Montag, »ras. Februar 19A
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Anzeiger für (bas frühere kurheffifche) Oberhessen
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Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen ffir Stadt und Kreis Marburg.
fl. Paris, 27. Febr. Der Pariser deutsche Botschafter Herr o. Hoesch und der russische Botschafter Herr ».Neurath trafen gestern vormittag, wie aus Nizza gemeldet wird, in Eap Martin ein. Die beiden Diplomaten nahmen an einem um Dr. Etresemanu gegebenen Mit«
NolMftu v. SoM «nb v. Rtmulb bei Wernrnm Sie ttallkniM Wlssevolemik gegen Sestrneich — Die.unangenebmn" jkuMebungen ffir Südtirol
tagsesien teil, zu dem auch der frühere Reichsfinanzminister Dr. Reinhold geladen war. Das „Journal" will wisien, baß sich die Besprechungen hauptsächlich ans die Szent Eotthardt-Asfäre bezogen, wobei die beiden Botschafter den | Reichsautzenminister über die Auffassung
der Regierung von Paris und Rom unterrichteten. Da der französische Außen- «inister am 4. März in Eenf eintrifft, be- schlotz Dr. Etresemanu, seinen Aufenthalt in Cap Martin bis zum 3. März zu ver. länger«.
nationale Empfinden beanspruchen könne.
Die „Neue Freie Presse" schreibt unter der Ueberschrift: „Für die Verständigung zwischen Italien und dem deutschen Volke": Nicht um Oesterreich handelt es sich, sondern um das deutsche Volk, um das Grundproblem der Politik Italiens. Wollt Ihr ein 70 Millionen Volk abstoßen wegen der Behandlung von 200 000 Menschen Nichts steht sonst zwischen Italien und dem deutschen Volke. Nicht Freiheit fordern die Deutschen Südtirols, was sie ersehnen ist heute nur Duldung ihres Volkstums, ihrer Sprache, ihres wirtschaftlichen Daseins. Ist Musso- l>ni ein politischer Zwist mit dem ganzen deutschen Volke gleichgültig?
Die „R e i ch s p o st" sagt: Bei dem, was in Südtirol an der Vernichtung eines deutschen Volksstammes in seiner Sprache, Kultur, Sitten, Ueberlieserung ।
und Wirtschaft geschieht, kommt es darauf an, wie dies zunächst von den 70 Millionen Deutschen, dann aber auch von allen anderen Nationen angesehen wird. Die politischen Kreise in Oesterreich und die ihrer Verantwortung bewußte Presse haben lange gezögert, diese Dinge in ihrer ganzen Breite aufzurollen. Nun ist die Meinung der österreichischen Bevölkerung in der denkwürdigen Sitzung des Nationalrats klar zum Ausdruck gekommen. An dieser Meinung ist nichts zu ändern, wie immer das . Echo klingen möge.
Eine Pariser Stimme gegen Italiens Minderheitenpolitik.
Das „Oeuvre" schreibt: Wie wird Mussolini dem Auslande gegenüber die harte Politik der Italienisierung der deutschen Minderheien rechtfertigen, die er südlich des Brenners nicht nur ohne Nachsicht, sondern sogar ohne Gerechtigkeit betreibt? Mit Recht wendet sich die
Die Besprechungen werden sich natürlich auch auf die italienische Kampagne gegen Oesterreich erstrecken, wenn auch vor der zv erwartenden Rede Mussolinis mit einer Stellungnahme des Reichsaußenministers i nicht zu rechnen ist.
