Marburger ragesaozeiger
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■ Anzeiger für (das frühere kurhessische) Oberhessen
Anzeiger der amtliche» Bekanntmachungen für Stadt «nd Kreis Marburg.
Stuljcht, znsMttl eich!
deutsche Dolk erfreut sich des .freiesten »rechts der Wett". Das ist uns oft ge« gesagt worden, und an Lobrednern für t Errungenschaft hat es nicht gefehlt, h und nach machen sich aber Erscheinungen erkbar, die auch den heftigsten Anhänger formalen Demokratie enttäuschen. Des« i nehmen di« Debatten über die Reform Wahlrechts und die Kritik an den Körper« ften, die dem freien Wahlrecht ihre Ent« img verdanken, kein Ende. Ein Kapital sich ist die Gefahr der Zersplitterung in lppen und Grüppchen, di« nicht allein das kgertum zahlenmäßig schwächt, sondern zur imehrung der Fraktionen und Frattiönchen ten Parlamenten beiträgt, die Regierungs« tmg erschwert, die parlamentarischen De« engen nutzlos verlängert. Man erinnere nur der inzwischen spurlos verschwundenen aei des Herrn Knüppel-Kunze, der an der tze seiner drei Männlein stundenlang im Hstage reden konnte, ohne daß chm auch i fünf Leute zugehört hätten, der dafür t den Duhm in Anspruch nehmen konnte, Ansehen des Parlaments herabgesetzt und Druckkosten für die Protokolle unnötig er« t zu haben. Das Komische der Sache ja. daß gerade diejenigen Leut«, di« ihre tische ‘Begabung darin erschöpfen, auf den rlamentarismus in allen. Tonarten zu ilpfen. es sind, die um jeden Preis in Reichstag oder Landtag hinein wollen,
। dieselben Elemente, di« in jedem Satz mal das Wort von der .Einigkeit" er» lassen, selbst zu den größten Spall« m in Deutschland gehören. Sie machen gewisse Schwächen unseres Wahlgesetzes ihre Privatbelustigungen, möchte man fast tn, zunutze.
>aS Reichstagswahlgesetz von 1924 be« wrt, daß die Wahlvorschläge zum Reichs« mindestens 500 Unterschriften tragen sm, an deren Stelle 20 Unterschriften tat, wenn diese ohne wetteres glaubhaft chen können, daß Mindestens 500 Wähler Hänger ihres Wahlvorschlags ftnd. Aehn» i bestimmt das Wahlgesetz zum preußischen Mag. Der den großen Wahlen zu diesen kn Körperschaften liegt eine gewisse Siche« g gegen weitergehende Zersplitterung in Tatsache, daß 60 000 bzw. 40 000 Wähler einem Wahlkreis verbände notwendig sind, «inen Sitz zu erringen. Diese Aussicht eht für Splitterparteien nur im seltensten Ile. Anders liegen die Dinge in den tlamenten kleinerer Staaten und in den Wunen, wo de Zahl der für ein Mandat »rüerlichen Stimmen erheblich geringer ist. 8 haben ja auch nicht nur eine Häusser« ktei erlebt, sondern bei den Gemeindewahlen h Listen für Sportvereine, Kleingärtner Mer, Kriegsbeschädigte, Deamt« usw. Im cftaat Danzig, wo 50 Unterschriften für ' Einrichtung eines Wahlvorschlages ge« kn, hat man gesehen, daß einzelne (Stamm» k ne Liste einreichten, di« aber nur 48 Dunen erhielt. Dort schlossen sich neben deren zahlreichen Splitterparteien die Fisch» cherer zu einer Partei zusammen, die sich in schleunigst in einen rechten und einen len Flügel spaltete. Derartige Beispiele chen Schule. Wir werden es vielleicht h erleben, daß findige Rellamechefs großer Wien noch die Anhänger bestimmter Mar» «N:kel zu einer Liste zusammenfassen, daß i die Freunde weltberühmter Böcker, Ufer, Schwimmer, Ringer oder Radfahrer eigenen Wahlvorschlägen vereinigen, daß che Häuserblocks tn Berlin und anderen Dßstädten eigene Listen aufstellen, daß die ^bestraften, die Hundezüchter, die organi» tten Strahenbettler und — warum nicht 4 — die abgebauten Minister und Ab- irdneten .selbständig in einen Wahlkampf treten". Das mag übertrieben flingen, n wir sind nicht mehr weit davon, fondern Di mitten in der Entwicklung drinnen. % derartige Zustände dem wirklichen Volks« tten nicht entsprechen, liegt llar auf der
Sie Landtage verschiedener Länder hatten kr bestimmte Doraussetzungen für die ^reichung neuer Wahlvorschlage geschaffen, k Regierungen haben keine Luft, irgend km auf unkontrollierbare Weise entstandc- ■t Wohlvorschlage einen Platz aus dem Glichen Stimntzettel einzuräumen, der auf Heu der Allgemeinheit hergestellt werden ?6. Sie haben in einzelnen Fällen die ^terlegung eines Betrages gefordert, dnr * dann zurückgezahlt wird, wenn fce be- ^fenden Listen einen tatsächlichen Erfolg »urtflen haben. Man hat ferner für den
RaiiktM gegen die ReWoa
Ein Brief Roimatts an den Rttiidenien der fievartiienSkemmtifien
ft. Paris, 24. Dez. Der frühere vor- itzende der Revarationskommisfion Dubois ersuchte im Laufe der Nachtsttzung der Kammer die Regierung, noch während der Budgetberatungen ihre Auffassung über das Memorandum Parker' Gilberts mitzuteilen.
