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NsamrSlas, jta 11. MM 1927

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Ile LImMung M zum n August »erWbeu

7 Mw nach dem Urteil, 11. Stunde vor der ßintitblung wird der Aufschub versSgt!

Wir schreiben das Jahr 1927. Dom finsteren Mittelalter sind wir also immerhin einige Zeit entfernt. Es gibt Menschen, die sogar behaupten, dieses finstere Mittelalter sei un­möglich gewesen, wenn man nur Amerika <bxi8 früher entdeckt hätte. Amerika, das ' Land, über das die Göttin der Freiheit segnend ihre Hände breitet. Es hätte dann rie Inquisitionen und Menschenschinderei ge» geben.

Dor sieben Jahren hat man in Amerika zwei Italiener zum Tode verurteilt. Auf Grund eines Jndiziercheweises, den selbst An­hänger der Todesstrafe als nicht ausreichend zur Dollstreckung deS Urteils halten. Dieben Jahre lang hat das freie, moderne Amerika : Nese beiden Menschen im Kerker.eingeschlossen gehalten, stets auf der Schwelle eines ge­waltsamen Todes. Dann hat man sich ent­schlossen. der Quälerei ein End« zu machen, ietnen Scharfrichter zu bestellen.

Dazu hat man 7 Jahre gebraucht. Die Der- rrteilten waren auf ihr Ende vorbereitet. Sie leben seit 14 Tage im Hungerstreik, man hätte zwei körperlich gebrochenen Menschen vermutlich einen Gefallen getan.

Tin dreiviertel Stunde vor der Hinrichtung gefiel es dem Amerikanischen Gericht, die Doll- I ßreckung noch einmal auszusehen, um 11 Tage. Der eine der Verurteilten hat nur gesagt: .Ich habe genug! Sie sollen ein Ende machen!"

Aber Amerika, daS moderne Amerika, lernt teilt Mittelalter. Es quält die Men­schen nach allen Aegeln der Gerechtigkeit. <8 wird den Prozeß jeht, nach 7 Jahren, Werprüfen, es wird die "Verurteilten vielleicht sogar zu lebenslänglichem Zuchthaus be- gnädigen wer Weitz, wir schreiben das Jahr 1927, und es handelt sich um Amerika!

- ft. London, 11. Ang. Nach einem Tele- | Ramm en» Boston hat der Direktor des Stoatsgefängnifse« in Tharlestower Lekannt«

«seben, dah Sorte und Lanzetti ein | »»läufiger Aufschub der Urteilsvoll,

»reckung bi, ,um 2 2. August Mitter­techt gewährt worden ist.

l'A Stunden vor der Hinrichtung wurde dem Hefangnis-Direktor vom Gouverneur tele-

«tenisch mitgeteilt, dah ein Aufschub gewährt »«den sei, ohne dah er jedoch zunächst die toter des Aufschubs angab.

Nach einem spateren Telegramm ist auch dem eilen Mordes zum Tode verurteilten vortu- i'Rtoen Madeiras, der gleichzeitig mit den Änlieuer hingerichtet werden sollte, Straf- tefschub gewährt worden.

tosen an den Obersten Gerichtshof der «er- einigten Staaten in Sachen Saeco» und Banzettis?

J "ft. Boston, 11. Aus. Arthur Sill, der I Verteidiger Saecos und Banzettis, ist D »»ch Beverly, dem Wohnsitz des Richters Reimes vom Obersteen Gerichtshof der Ber- toigten Staaten, abgereift. Aus dieser Tat- che wird auf einen Appell beim Obersten torichtshof der Bereinigten Staaten fit Sacco Banzettis geschlossen.

K. Beverly, 11. Ang. Die Anwälte toccos und Banzettis hatten eine zweistindige Rteserenz mit Richter Holme». Der Richter ie, die Anwälte an, jede Aeuherung iber die toterredung abzutehnen.

«ombenattentat kn Basel.

ft. Basel, 11. Aug. Gestern abend fand tor eine grohe Protestkundgebung zu Gunsten tocco» und Banzettis statt. Rach i/9 Uhr tefce in einem Strahenftationsgebäude eine »ebe zur Ervlosion gebracht, durch welche ** 6 i ro Personen verletzt wurden, tor Kartesaal und die Telephon-Kabine wur- *» vollständig zertrümmert. Bon den Tätern Nli hj» zum Augenblick noch jede Spur.

Sie Mminsiimmnng im RtiMnbimii

tt. Berlin, 11. Aug. DieTägliche Rundschau" bemerkt zu dem offiziellen Tommuneque über die gestrige Sitzung des Reichskabinetts:

Das Ergebnis ist also, dah der Reichsauhen- minister für seine Aubenvolitik das Kabinett in Einmütigkeit und Eeschlosienheit hinter sich hat. Der Reichsaubenminister geht mit freien Sünden nach Genf. Der deutsche auhenpolitische Kur» ist in keiner Weise festgelegt, sondern wird sich ganz der Situation anpasien, die Dr. Stresemann in Genf vorfindet.