Die italienische Presiepolemik gegen i Oesterreich dauert an. Der „M e s s a g - gero" vertritt den Standpunkt, daß die t Kundgebungen, wie sie in Wien im Natio- | nalrat stattfanden, sich nicht mehr wie- I derholen dürften, wenn das Verhältnis zwischen Wien und Rom so bleiben soll wie bisher. Italien könne nicht länger solche Attentate auf sein absolutes Hoheitsrecht über eine seiner Provinzen dulden Das Blatt sucht sodann Dr. Seipel verantwortlich zu machen für alle antiitalienischen Kundgebungen in Oesterreich und in der ganzen Welt, die die Oesterreicher bisher als Ausfluß unverantwortlicher Kreise hingestellt hätten. Besonders sind dem Blatt die Kundgebungen zugunsten Südtirols in Am e r i k a unangenehm, und es schließt deshalb mit der Forderung, daß alle diese Kundgebungen aufhören müßten.
„Eiornale d'Italia" meint, daß die ewige Wiederholung der Angriffe wegen Südtirol nahezu lästig werde Diese bildeten zwar keinen Grund zur Auf- ‘ regung, schienen aber zu beweisen, daß nach Jugoslawien auch Oesterreich zu einem gleich aufgeregt 5 Alachbar Italiens werde. Die Welt habe reine Zeit (!), sich mit der südtiroler Frage zu befaßen, in dem Italien seine Pfli-^t ausübe, entsprechend den internationalen Verträgen. Die Rede Seipels sei lang und dunkel und beweise die Absicht, die österreichischen Fragen zu unterstützen, ohne die österreichisch-italienischen Beziehungen allzusehr zu kompromittieren. Die Ablehnung einer Demarche beim Völkerbund sei gut kalkuliert, denn der Völkerbund werde sich wohl hüten, sich mit Südtirol zu befassen.
Die übrigen Blätter, wie die „Tribüne" und „L a v o r o d'Italia" bestreiten vor allem, daß es eine deutsche Frage in Südtirol von internationalem Charakter gäbe. Die „Tribuna" meint sogar, über die deutsche Frage in Südtirol würde man bald in der Chronik lesen, weil Südtirol eine italienische Provinz (!!) sei, in der eine fremd- stämmige Minderheit bestehe.
Fast alle Wiener Blätter erörtern das Derhälnis Italiens zu Oesterreich und stellen grundsätzlich fest, daß Oesterreich mit Italien in gut nachbarlicher Freundschaft leben wolle, aber >n der Behandlung der Deutschen Südtirols Rücksicht aus das
Die Sttafanttöse im Bmmakprozeß s« SIM UM 30 MfiivMN betrügen
Berlin, 25. Febr. 3m Darrnat-Prozeh verkündete Sonnabend mittag Oberstaatsanwalt Dr. Trautmann gegen den Angeklagten IuliuS Darmat die Strafanträge. Aach der Auszählung der einzelnen Anträge beantragte er, gegen Julius Darmat auf folgende Gesamtstrafen zu erkennen:
Fünf IahreGefängniS und 483000 Mark Geldstrafe eventuell für je 1 003 Mark einen Tag Gefängnis, ferner Aberkennung der bürgerli^n Ehrenrechte aus die Dauer von fünf Jahren, Verfallserklärung gemäß Paragraph 335, endlich Anrechnung der in der Zeit vom vom 31. Dezember 1924 bis 23. Mai 1925 und vom 6. März 1926 bis 17. März 1926 erlittenen Untersuchungshaft mit 155 Tagen auf die zu erkennende Strafe.
3n der Degründung w es der Staatsanwalt darauf hin, daß der Schaden durch das strafbar« Treiben 3ulius Darmats nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme aus rund 30 M illionen Goldmark b.'mes en we:den müsse. Unter den einzelnen Julius Darmat bewiesenen (Straftaten trete der Betrug und die Anstiftung zur Untreue gegenüber der preußischen Staatsbank a.'s be'onrers schwerwiegend hervor. Moralisch noch verwerflicher sei aber Julius Darmats Verhalten gegenüber Dr. Höfle.
Wenn er gleichwohl davon abginge, eine Gefängnisstrafe in Antrag zu bringen, de auf den ersten Dlick in einem Verhältnis zu der Schwere der Taten IuliuS Darmats stehe, so geschehe dies in Berücksichtigung der Tat ach-, daß der in seinem Machthunger Hemmung lose Darmat erfahren mußte, daß auf dem D den, den er betrat, ihm nicht allzustarke Widerstände entgegengesetzt w r'm.