Dubois erklärte, dah mit dem 21. Avril 1921 die deutsche Schuld endgültig mit 132 Milliarde« festgesetzt morde« sei.
5«be gegenteilige Meinung schein« «nmöglkch «nd unzulässig zu sein. Der Damesvla» sei der deutschen Zahlungsfähigkeit angevatzt «nd könne in keiner Weise zu der Entscheidung der Reparationskommisfiou über die Höhe der deutsche« Schuld in Gegensatz gebracht werden.
Poiuear« erwiderte hierauf, dah er verschiedene Stellen de» Memorandums Parker Gilberts für irrtümlich halte.
Di« Revarationskommissto« hab« die Söh« der deutschen Schuld festgesetzt und hätte nicht mehr das Recht, diesen Betrag abzuänder«.
Es sei selbstverständlich, dah die Höh« der Jahresrate abgeändert werde» könnt«, keineswegs aber der Gesamtbetrag der deutschen Schuld.
Poincare schloß unter lebhaftem Beifall auf zahlreiche» Bänken seine Bemerkungen mit den Worten, dah er einen in diesem Sinne ab« gefahte» Brief an den Präsidenten der Reparatiouskommission gerichtet habe.
Das französische Budget in zweiter Lesung angenommen.
ff. Paris, 24. Dez. Die Kammer hat in der Nachtsitzung das Budget für 19 2 8 in zweiter Lesung mit einigen Abänderungen angenommen. Der Senat und die Kammer werden sich daher heute erneut mit der Beratung des Budgets zu befassen haben.
Borah zu den französischen Vorschlägen eine- Friedenspakte».
ff. Washington, 24. Dez. Der Vorsitzende des Senatsausschusses für auswärtige Angelegenheiten, Senator Borah, erklärte zu Briands Vorschlag eines Vertrages zur Aechtung jeden Krieges zwischen Frankreich und den Vereinigten Staaten, es empfehle sich vielleicht, Briand darum zu ersuchen, den Geltungsbereich des Vertrages zu erweitern, sodass auch andere Mächte daran teilnehmen. Senator Borah schlug vor, dass die Vereinigten Staaten Besprechungen einleiteten. In gut unterrichteten Kreisen glaubt man jedoch nicht, dass grosse Aussichten für eine Ännahme der Vorschläge Borahs bestehen.
Reue Hetze gegen Deutschland.
Paris, 23. Dez. Je näher die französischen Wahlen rücken, um so aufgeregter gebärden sich die Organe der ftanzösischen Nationalisten. Dies trifft besonders auf das Blatt Millerands, den „Avenir", zu, der sich in feinem heutigen Leitartikel mit dem Schritt des Botschafters Rieth wegen des Hindenburg-Plakates und den Schritten des deutschen Konsuls in Genf gegen das „Journal de Eeneve" und die „La Suisse" wegen der von diesen Blättern gebrachten Kommentare zur Verhaftung Roettchers bezw. eines Interviews von Karl Mertens beschäftigt. Das Blatt stellt dabei die freche Bebauv« tung auf: „Die deutsche Divlomatie benimmt sich in Paris genau so unverschämt wie in Eens." Das Blatt schließt seine keineswegs für eine Besserung der deutsch-französischen Annäherung bestimmten Ausführungen mit dem Bemerken, die Franzosen könnten sich über den Mißgriff des deutschen Konsuls tn Genf nur freuen, denn dadurch seien den Schweizern die Augen geöffnet worden und auch sie hätten die Gefahr erblickt, die der Schweiz ebenso wie Frankreich drohe, ein Vasallenstaat Deutschland zu werden. Nur Frankreich könne die Schweizer Neutralität garantieren. (!)
