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Anzeiger für (das früher kurheffischef Sberheffen - Berkünöigungsblatt für Lta-t und Kreis Marburg

Die polmfchen Giftzshm aussebrochen

Der Vorstoß des holländischen Außen­ministers in Genf, der alsdas bedeutungs­vollste Ereignis" der jetzigen Bölkerbunds- tagung verkündet worden war. ist nun doch wieder gegenüber der bekannten Initiative Polens in den Hintergrund ge­treten. Der ursprüngliche Antrag der Polen, der zweifellos die Schaffung desOst- Locarno" zum Ziel hatte, ist nach den bei Berliner zuständigen Stellen aus Genf eingetroffenen Informationen jetzt so ab- geändert worden, daß er auch Deutschlands Zustimmung finden konnte. Der voll­kommen neu formulierte Antrag, der eine Resolution der Völkerbundsversammlung svrLert des Inhalts, daß sich sämtliche Bölkerbundsstaaten in allen Konflikten kriegerischer Mittel enthalten und nur zu sch edlich srirdlichen Verhandlungsmethoden greifen sollen, trägt die Unterschriften von Polen, Frankreich. England und Deutsch­land. Man kann über den praktischen Wert einer solchen Entschließung, die schließlich und dazu noch in voll­kommen unverbindlicher Form nichts anderes besagt, als was bereits in der Völkerbundssatzung ausgesprochen ist. Verschiedener Meinung sein. Därüber dürfte es wohl aber keine Meinungsverschieden­heit geben, daß Deutschland sich die Ent­schließung zu eigen machen muhte, nachdem die anderen Großmächte sie aufgegriffen und nachdem insbesondere England aktiv sich daran beteiligt hatte, der Entschließung eine Wendung zu geben, die ihr die für Deutschland gefährlichen Spitzen nahm. Am etwaigen Kritikern im eigenen Lande zu- borzukommen, hat der Außenminister Dr. Stresemann sich rechtzeitig Rückendeckung verschafft, indem er die Zustimmung der in Genf anwesenden deutschen Delegierten, auch der Abgeordneten Dr. Hoesch (Dtn.) und Dr. Breitscheidt (Soz.) holte. Wenn man berücksichtigt, daß diese Entschließung im Rahmen der seit Monaten in Gang befindlichen Abrüstungsdebatte jetzt vom Völkerbund angenommen wird, so kann Irtan der Ansicht sein, die deutsche Delegation ist dieser Ansicht, daß ihr vielleicht doch noch einmal eine nicht zu unterschätzende moralische Bedeutung zu­kommt.

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Die Tägliche Rundschau schreibt dazu: Aeber den Wortlaut der Entschließung war am Abend noch nichts Genaues be­kannt geworden, man wußte nur, daß sie mit ,^Ost-Locarno« nichts «ehr M tun hat, denn in der polnischen Absicht, die ur­sprünglich auf dieses Ziel gerichtet war, hat sich jedenfalls im Laufe der letzten Tage ein fühlbare Wandlung voll­zogen, und die Entschließung der Polen, wie sie die juristischen Saachverständigen milderten, beschränkte sich auf eine Ab­sage an die Angriffskriege.

Die deutsche Delegation hat gestern abend zwischen 10 und 11 Ahr den Bericht des juristischen Sachverständigen Dr. Gaus rntgegengenommen. Sie ist einmütig, d. h. also einschließlich der parlamentarischen Delegierten, zu der Aeberzeugung gelangt, daß sie dieser Entschließung in der gegenwärtigen Fassung zu­stimmen kann.

Es sollte ausgesprochen werden, daß auf alle Mittel des Angriffs» tri eges Verzicht geleistet und im Falle einer Differenz alle Mittel einer friedlichen Vereinbarung erschöpft werden sollen.

Die polnische Resolut«,« in Genf.

