Srmwbknd, den 30. Sunt ISA
6k ^Vberbessis»» Stltmtg" «• scheint sechsmal wöchentlich. *8e» pgefcretÄ monatlich 2 GM. au®« schließt. ZustellungsgebLbr, durch bkPostL2L GM.Für etwa infolge Streik«, Maschinendefekt« »der elementarer Ereignisse ausfallend« «uwmcrn wird kein Ersatz geleistet. Verlag d.Dr. §. Kitzeroth, Druck der Univ.-Buchdruckerei v. geb. Äug. Koch, Markt 21/28. Fernsprecher: Nr. 54. a. Nr. 55. Postscheckkonto: Amt Frankfurt 4, M. Nr. 5015. — Sprechzeit (et Redaktion von 10—11 mrd
»fei—1 Uhr.
0berhMsche
-"»«mm ' 6 dtiTi iHA Este
rasrSllWtstt Z ■ y K M ■ S II LM-rSzrttM
Anzeiger für (das frühere knrheffifche) Oberhessen
W.152 63.306«.
Marburg 0.8060
Der AiqrtgenprrlS betrag» für den 10 gespalt. Zellenmillinleter 0.08 GM. kleine Baranzeigen 0.08 SM» amtlich« and «tu* wärkig« Anzeigen 0.10 SM ®d ßchtvterigem Satz sowie bei Platz« Vorschrift 60*fe Aufschlag. — Sammelan zeige» 100 *fe Aufschlag. Reklamen der MMim. 0,40 SM Jeder Rabatt gilt aU Darr abalt Ziel 5 Sage. Beleg, werden berechnet, ebenso Auskunft durch die Geschäftsstelle und Zusendung der Angebot«. SV füllungSort Warburg.
I Wetomed «■ V^Lollar.
Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
Aeberwaltigen-e Mehchett für Pomrare
450 gegen 126 — Ser grelle Mer erfecklene Sieg über ÄemmunHten und Seziollslen
SOtlitt, 29. Juni. Die Kammer hat am Freitag abend Poincarö mit großer Mehrheit das Vertrauen ausgesprochen. Bei der Abstimmung wurde der sozialdemokratische Antrag, der der Regierung das Vertrauen verweigert, mit 460 gegen 120 Stimmen abgelehnt. Der Antrag der Links-Radikalen, der der Regierung das Vertrauen ausspricht, wurde dagegen mit 450 gegen 126 Stimmen angenommen. Die große politische Aussprache ist damit beendet.
*
Der französische Ministerpräsident hat Sine Radikalsozialisten so energisch zur rdnuna gern en, daß sie nicht nur in der elsaß-lothringischen Frage, sondern auch bei der Abstimmung über die Regierungserklärung sich für eine geschlossene Unterstützung der Regierung erklärt haben. Dadurch ist die schon sichtbar gewordene . Krise vorläufig über die Ferien hinaus vertagt worden. Aussprache und Abstimmung über die Interpellation der elsaß- lothnngischen Abgeordneten hat allerdings recht schmerzende und wahrscheinlich tbeiterblutende Wunden hinterlassen. Der Appell an Poineares „Großmut" ist, wie zu erwarten war, vergeblich geblieben. Das böse Wort vom Graben, der sich zwischen Elsatz-Lothringen und französischer Regierungs- und Parlamentsvertretung aufgetan hat. ist gefallen. Der Autonomist Dahlet hat die Nichtfreilassung der Verurteilten sogar eine moralische Scheidung zwischen dem Elsaß und Frankreich genannt. Eine Schlußerklärung der elsaß- lothringischen Abgeordneten macht die Regierung für die Folgen der Ablehnung des Freilassungsantrages verantwortlich. Regierung und Kammer haben, wie es heißt, wieder einmal den französischen Gedanken in beiden Provinzen bloßgestellt. In Elsaß und Lothringen hat man das Abstimmungsergebnis mit Spannung erwartet und mit Leidenschaft kritisiert. In Paris scheint man es darauf anzulegen, die autonomistische Bewegung recht tief in die Herzen zu hämmern und nicht wieder gutzumackiende Tatsachen zu schaffen. Die unterelsässische Lehrerschaft hat Rossö wiederum zum Präsidenten gewählt und ihm das Vertrauen ausgesprochen, trotzdem von Regierungsseite ein starker Druck ausgeübt worden ist. Die Kluft zwischen Lehrerschaft und Schulverwaltung ist nun so groß, daß bei den sährlichen Äersamm- lungen, den elsaß-lothrinaischen Lehrertagen, Vertreter der Schulbehörden nicht anwesend sind. In der diessährigen Lehrerversammlung konnte übrigens festgestellt werden, daß von den 1500 Mitgliedern nur einige wenige geglaubt haben, den französischen Doroesetzten die Freude machen zu können, sich von ihren Kollegen und damit von ihrem Führer Rosss zu trennen.