DemLokal an zeig er" zufolge, wird sich Reichsminister Dr. Stresemann wahrschein­lich am Donnerstag abend oder Freitag nach Norderney begeben. Reichskanzler Dr. Marr setzt seinen Urlaub voraussichtlich Ende der Woche feit. Das Blatt rechnet mit der Mög­lichkeit, dah die Mitglieder der Reichsregierung diese Woche noch einmal zu einer Besprechung über die deutsch-französischen Handelsvertrags­verhandlungen zusammen kommen.

Preuhen und das Reichsschulgesetz.

fk. Berlin, 11. Aug. Im pveuhischen Kultusministerium wird gegenwärtig eine Denkschrift ausgearbeitet, i^ der die Bedenken der preußischen Regierung gegen den Reichs­schulgesetzentwurf zum Ausdruck kommen sollen.

Das sroßmüüse Frankreich

Statt Räumung MMngrverminWrung um höchslrns 5000 Mann

ff. London, 11. August. Der diplo­matische Korrespondent desDaily Telegraph" will erfahren haben, dah in dem letzte« unformellcn Meinungsaus­tausch zwischen London und Paris die bri­tisch« Regierung für eine wesentliche Ver­minderung der öffentlichen Besatzungs­armee im Rheinland ««getreten fei. Der Korrespondent sagt:

Es ist vielleicht noch zu früh, um endgül­tig sagen zu können,, ob eine Vermin­derung um 5000 Mann in London als wirklichwesentlich" betrachtet werden würde. Auf jeden Fall ist in britischen Kreisen angedeutet worden, dah im Falle einer Verminderung der französischen Be­satzungsarmee um ein« wirklich wesentliche Zahl, zum Beispiel 10 000 Mann, die bri­tische Regierung bereit sein würde» das britische Kontingent am Rhein um etwa 1000 Mann herabzusetzen.

Echo be Paris" zur Herabsetzung der Besatzungstruppen.

fk. Paris, 11. Aug. lieber den Be­schluß des gestrigen Ministerrates, in eine Herabsetzung der Stärke der Vesatzungs- truppen im Rheinland einzuwilligen, teilt der Außenpolitiker desEH o d e P a r s" mit, der M i n i ste r r a t sei entgegen den Auslassungen der offiziösen Eommuniqu^s in dieser Frage nicht einer Meinung gewesen. Die Herabsetzung sei prinzipiell angenommen, aber für den Augenblick habe man sich noch auf keine Ziffer fest- gelegt. Zn französischen militärischen Kreisen sei man der Ansicht, dah eine stär­kere Herabsetzung als um höchstens 5000 Mann nicht in Frage kommt.

Auch derAvenir" spricht von einer Herabsetzung von 5000 Mann und der An­weisung an Briand, jede weitergehende deutsche Forderung abzulehnen.

Nach demP e t i t P a i s i e n wird der am 19. August zusammentretende Mi­nisterrat endgültig die in Frage kommende Ziffer festlegen.

England nnd die Verminderung der Besatzungstruppen im Rheinland.

fk. London, 11. Aug. Zu der Ent, scheidung des französischen Ministerrates über die Herabsetzung der Zahl der franzö­sischen Truppen berichtet Pertinax im Daily Telegrap h", dah die Frage erst angeschnitten wurde, nachdem die bri­tische Regierung der ' Meinung Ausdruck gegeben hatte, dah die Zeit für eine Her­abminderung der Besatzungstruppen ge» kommen sei. Man könne annehmen, dah das britische auswärtige Amt auch an die belgische Regierung herangetreten sei. Zn alliierten Kreisen glaube man nicht, dah die Frage der Rh ei n la nd räumung in der Pariser Kabinettssitzung berührt worden sei und dah die Entscheidung des Kabinetts im Gegensatz zu den Erklärungen Briands und Painleves durchaus nicht einstimmig erfolgt wäre.

Der diplomatische Korrespondent des Daily Telegraph" berichtet hierzu, dah vor kurzem ein Gedankenaustausch zwischen der englischen und französischen Regierung in Uebereinstimmung mit der Unterhauserklärung Locker-Lampsans statt­gefunden habe, der zu einer Ueberein­stimmung über eine erhebliche Herabsetzung der Zahl der französischen Besatzungstrup­pen führte. Ob eine Reduzierung um 5000 Mann im Vergleich der der Gesamt­zahl für ausreichend angesehen werden könne, sei fraglich.