Berlin, 8. Sept. Es ist gelungen, tn Besprechungen innerhalb der Grotz- müchle die polnische Resolution so abzu - andern, daß Deutschland sich an ihrer Einbringung beteiligen Tann. Wie die Blätter erfahren, werden zunächst Polen, Frankreich und Deutsch­land die Resolution etafrr tagen. Die Be­

teiligung Italiens und Japans ist noch un­gewiß. Reichsminister Dr. Stresemann dürfte morgen vormittag zu der Sache sprechen. Welleicht kann er morgen abend nach Berlin abreisen, um an der Kabinetts­sitzung am Samstag teilzunehmen, die puj alle Falle stattfindet. Heute nachmittag 3 Uhr ist eine Ratstagung, worin der Be­richt der Mandatskommission vorgebracht werden wird, mit dem Votum, daß ein ständiger Sitz mehr geschaffen und dieser Deutschland übertragen werden.soll.

Die Lage in Genf.

Genf, 8 Sevt. Die Dispositionen, die für heute ziemlich festzustehen und eine Erklärung einer Mächtegruppe über die Verpönung des Krieges, sowie Reden führender Ratsmitglie­der zu bringen schienen, sind am heutigen Nachmittag wieder durchaus in Frage gestellt. In den Wandelhallen verlautet darüber, daß die polnische Delegation bereits gestern abend neue Instruktionen aus Warschau er­beten hätte, daß die Antwort aber bis zur Stunde noch nicht vorliege. Auch die Zustim­mung Roms scheint jm Augenblick noch zwei­felhaft. Andererseits sollen die Holländer ihren eigenen Antrag nicht zuriickziehen. Die in der Tendenz ziemlich übereinstimmenden Reden der Vertreter der kleineren Mächte ge­gen eine angebliche Sonderpolitik und das Ueberwiegen des Einflusses der Großmächte kennzeichnen vielleicht die augenblicklichen Widerstände, die einer geplanten gemeinsamen Kundgebung der Bundesversammlung auf Grund einer Initiative führender Ratsmächte entgegensteben. Ob stch diese überwinden lassen, ist im Augenblick noch nicht abzusehen; jedenfalls sind die für heute nachmittag vor­gesehenen Ereignisse zunächst bis morgen ver­tagt. ,

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MtmdenMsanlwge

Genf, 8. Sept. Wie der Sonder­berichterstatter des V. D. Z.-Bürog er­fährt. liegt nunmehr ein Abänberungs- antrag der panischen Delegation zu der geplanten Völkerbunds-Deklaration über die Verpönung des Krieges vor, für den allerdings jetzt noch die Bestätigung aus Warschau fehlen soll. Rach diesem Vor­schlag soll unter Beibehaltung der vor­gesehenen Präambel von der Versamm­lung erklärt werden:

1. Zeder Angriffskrieg ist und bleibt verboten. -

2. Die Völkerbundsmitglieder haben die Verpflichtung, fich diesem Grundsatz zu unterwerfen. Infolgedessen lädt die Versammlung die Mitglieds- ftaten ein, zum Abschluß von Nicht­angriffspakten zu schreiten, die von der Idee getragen sind, daß alle friedlichen Mittel für die Re­gelung internationaler Konflikte an- qewendet werden sollen, die zwischen ihnen entstehen und welcher Art sie auch seien.

Die Beratungen über die Resolution ««d die eventuelle Annahme oder Ablehnung des neuen polnischen Antrages gehen vor­wiegend zwischen den Juristen der beteilig­ten Mächte weiter. Vor morgen nachmitt- taq dürste ein Abschluß bezw. die ®e» kanntgabe in der Versammlung uad da- mit die vorgesehenen Rede» a. Sei« ands und Stresemanns nicht zu er­warten lein. Dieser unerwartete, ganz und gar nicht entsprechende Verlauf der Dinge hat natürlich zu den mannigfach­sten Kombinationen Anlaß gegeben, die jedoch darin übereinstimmen, daß sie An­spruch auf Zuverläsfigkeit in keinem Falle erheben können.

Für morgen vormittag ist als Haupt­redner der Generaldebatte der belgische Außenminister Bandervelde vorgesehen.

Deutschland lehnt eb.