Str MmgSvtr'aus
Paris, 29. Juni. Die Kammer setzte heute die Diskusston der Interpellationen über die allgemeine Politik der Regierung fort. Das Haus und auch die Tribünen toareh stark besetzt, da allgemein angenommen wurde, daß heute die wichtige Abtzimn »ng stattfinden werde, auf der bie .1 ung kategorisch besteht, um nicht , nieren zu müssen. Als erster Redner der reaktionäre Abgeordnete lpr, our-Grandmaison, daß Poincars jetzt •itbltA darüber entscheide, mit welcher Mehrheit er regieren wolle.
Poineare
erklärte in längerer Red« u. a.: Tie Stärke des Kabinetts der nationalen Einigung bestehe nicht darin, daß alle Mintster Lut sch lassen seien, auf eine ge-
to i j fe Seit lh re persönlichen Neigungen zurückzu st eilen. Er persönlich habe nicht mehr daran denken wollen, daß man ihn „Poinoars — la Ruhr" und „Poincarö — la guerre" genannt habe. Erd habe es auch nach den letzten Wahlen für das Beste gehalten, seine Mitarbeiter zu behalten. Wenn man eine Umgestaltung der Regierung wünsche, so werde er die I n i t l a • klve hierzu nicht ergreifen. Wenn man ihn frage, mit wem die Regierung regieren wolle, dann antworte er:
Mit der Mehrheit, die der Regierung folgen werde.
Es fer der Wunsch des Kabinetts, daß Mehrheit so groß wie möglich sei, aber wenn sich Abbröckelungen zergten, so werde man sich dadurch nicht entmutigen lassen.
Im weiteren Verlaufe seiner Rede kam Poincars auch wieder auf das
Elsaß
zu sprechen und erklärte, man habe sich in gewissen Kreisen gewundert, daß er für Elsaß und Lothringen eine Ausnahmestellung gefordert habe. Das französische Gesetz habe jedoch von jeher Rücksicht auf lokale Gebräuche genommen. Man könne nicht mit einem Federstrich die Folgen einet fremden Beherrschung von einem Halden Jahrhundert beseitigen. Sowohl die protestantische als auch die katholische Bevölkerung im Elsaß wolle nichts von dem Unterricht auf Grund ber fvan- zösischen La i e n ge se tz g e b u n g wissen. Es sei apo nur gerecht, wenn davon man ab sehe, dem Elsaß eine derartige Assimilierung aufzuzwingen. Der Ministerpräsident streifte auch kurz bk
ReWinnenmiMer Severins besinnt
,$ta(litot arbeit WM
fk. Berlin, 30. Juni. Auf einem von der Vereinigung der republikanischen Presse veranstalteten Bierabend sprach Reichsinnenminister S e v e r i n g Über die republikanischen Ziele der neuen Regierung. Er führte u. a. aus: „Man hat die neue Regierung schon ein Ferienkabinett genannt: man sollte sich doch auch gesagt sein lassen, daß man ohne Gram Ferien auch lange ausdehnen kann. Wir haben die Absicht, vier Jahr Ferien zu machen, Ferien von Regierungskrisen, Programmentwürfen und Richtlinien-Be- ratungen, um dafür vier Jahre praktische Arbeit zum Aufbau der Republik zu leisten. Dieses Ministerium ist kein Ministerium des Abbruchs oder ein Ministerium auf Abbruch, sondern ein Ministerium für Aufbau. In einigen Monaten wollen wir dieser Regierung kräftige Tragbalken unterziehen und ich bin der festen lieber« zeugung, mit diesen Tragbalken wird es möglich sein, vier Jahre in der Tat praktische Arbeit zum sozialen und demokratischen Aufbau zu bieten."
Das neue Reichskabinett.
