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Mnlag, kn 5. Sept. 1927

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Anzeiger für (das früher kurhessische) Sherhessen - Berkün-igungMatt für Stadt und Kreis Marburg

Der polnischeOslloramo"- Borschlas

Moskau lehnt abMinisterbesprechnngen in SensSer Streit nm Rakowski

Die Sonnabend bekannt gewordene Absicht der polnischen Delegation, in der Vollver­sammlung des Völkerbundes Vorschläge zum klbschluß eines Nichtangriffspaktes einzubrin- zen, haben unerwartet das Interesse der Genfer Völkerbundstagung auf den Gesamt­komplex der Ostvrobleme gelenkt. Die polni­schen Absichten, die der Form nach gegenwär­tig noch völlig unklar sind, dürfen allerdings zunächst nur als ein Versuchsballon gewertet werden. Die Absicht der polnischen Regierung gebt anscheinend dahin, durch eine Neuaufrol­lung der Sicherheitsfrage dem Artikel 16 des Lölkerbundsvaktes eine extensive Auslegung zu geben und hierdurch den Gedanken eines östlichen Sicherheitspaktes in die Diskussion zu werfen.

Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß der Gedanke eines Ostlocarnopaktes, eventuell mit einer Völkerbundsgarantie versehen, außer gegen Sowjetrubland in erster Linie gegen Deutschland gerichtet wäre. Die polnische Re­gierung hat die Initiative ergriffen, um den schon lange auf französischer und polnischer Leite diskutierten Gedanken eines Ostlocarno auf einem taktisch äußerst geschickte gewählten Umwege wieder in den Vordergrund zu rücken. Die Absichten und die Wahl der Mittel sind in ihrer wahren Bedeutung allerdings nicht miß- zuverstehen. Man scheint polnischerseits der Auffassung zu sein, daß durch die besondere Genfer Völkerbundsatmosphär^ ein derartig konzentrierter Druck auf die deutsche Delega­tion geschaffen werden wird, daß man sich deutscherseits nicht mehr dem Gedanken eines östlichen Sicherheitspaktes werde verschließen können.

Es erscheint gegenwärtig unbedingt erfor­derlich, mit allem Nachdruck auf die große Ge­fahr aufmerksam zu machen, die von dieser Seite dem deutschen Standpunkt in der Ost­frage drohen würde. Man will ohne Zweifel auf einem verschleierten Umwege praktisch zu den gleichen Resultaten gelangen, die man bisher durch Erörterung über ein Ostlocarno nicht erreichen konnte. Die deutsche Delega­tion wird sich in den bevorstehenden Verhand­lungen taktisch in einer nicht leichten Lage be­finden. Es wird ihr schwer möglich sein, die polnischen Vorschläge, die voraussichtlich in sehr vager, sehr allgemeiner Form eines Sicherheitspaktes geplant sind, von vornherein abzulehnen.

Wie aus Moskau gemeldet wird, hat der polnische Vorschlag eines Ostlocarno in Mos­kau größtes Aufsehen erregt. In russischen politischen Kreisen wird betont, daß ein Ost­locarno von Moskau in keinem Falle an­erkannt werden könnte. Falls sich die Nach­richten bestätigen sollten, daß die polnische Re­gierung ein Ostlocarno anstrebt, so werden die russisch-polnischen Earantievrhandlungen sofort abgebrochen werden. Die Sowjetregierung babe wiederholt gegenüber Estland, Lettland Und Finnland betont, daß ein baltischer Bund für die Sowjetregierung nicht in Frage komme. Mit einem solchen Bunde könne die kowjetregierung keine Verhandlungen führen. Der baltische Bund könne nur zu dem Zwecke gebildet werden, um die Isolierung der Sowjetunion herbeizuführen. In jedem Falle wird sich die Sowjetunion volle Bewegungs­freiheit vorbehalten.