Nachweis neuer Parteien die Einreichung von einer größeren Zahl von 11 nterf«Stiften verlangt, etwa soviel, wie für ein Mandat in dem betreffenden Lande notwendig ist. Der Staatsgerichtshof für das Deutsch« Deich hat aber leider derartige Wahlgesetze als ungültig erklärt. Man tarnt a dem Urteil und seiner Begründung manch« Kritck üben — auch staatsrechtlich ergeben sich daraus merkwürdig« Schwierigkeiten, wie die Dorgänge in Strelitz und Hamburg zeigen. Die Hinterlegung einer Kaution von etwa 2000 Mark, die vom Staatsgerichtshof als unzulässig erklärt wird, können wir nicht als eine Ungerechtigkeit betrachten. Wenn die Allgemeinheit für eine Splitterpartei mit di« Stimmzettel drucken soll, so ist ein solcher Betrag nur eine durchaus berechtigt« Gegenleistung. aber keine Erschwerung. Wenn di« neuen Parteien eigene Stimmzettel Herstellen und verteilen mühten, würden sie ganz andere Summen aufzubringen haben.
TaS Urteil bemängelt weiter, daß durch eins zu große Zahl von Unterschriften für einen Wahlvorschlag das Wahlgehei m- nis durchbrochen sei. Auch diese Begründung scheint uns ziemlich weltfremd zu sein. Das Wahlgeheimnis wird nicht durchbrochen, wenn jemand aus eigenem Entschluß die Zulassung einer neuen Wahlliste fordert. Die Unterschrift in diesem Fall ist nichts anderes, als ein Bekenntnis für «ine neue Partei. Dazu ist ntemanb gezwungen, dadurch wird kein Wahlgeheimnis widerrechtlich verletzt, ebensowentg wie die Eintragung in i"Be Mitgliederliste erner Parier an den Grui.osatzen des Wahlrechts etwas ändert. Wer sich öffentlich für ein« Sach« ausspricht, begibt sich mehr oder weniger aus freiem Willen des Geheimnisses"
zur Wahlurne. Das ist seine Sache und das hat er selbst zu verantworten. Juristisch mag das Leipziger Urteil noch so begründet scheinen, den politischen Bewegungen und denjenigen Gesetzen, di« sich die Parteibildung von selber geschaffen hat, trägt er in keiner Weise Rechnung. Wir könnten uns daher denken, daß der Reichstag von sich aus diejenigen verfassungsmäßigen Sicherungen beschließt, die notwendig sind, um zu verhindern, daß der Volkswille zu einer Karikatur der Stammtische oder kleinster und engster Jnteressengesichtspunkte wird. Diese Schäden sind schon jetzt klar erkennbar, ihre Beseitigung liegt im wohlverstandenen öffentlichen Interesse. Man sollte glauben, daß die erforderliche Zweidrritel- fnehrhvit für die hier so notwendige kleine Acnderung des Wahlrechts 'm Reichstag vorhanden ist. Vielleicht wäre "Bet *biefer Gelegenheit auch zu überlegen, ob man nicht gleichzeitig das Verhältnis der auf die Reichsliste einer Partei entfallenden Zahl von Abgeordnetensitzen im Verhältnis zu der im Reiche gewählten ändert. Nach den zurzeit geltenden Bestimmungen können auf die Reichsliste so viele Abgeordnete gewählt werden, wie im Lande gewählt sind; e« würde nichts schaden, wenn eine Einschränkung dahin erfolgte, daß auf der Reichsliste vielleicht nur bi® Hälfte oder ein Drittel der Im Lande gewählten Abgeordneten entfallen dürfte. Trifft der Reichstag die empfohlenen Entscheidungen zentral für das ganze Reich, dann ist auch den kleineren Ländern und den Gemeinden geholfen, die sich dann auf die neuen Bestimmungen der Reichsverfassung berufen können. Also Reichstag, gehe voran! •'
AkUßkMe und tnnerltoc äBeWnrnhltn
Don Ottomat Enking.
