Renlas, len 19. Mürz 1928
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Anzeiger für (bas frühere kurhessische) Oberhessen
Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt «nd Kreis Marburg.
Ruslan- linkt plötzlich ein zwei ter vertasletm Sugenkme freikkWm — AMemWe SMMtmng de- WozeW
Moskau. 17. März. Bolkskommissar lee Auswärtigen, Tschitscherin, teilte dem Nutschen Botschafter mit, datz Ober. Ingenieur Goldstein und Ingenieur Wag. tet sreigelassen worden sind.
Wan« «nd ob die Freilassung der Urigen vier dentschen Ingenieure erfolgt, |e|t nicht fest, doch wird seitens der deutsch«, Botschaft unter Berufung auf den Hiederlasiungsvertrag darauf hingewirkt, das, ein deutscher Konsulbeamter zu den Gefangenen Zutritt erhält.
Z« der Freilassung des Oberingenieurs Soldstein und des Ingenieurs Wagner Ruch die Sowfetbehörden berichten „Bo s s. Zeitung" und „Lokal-Anzeiger" datz Goldstein die Ausreiseerlaubnis bedingungslos erteilt worden sei, dah aber Wagner in Rutzland bleiben «ässe, um sich für die Gerichtsverhandlung zur Verfügung zu halten. Eine Haft- «tlassung der noch in Haft befindlichen »irr dentschen Ingenieure soll, wie die L.S.Z." auz Moskau berichtet, nicht «Sgl ich sein, da die Sowjctbehörden behaupten, datz gegen sie stark belastendes Material vorliege. Einer unbestätigten Moskauer Nachricht des „vorwärts" lufolge, soll jedoch auch der deutsche Ingenieur Otto wieder auf freien Futz gesetzt sein, aber ebenfalls Rutzland nicht »erlassen dürfen.
Ein heimgekehrter Ingenieur schildert die Vorgänge in Rutzland.
Im Laufe des Sonntags traf der Diplomingenieur und Wärmetechniker Hermann Kille aus Rutzland in Berlin ein.
Er schilderte einem Berichterstatter des „Montag" seine Eindrücke und Erlebnisse während der letzten Tage in Rutzland:
In der Nacht vom 5. zum 6. März würben wir in Rudschenkowo durch starkes Klopfen an der Tür gestört. Es meldeten ßch Beamte des Geheimdienstes der E. P. ll. und Soldaten der Miliz, die E.n- latz forderten. Ich teilte mit dem Ober- mgenieur Goldstein ein Zimmer. Wir öffneten. Die Beamten legitimierten sich und erklärten Herrn G o l d ft e i n für verhaftet. Gleichzeitig wurden der Ingenieur Otto und der Monteur Meyer, die andere Zimmer im selben Hause bewohnten, arretiert, und am folgenden Morgen noch der Monteur Wagner, der sich in Torlowska befand.
Goldstein war sehr gefaßt und ruhig. Er bat mich, sofort nach Berlin zu telegraphieren. Wir ersuchten die Beamten um tiite Erklärung, worauf sie erwiderten, sie wüßten selber nichts. Sie handelten i m Auftrag der E. P. U. und dieser wüßte erfüllt werden. Darauf verlangten wir dringend nach einem Dolmetscher, worauf man uns auf Stalin vertröstete Ich habe den Oberingenieur Goldstein zum Tagen begleitet. Ich hüllte ihn in eine Decke ein. denn es war bitter kalt und die Fahrt ging quer durch die Steppe. Wir wollten uns noch unterhalten, noch ein vaar Worte wechseln, aber das wurde Untersagt.
Ich reifte dann andern tags mit einem Monteur sofort nach Charkow zum Generalkonsulat, das noch nichts »on den plötzlichen Verhaftungen wußte. Der Generalkonsul, den wir sozusagen aus dem Bett holten. — es war am frühesten Morgen — war außerordentlich zuvor- fommenb und sagte, daß er alles tun
würde, um die Landsleute freizukriegen. Er setzte sich sofort mit der deutschen Botschaft und dem russischen Auswärtigen Amt in Verbindung.