Weiter beantragte Oberstaatsanwalt Dr. Trautmann gegen den Angeklagten Henry
Barmet eine Gesamtstrafe von 2 Jahren 6 MonBten Gefängnis und Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte für drei Jahre und gegen den Angeklagten Älenile, den Geschäftsführer der Amerima, eine Gesamtstrafe von 9 Monaten Gefängnis und 1000 Reichsmark Geldstrafe. Die Unter» suchungShast soll in beiden Fallen angerechnet werden.
Oberstaatsanwalt T'autmann bean rafte tm weiteren Verlaufe se n:r ausführlichen St af- antragsstellung gegen den Angekiagten Fi- nanzrat Hellwig von der Staatsbank wegen fortgesetzter Untreue zum Rächt eil der Staatsbank mit passiver schwerer Destechung 2 Jahre Gefängnis und Aberkennung der Fähigkeit zur Delleidung öffentlicher Aemter für fünf Jahre. Gegen den Reichstagsabgeordneten Lange-Heger» mann beantragte er wegen Betruges zum Rachteil des ReichSvostministeriurns und der Preußischen Staatsbank ein Jahr Gefängnis und 30 030 Re chsmark Geldstrafe, wobei er hinzufügte, es komme hier in Betracht, daß der Ängellag'e die hohe und verantwortliche Stellung eines Abgeordneten in schwerster Weise miß- braucht habe. — Rachdem der Oberstaatsanwalt noch die Strafanträge für die minder bedeutsamen Qtngefiagten gestellt hatte, hat er zum Schluß mit Rücksicht auf die Höhe der Strafen gegen die Angeklagten IuliuS und Henry Darmat sowie gegen den Angeklagten Hellwig die bestehenden Haftbefehle aufrechtzuerhalten und sie unter Freigabe der gestellten Sicherhellen erneut zu vollstrecken.
Dann wurde die Sitzung auf Montag vertagt.
nichtitalienische Bevölkerung von Südtirol gegen die Schließung der Minderheitsschulen, gegen die Aechtung der deutschen Sprache und gegen die Ungleichheit der Steuerlasten, die für die Oesterreicher erdrückend schwer, für die Italiener aber leicht sind. Diese Politik der Entnationalisierung der Minderheiten verfolgt Rom übrigens auch in den von Kroaten und Slowenen bevölkerten Provinzen.
Tiroler Abgeordnete zur Südtiroler Frage
Wien, 25. Febr. Zur Abreise des italienischen Gesandten nach Rom äußerten die hier weilenden Tiroler Abgeordneten einer Korrespondenzmeldung zufolge u. a.: Angesichts der Sympathiebe- roeife, die ihnen aus den verschiedensten
Ländern zugegangen seien, hätten sie wohl das Recht, die Südtiroler Frage als eine Frage des Weltgewissens zu bezeichnen. Die österreichische Regierung werde sich bis zur Rede Mussolinis jeder Stellungnahme enthalten. Niemand denke zur Zeit daran, die Herausgabe des deutschen Südtirol zu verlangen, aber das Recht, überall für eine menschenwürdige Behandlung der deutschen Minderheit in Italien einzutreten, werde man sich nicht nehmen lassen. Aus Dankbarkeit für die Nahrungsmittelhilfe könne man nie und nimmer die nationale Existenz von Hunderttausenden deutscher Volksgenossen verkaufen.
