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Anzeiger für (das frühere kurhessische) Oberhessen

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Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.

Bisher 18 Loöesopker -er ExplofionskaSaftrephe

LS werten noch 7 Personen vermißt —18 Verletzte — ein grauenhaftes Bild ter Zerstörung

Berlin. 5. Ian. Bis um 11 Uhr abends find bei den «nablLssig fortgesetzten hsnfräumungsarbeiten in den Trümmern der Stätte des Explofionsrmglücks in der Landsberger Allee insgesamt 16 L e i ch e n geborgen worden. Bon den Toten find ,eun mit Namen bekannt. Bei den Sticken von vier erwachsenen Personen and einem Kind konnten die Namen noch richt ermittelt werden. Zu einem i« den Trümmern vorgefundenen abge- rifieuen Arm fehlt noch immer der Körper. Insgesamt find also bisher 17 Todesopfer zu beklagen.

Zur Fortführung der Bergungsarbeiten wurden in den Trümmern des durch Explosion zerstörten Hauses in der Lands­berger Allee e lektrische Schein» »erfer in Betrieb gesetzt. Es konnte« zahlreiche Besitzgegenstände der ehemaligen Hausbewohner geborgen werden, die unter stchere Bewachung gestellt wurden, da lichtscheue Gestalten versuchten, an der Unglücksstelle zu stehlen. Die 'Polizei nahm zwei Fledderer fest» die nur mit Mühe vor der Wut de - Pub­likums geschützt werde« konnten.

fk. Berlin. 8. Ja«. Die Auf» räumungsarbeiten an der Unglücksstatte iu der Landsberger Allee, die von der Feuerwehr und der Schupo, ausgeführt »erde«, wurden in der vergangenen Rächt ununterbrochen fortgesetzt. Heute früh gegen 4yz Uhr wurde die Leiche eines etwa 4 Monaten alten Kindes geborgen. Man nimmt an, daß es sich um den Bruder des gestern abend aus den Trümmern hervorgezoge- neu 12fShrigen Heinz Lorey handelt, doch bedarf es noch der Mentifizierung, da ein gleichaltriges Kind ebenfalls Noch vermißt wird. Die Zahl der Todesopfer ist damit auf 18 gestiegen. E s »erden noch etwa 7 Personen termißt.

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Der Berliner Oberbranddirektor Eempp schreibt in der „Voss. Ztg." zu der Explosionskatastrophe: Die Ursache des nächtlichen Explosionsunglückes in der Landsberger Allee konnte noch nicht zeklärt werden. Drei verschiedene Ee- ahrenstellen befanden sich in dem vier- töckigen Gebäude. In der Mitte des Hauses eine Ammoniak-Küblanlage,'hin­ten ein Benzindepot, in dem mehrere tausend Liter Benzin lagerten und dazu kommt noch Leuchtgas. Eines von den dreien muß Schuld an der Explosion ge­wesen sein, ob Leuchtgas, Ammoniak oder Benzin, das wird hoffentlich ®bie Unter­suchung ergeben.

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Die Explosionskatastrophe in der Landsberger Allee ist in ihren äußeren Wirkungen noch viel schwerer als die Katastrophe, die vor etwa 1V- Jahren in Moabit in der Kirchstraße ein Haus fast vollständig zerstörte. Das Haus gehört den Efha-Werken, die hinter dem Wohn­haus Kühlanlagen haben. Hier ist mög­licherweise der Herd der Explosion zu suchen. Vorläufig kann noch nicht mit Bestimmtheit gesagt werden, ob eine Gas­explosion die verheerende Wirkung her- vorgerusen hat oder ob die Ammoniak­

Das einzige was von der Explosions- Katastrophe verschont geblieben ist, ist e i n e U h r, die mitten an der Wand der Gaststube hängt, und die genauer, als jeder andere es angeben könnte, den ge­nauen Zeitpunkt der Katastrophe anzeigt. Die Zeiger sind auf 12.20 Uhr st ehengeblieben. Donnerstag früh um 10 Uhr erst konnte die Feuerwehr die Leichen des Ehepaares und das noch lebende Kind bergen. Die Körper der un­glücklichen drei Menschen sind 16 Meter weit geschleudert worden. Wäh­rend die Eltern bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt sind, ist die kleine Gerda noch bester fortgekommen. Sie lag unter einem Eisenträger, der wohl tn der Hauptsache die Wirkung der nachstürzen­den Mauern abgehalten hat. <

Fürchterlich verheert ist auch die Woh­nung der Familie Kussin. Von der Treppe aus kann man wenige Schritte in das Wohnzimmer hinein tun, über die Tür hinweg, die merkwürdigerweise nicht nach außen, sondern nach innen gedrückt wor­den ist. In der Mitte gähnt ein riesiges Loch, burct) das die Möbelstücke in die daruntergelegene Gastwirtschaft gestürzt sind. Betten, Schränke, Tische, alles liegt wüst durcheinander. Genau so sieht er tn dem Dorderzimmer aus, wo Wäsche­schränke und das Büfett umgestürzt sind, wo die Flammen gehaust haben und wo der Druck der Explosion alles von den Wänden herabgerisien hat.