Andern Tags fuhr ich wieder nach Rudschenkowo zurück. Dort waren alle Deutschen in den Proteststreik getreten, und zwei Tage andauerte. Darüber hinaus haben die Monteure der A. E. E.> weiter gestreikt und es ist anzunehmen, daß sie auch heute noch die Arbeit nicht wieder ausgenommen haben. Eie haben erklärt, es sei ihnen gleich, ob es sich hier um Ingenieure oder um Monteure handele; au-- schlaggebend sei, daß es sich um Deutsche handele. Und lediglich aus diesem Grunde würden sie nicht eher die Arbeit, wieder aufnehmen, bis ihre Landsleute wieder in Freiheit wären. Tiefer Streik hat bei den russischen Arbeitern im Werk, wie überhaupt bei der russischen Bevölkerung tiefen Eindruck gemacht."
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ff. L on do n, 19. März. Das neue ägyptische Kabinett wurde gestern vom König Fuad empfangen. Nach der Audienz beim König begab sich das gesamte Kabinett nach dem Grabe Zaglul Paschas. 2! a h a s Pascha gab u. a. die bemerkenswerte Erklärung ab, dah überall in Aegypten Ge- recht'.gkeit herrschen müsse und dah die Ausländer Vertrauen zu Aegypten bekommen müßten. Das Kabinett wird sich heute in der Kammer vorstellen, wobei Aahas Pascha di« Regierungserklärung abgeben wird. Zum Präsidenten der Kammer ist der gegenwärtige Vizepräsident Aissa Pascha Wesses ausersehen.
Der neue ägyptische Premierminister Nahas Pascha erklärte dem Verichterstatter der .Times" in Kairo: Ich war stets der Ansicht, selbst in den dunkelsten Augenblicken, als ich in Aden und auf den Seychellen t»ar, dah der Tag kommen werde, wo Großbritannien und Aegypten eine Vere'nbarung erzielen würde. Nach meiner Meinung ist eine llebereinkunst unbedingt notwendig. 3m Interesse beider Länder ist eine Derständi-
Zwischenfalles zu denken fei. keineswegs den Tatsachen entsprechen. 3n unterrichteten Kreisen neigt man sogar zu der Vermutung, dah Meldungen dieser Art absichtlich in die Welt gesetzt werden, um die deutschruffischen Beziehungen weiter zu trüben. Nichtig ist, daß man die DerhaftungSasfäre chs eine politische Belastungsprobe des vis» yerigen freundschaftlichen Verhältnisses zwischen Deutschland und Rußland ansieht, dah die entschiedenen Bemühungen Tschitscherins aber durchaus anerkannt werden. Unter diesen Umständen wird auch betont, dah eine Aenderung der deutschen Politik im gegenwärtigen Augenblick nicht in Frage kornrnr.
Auch vier russische Jng nienvc frei.gelassen-
Tie „Montagspost" meldet aus Moskau: Zusammen mit den beiden deutschen Ingenieuren Goldstein und Wagner sind v.er verhaftete russische Ingenieure aus der Uniersuchungshast ent.assen worden, insgesamt iind wegen konterrevolutionärer Verschwörung in dieser Lache 6 0 Spezialisten :m Rayon Schachry verhaftet worden. Die Untersuchung wird von den Charlower Behörren durchgesührt und soll nach AuSkunsl des dortigen Staatsanwalts so beschleunigt werden, datz der Prozeß schon Mitte April stalt- finden kann. Der Prozeß wird vor dem Moskauer Obergericht geführt werden.
