SemmSenK, W 22. SN. 1927
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Anzeiger für (das früher kurhessische) Sherhessen - Berkün-igungsblatt für Starr unv Kreis Marburg
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Die Vefol-ungsreform im Reichstag
Ser ReWsinmMiM«r und Mc Sttfung brr Rchraufgatea
Berlin, 21. OKI. Im Reichstage wurden heute zunächst ohne Aussprache in erster Lesung den Ausschüssen überwiesen: Der von den Demokraten eingebrochte Entwurf eines Kentnerversorgungsgesetzes, der sozialdemokratische Cesetzcntwurf zur Lohn- steuersenkung, das Genfer Ueberein- kommen zur Unfallversicherung. Der von den Regierungsparteien eingebrachte Gesetzentwurf über Zuckerung der Weine von 1927 wurde in allen Lesungen angenommen.
? Es folgt die erste Beratung des B e s o I - dungsgesetzes.
Begründung durch den Reichsfinanzminister.
Reichsfinanzminister Dr. Köhler weist bei der Begründung der Vorlage darauf hin, daß seit dem Dezember 1924 die Bezüge der Beamten nicht mehr erhöht worden seien. Die Aufbesserung dieser Bezüge ist längst als Staatsnotwendigkeit anerkannt worden, auch von den führenden Kreisen der Wirtschaft. Schon vor dem Kriege waren die Beamten, insbesondere die unteren Gruppen, unzureichend besoldet. In der Jnslationszeit und nachher war es in erster Linie der Beamtenschaft zu danken, daß sich die Stabilisierung der Währung verhältnismäßig glatt vollzog. Die auf Gold umgestellten Gehälter der Beamten blieben aber weit hinter den Sätzen von 1913 zurück. Während nachher die freien Arbeitnehmer ihre Gehälter der wachsenden Teuerung anpassen konnten, blieben die Beamtengehälter auf dem Stand vom 1. Dezember 1924 stehen.
Die Erhöhung ist eine Notwendigkeit nicht nur für die Beamten, sondern auch für den
Staat,
denn wenn die Beamten mit ihrem Einkommen immer weiter herabsinken, so leidet darunter schließlich auch der Staat, dem sie dienen. Wir brauchen als Beamte freie, aufrechte Männer, die nicht durch materielle Not geduckt und in Abhängigkeit gebracht werden. Bei der notwendigen Aufbesserung der Bezüge ist uns die Grenze gezogen durch die Notwendigkeit, das finanzielle Gleichgewicht des Etats nicht zu erschüttern. Mit der jetzigen Reform soll auch für mehrere Fahre Ruhe geschaffen werden. Ich habe schon früher das Maß der Erhöhung in Hundertsötzen angegeben. In der Oeffentlichkeit ist übersehen worden, daß es sich bei dieser Erhöhung nur um die Erhöhung des Grundgehaltes handelt.
Die Erhöhung des Gesamteinkommens beträgt im Durchschnitt aller Beamtengruppen 16—17 Proz.
Damil ist nach wie vor ein großer Teil der Beamten noch weit entfernt vom Frie- densrea.einkommen.Die Mehrausgabe, die die Besoldungsaufbesserung für den Reichsetat bedeutet, beträgt
insgesamt jährlich 310 Mill. RM.
tn den nächsten Jahren wird sich di« eckung, wenn nicht unvorhergesehene Rückschläge kommen, ohne Steuererhöhung ermöglichen lassen. Auch die Reichs- bahngesellschaft hofft, die von der Reichs- regrerung vorge'chiagenen Sätze für die Beamten ohne Tariferhöhung durchführen zu können. Die Länder und Gemeinden haben schon seit Jahren ebenso wie das Reich mit einer Aufbesserung der Gehälter chrer Beamten rechnen müssen. Sie haben auch damit gerechnet. Aus diesem Grunde bin ich auch mit der Ueberweisung an die Länder bis an die Grenze des für das Reich Tragbaren gegangen und habe deswegen Angriff« genug erfahren.
Die LäuDer werden in dcn kommenden Fahren ohne Steuererhöhung durch erhöhte Aufkommen aus der Einkommen-, KörpersHaftS-, Umsatz-, Krnnv- und Gewerbrstoner in der Sage sein, die notwendige Besol- dunssanfbesserung zu decken.
Das gilt auch für die Gemeinden. Das Reich kann eine Notwendigkeit zur Redi- jivn des Finanzausgleichs aus »itzpW Grunde nicht anerkennen. Die
Befürchtung, daß sich aus der Besoldungs- erhöhung eine neue Teuerungswelle entwickeln werde, ist bisher noch bei jeder Bs- soldungsreform geäußert worden. Eine ruhige Betrachtung der Dinge wird diese Befürchtung nicht bestätigen. Man sagt, statt mit der Besoldunaserhöhung hält« man lieber durch eine Preissenkung die Lage der Arbeitnehmer bessern sollen. Die bisher versuchten PreissenkunHsaktio- nen haben aber wenig praktischen Erfolg gehabt. (Sehr wahr!» Nicht berechtigt ist auch die Annahme, daß der Be- soldungsresorm nun eine Welle von Lohnbewegungen der freien Arbeitnehmer folgen müsse. Dabei wird vergessen, daß mit der Erhöhung der Beamtenbezüge nur das nachgeholt wird, was die freien Arbeitnehmer im Laufe von drei Jahren schon erreichen konnten.