Sr. 6lreicmann bei Srian»

Genf, 3. September. Reichsminister Dr. Etresemann empfing heute nachmittag den Besuch des griechischen Außenministers Dkichalskopulos und begab sich um 6 - 2hr abends zum französischen Außenminister ®rianb, der heute vormittag zum ersten Dal an der gegenwärtigen Ratstagung teil- genommen hat.

Die Besprechung zwischen ReichSaußen- winister Dr. Stresemann und Briand dauerte etwa l1/. Stunden und berührte alle »egenwärtig zur Erörterung stehenden pvli- Nchen Fragen. Wie das WTB hört, hat Driand dabei zum Ausdruck gebracht, daß er Entgegen anderslautenden Rachrichten beab­sichtige, bis zum Ende der Döllerbundstagung to den Genfer Berhtzndkungen teiizunehmen.

Bckinö zur RakewskiAWw

Paris, 3. Sept. Das Außenministe­rium bestätigt in einem Communiquö die Nachricht, daß die französische Regierung bei der Sowjetregierung wegen des Ver­haltens des Sowjetbotschafters Rokowski in Paris vorstellig geworden sei. Das Com- munique fragt, eine der Erklärungen des kommunistischen Zentralkomitees habe die Untertanen der mit Sowjetrußland im Krieg lebenden Länder aufgefordert, aktiv an der Niederlage ihrer Regierung zu ar­beiten und jeden ausländischen Soldaten aufgefordert, zur Roten "Armee nberzu- treten. Unter den Unterzeichnern dieser Erklärung habe sich Rakowski befunden.

Die Desavouierung durch Tschitscherin eine befriedigende L.sung.

ff. Paris, 5. Sept. Der französische Außenminister äußerte sich nach einer Agenturmeldung aus Genf über den Ra- kowski-Zwischenfall dahiG daß er die Ent­scheidung über die Abberufung Ra­kowskis der russischen Regierung über­lasse und für seine Person die De s - avouier» »g Rakowskis durch Tschitscherin für eine befriedigende Regelung des Zwischenfalles betrach­tet, der auf keinen Fall als ein Schritt in

der Richtung des Abbruches der Beziehun­gen Frankreichs mit Rußland ausgelegt werden dürfte.

Rakowski protestiert.

ff. Paris, 5. Sept. Der russische Botschafter Rakowski erhebt in einer Erklärung entschiedenen Widerspruch gegen die Unterstellung, als ob ein Ver­treter der Sowjet-Unioih, eine Aufstands­bewegung der Aufreizung zur Desertion auf dem Gebiete Frankreichs organisieren könnte. Er erklärt ferner, daß die von ihm unterzeichnete Kundgebung auf der Hypothese von kriegerischen Angriffen gegen Sowjet-Rußland beruhe und sich nicht auf einen bestimmten Fall, am aller­wenigsten gegen Frankreich, bezieh«.

Die französische Rechtspresie fordert Abbruch der D-ziebungen mit Rußland.

Paris, 4. Sept. Am Quai d'Orsai scheint man die Rakowski-Affäre mit der Desavo­uierung des russischen Botschafters durch Tschitscherin als erledigt betrachten zu ttvostep, während die Rechtspresse nicht nur die Abberufung Rakowskis, sondern darüber hinaus den völligen Abbruch der Beziehungen zu Rußland fordert.

Der Katholikentag in Doetmimö

Slkgrrwald zum Mfknten gewählt

Dortmund, 4. September. Die 66. Generalversammlung der deutschen Katho­liken begann heute vormittag mit einer Feier der heiligen Messe in dem von Zehn­tausenden von Teilnehmern mit unzähligen Fahnendeputationen gefüllten Stadion.