Die neue Reichsregieruna hat ihre Tätigkeit ausgenommen. Diese beschränkt sich vorläufig auf die Fertigstellung der Regierungserklärung, die am nächsten Dienstag im Reichstag vorgelesen werden soll. In dieser Regierungserklärung wird man es sorgfältig vermeiden, ein ins Einzelne gehendes Arbeitsprogramm zu entwerfen. Vor allem dürsten wir es erleben, daß in dieser Erklärung die zahllosen Punkte, auf die die Parteien sich in den ersten Vorverhandlungen gegenfeitig
Ambo» bet Republik"
festlegen wollten, mit sehr großer Delikatesse behandelt werden. Ueberhaupt wird die Aufgabe dieses bewußt auf kurze Sicht gebildeten Uebergangskadinetts tn der Hauptsache die sein, — den Reichstag in die Ferien zu schicken. Eine Inangriffnahme großer politischer Ausgaben ist ganz unmöglich. Und im Herbst wird der Reichstag vermutlich seine Arbeit zunächst wiederum in Sorgen um die Regierung beginnen. In den letzten Wochen und Tagen haben die Parteien, die auf Grund des Wahlergebnisses vorn 20. Mai die Regierungsgewalt in den nächsten Jahren zu führen berufen find, sich so ausemander- manöoerier, daß man es eigentlich nur begrüßen kann, wenn der Reichstag jetzt sehr bald in die Ferien geht. Bis zum Herbst dürften sich die Gemüter dann vielleicht etwas beruhigt haben.
Nach den anstrengenden Krisenlagen haben die meisten Abgeordneten schon am Donnerstag Berlin verlassen. Nur wenige Politiker sanden sich am Freitag noch im Reichstag ein.
Die Fraktionen kommen erst in der nächsten Woche wieder zusammen, und zwar die Deutschnationalen am Montag vormittag, das Zentrum am Dienstag vormittag, die Sozialdemokraten am Dienstag nachmittag und die Demokraten nach Schluß der ersten Plenarsitzung des Reichstages
Am Dienstag um 13 Uhr tritt auch der Reichsamnestieausschuß im Reichstage zusammen. Die Reichstagssitzung, in der Reichskanzler Müller seine Regierungserklärung abgibt, beginnt am Dienstag um 15 Uhr.
Debatte über di« Freilassung von Ricklin und Rosse und meinte, baß bie Negierung sich auf eine derartige Debatte nicht habe einlaffen können und abwarten müsse, bis der Kassationshof gesprochen habe.
Die Elsässer würben einsehen, baß Frankreich bie liberale und ritterliche Natron geblieben sei, bie die Elsässer von 1870 und nach ihnen ihre Kinder und Kindeskstider beweint hätten. Der Ministerpräsident warnte schließlich vor jeder Unklugheit, die die Stabilisierung kompromittieren könne. Man müsse aus ihr, alle wirtschaftlichen und sozialen Vorteile ziehen. Deshalb sei es notwendig, daß em fortgesetzes Einverständnis zwischen Kammer und Regierung bestehe. Ein provisorisches ober bedingtes Vertrauen 'würde bas Land ernsten Gefahre n aussetzen. Die augenblickliche Sage erfordere nach der
Währungsstabilisierung eine ministerielle Stabilisierung.
Nach weiterer Aussprache wurde
bie von der Regierung bewilligte Tagesordnung Daniölous
eingebracht, die folgenden Wortlaut hat: „Die Kammer billigt die Erklärung der Regierung und hat das Verrrauen zu ihr, daß sie ihr Programm in re. ub lila n V scher Eintracht durchführen wind. D>s Kammer lehnt jeden weiteren Zusatz ab und geht zur Tagesordnung über."
Namens der Radikalen erklärte der Abg. D a.1 a b i e r, baß sie dieser Tagesordnung zustimmten. Darauf fand die Abstimmung mit dem gemeldeten Ergebnis statt.
• i- • ■ . • • ‘ ■.