Als ein in dieser wüsten Umgebung doppelt rührender Gegensatz stehen aus

Anlage des Kühlhauses explodierte und dann die Gasanlage zur Entzündung brachte. Nicht nur das rechte Vorder­haus, sondern auch das ganze Unterge- 'choß ist von der unerhörten Gewalt der Explosion vernichtet. Im Erdgeschoß stehen nur noch die starken eisernen Trä­ger, sonst kann man durch die vollständig verwüsteten Räume völlig hindurchsehen. In dem am meisten beschädigten Flügel des Hauses, der rechts an das tief ge­legene Bahngelände der Ringbahn grenzte, wohnte eine Anzahl Familien, die durch Die Katastrophe Hab und Gut vollständig verloren haben und deren An­gehörige zum Teil getötet, zum Teil schwere Verletzungen davontrugen. Die breite Front des Hauses bietet einen grauenvollen Anblick. Die gesamte Grenzmauer ist weggerissen und bedeckt den Grund des freien Feldes mit meter­hohem Schutt. Vom ersten bis zum vier­ten Stockwerk hinauf sieht man die Zim­merwände und das Gerippe der Fuß­böden, auf deren Resten noch vereinzelt wenig beschädigte Möbelstücke stehen. Die Tapeten hängen in Fetzen von den Wän­den. Hier und da hängt ein Bild.

Am schlimmsten yat die Explosion ht dem Restaurant von Scheid­hauer gewütet. Hier ist aber auch nicht der kleinste Gegenstand ganz beblieben. Die Einrichtung des Gastraumes ebenso wie Schlafzimmer und Küche liegt in dem Keller, darüber die Balken des Fuß­bodens, Zwischenwände und Hausrat der aus der Wohnung der Familie Kuffin durchgestürzt ist.

einem kleinen Tischchen vier dunkekroke Rosen in einer Vase, die die Katastrophe verschont hat. Ueberall im Hause sind die Bewohner der oberen Etagen dabei, ihre Habseligkeiten zu bergen, Kleider und Wäsche hat man in Laken und Bettzeug eingeschnürt, um wenigstens das Unent­behrlichste zu retten. Freunde und hilfs­bereite Nachbarn helfen überall bei die­sem Rettungswerk, während die Polizei nach Möglichkeit Unberufene fernzuhal­ten sucht.

In und vor dem Hause spielten sich' herzzerreißende Szenen ab, denn viele Angehörige und Verwandte der in dem Unglückshause wohnenden Familien waren herbeigeeilt und suchten Gewiß, heit über das Schicksal der ihnen nahe­stehenden Personen zu erhalten. Eine alte, 70jährige Frau, deren Sohn als Schlafbursche in dem abgestürzten Teil des Hauses wohnte, versuchte, fassungs­los weinend, immer wieder sich Eingang in das Haus, besten Treppenhaus voll­kommen eingestürzt ist, zu verschaffen. Polizei und Feuerwehr mußten die alte Frau beruhigen und ihr die Unmöglich­keit, selbst zu suchen, klarmachen. Heute vormittag kamen dann auch die Hausbe­wohner, die in der Nacht in den umlie­genden Häusern Obdach gefunden hatten, um nach ihrem Hab und Gut zu sehen. Feuerwehr und Polizei begleiteten die einzelnen Personen, denn überall droht Gefahr, überall geben die Decken und Wände nach.

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Amerika -rängt nicht auf Antwort

«utzige Senrtelümg in tonten — Der Vorschlag mit tem Völkerbund vereinbar

ff. Paris, 6. Ian. Wie Havas von durchaus zuverlässiger Washingtoner Stelle erfährt, verstehe Kellogg durchaus den Wunsch Briands, genügend Zeit zu einer genaue« Prüfung des amerikanischen Vor­schlages über einen Schiedsgerichtsvertrag zu gewinnen. Die amerikanische Regierung Ijabc keineswegs die Absicht, die flau* zösstche Regierung zu einer Antwort zu drängen. In unterrichteten amerikanischen Kreisen nehme man an, daß infolge der von dem französischen Botschafter in Washington dem Quai d'Orsay übermit­telten Erklärung über gewisse Verhand­lungsphasen Driand in der Lage sei, diese Probleme erst von sich aus zu studieren, bevor er offiziell mit dem Staatsdeparte­ment in Verbindung tritt. In den glei­chen Kresten fei man der Meinung, daß Dostchafter Claudel auf Grund ferner Besprechungen mit Staatssekretär Kel­logg, Unterstaatssekretär Castle und Senator Dorah Driand den amerikani­schen Standpunkt klar habe darlegen kön­nen. Außerdem habe er Driand die Interpretationen übermittelt, die er von den offiziellen Persönlichkeiten des Staatsdepartements über die Lage er­halten habe, die sich aus einer etwaigen Weigerung des amerikanischen Senats, em Schiedsgerichtsurteil zu ratifizieren, er­geben könnten und über die Folgen des amerikanischen Vorbehaltes, die das Schiedsgerichtsverfahren für dritte Mächte angehende Streitfälle ausschliehen. Die offiziellen amerikanischen Persönlichkeiten lenken ferner die Aufmerksamkeit darauf, daß das Staatsdepartement zu weiterer Auskunft bereit fei.