Die Gefahr einer Preissteigerung durch die Steigerung der Kaufkraft der Beamten ist nicht gegeben.
Die erhöhten Bezüge werden zunächst in der Hauptsache zur Abtragung von Schulden verwandt werden. Man, wird nicht jede Preissteigerung, die sich in der kommenden Zeit auf diesem ober jenem Gebiete zeigt, einfach auf die Besoldungs- rejvrm schieben können. Die Regierung kann in dieier Frage nur die Ausführungen unterstreichen, die der Reichswirt- schaftsminister auf der Tagung des Einzelhandels gemacht hat.
Tie Reichöre gicrung warnt vor einer
Tenur»ngspsych ose, zu der kern Anlaß vorliegt.
Sie ergibt sich keinem übertriebenen Opti-
Dks Otito W Marationsagkilte»
Aber dir Ws»ziklle Auswirkung ter MWungs- uns SKuweriagen
ff. Berlin, 22. Okt. Das Schreiben des Reparatisnsagenten Parker Cil- b e r t an das Reichsfinanzministerium, das sich mit den finanziellen Auswirkungen der letzten, von der Reichsregierung eingebrachten Vorlagen beschäftigt, findet in sämtlichen Berliner Blättern größte Beachtung. Es wird betont, daß von amtlicher deutscher Seite keinerlei Angaben übet den Inha! t des Schreibens vorliegrn und datz man lediglich aus amerikanischer Quelle etwas über die Ausführungen Parker Gilberts erfahren hat. Danach soll Parker Gi.bert zu der Schluhfolgerung gelangen, datz der Stand der Ncichsfinanzen die durch die Besoldungsreform, das Kricgsfchäden-Schlntzge- setz und das Neichsschulgesetz sich ergebende Dauerbelastung nicht verträgt. Die dadurch bedingte Erhöhung der Rcichsausgaben in den kommenden Etatsjahren mit ihren vollen Reparationszahlungen würden Steuererhöhungen und vie.leicht eine Gefährdung der Dawes-Sicherheitcn bedingen. Wie die Blätter weiter erklären, handelt
es sich nicht um einen formellen Protest Parker Gilberts, zu dem er nur bei dem Borliegen eines Defizits berechtigt wäre.
Der ^Lokal-Anzeiger" teilt mit, datz die Sorgen des Reparationsagenten heute in einer Unterredung zwischen dem Reichsfinanzministet und Parket Gilbert besprochen werden sollen.
Die „Germania" bemer't, datz man sich dem Schritt des Reparationsagenten gegenüber am besten zu verhalten werde, wie er einem Vertrauensverhältnis zwischen G.äubiger und Schuldner förder, lich ist.
Die „D. A. Z." schreibt, eg ist gewiß nichts dagegen einzuwenden, wenn der Re- parationsagcnt die Reichstcgicrung um Informationen bittet und es soll ihm auch nicht verdacht werden, wenn er Bedenken, die er hat, mitteilt. Durch die Veröffentlichung derartiger Schritte aber erhalten sie den Charakter einer Einmischung in innerdeutsche Angelegenheiten und eine solche mutz scharf zurück- gewiejen werden.
mismuS, warnt aber auch vor stumpfem Pessimismus. Die Reichsregierung ist jetzt in Zusammenarbeit mit dem Reichssparkommissar damit beschäftigt, eine Vereinfachung der öffentlichen Verwaltung hetbeizuführen, auch da, wo sich die Reichsverwaitung mit der Selbstverwaltung berührt. So wird sich eine erträgliche' Grenze der Gesamtbelastung der deutschen Volkswirtschaft erreichen lassen. Ich bin mit meinen Vorschlägen b is an die Grenze der finanziellen Möglichkeiten des Reiches gegangen, ich bin auch bereit, alle Verbesse- rungsvorschiäge zu prüfen; mit aller Entschiedenheit muß ich aber, auch im Namen der gesamten Reichsregierung, erklären, daß
Anträge, »te ein® finanzielle Mehr- belastetng über »te jetzige Vorlage hinaus bedeute«, für uns unannehmbar
find. Die Reichsregierung hat den dringenden Wunsch, datz das Werk der Besol- dungsreiorm mit möglichster Beschleunigung durchgeführt wird. (Beifall rechts und im Zentrum.)
Abg. Steinkopf (Soz.) äutzert, die Beamtenschaft sei durch die Vorlage enttäuscht worden. In seiner Magdeburger Rede sei der Minister sehr unvorsichtig gewesen. Er habe dadurch Hoffnungen geweckt, die nicht erfüllt wurden. Was letzt herausgekommen sei, wirke unsozial.
Tie Besoldungsordnung von 1920 habe- sich im allgemeinen gut bewährt. In der Beamtenschaft werde es nicht verstanden, warum in der neuen Vorlage von ihr abgewichen wird. Die Benachteiligung der ledigen Beamten müsse wieder ausgeglichen werden. Für die Wartegeldempfänger und Pensionäre müsse eine bessere Regelung geschaffen werden.
