weg eingeschlagen, so wäre Polen nicht genötigt gewesen, die Vorgänge des Mai 1926 zu erleben.
Der Regierungschef sehe nach der polnischer Verfassung allmächtig aus. Doch diese Allmacht habe auch ihre Schattenseiten. Wenn er alle Pflichten des Kabinettschefs erfüllt und nicht einen Teil der Arbeit Dr. Bartel überlassen hätte, so hätte er in Polen überhaupt nichts erreicht. Pilsudiski erklärte sodann, daß das Amt eines Ministerpräsidenten deshalb so schwierig sei, weil die Hauptaufgabe dieses Herrn darin bestehe, die Findlinge zu wiegen, die ihm alle anderen zu- chöben.
Die Hauptarbeit der Minister bestünde in der Erledigung von formalen
Kleinigketten.
Die Allmacht des Ministerpräsidenten oebe unter in einer Flut von Papieren. Besonders schwierig sei es hier in Polen wegen der hier herrschenden Leidenschaft zur Protektionswirtschaft, die aus dem
Ministerpräsidenten einen Winkeladvokaten machen wolle. Deshalb sei ihm auch sein Amt so verhaßt geworden.
Wenn er sich nicht so beherrscht hätte, so würde er nichts Anderes getan haben, als die Herren Abgeordneten in einem fort zu schlagen und auf ihnen herumzutreten wegen ihrer Arbeitsmethoden. Da die Herren Abgeordneten bei ihren Arbeiten vollständig unbillige Methoden anwendeten, so könne er dies weder an- >hen noch anhören. Er selbst so versicherte der Marschall, sei auch ein Redner.
Aber wenn er wochenlang reden sollte, so würde er sich als gemeinen Fetzen betrachten. Die Abgeordneten aber redeten Monate lang. Dabei benähmen sie sich, als ob der Sitzungssaal ein Wirtshaus wäre.
■ Spreche einer, so gingen 50 im Saale herum, 40 redeten miteinander 100 erzählten sich Anekdoten;
nur die Herren Minister müßten sich anständig benehmen, während die Herren Abgeordneten brüllten, kurz, sich M U__Lch roeitu _ benehmen
dürften.
Dazu hätten die Minister noch die Pflicht, dem Parlament gegenüber Ehrfurcht zu zeigen.
Pilsudski erklärte sodann, daß er persönlich als Diktator Polens das Parlament einberufen und es verfassungsmäßig behandelt habe, obwohl er es wie einen Wurm hätte zertreten können. Als der dritte polnische Landtag neuerdings seine Arbeiten begonnen hätte und die Methoden fortgesetzt habe, habe er vor der Möglichkei gestanden, entweder in Polen ein neues Recht zu schaffen oder zu demissionieren. Er habe das letztere gewählt und dem Herrn Staatspräsidenten geraten, außer ihm und Dr. Bartel noch andere Leute auszuwäblen, die abwechselnd die schwere Arbeit aushalten könnten. Pilsudiski räumte aber ein, daß er sich in Krisenzeiten gern dem Staatspräsidenten zur Verfügung stellen wolle.
Am Schluß feiner Unterredung erklärte der Marschall, daß die Richtlinien der internationalen Politik Polens weiter von ihm angegeben werden würden.
Während die Pilsudskipresse die Rede des Marschalls ohne weiteres erhielt, wurde den anderen Blättern die Rede pur gegen Geld und die Versickerung, Paß die Rede auch mit allen Kraftaus- drücken gebracht werde, ausgehändigt.
Sagung bet Liberalen MMMgNlg
Berlin, 1. Juli. Unter zahlreicher Beteiligung fand am Sonntag im Plenarsaal des Reichstags eine Tagung der Liberalen Vereinigung statt. Auf der Tagung waren zahlreiche führende Mitglieder der liberalen Bewegung erschienen; auch Reichswehrminister Groener war anwesend. Der Vorsitzende, Dr. August Weber, begrüßte die Versammlung und sprach seine Freude über die Tagung aus, die dazu bestimmt sei, dem Liberalismus wieder einen neuen Ausblick zu eröffnen. Geheimrat Professor Dr. Kahl teilte darauf mit, daß er ein Telegramm von Dr. Stresemann erhalten habe, der den Versammelten die herzlichsten Grüße bestelle. Tr. Kahl fügte hinzu, er sei gewiß, diesen Gruß in aller Namen zurückgeben zu dürfen mit den Wünschen baldiger Wiederherstellung und
völliger Genesung Dr. Stresemann, der für unfer Vaterland unersetzlich sei. Darauf erklärte Professor Dr. Kahl, eine vollkommene Lösung des Problems der Liberalen Vereinigung könne nur in der Wiederherstellung einer großen deutschen liberalen Partei mit parlamentarischer Einheitsfront gefunden werden. Die Voraussetzungen hierfür seien bei dem Widerstand beider zunächst beteiligten Parteien noch nickst gegeben. Umsomehr gelte es, die Hemmungsgründe zu beseitigen. Der Liberalismus erstrebe die Anpassung der politischen Mittel an die durch die je- roewqen Zettverhältnisse herausgestellten Be - inisse von Volk und Staat. Nach einer Reihe anderer Ansprachen, u. a. von Geheimrat Prof. Dr. Meinecke, Frhr. von Rheinbaben, Oberregierun^srat Dr. Tiber- ttus, Prof. Dr. Bergius-Heidelberg und Geh. Kommerzienrat Dr. Echmidt-Braun- schweig gelangte nach einem Schlußwort des Vorsitzenden Dr. Weber eine Entschließung zur Annahme, ' ’ -