Wdie
3n bet großen auf die Ordnung der Dinge in Europa hinzielenben Politik sind zurzeit zwei aktiv sich auswirkende Bewegungen zu verzeichnen. Die Kellogg-Aktion versucht durch einen großen Wurf die Gesamtbeziehungen der Völker zueinander auf eine neue Grundlage zu stellen und dabei die zahlreichen Widerstände, die sich aus der Stabilisierung der Kriegseinstellung tn der Nachkriegszeit, hauptsächlich durch Frankreichs europäisches Vertragssystem, ergeben, beiseite zu schieben. Auch das in der Politik, besonders in der Abrüstungsfrage sich auswirkende Trägheitsmoment des Genfer Völkerbundsapparates, wie er heute noch besteht und arbeitet, ist wohl in den letzten Zielsetzungen, schwerer aber schon in den technisch-politischen Gegebenheiten mit der Initiative der amerikanischen Politik in Einklang zu bringen. Als zweite Kampfrichtung ist aus Europa selbst heraus die Revisionspolitik der italienisch- ungarischen Gruppe zu verzeichnen, die in ihrer etwas lauten Betriebsamkeit bisher die ihr entgegenstehenden Widerstände eher verstärkt als aufgelockert hat. Staatssekretär Kellogg hat in der neuen Formulierung seiner Rote bzw. in den Zugeständnissen, die er in der Präambel dieser Äote gemacht hat, versucht, auch die französische Machtgruppe zur grundsätzlichen Mitarbeit heranzuziehen. SS bleibt abzuwarten, ob die Einbeziehung auch der mittelbar an den Locarno-Verträgen beteiligten Vasallenmächte Frankreichs nicht durch Heraufbeschwörung neuer Verwicklungen die praktische Wirksamkeit der Kellogg- Politik im gleichen Maße erschwert, wie fte die formale Annehmbarkeit erleichtert. Jedenfalls muß man auf der Hut sein, daß sich in den allgemeinen Friedenspakt die französischen Sonderbestrebungen nicht hinein- schleichen und daß der Vertrag, an welchem die angelsächsischen Mächte als Garanten beteiligt sind, nicht zum Deckmantel der fran- zösischen Militär» und Einkreisungspvlitik wird. Es kommt nicht darauf an. um die zahlreich vorhandenen alten Dertrags- schachtelungen zum Teil zweifelhafter Statur in einen neuen Mantelvertrag zu legen und dadurch die Erstarrung der Unmöglichkeiten, wie sie heute schon als Friedensgefahr besteht, noch unheilvoller zu festigen. 'Heue Wege und Bewegungsfreiheit auf der Grundlage ehrlichen Derständigungswillens und ernsthafter Friedensgesinnung, das ist daS Ziel der Kellogg-Politik, das nicht aus dem Auge gelassen werden darf. Die Konferenz der kleinen Entente in Bukarest, die in ihrer Geschlossenheit sehr durch die Dchreckensereignisfe in Belgrad beeinträchtigt worden ist, hat als sichtbarstes Ergebnis eine geharnischte Erklärung gegen die ungarische Aevisionspolitik gebracht, wobei man in der Formulierung Italien möglichst geschont hat. Wie es heißt, wird man sich auch innerhalb der kleinen Entente auf militärischer Grundlage weiter verständigen Die Aktion wird von Paris her ebenso wie die vevisionsfeindlichen Aeußerungen Zalewskis, die sich gegen Deutschland richteten, mit besonderem Wohlwollen verfolgt, wenn man auch äußerlich beschwichtigend tut
Die Mordtat in Belgrad hat bie Staatskrise Südflawiens deutlich hervortveten lassen. Die Ausgleichsversuche des Bugen und energischen Königs werden sich aber nicht auf neue formale Bindungen und Regierungsbildungen beschränken dürfen, sondern werden die Föderativwünsche der neu gewonnenen Stämme berücksichtigen müssen. In Rom steht man den Entwicklungen in Südslawien naturgemäß besonders interessiert zu, wie das auch durch Entsendung eines Flottenkomman- 'b'-'* an die slawische Adriaküste zum Ausdruck ceko nmen ist.
Die Vollendung der Franken stabili» f i e r u n g hat in Frankreich zu einer Po- incare-Krise geführt, die durch den Ministerpräsidenten vorübergehend mit recht scharfem Zupacken gebannt ist. Poincares Regierungsblock zeigt klaffende Risse, nachdem der einigende Kitt, die Angst vor dem Währungsverfall, zersprungen ist. Poincare will immer noch nicht die Hoffnung aufgeben, daß er durch die Macht seiner Persönlichkeit die widerstrebenden Elemente weiterhin zur nationalen Einheitsfront binden könne. Sein ständig angewandtes Mittel, die Vertrauensfrage. muß sich aber bei den gewandelten Verhältnissen allmählich abnutzen. Reue Spannungen schafft die Zuspitzung der elsaß-lothringischen Frage nach Ablehnung der Haftentlassung der nach allgemeinem Volks empfinden in Elsaß-Lothringen zu Unrecht verurteilten Autonomistern Dl«