Genf, 8. Sept. Im Laufe des heuti­gen TageS ist der beundgen Delegation ein Abänderungsantrag zu der geplanten Völ- kerbundsresoiution zur Verpönung der Kriege übermittelt worden. Der wesent­liche Punkt, in dem die deutsche Dsksga-

tion eine Abänderung will, ist die Einfü­gung einer Empfehlung von Nichtangriffs­pakten, d. h. ein

Zu rückkommen auf den Grundgedan­ke« der ursprünglichen polnischen Initiative.

Dieser Vorschlag ist von der deutschen De­legation heute abend geprüft worden und hat einstimmig zu dem Entschluß geführt, de« polnischen Abündernugbantrag ab- znlehnen.

Dabei war die Erwägung maßgebend, daß durch eine solche Fassung das Ver­tragswerk von Locarno eine Ab - schwächung erfahren müßte, das nach übereinstimmenden Erklärungen BriandS und Chamberlains in der vorausgegange­nen Debatte über die Formulierung der ge­planten Resolution gegenüber Beanstan­dungen dahin charakterisiert wurde, daß das Werk selbst wie auch die deutsche Hal­tung jede wünschenswerte Garantie nach Osten wie nach Westen böten. Die Ver­handlungen gehen zwischen den Beteilig­ten nunmehr weiter mit dem Ziele, über die endgültige Fassung des Vorschlageseine Verständigung herbeizusühren.

Ein dritter polnischer Entwurf in Aussicht.

fl. Paris. 9. Sept. Der Sonder­berichterstatter desEcho de Paris" in Genf meldet, die polnische Delegation scheint nunmehr nach dem auch der zweite Resolutionsentwurf abgelehnt worde« sei, sich nicht mehr mit der britischen «nd der deutschen Delegation ver« ständigen zu wollen. Diese habe der Versammlung eine« dritten Entwurf, der die Notwendigkeit eines Weichsel­paktes enthält, vorgelegt, das heißt, eines Nichtangriffspaktes, der stärker be­gründet sei als der gestern vorgelegte zweite Resolutionsentwurf. Wie ver­lautet, wird auch dieser Entwurf von der deutschen Delegation abge­lehnt werden. Auch die englische Dele­gation ist für einen Weichselpakt unter keinen Umständen zu habe«.

Erregung i« Warschau.

Warschau, 8. Sept. Das Kommunique des Außenministeriums über die Richtlinien des polnischen Vorschlages in Genf hat in sämtlichen rechtsstehenden und auch bei einigen der Regierung ncchestehenden Blättern wegen der erst jetzt erfolgten Veröffentlichung große Erregung hervorgerufen. Der konservative Dzien Polski" greift die Regierung heftig an und sagt, es sei verwunderlich, daß das Außen­ministerium es erst jetzt für angebracht gehal­ten habe, die polnische Presse von diesem Schritt zu unterrichten, nachdem die westeuro­päischen Zeitungen bereits vor Tagen über die Absichten der polnischen Regierung genau in­formiert gewesen feien, so daß die deutsche Presse dadurch Gelegenheit batte, in dieser Frage rechtzeitig eine geschlossene Einheits­front zu bilden.

Die Aenderung der deutschen Ostgrenzen das groß« deutsche weltvolitisch« Projekt.

Basel, 7. Sept. DieBaseler National- Zeitung" schreibt zu dem in Genf aufgetauch­ten Projekt eines Ost-Locarno: Die Aende­rung der deutschen Ostgrenzen auf friedliche Art ist das große deutsche weltpolitische Postu­lat, und der unbedingte deutsche Wille dazu ist etwas, das als europäische politische Grund­tatsache hingenommen werden muß. Das Ab­hängigmachen der beschleunigten Rbeinland- räumung von der deutschen Bereitwilligkeit zur Verewigung der gegenwärtigen Ostgrenzen ist eine Situation, wie fie komplizierter nicht auszudenken wäre. Die drangsalierte deutsche Minderheit und Jrredenta in Litauen ist em a ft bet er Gefahrenherd des Ostens. Für die Verewigung auch dieses Status quo durch ein Ost-Locarno wird Deutschland wohl ebenfalls nicht zu haben sein.

Ä« tnglW Mit«

Der polnische Vorschlag deutschseiudAch.