Sum Mutz »Mschn Strom ttolfungtn

Berlin, 10. August. Der preußische Innenminister hat in einem Runderlaß, demAmtlichen Preuhischen Presiedienst" zufolge, nachdrücklichst darauf hingewiesen, dah die verfaffungsmähige Versammlungs­freiheit auch den ungehinderten An- und Abmarsch zu Kundgebungen einschlieht und deshalb für hinreichende polizeiliche Siche­rungen der An- und Abmarschstrahen zu sorgen ist. Insbesondere seien Landjäger­oder Schutzpolizeiposten in solchen von der "^chsahrt berührten Ortschaften einzu­

richten. in denen vornehmlich politische Gegner der Veranstaltungsteilnehmer zu vermuten find. Diese Sicherungen hätten sich selbstverständlich auch gegen Ausschrei­tungen zu richten. Weiterhin weist der Erlah auf die Häufigkeit von Schuhver­letzungen bei politischen Zusammenstößen hin: wenn auch gewöhnlich die Träger von Waffen nicht im Besitz eines Waffenschei­nes seien, so müsie doch auch bei der Prü- fung der Voraussetzungen für die Erteilung von Waffenscheinen den Mitgliedern poli­tischer Organisationen gegenüber besondere Sorgfalt geübt werden.

M Olt Suftnit m Manie tarn

ImDaily Telegraph" wird augenblick­lich der zweite Band der Biographie Eduard VII. an Sir Sidney Lee auszugs­weise veröffentlicht. Die bisher erschienenen Auszüge ergeben ein ziemlich klares Bild über die Vorgänge, die nach dem Scheitern der englischen Annäherungsversuche an Deutschland England veranlaßten, An­schluß an Frankreich und Rußland zu suchen und zu finden.

. Als Königin Viktoria im Jahre 1901 starb, regierte Salisbury als Mi­nisterpräsident, derselbe Salisbury, der wiederholt mit Bismarck die Möglichkeit einer klar formulierten deutsch-englischen Annäherung erörtert hatte. Salisbury, Konservativer der alten Schule, hatte in seinem Kabinett gegen eine von Chamber­lain, dem Vater, und Balfour geführten Fronde zu kämpfen, die sich über die wäh­rend des Durenkrieges zutage getretene moralische Isolierung Englands Lußerst besorgt zeigte. Salisbury nahm diese Iso­lierung nicht ganz so ernst wie seine jünge­ren Kollegen, aber er gab ihnen immerhin freie Hand, den Versuch zu machen, eine Konstellation zu schaffen, die zwar nicht Englandssplendid isolation" auf, einen Schlag beseitigt hätte, aber doch für die europäische und außereuropäische Politik Englands eine gewisse Rückendeckung in Europa zu schaffen bestimmt war. Sa­lisbury, wenn überhaupt autzenpolittsch disponiert, in erster Linie Franzosenfeind und Antirepublikaner, hatte am meisten Sympathie für eine Ausgestaltung der Ver­wandtschaftsbeziehungen des deutschen und englischen Herrscherhauses zu tiefergehen­dem, vorwiegend defensiv eingestellten po­litischen Abmachungen der beiden großen germanischen Völker mit der Möglichkeit, diese Beziehungen jederzeit auf die Ver­einigten Staaten auszudehnen.

Als Salisbury bald nach dem Tode der Königen Vittvria aus Altersrücksichten zu- rüdtreten mußte, setzten Balfour und Chamberlain mit voller Billigung und Unterstützung des englischen Königs die Bemühungen fort, ein Einverständ­nis mit Deutschland herbeizusühren. Wer in Deutschland die Hauptverantwor­tung für das Scheitern der englischen Be­mühungen einst vor der Geschichte zu tra- gen haben wird, steht noch nicht eindeutig fest.

Läßt man aber die Frage offen, woran letzten Endes die englischen ehrlich gemein­ten und keineswegs ungeschickt eingeleite­ten Annäherungsversuche der weltpoliti­schen Phase 1899 bis 1902 gescheitert sind, ob an der Anstetigkeit des deutschen Kai­ers oder an turjfidjtigen Bedenken der rutschen Außenpolitiker, fest steht jeden- alls die Tatsache, dah England die An­näherung an Frankreich erst in Aussicht genommen hat, als sich die englische Di­plomatie davon glaubte eindeutig über­zeugt zu haben, daß hinter Deutschlands Ablehnung mehr zu suchen sei, als in for­maler Beziehung in der Ablehnung zum Ausdruck kam.

In den Jahren 1902 und 1903 lieferte Die englische Diplomatie zweifellos im Londoner Kabinett zahlreiche bisher noch unveröffentlichte Berichte über deutsche Intriguen", die auf die Her­stellung einer gegen England gerichteten deutsch-russischen Hegemonie in Europa und Asien gerichtet waren. Diese Berichte trafen in London zu einem Zeitpunkt ein, als England sich nach wie vor nicht nur völlig isoliert Vorkommen mußte, sondern der englisch-französische Gegensatz in Ae­gypten, Westafrika. Abessinien, Siam und am Kongobecken mit unverminderter Kraft fortbestand. Die französische Dolksstim- mung war seit dem Durenkrieg fast noch englandfeindlicher als die Volkssttmmung in Deutschland und Holland. England sah sich so in Indien und Oftafien nicht nur von seinem alten Erbfeind Rußland, son- Lern von Deutschland, wenn nicht gar vom Dreibund mitbedroht, während zugleich andere wichtig« englische Interessen-'