Bischof D. Kaspar Klein-Paderborn hielt die Festpredigt. Im Anschluß an die Messe fand in.der Westfalenhalle die erste ge­schlossene Versammlung statt, in der das Präsidium des diesjährigen Katholiken­tages gewählt wurde. Zum ersten Präsi­denten wurde gewählt Ministerpräsident a. D. Stegerwald. Weiterhin wurden gewählt der badische Landespräsident Dr. Baumgärtner-Karlsruhe, Freifrau von Gebsattel-München und Regierungspräsi­dent Zanse-Schneidemühl. Rach dem Be­richt des Zentralkomitees nahm die Ver­sammlung eine Entschließung an, in der die Forderung erhoben Wird, dah die Be­kenntnisschule durch die Gesetzgebung des Reiches und der Länder verankert werde. An die katholischen Mitglieder des Reichs­tages wird die Mahnung gerichtet, mit Einsetzung aller Kräfte die Gesetze im Sinne der berechttgten katholischen Forde­rungen zu gestalten und keiner Lösung zu­zustimmen, die nicht die Gleichberechtigung der' Bekenntnisschule mit anderen Schul­arten gewährleiste. Rachmittags veran­

stalteten die katholischen Arbeiter eine außerordentlich stark besuchte Kundgebung. Als Vertreter der preußischen Staats­regierung begrüßte Wohlfahrtsminister Hirtsiefer die Versammlung. Rach Be­grüßungsansprachen von Bischof Dr. Klein- Paderborn und Dr. Stegerwald ergriff Reichskanzler Dr. Marx das Wort zu einer Ansprache, in der er unter anderem aus­führte, die christlichen Arbeiter seien treue Katholiken. Aber ebenso fest und uner­schütterlich stünden sie zu unserer Ver­fassung, zu unserer deutschen Republik.

In -einer Versammlung der katholischen öffentlichen Beamten nahm noch einmal Reichskanzler Dr. Marx das Wort. Er betonte u. a. die Pflichten der Beamten dem Staate gegenüber. Mit wahrer nationaler Gesinnung könne man es nicht für vereinbar halten, wenn man über die Verfassung wegwerfend rede und die von ihr anerkannten Farben verächtlich be­handle. Nationaler Stolz solle auch die­jenigen, die sich mit unserer Staatsform nur schwer abfinden könnten, davon ab­halten, eine für uns so beschämende Hal­tung einzunehmen, wie man es kürzlich erlebte.

In der Arena des Stadion fand am Nachmittag eine große Iugendkundgebung statt.

NIKner nm Leben?

TU. Pekings 4. Sept. (Kabeldienst der T«legraphen-Union.) Von der Grenze von Borma Rnb, heute Privatbriefe in Peking eingelaufen, nach denen fünf Fremde, Amerikaner, Engländer und Deutsche in Vatang eingetroffen sind, die mitteilten, daß sie auf tibetanischem Ge­biet von Räubern überfallen und ausge- plünbert worden sind. Diese Reisenden waren jedoch wohlauf. Da außer der Filchner-Expedition keine Tibetreisen wei­ter bekannt sind, nimmt man an, daß es sich bei den fünf Fremden um Filchner und lein« Gefährten handelt.

Sfntenbnrg in Bat Ah

ff. Bad Tölz. 5. Sept. Die Stadt Tölz veranstaltete am Sonntag Nachmit­tag zu Ehren des Reichspräsidenten von Hindenburg vordem stattlich geschmückten Rathause eine offizielle Begrüßungsfeier. Bei der Feier, nach der Rede des Bürger­meisters, sagte der Reichspräsident, als Geburtstagsgeschenk erbitte er sich, einig zu sein, denn nur einig sein, gebe Macht. <wei» Hurra galt dem deutschen Vaterland und dem treuen Bayern.