«mm in Rom
Das hätte sich der mehr als vorsichtig« österreichische Bundeskanzler Dr. Seipel sicher nicht gedacht, als er vor einer Woche sehr vorsichtig und realpolitisch — für unser Gefühl vielleicht ein wenig zu vorsichtig und realpolittsch — die Möglichkeiten Oesterreichs für einen Schritt zugunsten feiner Stammesgenossen In Südtirol vor dem österreichischen Äattonalrat erörterte. Einen solchen Sturm in Dom hatte er nicht erwartet. Dieser richtet sich auch nicht so sehr gegen die Seipelschen Ausführungen, in denen Ja sogar vor einem Appell an den Völkerbund gewarnt wurde, sondern gegen die Kundgebung des AattonalrateS selbst, die bekanntlich einmütig gefaßt wurde. Dabei war es für unser deutsches Gefühl wirklich an der Zeit, daß auch von österreichischer Seite, und zwar in Wien und nicht nur Innsbruck einmal energisch Protest eingelegt wurde gegen die nicht abreißende Kette von Dewalttättgkeiten und Anterdrückungen des Deutschtums gegen diese ganze Hölle jenseits des Brenners die unsere Brüder zu erdulden haben, deren Qualen in ihrem ganzen Umfang wir nicht einmal ermessen können, weil, wie der christlich-soziale Abgeordnete Dr. Kolb im Äattonalrat sehr richtig feststellte, höchstens 10 Proz. der Leiden an die Oeffent- lichkeit kommen. Besonders erbost ist die italienische Presse darüber, daß im Äattonalrat gesagt worden ist, Südtirol sei als Minderheitsangelegenheit keine innere Angelegenheit Italiens, sondern eine deutsche und darüber hinaus eint internationale Angelegenheit. Aun bieten aber Äunbgebungen und Reden von Abgeordneten int Parlament eines fremden Staates nicht die geringste Handhabe für offizielle Staatsaktionen, wenn man nicht den Begriff der Rede- und Pressefreiheit vollständig verdrehen will. Trotzdem ist von einer Reihe von italienischen Abgeordneten eine Interpellation darüber eingebracht worden, was Mussolini gegen die- „unverschämte Lügenkampagne" im österreichischen Parlament zu tun gedenke. „Wir fragen“, heißt es in der Interpellation, „ob darin nicht die Beweise einer unzulänglichen Einmischung eines fremden Staates in die innere Gesetzgebung des italienischen Staates zu erblicken sind." Die italienische Presse geht noch weiter und fordert „als einzig und würdige Antwort" eine Abberufung des italienischen Gesandten in Wien. Aach einigen 'Blätter* stimmen soll sogar diese letzte Konsequenz im Pallazzo Chigi bereits erwogen werden. tIn Genfer DölkerbundSkreisen ist man allerdings der Ansicht, daß Mussolini eS nicht zu so offenem Bruche werde komme« lassen. Einstweilen hat der Gesandte Auritt von Mussolini lediglich den Auftrag erhalten, unverzüglich nach Rom zu reisen und dvtt Bericht zu erstatten.
Jedenfalls haben wir, wenn nicht alles täuscht, wieder einmal eine Rede Mussolinis zu erwarten, die nicht von Pappe sein wirb. Bei dieser Gelegenheit dürfte es nicht uninteressant fein, die Erinnerung an das wachzurufen, was Deutschlands Außen- Minister Dr. Sttesemann auf die Red« Mussolinis in der Italienischen Kammer vom 6. Februar 1926 erwidert hat. Er sagte am 9. Februar im deutschen Reichstag: „Gerade bei Schließung der Friedens- oerträge und bei ihrer Begründung haben wir oft von anderer Seite die Worte ge- hött, daß es nicht nur internationales Recht, sondern auch eine internationale Moral gibt." Was in Südtirol geschieht, steht aber in krassem Gegensatz zu der internationalen Moral. Es steht auch im Gegensatz zu den Zusicherungen, die der Südtiroler Bevölkerung bei ihrer Annexion von Italien gegeben worden sind. Am 27. September 1919 sagte Senator Titoni, der Vertteter Italiens, auf der Friedenskonferenz von St. Germain in der römischen Kammer u. a.: „Die Völker anderer Aationalitäten, die mit uns vereinigt werden, sollen wissen, daß uns der Gedanke