London, 8. Sept. . Der diplomatische Korrespondent desDailyTelearapH"

weise^htastelän.^ Während der holländischa Außenminister eine wUmerttge Wieder^ leSung des Genfer Protokolls bom

1924 anstrebe, und barmt für Mc Sicher­heit im allgemeinen und besonders für W; der kleinen Staaten eintrete,.wünsche ter polnische Vorschlag in erster Ernte polnische Sicherheit. In Wirklich kett W er ater eine biel gefährlichere Seite, well er einen bestimmten Zweck verfolge unmittelbar mit der Rheinland-räunrung ttl Verbindung stehe. Polen verbuche Deutsch­land in eine Position zu bringen,

die es ihm uirmögttch mache« würbe, selbst auf legalem «uv friedlichem

Wege auf Grund des Artikels 14 des j Bölkerbuudspaktes eine Aenderung sei­

ner vstgreuzeu anzustvebvu.

Die von polnischer Seite gewünschte Er- gänznng des Artikels 15 würde in Wirk­lichkeit den Artikel 14 jedes praktischen Wertes berauben. Der polnische Vorschlag würde nur den siegreichen Mächten zu Gute kommen und habe keine Gemeinschaft mit den Bestrebungen, Schwierigkeiten irgendwelcher Art durch ein friedliches Übereinkommen zu überwinden zu suchen. Die polnischen Urheber und ihre Pariser Gefolgschaft bezwecken vielmehr eine möy liche deutsche Ablehnung dieses Planes

als einen aggressive« Akt hiuzusteNeu, der notwendigerweise zu einer Verlänge­rung der Rheinlandbesetzung auf unbe­stimmte Zeit führen müsse.

Es sei keineswegs überraschend, daß BriaNd es unter diesen Umständen abge­lehnt habe, sich irgendwie mit dem Plane Sokals zu identifizieren. Auch die Form des ursprünglichen Vorschlages sei keines­wegs geeignet, Vertrauen zu erwecken. ES sei sehr begrüßenswert, daß sich Chamber­lain der mit ter ganzen Aktion verbau« denen Gefahren voll bewußt sei.

Lloyd George über Aenterunig der . Ariedensverträge.

London, 8. Sept.Daily Mail" ver­öffentlicht ein Schreiben Lloyd Georges, in dem er erklärt, daß die Urheber aller Verträge von 1919/20 niemals für diese einen solchen Grab der Vollkommenheit beansprucht hätten, daß sie sie für unab­änderlich ansähen.Wir alle", heißt eS in dem Schreiben,faßten durchaus di» Möglichkeit ins Auge, daß gewiss« Klau­seln und Bestimmungen ter Verträge einer Erörterung, einem Rechtsspruch und einer möglichen Revision vonseiten des großen Tribunals, das in ter erstem Klau­sel dieser Verträge errichtet wurde, näm­lich des Völkerbundes, unterworfen wer­ten können."

Der Staad der Danzig-pokuifcheu Streit- frage«.

D a n jf g, 8. Sept. Die Danziger Dele- gcttivn meldet aus Genf: Der Völker-« bundsrat fetzte die Frage des Anlegehafens auf die Tagesordnung für Donnerstag nachmittag. Der Berichterstatter wird der Tagung Vorschlägen, daß Polen bis zum 15. Oktober eine Erklärung über den Dan­ziger Antrag abgibt. Alsdann sollen in Danzig Verhandlungen zwischen Danzig und Polen unter dem Vorsitz des Ober- kommisfars mit Hinzuziehung des Hafen- Präsidenten stattfinden. Der Bericht über das Ergebnis der Verhandlungen soll sp rechtzeittg ferttggestellt werden, daß der Rat in feiner Dezembertagung darüber Beschluß fassen kann. DaS Iuristenkornitee zur Prüfung des Danziger AnttageS auf Verlegung des polnischen Munitionshafe« auf der Westerplatte fetzt am Freitag die Beratungen fort In der Frage des Prozeßrechts der Eisenbahner, über die bekanntllch Gutachten der Professoren Kaufmann und Schücfing dorfiegen, reichte Polen nunmehr ein Gutachten des itallent- schen Professors Eavaglieri «nd dag ttaes ^HPsMdigea «in. -