„Oeuvre" will eine Bestätigung dafür besitzen, daß vielleicht in acht Tagen der Schiedsgerichtsvertrag mit Amerika (das-

Blatt nennt ihn den Pakt für ewig« Zei­ten) von Frankreich und den Vereinigten Staaten unterzeichnet werden würde.

Die amerikanischen Friedenspaktvor- fchläge an Frankreich finden in englischen Politischen Kreisen auch weiterhin stärkste Beachtung. Die „Times" erklären, die briftsche Regierung sei der Ansicht, daß es sich vorläufig nut um eine Diskussion zwischen den Vereinigten Staaten und Frankreich handele. Die Kellogg-Rote sei London bisher lediglich zur Kenntnisnahme unterbreitet worden.

Die vertragliche Stellung Großbritan­niens gegenüber den Vereinigten Staaten ist die, daß ein im Jahre 1908 abgeschlosse­ner Schiedsgerichtsvertrag und außerdem ein Freundschaftsvertrag, der eine Douei von 5 Jahren hat, bereits dreimal er- neuert wird. Er wird bei feinem Ablauf Witte dieses Jahres voraussichtlich die gleiche Abänderung erfahren, wie Amerika für feilte gleichartigen Verträge mit Frank­reich und Japan vorgeschlagen hat.

Die Frage der »Ehre und Unabhängig­keit" und der „vitalen Interessen", die tat letzten Vertrag der Schiedsgerichtsbarkeit nicht unterworfen bezeichnet wurden, sind in dem neuen Vertrag fallen gelassen wor­den, dagegen sind dritte Mächte bettef- fenbe Fragen und Innerer Angelegenheiten wie etwa die Abwanderung nach den pa­zifischen Staaten als neue der Schiedsge­richtsbarkeit unterzogene Fragen aufge­nommen worden. Die Monroe-Dokttin soll hn neuen Vertrag die gleiche Sonderstel­lung erhalten wie im alten. Der im Jahre 1914 abgeschlossene englisch amerikanische Friedens- und Ausgleichverttag sieht die ' Errichtung einer ständigen internattonalen Kommisfirm vor. • die tat Streitfälle Aus-.

K" ' HSvorschläge machen soll. Die Ein- ng der Kommifsion war jedoch bisher noch nicht notwendig. Ein im Jahre 1912 von dem damaligen brittschen Außenmini­ster Edward Grey vorgeschlagener weiter- gehender Schiedsgerichtsvettrag zwischen England und den Vereinigten Staaten wat bekanntlich von der Washingtoner Regie­rung angenommen, aber vom Kongreß ab- gelehnt worden.

Die „Times", die sich gestern nach jeder Stellungnahme zu der Rote KelloggS enthalten hatte, weist heute in einem Leit­artikel auf die Bedeutung der amerikani­schen Vorschläge hin. In dem Arttkel wird u. a. erklärt, daß sich Amerika von der Verantwortlichkeit für den Versailler Vertrag und vom Völkerbund fern gehal­ten habe und in europäischen Fragen feine eigenen Wege gegangen sei. Dabei dürfe aber nicht vergessen werden, daß sich die Vereinigten Staaten zeitweise außerordent­lich nützlich mit der europäischen politischen Lage beschäftigt hätten. Die Teilnahme der Vereinigten Staaten an der Auswir­kung und Durchführung des DawesplaneS sei außerordentlich wettvvll gewesen. Die Washingtoner Regierung werde aber zwei­fellos verstehen, daß sich Europa, bet aller Würdigung des großen Wettes der Zusammenarbeit mit Amerika, feine Prak­tisch geleistete Arbeit in die Erinnerung zurückruft. Die Sicherung des Friedens werde zuguterletzt von dem Ausmaß ab­hängen, in dem eine wirkliche Zusammen­arbeit zwischen Europa unh Amerika er­reicht werden könne.

Für die sehr vorsichttge ‘Beurteilung bet amerikanischen Vorschläge ist eS be­zeichnend, daß in Pariser Berichten bet englischen Blätter davon gefprvchen wird.