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Anzeiger für (das frühere knrheffischs) Oberhesse»
OftW Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg. tewO
ResierunAsMamns zum R-Spr-sramm ■
Nruwsh'rn in Wm -Äk in der zwMn Wie des Stoen« Mai
Berlin, 27. Febr. Sn der heutigen ReichStagssihung, auf deren Tagesordnung die Entgegennahme einer Erklärung der Reichsregierung in Verbindung mit dem ®tat des Reichsministeriums, des Reichskanzlers und der Reichskanzlei stand, gab
Vizekanzler Dr. Hergt
die Regierungserklärung zum Rotprvgramrn ab. Er stellte zunächst fest, daß der Reichskanzler zu seinem eigenen lebhaften Bedauern heute dtrrch feinen Krankheitszustand verhindert fei, an der S'tzung des Reichstages teilzunehmen und persönlich die Erklärung der Regierung abzugeben. Sch kann aber, so fährt der Vizekanzler fort, die erfreuliche Mitteilung machen, dah di« Genesung des Reichskanzlers täglich und in günstigster Meise fortschreitet. Der Reichskanzler hat mich ermächtigt, festzustellen, dah er völlig mit der Regierungserklärung übereinstimmt. Durch das Scheitern der Verhandlungen Über das Reichs» fchulgesetz, so erklärt der Vizekanzler dann weiter, wurde di« Aeichsregierung vor die Frage gestellt, wie die Gesamtheit der ihr obliegenden gesetzgeberischen Arbeiten nunmehr zu behandeln fei. Zwingend« Bedürfnisse, vielfach bittere Rot in den verschiedensten De» völkerungsgruppen und Lebrnsnowenii leiten der Landwirtschaft, zugleich aber auch der Zwang, die Produktivität des deutschen Dolles (ruf wichtigen Gebieten wieder herzustell?n und zu heben, erscheischten unmittelbare Hilfsmaßnahmen. Dazu trat gebieterisch der Gesichtspunkt, dah im Interesse dec Ordnung unserer Staats- und F nanzrerßalt» »isfe der Etat verabschiedet werden muh. Für das ReichSkabineit gab es unter dreien Umständen nur einen Weg: mit allen Kräften dafür zu sorgen, dah vor dem Aus- einanderg«h«r des Reichstages eit fest um* risseneS Ärbeitsprogramm noch durchgeführt werde. Wir haben kein geschäftsführendes Kabirwtt, sondern nach wie vor die ordnungsmäßige □teffierung, die die volle politische
Viehpreise sollen die Preisspannen verringert werden. Eine wesentliche Förderung deS Absatzes werde auch in der Erweiterung des EinfuhrscheinshstemS aus die Ausfuhr von Schweinen unb Schweinefleisch bestehen. Ein entsprechender Gesetzentwurf sei dem Reichsrat zugeleitet. Der Rentenbank-Kredit-Anstalt solle durch ein besonderes Gesetz die Möglichkeit gegeben werden,
die landwirtschaftliche Produktion wirksam zu finanzieren.
Durch Vereinbarungen mit den Ländern sei ferner eine Vereinheitlichung der Handhabung der deterinärpolizeilichen Grenzsperren erreicht worden. Ein gleichfalls dem Reichsrat zugeleiteter Entwurf bemesse das neue Gefrierfleisch-Kontingent auf 50 000 Tonnen, die der minderbemittelten Bevölkerung zugeführt werden sollen. Zur Förderung der Geflügelhaltung und des Eierabsatzes werden eine Million angefordert. Am ein sofortiges Einsetzen öffentlicher Mittel zu ermöglichen, werde Suer ein Notfonds von 30 Millionen ark zur Verfügung gestellt. Das vorgeschlagene Programm werde die wirtschaftliche Krise mir mildern können. Zu ihrer Beseitigung seien weitere grundlegende Maßriahmen erforderlich.
