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Anzeiger für (das frühere kurhessische) Oberhessen
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Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
Die zweite Rete De. Steesrm«mS mw ihr Echo
Sie Besatzung als TaaftboWl — Segen eine wettere rrunveamminderung — Ser Berichlag der «Uembnrger Konserenz
Während sich die Wirkung der zweiten Ercsemannrede in Deutschland in einem ganz überflüssigen parteipolitischen Streit äußert — ein Frankfurter Blatt bringt es fertig, von einem «drolligen Fall" zu sprechen —, hat bas Ausland sehr schnell verstanden, was der deutsche Außenminister in seinen Reden sagen wollte. Wichtiger als eine Kritik, die einen neuen Weg nicht zu zeigen vermag and die nicht einmal die Billigung der ganzen Partei gefunden hat, erscheint uns einmal die iFeststellung, wie zwiespältig und unentschieden wieder die Haltung Englands ist, dann aber auch die Erkenntnis, daß die Wiede'eröffnung der Diskussion über die Aaumungslrage das französische Volk zu einmütiger Ablehnung einer vorzeitigen Räumung ohne Compenfa- Ihm entschlossen findet. Driand, offenbar überrascht durch die Skepsis Dr. Stresemanns, hat es bisher vorgezogen, noch nicht zu ant« antworten. Um so unmittelbarer wirken die Kommentare der großen Pariser Zeitungen, die auch anschaulicher als fruchtlose Reichs- tagsdebatten zeigen, worum es eigentlich geht. Dach diesem Anschauungsunterricht Bringt man freilich nicht mehr viel Berständnis für den Humor auf, an dem sich unsere berufenen Vertreter im Reichstag — gleich welcher Partei — zu ergötzen belieben.
Ein großer Tag in Paris.
Der heutige Tag dürfte in Paris erster politischer Ordnung werden, da zwei große Reden angekündigt sind, nämlich die programmatische Rede Poincarös in der Kammer, die eine Antwort auf die Interpellationen über die Finanzlage darstellt und die Rede des französischen Außenministers Briand im Senat. Während es sicher ist, daß der französische Ministerpräsident in der französischen Kammer nach einer kurzen Interpellation des Deputierten B o i r antworten wird, ist es allerdings zweifelhaft geworden, ob Briand im Senat seine erwartete Rede heute noch halten wird. In der Tat sind drei Interpellanten eingeschrieben, die noch vor Briand zu Worte kommen, andererseits dürfte die gestrige Rcde Stresemanns in den französischen politischen Kreisen es ebenfalls ratsam erscheinen lassen, zuerst den Wortlaut der Stresemann'chen Ausführungen abzuwarten, um persönlich in die außenpolitische und Rheinlanddebatte einzugreifen. Man glaubt annehmen zu können, daß die Erklärung Briands entweder auf morgen, wenn nicht gar auf nächsten Dienstag vertagt werde. So würde der heutige und der morgige Tag der Rede Poincar4s gewidmet sein. Für Briands zu erwartende Retie dürften auch die folgenden englischen Pressestimmen von Interesse fein.
Die Stresemann-Rede im Spiegel der englischen Presse.
„Daily News" schreibt heute in einem Leitartikel: Wenn auch die französische öffentliche Meinung Dr. Stresemanns erneute Forderung nach sofortiger Räumung des Rheinlandes übel nimmt, so gibt es doch keine Wirklichen Einwendungen gegen die von ihm vorgebrachten Argumente. Wir glauben nicht, daß die britische Regierung oder irgend ein Teil der britischen öffentlichen Meinung versuchen würde, die Form „Internationaler Knechtschaft", die die Anwesenheit einer französischen Armee und des Restes einer britischen Armee unter den gegenwärtigen Umständen bedeutet, zu rechtfertigen.
Wenn die Unterzeichner des Locarnopaktes die Absicht hatten, ihre Set» pflichtungen einzuhalen, dann ist die Fortdauer der Besatzung
eine Beleidigung des Rechts« ge fühl es, ferner eine Beleidigung des deutschen Volkes und eine dauernde Gefahr fite den
Frieden.
Es kann kaum bezweifelt werden, daß dis britische Regierung die britischen Truppen bereits morgen mit Freuden zurückziehen würde. Die französische Regierung hat immer wieder ihren Wunsch nach wahrem Frieden mit Deutschland verkündet, oben sie wird niemals den friedlichen Geist in der deutschen Nation hervorbringen, wenn sie eine starke militärische Streitmacht nicht nur an der Grenze ihres Nachbarn beläßt, sondern auf dessen Eigentum ansiedelt und den Eindruck erstehen läßt, daß dies bis zum jüngsten Tags so weiter gehen soll.