Schon wochenlang vor dem Feste find tri« Läden voller Weihnachtsshmdole; in den Theatern werden Märchenftücke aufgeführt, und vieler Orten sieht man geschmückt« Christbäume. Es scheint so, als sollten wir mit Gewalt auf das Evangelium hingewiesen werden, das nach der Bibel einst über Bethlehem verkündet wurde; aber der Schein trügt: in Wahrheit steckt hinter all dem Sinnbildlichen oft fein Sinn mehr, es ist nur um feiner selbst willen da und ein weiteres Mittel zur Deräußerlichung unseres Lebens. Planmäßig arbeitet der Materialismus an der Gemüts- verödung; er erfindet stets etwas Reues, um uns von uns selbst abzulenken, denn er kamt es nicht ertragen, daß der Mensch ein Inneres besitzt, ein Heiliges, dem man Achtung und Ehrfurcht schuldet. Einen mächtigen Helfer bei diesem Abbauen der seelischen Wette hat «r an der Technik, die an und für sich neutral ist, und weder zur Religion noch Überhaupt zur Ethtt im Gegensatz steht; gefährlich wird sie erst, wenn sie so in ihren Bann gezogen werden, daß wir ihre gewiß bewundernswürdigen Erscheinungen für das eigentliche Wesen der Welt ansehen und uns mit ihnen begnügen, anstatt auf den Geist zurückzugehen, der das Technische nur zu einer unter den unzähligen Ausdrucksmöglichkeiten seiner Schöpferkraft erwählt hat.
Wenn wir die Weihnachtszeit recht verstehen, so empstnden wir sie als eine Mahnung zur Einkehr. Und es wäre a>ch falsch, wollle jemand behaupten, der Idealismus sei ausgestorben. Es gibt überall stille Gemeinden, in denen reine Kunst und Wissenschaft gepflegt wird; solche Inseln im Meere des Hasses wider das Höhere stehen miteinander in geheimer Verbindung, und es wird eine Epoche anbrechen, wo sich der Boden zwischen ihnen erhebt, so daß sie ein Festland bilden, vor dem die feindlichen Gewässer zurückweichen müssen. Und die Bestrebungen ästhetischer und forschungssreudiger Aatur werden durch Religiosität gekrönt werden, denn alles ernste Rachdenken führt uns letzten Endes zu Gott, wir fühlen, daß das All nur aus dem Prinzip der Siebe geflossen sein kann und sich nur in ihm zweck» mäßig entwickelt. Die Aeberzeugung ist das Tor zur innerlichen Weihnachtsfeier. Wir erkennen tn Christus den Wegebereiter zum edelsten Ziele, und di« Erinnerung an den Tag seiner Gebutt ist uns willkommen «ich regt uns an, seinem Lichtspendertum nachzueiseM.
3m Kleinen können wir da manches tun. 51 ufere Liebe wendet sich vor allem der Jugend zu. Die erhabenen Ostern bleiben ihr fremd, bis sie über den ersten wahren Schmerz nachdenken mußte, aber das Kindlein tn der Krippe ist ihr verwandt, und weil sie überhaupt der Wettseele näher steht als wir Großen, die wir in Wirklichkeit gar nicht viel wissen, so ist es ein natürlicher Ttteb zur Heimat,, wenn wir Erwachsenen gern da eine Fröhlichkeit Hervorrufen, wo das so leicht ist, wo oft eine Gabe zum bedeutenden Ereignis wird. Dann vollzieht sich in nnS leise, ja uns häuffig unbewußt, der Mebergang dazu, daß auch Wir uns einer kindlichen Dmpfänglichkeit noch für fähig halten und uns selbst in jene schönen Tage zurückversetzt dünken, da Wir jede Kleinigkeit, die wir heimlich gefertigt ober für unsere Sparpfennige erworben hatten, mtt wichtigem Gesicht auf den Gabentisch auSbreiteten, in der Erwartung, sie werde nach Gebühr geschätzt und getobt werden. Und darin irrten wir uns nicht, — die Lieb« wertet« auch das Geringfügigste nach der Kindeshoffnung. Das ist die Ursache für die Gebefreudigkeit, und wenn im Mysterium der Weihnacht die Liebe von oben an der Menschheit teilgenommen hat, so brachte der Mensch ihrer tn Armut gehüllten Verkörperung sein Mttleid entgegen. Dies Zusammentreffen hat den Segen des Festes erzeugt; die Hände tun sich auf, um Elend zu lindern und dafür das Glück des Hilfsbereitseins einzuheimsen.
Gerade dem Deutschen ist es auch heute noch trotz aller Hindernsse für die Gemütsbetätigung eigen, sich Weihnachten selbstloser zu zeigen, als es ihm sonst möglich gemacht wird. Das rührt daher, weil die christliche Religion dem germanischen Gottesbedürfnis alles Rotwendige bietet Die krafftvolle und sinnreich« Naturreligion unserer Vorväter gleicht einem wurzelgefunden und fafttteibenben Baume, dem ein Reis auS dem Osten auf«