Attentat auf einen tonfuW Meine

ff. Dresden, 5. Sept. Vorgestern abend wurde der Sekretär des amerifani. scheu Konsulates, Sieger, von einem Unbekannten angeschossen. Der Täter ist unerkannt entkommen. Der Verletzte ist zur Zeit noch vernehmungsunfähig.

ff. Dresden, 5. Sept. Zu dem Mord­anschlag auf den amerikanischen Konsulats­sekretär Sieger erfahren wir noch folgendes: Sieger unternahm am Sonnabend abend mit seiner Frau und einem Freunde einen Spa­ziergang auf die Röcknitzer Höhen. Als sie un­gefähr in der Höhe des Bismarckdenkmals waren, tauchte ein unbekannter Mann auf und feuerte einen Schuß ab. Die Kugel drang Steuer in den Rücken. Im Südsanatorium stellte der Arzt fest, daß die Kugel dicht unter­halb des Herzens eingedrungen war und nur Weichteile verletzt hat. Lebensgefahr besteht nicht. Die sofort alarmierte Mordkommission nahm gleich ein Absuchung des Gebietes vor. Ein Polizeihund verfolgte eine Spur bis zur nächsten Straßenbahnhaltestelle. Auf der Flucht ist der vermutlich ortsunkundige Täter in eine Lehmgrube gestürzt, aus der er sich wieder herausarbeitete. Der etwa 40 Jahre alte Konsulatssekretär war vor dem Kriege Vizekonsul in Chemnitz und hatte in seiner jetzigen Dienststelle auch wegen der Hinrich­tung von Saeco und Vanzetti mit zahlreichen Abordnungen zu verhandeln.

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ReWrnlnWr Koch zrnn zinggensteett

Stettin, 4. Sept. (TA.) Im Rahmen einer Fahnenweihe der Ortgruppe Stettin des deutschnationalen Arbeiter­bundes hiell heute Reichsverkehrs­minister Dr. Koch eine Rede über die innere und äußere Lage des Deutschen Reiches. A. a. führte er aus: Wir leben wieder einmal in einer Periode politischer Spannungen. In der inneren Politik ist es zurzeit vor allem dje Flaggen«, .frage, die die Gemüter bewegt. Be­dauerlich ist es, daß sich Behörden und sogar die preußische Staatsregierung dazu hergegeben haben, zur Erregung der po­litischen Leidenschaften beizutragen.

Es ist unverständlich, wie der preußische Ministerpräsident auf einer Tagung des westdeutschen Reichsbanners in Rüdesheim erklären konnte, dah die Farben Schwarz- Weih-Rot in ein Museum gehören. Es mühte ihm bekannt sein, dah die Handelsflagge Schwarz-Wejß- R o t besteht, die die Farben Schwarz- Rvt-Gold nur in einem kleinen Bild in der oberen inneren Ecke zeigt. Ebenso muhte er wissen, daß die Reichskrieg s- fTagge Schwarz-Weih-Rot ist.

Die Stellungnahme des preußischen Ministerpräsidenten in Rüdesheim ist nicht eine Einzelerscheinung, sondern die folge­richtige Fortsetzung seiner, in amtlicher Eigenschaft geführten, gegen das Reichs- kabinett gerichteten Politik, die nicht speziell preußischen Interessen, sondern parteipolitischen Erwägungen zu entspringen scheint. Grundlage für die Haltung des preußischen Ministerpräsiden­ten ist die These, daß die Republik den Republikanern gehöre. Dieser Satz ist un­bedingt abzuleKeen. Er ist dazu angetan, den innerpolitischen Streit um die Staats- form zu verewigen und die Auseinander­setzungen über den künftigen Staatsbau auf rein äußerliche Dinge abzulenken.

In Wahrheit ist es garnicht der Gegen­satz Republik und Monarchie in seiner formalen Bedeutung, der unser Voll dis in seine Tiefen aufwühlt. Eine Monarchie kann im konkreten Fall national unfrucht­bar und geradezu verderblich sein, während eine Demokratie unter Führung von Männern vom Schlage eines Freiherr« vom Stein die Begeisterung aller Patrioten wachzurufen vermag. Nur denen die die Idee des Staates, die mtt dem Begriff der Volksgemeinschaft unlöslich verbales U, r ü ckh» ltloz belaöen.