RuMche Wliz
Zwischen zwei politischen Mühlrädern ist in Moskau die Gerechtigkeit zerrieben worden. Die innenpolitische Entstehungsursache und Zwecksetzung geriet immer wieder in Reibung mit den außenpolitischen Schädigungen. Daß von Gerechtigkeit im eigentlichen Wortsinne bet diesem Prozeß keine Rede sein konnte und auch nicht sein sollte, ist immer wieder zugegeben worden. Richt die Rechtsfindung sondern das Klasseninteresse ist Grundlage und Ziel der moskowitischen Justiz. Die „Rote Fahne" in Berlin schreibt schlicht und sympathisch hierüber: „Das Sowjetgericht hat nie einen Hehl daraus gemacht, ein Instrument der Klassenherrschaft, des Klassenkampfes der Arbeiterschaft zu fein. Eben dieser rein proletarische Klassencharakter des Gerichts gibt der internationalen Arbeiterschaft die Gewißheit, daß vom Moskauer Tribunal ihre Klassen- interessen gewahrt werden." Das genügt. Der „Vorwärts" kann demgegenüber mit Recht und dem Tone des Bedauerns feststellen „Die kommunistische Lehre fordert die Zweckjustiz der Sowjetunion als Gegenspiel zur Klassenjusttz der bürgerlichen Justiz. Sie zeigt die eigene Justiz in unerhörter Grausamkeit und gibt damit der Justiz des Klassengegners das Zeugnis größerer Humanität."
Es ist angesichts der Arteilsfällung angebracht, sich noch einmal Hintergründe, Zweck- Verlaus und Begleiterscheinungen dieses Demonsfrationsprozesses zu vergegenwärtigen. Das Experiment der auf kommunistischer Wirtschaftsgrundlage betriebenen Industrie kann den bisherigen Ergebnissen nach als gescheitert angesehen! werden. Richt nut, wenn man unter Wirtschaftlichkeit den höchstmöglichen Rutzeffeft überhaupt versteht, sondern auch, wenn man die Rentabilität unter dem bescheidenerem Gesichtspunkte einer Aebergangs- wirtschast befrachtet, die noch Erfahrungen amrneln und sich ihre eigenen Lebens- atmen herausbilden muß. Diese Dat- achen lassen sich auf die Dauer auch einer Arbeiterschaft nicht verheimlichen, die durch stärksten Druck gezwungen wird, alles nur durch die kommunistische Parteibrille zu sehen. So mußte denn, um den bedenklichen Anzufriedenheitserscheinungen in Arbeiterschaft und Gewerkschaften entgegenzuwirken, eine Ursache für die wirtschaftlichen Mißerfolge gefunden werden. Run hatte sich die Kritik naturgemäß besonders stark in den Kreisen der technischen Leiter der Unternehmungen verbreitet. Diese Kreise sollten mit einem Doppelschlage getroffen werden, der sich gegen sie als die Hauptträger einer kritischen Betrachtungsweise der Sowjetherrschast richtete und sie zugleich als die Arsache dieser Mißerfolge hinstellte. Rur auf diese Weife konnte wenigstens für einige Zeit, die Unzufriedenheit der Arbeiterschaft bis in die Wurzeln hinein beseitigt werden. Der gesamte Propogandaapparat des Staates, der einzige Apparat, der schlechthin bis zur Vollendung durchgebildet ist, wurde auf die sogenannte Verschwörung des Kapitalismus gegen die junge Sowjetwirtschaft eingestellt. Bevor der Prozeß begann, war fein Verlauf und sein Ergebnis schon vorweg genommen. Die Tätigkeit deutscher Ingenieure sollte die Verbindungswege der innerrussischen Verschwörung zum Melttapttalismus aufzeigen. Der Verlauf des Prozesses hat starke Anzufriedenheitserscheinungen ans Tageslicht gebracht. Er hat auch, soweit man der Sowjetjustiz überhaupt trauen kann, vielleicht Störungsversuche nachgewiesen. Der Beweis für die große Derfchwöruung des Kapitalismus gegen die Sowjetwirftchaft ist nicht erbracht, besonders nicht der Zusammenarbeit mit der deuttchen Industrie. Als Kronzeuge ist der Kommunist Dadstteber ausgetreten, der sich selbst belastet hatte, durch die Angabe, Bestechungsgelder übermittelt zu haben. Das russische Gericht hat es abgelehnt, die eidlichen Aussagen der deutschen Gegenzeugen anzuerkennen und fxtt sich dadurch offensichtlich und vor