Auch der diplomatische Korrespondent des „Daily Telegraph" schreibt, nach britischer Ansicht habe Locarno die im Versailler Vertrag geforderten Garantien gegen einen nicht herausgeforderten Angriff durch Deutschland gegeben. Frankreich habe auch zur Zeit des Abschlusses des Locarnopaktes Großbritannien nicht zu verstehen gegeben, daß es die Bestimmungen des Paktes als unzulänglich betrachte.
„Time s„ sagt in einem Leitartikel zur Stresemann-Rede: Wir haben jeden Anlaß, mit den realen und sichtbaren Wirkungen des britischen Anteils am Locarno- vertrage zufrieden zu sein. 1l. a. hat et das allmähliche Heranrücken der französisch-deutschen Verständigung ermöglicht, wobei Herrn Stresemanns letzte Rede eine wichtige Etappe bezeichnet. Dieser Vorstoß interessiert uns stark, aber wir können jetzt wenig tun, um ihn zu fördern oder zu behindern. Für Frankreich ist die Besetzung nicht nur ein militärischer Vorteil, sondern auch ein Tauschgegenstand, den es aus gewissen Gründen auch nicht preisgeben will, wenn Deutschland nicht etwas wirklich Wertvolles dafür bietet. Herr Strescmann erkennt offenbar diesen Faktor in der französischen Haltung und
ist bereit, etwas zu gewähren, um einen Tausch zustande zu bringen.
Viel interessanter, als die Bereit- schäft einer Völkerbundskontrolle im Rheinland bis 1935 zuzustimmen, ist die Anregung, daß die Frage der Räumung mit einer allgemeine« Söfutta der verbleibenden wirtschaft l i ch en und finanziellen Verpflichtungen verbünd en werden könnte.
Diese vorsichtige Andeutung ausgedehnter wirtschaftlicher Möglichkeiten müßten der ganzen Erörterung eine neue Wendung geben.
Die Pariser Presse.
Die neuen außenpolnischen Erklärungen Dr. Stresemanns im Reichstag und die angekündigte Rede Briands im Senat geben natürlich vor allem der Pariser Presse Anlaß, erneut den ganzen Fragenkomplex Rheinland — Locarno — Versailles zu behandeln. Das Echo, das aus den heutigen Morgenblättern Dr. Stresemann ent- geg,en?ringt, ist nicht ermutigender als das auf seine erste, Rede.
Das „I o u r n a l" allerdings Begnügt sich mit der Feststellung, die neuen Erklärungen Dr. Stresemanns seien in einem wert positiveren Gessste gefaßt als seine erste Rede«.
Der „Petit Parisie n" knüpft besonders an die Stelle, der ^stresemann- Rede an, daß Deutschland sine völlige Verständigung mit Frankreich wünsche und erklärt, ohne die Aufrichtigksit Dr.'Stresemanns bezweifeln zu wollen, sei man berechtigt zu sagen, daß diese, Rede Bedeutung hätte, wenn fite, ein Bestandteil seiner ersten Rede gewesen wäre.
Dis nationalistische Presse fährt natürlich fort, weiterhin Deutschland zu verdächtigen. So stellt „Figaro" die Sachs so hin, als ob seit 1924 die französische Politik den Gedankem e,iner Annäherung an Deutschland verfolgt und alle Opfe» gebracht habe.
Frankreichs Politik Babe aber den Erfolg gehabt, daß Deutschland 10 Jahre nach dem Waffenstillstand die Abschaffung alles dessen verlange, was von den Friedensver- trägen »och übrig sei.
Dis Forderung auf Rheinlandräumung ser nur ein Prolog.
Der „® au lots" stellt Dr. Stresse,man» gegenüber fest, daß die Rheinlandbesetzung vn den Händen der Franzosen ein sehr wertvoller Trumpf für die von dsm General-Agenten angekündigte Liquidation bedeute.
Frankreich sei gezwungen, die Wacht am
Rhein zu halten, bis es Gewißheit über die Kompensationen habe, die Deutschland zn geben bereit sei.
Der „I n t r a n f t g e a n t" kritisierte die bisherige Politik Brrands, die unter alten Umständen Locarno retten, wolle. Das Gerücht, nach dem Briand eine neue Verringerung der Rheinland truppen an im io- ren wolle, fei von ernster Bedeutung,
da man durch die starke Truvpenverminde« ruug die französischen Tesatzungstruppen in Gefahr bringe. (!!)
Merkwürdig ist die Anschauung, bie heute das sozialistische „Peuple" vertritt. Es verkennt allerdings nicht, daß man/ der Rheinlandfrage nicht mehr aus dem Wege gehen kann, meint aber, Dr. Stressmann sei es mehr um seine Wahlpopularität als um genaue Interpretation der Tatsachen zu tun gewesen.
Die von ihm vorgebrachten Argumente könnten die Besatzungsmächte nicht veranlassen, ihre Meinung zu ändern.