In bestens unterrichteten Berliner politischen Kreisen sieht man in der Freilassung dieser beiden Verhafteten daS e^te Anzeichen dafür, dah die deutschen Schritte Srs lg haben, und dah die russische Regierung die Absicht zu einem Einlenken zeigt. Man hat den Eindruck. datz Tschitscherin durchaus den festen Willen zum Entgegenkommen hat. und dah er alles aufbietet, um die Dache au« der Welt zu schaffen. 3n Berliner politischen Kreisen wird durchaus anerkannt, dah diese Bemühungen Tschitscherins nicht leicht sind: denn eS handelt sich offenstchtlich um einen Kampf zwischen dem Außenkvmm.sfarrat und dem Komintern. Rach in Berlin vorliegenden Informationen beurteilt Tschitscherin selbst die weitere Entwicklung wohl nicht gerade pessimistisch: er hofft vielmehr, dah es ihm auch gelingen wird, dre Erlaubu's zu erteilten, dah oer deutsche Generalkonsul d e noch verhaft len tret Reichsdeutschen besuchen kann. — Aus dieser Lage geht schon hervor, datz die von anderer Seite verbreitete Darstellung, als ob der Widerstand der Russen sich versteift habe, und gar nicht an eine Beseitigung des
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। gung anzustreben. Der Schutz der Interessen der Ausländer im allgemeinen und Großbritannien« im befände en ist nicht unvereinbar mit ter Unabhängrgkeck Aegyptens, vorausgesetzt, dah die Grenzen dieses Schutzes nicht überschritten wurden. Aegypten war niemals ein Teil deS btt- tischen Reiches, und die Tatsache, dah eS aus dem Wege nach Indien liegt, bedeutet nicht, dah «S dadurch feiner unabhängigen Stellung beraubt ist. Die Rolle darf nicht vertauscht werden und es darf nicht gesagt werden, dah Großbritannien der Herr ist, der hilft. Unsere Unabhängigkeit ist unser natürliches Recht. Wir wünschen, mit Großbritannien aus der Grundlage der Gleichberechtigung und als Freund mit dem Freunde zu verhandeln.
Nach dem Berichterstatter der TimeS" gift eS als sehr wahrscheinlich, dah der Schteteger- sohn des Königs Fuad, Mahmud Pascha Fakhry, der seit Januar lS24 Aegyptens Gesandter in Paris war, zum Nachfolger deS Gesandten Aziz Pascha 2zzet in London auS- ersehen sei.
Große AststimmungSkunvgebung in Gk iwitz.
Gleiwttz, 18. März. Anläßlich der Wiederkehr des AbstimmungsiageS fand hier eine große Kundgebung der Flüchtlinge und der Bevölkerung der Stadt Gler- witz statt. Nach einer Ansprache des Oberbürgermeisters -nd Kranznieder.egung am Abstimmungsdenkmal wurde eine einstimmig anoenommene Entschließung zur Verlesung gebracht, die an den Völkerbund gesandt werden wird. ES wird darin betont, daß die kürzlichen Wahlen in Ostoberschlesien erneut bewiesen hätten, daß dieses Land deutsches Land mit deutscher Bevölkerung sei, trotz der Terrors und der Unterdrückung, die auch jetzt wieder eingesetzt hätten. Es wird der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß im Völkerbund sich endlich die Erkenntnis Bahn brechen möge, daß das Genfer Vrotokoll ein Irrtum gewesen sei, daß Oberschlesien ein unmittelbarer Teil Deutschlands und ein einteilbares Ganzes sei, das infolge seiner hohen deutschen Kultur nur in Verbindung mit seinem Mutterland« Deutschland in Glück und Frieden bestehen könne. ES wtrd daher die Rückgabe der losgelösten Gebiete an Deutschland und bis zu diesem Zeitpunkt ein größerer Schutz der vom Völkerbund garantierten Minderheitenrecht« verlangt.