Abg. Graf Westarp (Dntl.) verweist auf die schwere Notlage der Beamtenschaft und erklärt, daß seine Partei aus warmem Herzen das Mögliche für die Beamtenschaft tue. Der Entwurf enthalte gegenüber dem bisherigen Zustand wesentliche Besserungen. Gewisse Mängel der Vorlage seien aber noch abzu- stellen.
Vorbildung und Leistung müßten stärker berücksichtigt werden.
Deshalb bedürften besonders die Sätze der höheren Beamten der Nachprüfung. Verbesierungs- bedürftig seien auch die Bezüge der Beamten des Warte - und Ruhestandes und diejenigen der Wehrmacht. Nicht genügend geklärt fei bisher die Frage der D e ck u n g. D'.e Differenzen mit den Ländern müßten bereinigt und die berechtigten Besorgnisse der Länder zerstreut werden. Aufs sorgfältigste müsse man darüber wachen, daß der Steuerdruck nicht weiter anwachse, sondern auf ein erträglches Maß
(Fortsetzung siebe Seite 23
Srr SchkWnch im Staun- (Melinit
Berlin, 21. Ott. Zur Beilegung des Arbcitskampfcs im mitteldeutschen Braunkohlenbergbau hat die Schlichterkammer einen Schiedsspruch gefällt, durch den der tarifliche Durchschnittslohn der Gesamtbelegschaft im Kernrevier vom Tage der Wiederaufnahme der Arbeit ab von 5,20 M auf 5,80 M pro Schicht erhöht wird. Die Lohnregelung kann erstmalig zum 31. August 1928 gekündigt werden. Die Parteien haben sich bis zum Sonnabend nachmittag 4 Uhr über die Annahme des Schiedsspruches zu erklären.
Ueber die Wiederaufnahme der Arbeit und die Wiedereinstellung der Arbeiter haben die Par, feien vor der Schlichterkammer eine Vereinbarung abgeschlossen.
Zn der Begründung des Schiedsspruches hat der Schlichter ausgeführt, datz die Tariflöhne im mitteldeutschen Braun, kohlcnbergbau seit dem 1. November 1926 unverändert geblieben seien, wäh. rend sie in anderen Bergbaurevieren in der Zwischenzeit eine Steigerung erfahre« hätten, datz ferner die Tarif, löhne anderer Derufsgruppen im mittel, deutschen Bezirk zum Teil nicht unerheb, lich über den bisherigen Tariflöhnen der Bergarbeiter lägen.
Die von der Schlichterkammer zugebilligte Lohnerhöhung um 60 Pfg. pro Schicht bleibt aber hinter den Forderungen der Arbeiter zurück. Diese hatten ur» sprünglich eine Zulage von 80 Pfg. verlangt, waren aber bereits in der vergangenen Woche auf 65 Pfg. zurück- gegangen.
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Die Tarifparteien selbst haben eine Vereinbarung abgeschlossen, in der es heißt: Di« Gewerkschaften verpflichten sich dahin zu wirken, daß die gelegentlich der von ihnen eingelelteten Kündigungsaktion ausgesprochenen Kündigungen zurückgenvmmen werden. Die Anmeldung zur Arbeit gilt als Zurücknahme der Kündigung. Maßregelungen aus Anlaß dieser Kündigungen finden nicht statt. Die Arbeitgeberverbände verpflichten sich, bei ihren Mitgliedern dahin zu wirken, daß di« . Arbeiter, die gelegentlich der Kündigung s- ttftmn ordnungsmäßig kündigten oder di« Arbeit ohne Kündigung niebewlegt haben, wieder eingestellt werden, fotoeit diese Arbeiter spätestens bis zum 25. Oktober stch wieder zur Arbeit melden. Das Gletche gilt für diejenigen Arbeiter, die gelegentlich der Kündigungsaftion cntlaffen worden sind. Abzüge für Kontraktbrüche dürfen nicht gemacht werden. Soweit Arbeiterwvhnungen gekündigt worden sind, werden dies« Kündigungen zurückgenvmmen.
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Roch vor Weihnachten.
•Berlin, 21. OK. Der Bikdungs» ausfchuß des Reichstages befaßt« sich heute mit der geschäftlichen Behandlung des Reichsschulgesetzentwurfes. Der Ausschuß hat beschlossen, am Dienstag vormittag feine Arbeiten aufzunehmen. Abgesehen von ganz kurzen Pausen soll der Ausschuß bis 8um Zusammentritt deS Reichstagsplenums täglich Sitzungen abhallen, um die Beratung der Vorlage soweit zu fördern, daß die zweite Beratung im Plenum des Reichtstages möglichst noch vor Weihnachten erfolgen tann. Zum Vorsitzenden des Blldungsausschusses ist der Deutschnationale Slbgeordnete Dr. Mumm, zu seinem Stellvertreter der Sozialdemokrat Schreck bestimmt worden. Zum Berichterstatter wurde der Zentrumsabgrord- nete Dr. Rheinländer gewählt.