Wenn die Unterhaltung über die Rheim lanbfrage fortgesetzt werden sollte, müßten beide Mächte ihre Wünsche und Forderungen in den Rahmen des Völkerbund«» bringen.
Objektiver ist der »Populair", in dem der sozialistische Führer Leon Blum die Rede Stresemanns als die vernünstigste und gemäßigste bezeichnet, die man habe erwarten können. Ganz Deutschland habe mit Locarno eine neue Phase in den Beziehungen zu Frankreich bekommen.
Die sozialistische Konferenz in Luxemburg habe allerdings eine internationale Kontrolle vorgeschlagen, die aber aus beide Seiten sich erstrecke.
Es verstehe sich von selbst, daß eine solche Kontrolle nicht die für die Besetzung des Aheinlandes im Versailler Vertrag vorgesehene Frist überschreiten kann. Die Idee einer internationalen Kontrolle biete Briand das Beste und vielleicht das einzige Mittel, die Schwierigkeiten des Konflittes zu lösen.
Die außenpolitische Debatte im Reichstag
eitt'timmn zur Stillt ». zrrMrdLordighovrnS — es bleibt bei bet LolmnvWitik
Berlrn, 1. Febr. Im Reichstag wurde heute die zweite Beratung des Haushaltes des Auswärtigen Amtes fortgesetzt. Nachdem zuerst di« Vertreter der kleinen Parteien, Abg. Stöcker (Komm.), Abg. Graf v. Reventlow (Natlsoz.), Abg. v. Graefe (Völk.) und Abg. U r b a h n s (LinkSkomm.) scharfe Angriffe gegen die Außenpolitik Dr. Stresemanns gerichtet hatten, äußerte sich
MeitWufienmhtlfter Dr. Stresvmrrmr über die Ausführungen des Abgeordneten v. Freytagh-Loringhoven, die der Sozial- demokratstchen Partei Veranlassung gegeben hatten, an die Regierung die Frag» zu richten, ob es den Feinden, Deutschlands möglich gemacht. werden solle, die deutsche Außenpolitik Sls zweideutig zu bezeichnen. Der Minister erklärt, et könne nicht mit Herrn v. Lindeiner die Ausführungen des Abgeordneten v. Freh- tagh als eine wertvolle Ergänzung feiner Rede betrachten. Die Deutschnationalen hätten die Locarno-Politik nicht etwa terminiert anerkannt; ihr Vertreter Di. Hoetzsch habe in Genf durchaus loyal mit* gearbeitet.
Der grunvleMmde Unterschied zwischen seiner, des Ministcws, Auffassung und den Ausführungen des Abgeordnete« v. Fyehtagjh
liege darin, daß dieser sich persönlich gegen die Fortsetzung der deutsch- französischen VerständigungS- Politik gewandt habe. „Der Sinn meiner Ausführungen", so erklärte der Minister, „war im Gegenteil, daß wir schneller zum Ziele kommen müssen und daß wir dieses Ziel schneller erreichem, wenn man in Frankreich einsieht, daß die psychologischen Hemmungen bteseitigt werden müssen, die für Deutschland in dem Fortbestehen der Rheinlandbesetzung liegen." Der Abgeordnete v. Freytagh habe einmal gefordert, daß wir zusammenarbeiten sollten mit den Mächten, die mit uns in der Rechtsfrage auf demselben Boden ständen. Er, der Minister, frage, wann das bisher nicht geschehen fei.
D« ganpc deutsche «ußsnpvlitik feit dem Kriege sei der Versuch geireseu, den Xachtsgedankoir zum Träger den
Politik gegenüber de« Gedanken de« Gewalt zu machen.
(Lebhafte Zustimmung links und in bei Mitte.) Andererseits habe Herr v. Frey- tagh die Zusammenarbeit mit den Nicht- Großmächten des Völkerbundes vorgeschlagen. Deutschland habe bereits als einzige der sog. Großmächte die Haager Gerichtsklausel unterzeichnet und befinde sich dabei in Gesellschaft derjenigen Mächte, die her Abg. v. Frehtag.h als Nicht-Großmächte bezeichnete. Deutschland habe damit den übrigen Großmächten den Anlaß gegeben, ihm in dieser Frage zu folgen. Der Minister betonte, daß unsere Polittk bisher
auf dem Standpunkt gegenseitiger friedlicher Verständigung
beruhte, sie werde und müsse diese Basis behalten. Er verwies dann auf die verschiedenen deutschen Forderungen, die seit dem Eintritt Deutschlands in den Völkerbund bisher erfüllt worden seien, wie daS Berschwinden der Militärkontrolle, die Aufhebung der Beschränkungen im Luftverkehr ufw. Alles das feien zwar nur kleine