Der Vizekanzler kommt darauf auf das soziale Programm
zu sprechen. Eine gesetzliche Regelung der Dentnerverforgung sei im Augenblick nicht möglich. Die Regierung wolle aber mit Rachdruck darauf hinwirken, daß die
Kleinrentner-Fürsorge
überall entsprechend den Reichsgrundsätzen durchgeführt wird. Sie habe bereits dem Reichsrat eine Verordnung zur Aenderung dieser Grundsätze vorgelegt. Zur Verbesserung der Fürsorge seien im Etat für 1928 bereits 25 Millionen Mark vorgesehen. Darüber hinaus sollen weitere 25 Millionen Mark eingestellt werden, die zu unmittelbaren Beihilfen an die Kleinrentner verwendet werden sollen. Auch die Verbesserung der Renten aus der
Invalidenversicherung
sei ein Gebot der Stunde. Es werde eine Erhöhung der Steigerungssätze, die jetzt für Beitragszeiten vor der Inflation gewährt werden, um 40 Prozent vorgeschlagen. Dafür seien 100 Millionen jährlich erforderlich. Die Erhöhung solle am 1. Juli in Kraft treten. Auch für die Angestelltenversicherung werde eine entsprechende Maßnahme vorgeschlagen. Zur gleichzeitigen Verbesserung der Bezüge aus den sog. Werkpensionskassen werden drei Millionen zur Verfügung gestellt. (AIS Abg. Rädel (Komm.) „Schwindel" ruft und feinen Zuruf trotz Ordnungsrufes wiederholt, wird er noch einmal zur Ordnung gerufen).
Zu dem Arbeitsprogramm gehöre auch die Verabschiedung des Etats für 1928 und des Nachtragsetats für 1927. ES werde möglich sein, die für die Neuanforderungen notwendigen Beträge durch gewisse Einsparungen bei den Ausgaben und entsprechende Erhöhung des Ansatzes für die Zölle auszugleichen. ES erscheine unbedenllich, diesen Anfatz um 150 Millionen zu erhöhen. Im ganzen gesehen seien die Dorgeschlagenen Maßnahmen das Höchstmaß des finanziell Vertretbar^ a.
Zum Schluß weist der Vizekanzler darauf hin, daß sich der parlamentarischen Erledigung des Arbeitsprogramms die Auflösung des Reichstages anschließen solle. Die Dahlen sollen in jedem Falle in der zweiten Hälfte deS Mai stattfinden. Diese kurze Frist wrrd bei höchster geschäftlicher Anspannung starke Anforde- (Sortsetzuna strbe Seite 11
Der Reichstag hat am Montag nach achttägiger Pause die Plenarberatungen wieder ausgenommen. In Vertretung des Reichskanzlers Marx, der immer noch an das Krankenbett gefesselt ist, hat der Vizekanzler eine in zwei Kabinettsitzungen festgestellte Regierungserklärung, die das sogenannte Notprogramm behandelt, verlesen. Den Mitteilungen der Reichsregierung hat man begreislicherweise mit großem Interesse entgegengesehen. Es interessierte dabei nicht so sehr der Inhalt des Notprogramms, der ja schon seit mehr als 8 Tagen bekannt ist, als vielmehr die Mitteilung, wie sich die Reichsregierung die praktische Durchführung ihres Programms denkt. Die Regierung hat an ihrem ursprünglichen Plan, die einzelnen Punkte des Notprogramms, als Etat, Nachtragsetat, Gesetzentwürfe und Verordnungen als ein unteilbares Ganzes dem Reichstag zur Verabschiedung vorzu- legen, festgehalten. Es ist Vorsorge getroffen, daß jeder einzelne Teil des Programms nur dann in Kraft tritt, wenn die Gesamtheit der Entwürfe vom Reichstag verabschiedet worden ist. Auch über den Wahltermin spricht sich die Regierungserklärung einwandfrei und deutlich aus. Das war notwendig, denn es sind in diesen Tagen verschiedentlich Stimmen laut geworden, in denen es hieß, unter Umständen werde die Regierung den Aüf- lösunastermin weiter hinausschieben als ursprünglich geplant gewesen ist. In der Regierungserklärung heißt es jetzt ganz klar, daß die Neuwahlen „in jedem Fall", d.h. unabhängig davon, ob das Notprogramm durchgeführt werden kann oder nicht, späte st ens Ende Mai vorgenommen werden. Es ist anzunehmen, baß die Parteien sich dem Appell der Reichsregierung des Reichspräsidenten, das Programm möglichst schnell zu verabschieden, schon aus eigenen Interessen trotz der z.T. skeptischen Erklärungen nicht verschließen werden.