ÄgWksnß Ksmss UM dir AMänsWit
„€iSb{U‘ti btt!“
Als die ersten Meldungen über die Mas. senkundgebungen der Landbevölkerung an die Oeffentlichkeit kamen, als die nationale Presse mit Nachdruck sofortige Maßnahmen zum Schutze der Bauern vor wirtschaftlicher Vernichtung forderte, als die Deutschnationalen und die Deutsche Volkspartei mit allen Mitteln für sosor» tige Hilfsmaßnahmen eintraten da ent« deckten auch die Demokraten plötzlich ihr bauernfreundliches Herz und gaben zu, daß es sich bei den Kundgebungen nicht um eine zentral geleitete Wahlmache, sondern um den Ausbruch der Verzweiflung handele, aus den nicht mit Polizeimaßnahmen oder besänftigenden Reden, sondern nur mit Taten, mit so« fertiger Hilfe geantwortet werden müsse. Sowie die demokratische Presse aber merkte, daß das Landvolk nun nicht plötzlich sich von seinen bewährten Führern und Interessenverbänden lossagte, um sich mit Macht in die Arme der demokratischen Partei zu stürzen, sondern daß man in altbewährter Geschlossenheit zusammenhielt und mit Hilfe der bekannten Organisationen die wichtigsten Forderungen durchzusehen begann, da erkaltete das bauernfreundliche Herz der Demokraten, da brachten sie im preußischen Landtag eine Kleine Anfrage ein, das Preußische Staatsministerium solle erklären, was es zu tun gedenke, um der Bewegung der Bauernschaft die erforderliche Staatsautorität entgegen« z u f e tz e n. Wer etwa meint, daß es sich hierbei um einen übereilten Schritt der Parteizentrale handele, dem die demokratische Presse fernstehe, der kann sich täglich vom Gegenteil überzeugen. Das „Kasseler Tageblatt" schreibt z. B., die Landbundkundaebungen führten geradenwegs zur Rebellion, und es erwartet vom Staate, daß er dem Staate Respekt verschaffe. Es schließt diesen mit „Eisbeutel h e r!“ überschriebenen Artikel mit der wohl witzig fein sollenden Forderung: „Es brauchen nicht aleich Maschinengewehre zu fein. Manchmal tut's der Wasserstrahl der Feuerwehr viel bester oder auch der Eisbeutel, der überhitzte Gemüter vortrefflich abkühlt! Der Staat sollte sich ein Preisangebot darauf einfordern!"
Man muß sich einmal vor Augen halten, worum es eigentlich geht, was die Not des Landvolkes bedeutet, für den aanzen Staat sowohl wie jeden Bürger dieses Staates, man bekommt bann den rechten Begriff von dieser Forderung „Eisbeutel her!" Dasselbe Blatt schrieb kürzlich zum Kranz-Prozeß, es sei falsch, die Jugend als Erziehunas o b j e k t zu betrachten: es feien „die Weifen von vorgestern", die nach „Autorität" riefen, es feien Leute, die „n i ch t ge rn f e lb st nachdenke n“. Eeaen die Bauern aber mochte dasselbe Blatt, ohne selbst viel nachzudenken, die Autorität des Staates mobil machen, geaen das Landvolk und andere „überhitzte Gemüter" mit dem „Eisbeutel" und dem „Wasserstrahl der Feuerwehr" vorgehen. So wird einmal vor der „A"torität" gewarnt, denn sie ist ja eine „Weisheit der Alten", andern Tags aber ruft man nach der Autorität, denn es geht ia um das Landvolk, das nicht fo will, wie das „Kasseler Tageblatt" es gern sähe. —
Kann man sich denn überhaupt wun- dem, wenn die Demonstrationen des Landvolkes zuweilen hestiae Formen an- nehmen, ist es nicht Heuchelei, wenn man den Bauern verbietet, was man den Arbeitern zugesteht? Der vreußische Ministerpräsident hat es doch abgelehnt, eine Deputation des Pommerschen Landbundes zu empfangen und hinzugefügt: „flebrigens sind die Schwierigkeiten, unter denen die Landwirtschaft zurzeit leidet, der preußischen Staatsregierung hinreichend bekannt." Ist das etwa eine Antwort, konnte nicht der Deputation gesagt werden, was man ju tun gedenke, was