Verantwortung für ihre Tätigkeit trägt. Die Reichsregierung befindet sich mft ihrer Aus» faffung
in voller Uebsreinstimmung mit dem Reichspräsidenten.
Sachlich Betreffen die einzelnen Teile des Ar- Beitsprogramms, abgesehen vom Etat, die Liquidationsschäden-Schlußregelung, eine landwirtschaftliche Hilfsaktion und Notmaßnahmen für Kleinrentner und Sozialrentner. Durch (Srtoeitenmgen an einer Stelle darf die Tragfähigkeit des Gefamtprogramms nicht gefährdet werden. Das Ärbeitsprogramm erscheint daher als
ein einheitliches Ganzes, das in einem Zuge verwirklicht werden muß.
Aus diesem Grunde haben die vorbereiteten Gesetzentwürfe eine EHluhklausel erhalten, wonach der Zeitpunkt ihres 3n» kraf ttretens durch ein besonderes Gesetz bestimmt werden soll. Dieser Zeitpunkt würde Bei Annahme des Reichshaushaltsplanes für 1928 auf den 1. April fest- zulegen fein.
Der Vizekanzler gebt dann auf die einzelnen Abschnitte des ArbestsprogrammS ein. Zum
Kriegsschädenschlußgesetz
erklärt der Vizekanzler, dah die Regierung mit Entschiedenheit daran festhalten mühte, eine endgültige und abschließende Regelung zu treffen. Sie hat sich andererseits den Wünschen, wenigstens eine Entschädigung in höherem Ausmaße zu gewähren, nicht verschlossen. Die Reichsregierung ist daher unter möglichster Schonung der Haushalte deS nächsten Jahrzehnts in der Bemessung des Gesamtentschädi- gungS-'Kapitals den Vorschlägen deS R eichswirt f ch af t S raleS gefolgt. Das bedeutet ein Wehr von rund 300 Millionen gegenüber der Regierungsvorlage. Mm wesentlicher Bedeutung ist insbesondere die Gewährung der vollen Entschädigung bei Schäden nicht nur bis 2000, sondern bis zu 4500 Mark, die Erhöhung der Entschädigungsprozente für die Mittel» standsgeschäbigten und die Gewährung e nes besonderen nach 14 Zähren zu tilgenden MderaufbauzuschlagS für die großen Geschädigten. Die Re.chsregierung glaubt, daß auch die Geschädigten diese Vorschläge als eine Tat anerkennen, die zwar nicht dr« Wunden heilt, die aber den ernsten Willen beweist, zum Wiederaufbau der beraubten Existenzen beizutragen.
Der Vizekanzler bespricht dann
das landwirtschaftliche Notprogramm.
Er verweist auf das starke Anwachsen der landwirtschaftlichen Verschuldung, die eine ernste Bedrohung für die rationelle Fortführung der landwirtschafflichen Erzeugung bilde. Die Merkmale der krisenhaften Zuspitzung hätten sich in den letzten Monaten bedeutend verschärft. Die DeichS- icgterung hafte daher außer den Aufwendungen im Rahmen des bisherigen Etats eine Reihe weiterer Maßnahmen für notwendig. Für bedrängte landwirtschaftliche Betriebe solle eine
Umschuldung
von drückenden landwirtschaftlichen Schulden in niedriger verzinslichen Hypothekarkrediten herbeigeführt werden. Zu diesem Zwecke sollen die territorialen Kredittn- stitute durch eine besondere Organisation unterstützt werden, an der auch Reich und Länder beteiligt sind. Am die Durchführung der Amschuldung zu beschleunigen, sollen den Instituten Kassenvorfchüsse in Höhe von zunächst 100 Millionen gewährt werden. Für das landwirtschaftliche Genossenschaftswesen sollen 25 Millionen im Etat für 1928 bereitgestellt werden. Zur
Förderung des Absatzes von Veh und Fleisch
sollen 22 Millionen durch Aebernahme einer Bürgschaft des Reiches im Haus» haltsgefetz sichergestellt und 8 MUlionen im Ergänzungshaushalt 1928 angefordert werden. Reben einer Stabilisierung der
Mr« MwVist t
London, 27. Febr. Der ehemalige deutsche Botschafter in London Fürst Lichnowsky ist heute morgen auf seiner Besitzung Cuchelna an den Folgen eines Schlaganfalles gestorben.
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Lichnowskys Gesamttätigkeit in London war eingestellt auf eine Atmosphäre der Verständigung zwischen England und Deutschland. Persönlich war er einer der liebenswürdigsten Vertreter, die das kaiserliche Deutschland je entsandte. Er war eine offene, ehrliche Natur, die bar jedes Mißtrauens auch die Diplomatie als die Kunst eines ehrlichen Spieles ansah. In England fand er auf Grund seiner gesäl» schriftlichen und persönlichen liebenswürdigen Eigenschaften große Sympathien. Aus Grund dieses Wohlwollens, das ihm alle offizielle Stellen Englands entgegenbrachten, glaubte er, Rückschlüsse ziehen £ii können auf die tatsächliche politische totimmung der in England herrschenden Kreise gegenüber Deutschland. Er war bis in die letzten Tage des Friedens der felsenfesten Ueberzeugung, daß es zu einem bewaffneten Konflikt zwischen Deutschland und England einfach nicht kommen könne. Seine diplomatischen Berichte, die er noch in den Wochen vor dem Ausbruch des Krieges nach Berlin sandte, waren von dieser feiner ureigenen Ueberzeguna subjektiv stark gefärbt
In den letzten Jahren beschränkte et feine Tätigkeit lediglich auf Die Aufgabe, durch die Veröffentlichung seiner Memoiren und durch zahlreiche literarisch-politische StuMen nachzuweisen, daß die Kritik, die sich an feine Botschaftertätigkeit in London knüpfte, unbegründet wäre oder sich auf.falschen Voraussetzungen auf« baue. Die verhängnisvolle Wirkung seiner Denkschrift „Meine Londoner Mission" (1916), die unseren Feinden als Propagandamittel die wertvollsten Dienste geleistet hat, wird in der Geschichte fortleben, länger noch als der Name ihres unseligen Verfassers.
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MMS Meist na® Sem
fk. Paris, 28. Febr. Briand wird nächsten Sonnabend um 8 Uhr morgens die Reise nach Genf antreten. Er wird von dem Generalsekretär des Außenamtes, Philipp Berthelot, begleitet sein, der sich zum ersten Male nach Genf begibt. Außerdem befindet sich der Direk» tor des ftanzösifchen diplomatischen Dienstes beim Völkerbund, General Clau- zel, der Kabinettsdirektor Briards, P e y e e l o n, und der Sekretär der Botschafterkonferenz, M a f s i g l i, im Gefolge des Außenministers.
Der italienische Gesandte in Wien bei Mussolini.
ft. R o m, 28. Febr. Mussolini empfing gestern den italienischen Gesandten in Wien. Auriti, der ihm den Wort« laut der von den Abgeordneten Kolb und Abram sowie von Bundeskanzler Seipel im österreichischen Rationalrat gehaltenen Rede« vorlegte.
Die verstorbene Mussolini-Rede.
Rom. 27. Febr. Die heutige Wiedereröffnung der Kammer verlies bei gefüllten Tribünen vollkommen ruhig und bedeutungslos, da die erwartete Kundgebung gegen Oesterreich ganz ausblieb und die Interpellation über die Südtiroler Debatte im österreichischen Nationalrat nicht verlesen wurde. Mussolini war etwa eine Stunde anwesend, unterhielt sich aber während der Ätzung nur eingehend mit dem Verkehrsminister.